Ausgabe 
29.8.1925
 
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Hast du sie geschlagen, Karline?" fragte der Bauer. Gr stand neben dem Kinde, das sich an ihn anklammerte.

Sie Karline nickte trotzig.

»Sie hat noch lange nicht genug bekommen," und ruckte aufs n?ue zum Angriff vor, um das Kind wieder zu züchtigen.

Sas ritz sich vom Bauer los und flüchtete die Treppe hin­unter und aus der Haustür.

Hinrich Wittfohl aber setzte sich mit seiner Schwester aus­einander.

Schäm dich, so wüst zu tun, Karline. Was liegt an dem bißchen ButterI -Und schaue, da sind Brotkrumen zwischen dem Fett vielleicht hat das Kind sich wirklich die Butter vom Brot abgekratzt, um sie der Mutter mitzubringen. Wenn das wahr ist. wirst du die Liesbeth um Entschuldigung bitten und ein paar Pfund Butter nach Hamburg schicken, das sag ich dir."

Sie Karline lachte höhnisch auf und erklärte, daß ihr das gar nicht einfallen werde und das Kind für seine Lügen Prügel haben müsse.

Ser Bauer war ganz blaß vor Zorn und Schreck geworden und ging schweren Herzens in die Stube zu fernem einsamen Frühstück.

Als die Liesbeth nicht wiederkam, suchte er sie im Garten, Hof und Stall, auch auf der Wiese hinterm Hause und stand lange und bange an dem kleinen Teich zwischen den Erlen.

Sann trieb ihn die Unruhe wieder ins Haus und auf die Landstraße, und er vergaß Mittagessen und Nachmittagsschlaf und alle Arbeit über der Angst um das Kind und ließ überall fragen und suchen.

Ser Karline gönnte er kein Wort. Sie blieb in der Küche und machte einen gewaltigen Lärm mit ihren Töpfen und Pfannen.

Gegen Abend zog der Bauer seinen Sonntagsrock an und ging zum Pfarrer.

Es war ein schwerer Gang. Aber er fand hier Verständnis und guten Rat. Ser Pastor ging an seinen Fernsprecher und telephonierte in die Umgebung, um Spuren des vermißten Kindes aufzufinden.

Rach vielen vergeblichen Anfragen kam die Antwort, daß ein derartiges Kind auf der Landstraße in der Rähe des Bahn­hofs gesehen worden sei. So telephonierte der Pfarrer an den Beamten der kleinen Station, und Hinrich Wittfohl stand in großer Rot und Herzensangst dabei.

Sie können sich beruhigen," sagte der Pfarrer und hing den Hörer an.Sas Kind ist heute nachmittag auf dem Bahnhof gewesen und hat sich eine Fahrkarte 4. Klasse nach Hamburg ge­nommen und mit ein paar blanken Markstücken bezahlt. Ser Zug ist vor einer Stunde abgefahren."

Sann muh ich sofort hinter ihr Herreisen," sagte der Bauer,und sie wiederholen. Es ist eine Schande, daß die Liesbeth mir so vom Hofe fortkommt, und was wird die Mutter sagen!"

Sie können heut nicht mehr fort," sagte der Pfarrer.Erst mal ruhig Blut. Morgen früh um 8 Uhr geht wieder ein Zug, wenn Sie das Kind wirklich zurückholen wollen."

Sas will ich. Und was auf meinem Hofe Unrechtes ge­schehen .ist, soll gutgemacht werden."

Ms der Dauer nach Hause kam, rief er feine Schwester in die Stube.Sa kannst Gott danken, Karline," sagte er,daß die Liesbeth lebt. Sie ist zum Bahnhof gelaufen und nach Haus gefahren aus lauter Angst vor dir."

Sa laß sie denn nur ruhig bleiben," sagte die Karline. Ich will sie nicht wieder hier sehen."

Aber ich will sie wiederhaben. Und es wird gut gemacht, was du ihr angetan hast ich glaub nun und nimmer, daß die Liesbeth gestohlen hat."

Sa vergaß Karline alle Vorsicht und geriet in helle Wut. Kein Schimpfwort war ihr zu schlecht für das Kind. Und zum Schluß hie ßes:Kommt die Liesbeth zurück, dann geh ich in meine Wohnung nach Buckow, und du kannst sehen, was aus dir und dem Hofe wird."

Schön. Karline, dahin sollst du gleich morgen," sagte der Bauer. Er hatte sich hoch aufgerichtet, und in seinem Blicke war ein starker Wille.Ich hole das Kind morgen zurück auf kden Hof und will dich Nicht mehr hier finden, wenn wir heimkommen verstanden?"

~ Er ging hinaus, um seine Anweisungen zu geben, ließ sich auch von der Stine einen Rucksack mit Lebensmitteln rüsten, denn er war bange vor der schlechten Verpflegung in der großen Stadt. Sie Karline polterte indes in heller Wut in ihrer Kammer umher und packte ihre Siebensachen in die große Truhe.

Die Reise nach Hamburg war ein großes Unternehmen für Hinrich Wittfohl. Weiter als bis nach Rostock war er bisher noch nicht gekommen. Er fand aber wirklich den Weg m die Troße Stadt und fragte sich auch glücklich durch bis in die enge, alte Straße, zu dem wackeligen, hohen Hause, in dem die Liesbeth daheim war.

Langsam stieg er die vier Treppen hinauf. Ihm wurde ganz elend bei dem Gedanken, daff Menschen hier in der stickigen Luft wohnen konnten.

Oben ging's über einen Boden nach einer Art Holzve» fchliag mit einer niedrigen Tür. Sahinter ratterte die Räh- maschine. So wurde Hinrich Wittfohls Anklvpfen nicht gehört, und er öffnete selbst die Tür.

