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wurde Hütte sie besondere Freude, wenn die Mutter das Märchen von Hänsel und Gretel erzählte. So oft es auch erzählt wurde, allemal standen ihr die Tränen in den blauen Augen, wenn die Stelle kam, da die beiden Kinder sich ganz allein tm Walde befinden. ,
Allmählich stimmte das Kind sogar den Vater um, dem sm den Kummer bereitet hatte, daß sie geboren war. Kam er nach Hause, so lief" es ihm schon auf der Straße entgegen und streckte die Aermchen nach ihm aus. Die Einnehmerei befand sich zur ebenen Erde im Wohnhause. Kamen Leute, um Steuern zu bezahlen, so knüpfte Ida mit ihnen ein Gespräch an. Weil die Kleine so drollig und zutraulich war, so hatten die Leute Freuds an ihr und schenkten ihr mancherlei: Kirschen, Aepfel und Zuckerplätzchen von Weihnachten her. Mchts machte ihr größere Freude, als wenn sie einen Kamm nehmen und den Vater kämmen durfte. Da sah sie im Wohnzimmer auf dem Tisch, der Vater vor ihr auf einem Stuhl, nun fuhr sie ihm mit dem Kanrm durch die grauen Haare und sagte, wie die Mutter zu ibr beim Kämmen der Blondhaare sagte: „Still halten!" Zum Schlüsse hieß es: „Jetzt Scheitel!" und sie scheitelte dem Vater die Haare.
In dem Hofe, in dem das Haus des Distriktseinnehmers stand, lag noch ein zweites Haus, in dem der achtzigjährige, im Ruhestand lebende Dekan Köster mit seiner verwitweten Schwägerin wohnte. Jeden Aachmittag ging der alte Mann spazieren, und zwar am liebsten auf Feldwegen. Das tat er zu jeder Jahreszeit, ob es schönes Wetter war oder ob es regnete, stürmte oder schneite. Oft waren die Feldwege grundlos, und wer den rheinhessischen Boden kennt, der weiß, in welchem Zustand alsdann die Schuhe des alten Mannes bei seiner Heimkehr waren. Run hatte er auch noch die Gewohnheit, niemals die Schuhe am Kratzeisen oder der Matte, die vor der Haustür lag, zu reinigen. Die Schwägerin war von einer peinlichen Ordnungsliebe, sie hielt das Haus sehr rein. Da durfte auch nicht ein Stäubchen auf den Möbeln liegen, und jeden Tag wurde der Hausflur, der mit schönen Mettlacher Platten belegt war, ausgewaschen. Darum war die alte Dame immer entsetzt, wenn der Schwager mit seinen schmutzigen Stiefeln vom Felde heimkam, aber sie wagte nicht, ihm etwas darüber zu sagen; denn Köster war sehr eigensinnig und hatte sich sein Lebtag von anderen Leuten nichts sagen lassen. So blieb der Schwägerin nichts übrig, als über die Gewohnheiten des Dekans zu seufzen und bei den Nachbarn ihr Herz auszuschütten. Das tat sie besonders bei der Frau Distriktseinnehmer. Bei dieser Unterhaltungen sah Ida in der Regel in einem Winkel des Wohnzimmers, spielte mit den kleinen, bunten Lappen, und keine der beiden Frauen dachte, daß das Kind zuhöre.
Eines Tages spielte es im Hofe ganz allein für sich. Es war im Sommer, in der Nacht zuvor war ein schwerer Gewitterregen niedergegangen. Da kam der Dekan von seinem gewohnten Spaziergang Heini, die Schuhe waren über und über schmutzig. Mit seinen schweren Tritten, den Stock fest aufstohend, ging er nach der Haustür und wollte gerade aufklinken, da rief Ida, ihr Spiel unterbrechend: „Herr Dekan!"
Der Alte tappte weiter.
„Herr Dekan, hörst du nichts?" sagte das Kind.
Der Dekan schaute sich um, und die Kleine sagte: „Herr Dekan, du muht dich aber schämen, daß du so dreckig bist. Putz doch deine Schuhe ab, du machst ja das ganze Haus dreckig!"
Da geschah das beinahe Unglaubliche, daß der Alte, ohne ein Wort zu sagen, die Schuhe am Kratzer von dem Lehm befreite, ja, er ging in den Schuppen, wo Brennmaterialien aufbewahrt wurden, und reinigte seine Schuhe säuberlich mit Stroh. Und noch unglaublicher war, daß er das von nun an immer tat, wenn er von seinen Spaziergängen zurückkam.
Seine Schwägerin hatte am offenstehenden Küchenfenster gehört und gesehen, wie die Kleine mit gutem Erfolg den Achtzigjährigen zur Sauberkeit erzog. Keine Stunde verging, und sie kam freudestrahlend mit einer großen Tüte yir Nachbarin.
(Fortsetzung folgt.)
Sizilianische Briefe.
Von Fritz Diettrich.
VIII.
Besteigung des Aetna.
Als ich auf dem Rücken eines kräftigen Maultiers Aicolosi verlieh, lag das Aetnagebirge, eine Versammlung von Titanen, vor mir, steil überragt vom abgestumpften Kegel seines Hauptkraters. ihn seine Lenden schlug sich ein weiter Mantel grüner Fruchtbarkeit, oft zerschnitten von schwarzen Strömen versteinerter Lava. Aus Aschewüsteneien trieben kräftige Rebstöcke und schwangen in der weichen Melancholie eines Morgenwindes ihre Ranken grüßewinkend hin und her. Die Blätter der Olivenbäume spielten silbern wie Gewässer. Hohe Ginstersträucher lachten wie festliche Frauen, behangen mit Gold. Die ganze Dämonie der Landschaft stand vor mir auf, die droben in Schreckensdämpfen beginnt und drunten in geheimnisvoller Schwere und Sühig- keit endet.
Rach einer Stunde ritt ich mitten im schwarzen Lavanieer von 1883. