Ausgabe 
29.8.1925
 
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ruhender gekommen, als spielender Nachbildner, nicht als Rin­gender.

Es war am Abend in der achten Stunde, als ich mich zur Ruhe legte, um am anderen Lag in erster Frühe den Hauptgipsel um so besser besteigen zu können. Mein Führer wickelte mich sorgfältig in ein halbes Dutzend dicker Decken ein, denn das Haus hatte überall kleine Löcher, in die die Musikantenschar der Winde blies. Gegen elf Uhr nachts erwachte ich, stand auf und trat vor die Tür des Hauses. Ein großes unbekanntes Bilder­buch war diese Nacht. Die Sterne hingen wie Früchte von un­sichtbaren Bäumen nieder, wie große Wundersteine vom Mantel eines Traumes. Die Ebene unten trug schweigsame Tiere, wun­dersam leuchtend. Das waren Bicocca Augusta und andere Städte und Dörfer. Der umfinsterte Gipfel lastete schwer vor mir wie eine Faust. Dor ihm, dem Sinnbild der Dämonie, kniete meine Schwäche. Dor ihm, dem Sinnbild des Chaos, erhob sich meine gebietende Geschlossenheit.

Am nächsten Morgen stand mir noch das letzte schwierigste Stück Weg zur Ersteigung des Hauptgipfels bevor. Die Sonne bezog gerade den Himmei mit einem Schleier zärtlichen Rots. Trotzdem stürmte der Wind mit Peitschenhieben gegen uns fünf Menschen an, seine einzige Fracht, feinkörnigen Aschestaub, auf uns abladend. Don Westen aus begannen wir den Gipfel zu erzwingen. Der lag da, eine mächtige Hülle um ein Geheimnis, das mich irgendwie aufzulockern gelüstete. Die Wasserrinnen, die sich vom Rande des Kraters zur Tiefe zogen, gaben dem Berg die Runzeln ehrwürdigen Alters. Meine Schritte wurden prüfender. Das Geröll hörte auf. Die Asche verwandelte sich in eine feuchte lehmige Masse, auf der ein schwarzer Anflug von Schwefel blühte. Indes wir so ganz auf unser Ziel hin- gerichtet waren und mit zusammengekniffenen Lippen die letzten Strapazen überwanden, schälte sich unten das Land aus bleiernem Dunkel. Der Schatten des Aetna malte eine riesige tiefviolette Pyramide ins erwachende Land, die,sich mit steigernder Sonne schnell verkürzte. Wie eine Reliefkarte lag der größte Teil der Jnfel vor uns. 3m Süden drängte sich Catania dicht an die blaue Brust des Meeres. 3m Westen schlug die freundliche Ngrumenlandschaft ihre grünen Augen auf. Bis weit nach Syrakus gingen Meer und Straiid in fröhlichem Tänzerschritt zufammen, und was undeutlich dahinterlag, hielt sich am blauen Tuch des Himmels fest. Auf der entgegengesetzten Seite, im Aufgang der Somre, schnitt die Ducht von Messina ihre schöne Krümmung ins Land. Mitten in diesen Hymnus silberner Wellen stieß Calabriens Spitze wie ein plumper, viel ge­buckelter Riesensaurier. Ueber eine Schar winziger Berge im Landesinnern stieg das umdunstete Gebild des Monte Pelle- grino, als Wahrzeichen von Siziliens tragischer Geschichte.

So waren wir bereits reichlich für die Strapazen ent- fchädigt, als wir plötzlich dicht am Rande des Kraters standen. Unsere Führer hielten uns fest am Arm, denn der Wind hatte Eturmesstärke erreicht und machte wilde Sprünge über den Rand hinweg in den Krater hinein, der sich vor uns als riesiger schwefelatmender Trichter enthüllte. 3ch hielt di« Ge­walt des Eindrucks anfangs nur schwer aus, denn ich bin nicht imstande, große erschütternde Naturerlebnisse mühelos wissen­schaftlich durchsichtig zu machen. Dom Sturm herausgesag-t drang der wilde Tanz der Schweseldämpfe aus dem mäch­tigen Schlund über den gegenseitigen Kraterrand. Durch oft zerreißende Dampfwolken konnte ich bis auf den Grund des Kraters spähen, dessen Tür geschlossen war. Denn eine feste er­kaltete Kruste hielt den lauernden Feuerslutz in ungewissen Tiefen.