Sa drinnen sah eine blasse, blonde Frau am der Räh- maschine und sah verwundert von der Arbeit auf, als der Bauer eintvat. Reben ihr hockte die Liesbeth am Boden und strich die steifen Rähte der Militärdrillichhosen glatt. Ms sie den Bauer kommen sah, versteckte sie ihr Gesicht im Schoße dev Mutter.

Ich wollte die Liesbeth wiederholen," sagte der Dauer.Es ist da ein Versehen passiert meine Schwester wird immer gleich so zornig. Wenn fte- dem Kind unrecht getan hat, möcht ich's wieder gut machen."

Sie Frau war aufgestanden und ging dem Bauer entgegen. Sie war noch jung und schlank mit Hellen Augen und Haaren wie ihr Töchterlein.

Mein Kind lügt und stiehlt nicht," sagte sie stolz.3n dem Dvpf war Butter, die e8 von seinem Butterbrot abgekratzt und aufgespart hatte, um sie mir mit Heimzubringen."

Ser Bauer nickte.So hab ich's mir gedacht und glaub eS Ihnen gern. Rur im ersten Augenblick, als meine Schwester so hitzig war, wußte ich mir nicht zu helfen. Warum sagst du'S mir nicht einfach, daß du Butter willst für daheim, Kind? Sa wär doch ein Topf für dich übrig gewesen. And jetzt komm erst mal zurück mit mir auf den Hof, damit ich's an dir gut machen! tonn, das dir Unrechtes geschehen ist. Ich laß niemand zu Schaden kommen in meinem Haus."

Die Liesbeth schüttelte den Kopf.Ich geh nicht mit. Sie Karline schlägt mich doch wieder."

Sie Karline ist fort, die legt dir keinen Stein mehr tn den Weg. 3ch will schon sorgen, daß öu's gut hast. Komm nur gleich mit, Liesbeth wir fahren mit dem Nachtzug und sind morgen früh zu Hause. Oder bist du bange vor mir?"

Sie Liesbeth . schüttelte den Kopf und legte ihre rechte Hand in die seine. Aber mit der Linken hielt sie sich an der Mutter fest.

Wir müfsen's erst in Ruhe überlegen, ob das Kind wieder mitgeht," sagte Frau Sedekind.So eilig ist's jedenfalls nicht, heute abend kann ich die Lisbeth noch nicht entbehren. Und daß ich's Ihnen nur gleich sage, ich sehe ja, daß Sie es gut mit mir meinen aber ich selbst halte das Alleinsein so schlecht aus. Ganz schlimmes Heimweh hab ich nach dem Kinde gehabt und weiß nicht, wie ich's weiter allein ertragen soll. Ich möcht's dem Kind schon gönnen aber so auf einmal bring ich's nicht fertig- ~ Setzen Sie sich doch, Herr Wittfohl, wir wollen es noch besprechen,- und wenn Sie mit uns zu Abend essen wollen wir haben Kaffee und Bratkartoffeln."

Hinrich Wittfohl nahm die Einladung an und packte feinen Rucksack aus und freute sich, daß Frau Sedekind die guten Sachen in heller Sankbarkeit nahm und einen sauberen Abend­brottisch deckte.

Nachher sahen sie noch lange Zeit in der Sömmerung, das Kind Liesbeth zwischen sich, und dem Bauer war's warm und behaglich ums Herz,

Ms sie sich trennten, sagte Frau Sedekind ihm zu, daß die Liesbeth morgen früh mit ihm reisen sollte und wies ihm einen kleinen Gasthof in der Nähe, wo er die Nacht schlafen solle.

Aber obwohl das Quartier nicht schlecht war, schlief der Dauer kaum. Es bohrte und wühlte in seinem Kopf, und sein Herz schlug anders und rascher als sonst.

Am nächsten Morgen wußte er, was er wollte.

Er ging zu Frau Sedekind und fand sie bereit, ihn und die Liesbeth zum Bahnhof zu begleiten. Ser Abschieds schmerz sah ihr aus den verweinten Äugen, aber sie hielt sich tapfer.

Wir wollen erst heute. nachmittag fahren," sagte der Bauer gleich nach der Begrüßung.Und dann kommen Sie mit, Frau Sedekind. Sonst sitzen Sie hier wieder mit Heim- b>eh, und das Kind Hat auch keine Ruhe auf dem Hof. 3ch brauch auch an Stelle meiner Schwester jemand, der nach dem Rechten sieht packen Sie 3hre Sachen und kommen Sie mit."

Sn Hellem Erstaunen sah die blasse, blonde Frau ihn an. Rein, das kann, ich nicht annehmen, ich leiste Ihnen sicher nicht genug. Es ist schon so lange her, daß ich auf dem Lands war, und bei Ihnen ist sicher vieles anders. Rehmen Die nur mein Kind mit, ich werde schon allein hier fertig.

Ser Dauer sah sie ernsthaft an.Ich glaube, daß Sie es mir gemütlich und friedlich zu Hause machen werden. Und das to die Hauptsache. Alles andere läßt sich lernen. Und dem Ll^bethchen rsts auch lieber, wenn's die Mutter Bei sich hat, nicht wahr, Kind?"

, . ~ fnm3, daß Hinrich Wittfohl das Ferienkind und feine Mutter mit heimbrachte. Darüber hatten die Roggen- dorfer erst viel zu reden. Aber es zeigte sich, daß die stille fleißig und ordentlich zu wirtschaften wußte und bald unentbehrlich auf dem Hofe war.

®° ist sie an einem schönen Soinmersonntag des Dauern Ehefrau geworden und die Liesbeth fein liebes, eigenes Kind.

Vchristleitung: Dr. Friebr^Wilh. Lange. - Druck und Verlag der Brübl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieb-^