Eine Walpurgisnacht war's, wie sie mir schon immer vor­schwebte. Aus vielen Keinen kraterartigen Oeffnungen fauchte der Erdgeist. Die befchwefelten Felsen traten wie Gespenster durch den grauen Qualm. Dunkle Stimmen führten im Sturme hin. Und' als wir unter großen Gefahren den Kratervand um­schritten, sprach der Dämon des Berges uns also an:

Meine Herren, ich gratuliere 3hnen! Sie haben mich er­stiegen und find auf der Suche nach meinem Geheimnis. 3ch werde es jedoch weder 3hnen noch anderen zeigen und kann 3hnen deshalb nur eine Ahnung, davon geben, wie ich auch der hohen Wissenschaft trotz ihres Eifers nur diese eine Ahnung lassen kann. Sie wissen, daß man mir 3nstrumente ans Herz legt, die mich abhören und durchschauen sollen. Wan hat sich auf Flugzeugen herabgesenkt und meinen Rachen ausgeflogen. 3a, man glaubte sogar die Schale meines Geheimniffes zu durchnagen, indem man unter günstigen Umständen den Boden meines Kraters betrat. 3eder möchte meinProgramm" kennen lernen und glaubt damit, mein Geheimnis zu besitzen. Weine Herren, ich gratuliere 3hnen übrigens dazu, daß Sie nicht zu jenen Spielern gehören, die ein ganzes Leben damit ver­geuden, meinProgramm" so vollständig wie möglich kennen zu lernen. MeinProgramm" heißt Willkür, und die hat sich schon oft über alle Forschungsergebnisse lustig gemacht. Schauen Sie fich um! Meine erstarrten ßanaftröme strecken sich wie schwarze Pranken zu Tal. Wenn sie sehr alt sind, legen sie sich wieder grün um die kleinen jungfräulich blühenden Dor- gtpfel. Doch wenn Dionysos, mein liebster Sohn, sich darauf fest­setzt, weiß die schwarze Furche nichts mehr von der Glut meines Zorns und spielt mein versteinertes Feuer freundlich in Trauben­gold und Süßigkeit hinüber." L.

Plötzlich konnten wir alle zusammen nicht weiter. Wir waren an der Gegenseite des Kraters angekommen, wo Wasser und Schwefeldämpfe über den Rand schlugen. Der Wind hatte uns die Augen mit feinsten Aschestäubchen verklebt, so daß wir kaum den schmalen Pfad erkennen konnten. Als ein furchtbarer Windstoß mich vom Kraterrand zu werfen drohte, ließ ich mich wie ein Stein zur Erde fallen. 3ch mußte fortwährend husten und sog doch mit jedem keuchenden Atemzug neue und stärkere Schwefeldämpfe ein. Mein Führer ritz mich entschlossen in die Höhe und schleppte mich schleunigst weiter, während ich mich mit aller Kraft gegen eine Heraufdämmernde Ohnmacht wehren mutzte. Der Pfad war immer beängstigender .Rechts glitt die Tiefe in den Krater, links die Tiefe in ein Tal von Lavablöcken nieder. Ein schmaler, 20 Zentimeter breiter Streifen verblieb unferen Schritten. Um nicht von den starken Sturmböen vom Rande gerissen zu werden, rannten wir schließlich, fortgesetzt balancierend, das letzte gefährlichste Stück Weg entlang. Dort, wo sich der Kraterrand wieder weitete, und feine Schwefeldämpfe mehr heraustrieb, ruhten wir uns erschöpft und angegriffen von der überwundenen Gefahr aus. Unter uns stieß der junge Krater NO 1911 feinen Rauch weiß und pathetisch in den Sturm. Hinter feinem Profil dehnte sich der jüngste Eruptionsapparat von 1923 bis dicht an das Städtchen Linguaglosfa heran.

Der Abstieg vom Hauptkrater zum Observatorium dauerte keine Diertelstunde. Wir suchten uns von den vielen Furchen die bequemste aus und wateten hinaub, ausatmend vom heftigen Zugriff des Erlebnisses. Doch während wir Schritt für Schritt ins Aschgemeng setzten, siihrte uns dieses mitgleitend geschwind in die Tiefe. Dor uns schlugen groß« gelbe Felsblöcke Purzel­bäume. Wir standen schließlich auf den Aschenmassen wie auf jagenden Pferden. Unfer Gewicht ward zur bewegenden Kraft. Mur dann und wann mutzten wir geistesgegenwärtig auf­springen, wenn der Fuß plötzlich einen halben Meter tief in die heiße, wasserdampfende Umhüllung von Geröll und feuchter Asche geriet. Sogar die am Fuße des Kraters sich ausspannende Ebene ist an vielen Stellen nur ein friedliches Tuch Über einem schwindelnden Abgrund von Gefahren. Dor einigen 3ahren brach ein riesiges Loch in sie hinein. Das Gestein, das einst Gase oder Magma umschloß, war dort wie eine dünne Haut gesprungen. Mit einem leisen Schauder horchte ich später auf meine Schritte, nachdem ich in den felsgezahnten Schlund dieses Loches geblickt hatte.

Als ich nach! Nicolosi zurückkehrte, lag der Aetna nieder unwirklich fern und kraftverhalten. Die ausgedörrten Gräser am Wege bewegten sich im ersten Scirocco tote blondes nordisches Haar. Me Sonne war ein züngelndes Feuer, das rot und schmerz­haft auf meinem Antlitz und meinen Händen tanzte. Als ich von meinem Maultier stieg, das mich, ein sicherer Seiltänzer, am Rande aufgerissener Schlundmäuler entlang getragen hatte, richtete ich noch einmal meine Blicke dem fernen Dergdämon zu und mit meinen Blicken mein dankbares Leben. Gewiß! Der Einsatz war groß, den ich mit der Besteigung gewagt hatte. Der Gewinn aber, mein Ohr an die Tür großer Geheimnisse gelegt und eine Ahnung von riesigen Mächten erstiegen und erlauscht zu haben, läßt die Gefahren klein erscheinen. Ganz Sizilien ist schön mit dem rauschenden Gefieder seiner fruchtbaren Land­schaften, mit der majestätischen Herbheit seiner verbrannten Oeden und mit den geistigen Stimmen seiner vielen Bauwerke. Doch keine Landschaft, kein Kunstwerk trug solch eine Fülle in sich eingeschloffener Geheimnisse wie der Aetna, der Genius unter den Bergen.

Das Meine Ferienkind.

Erzählung von Clara Prietz.

(Schluß.)

Noch mehr aber freute er sich, wie gut das Kind bei ihm gedieh. Ganz rund und fest war die kleine Liesbeth geworden, und die Augen standen ihr wie ein paar Sonnen im Gesicht.

Hinrich Wittfohl Hatte allerlei Pläne. Nach der Ernt« wollte er das Kind mit nach Wismar nehmen und es da warm und ordentlich einlleiden.

Und jeden Samstag schenkt« er der Keinen Liesbeth eine blanke Mark als Spargroschen für daheim.

Da wurden eines Tages all feine schönen Plane über den Hausen geworfen. Als er müde von der Worgenhitze zum Frühstück heimkam, hörte er, wie die Karline oben in der Giebelstube gewaltig schalt, und die Kleine bitterlich weinte.

Er ging sofort hinauf, um Frieden zu stiften, kam aber gar nicht zu Wort. Die Karline hielt ihm einen Dopffcherben ent­gegen, in dem etwas Gelbes schwamm.

Siehst du nun, daß ich recht habe? Das kommt davon, wenn man solche Kinder so Verzicht! Sie lügen und stehlen an allen Enden. Heut morgen, als ich die schmutzige Wasche hier suche, finde ich gut versteckt Hier die Butter - meine Butter,

Urtb nun lügt das Mädchen noch frech, es hätte die Butter von seinem Brot heruntergekratzt für seine OHutter! W Armenhausgören sollte man da lassen, wohin sie gehören, und nicht mit der Feuerzange aufaffen. Aber ihre Strafe muß sie haben inti> dann aus dem Haus!"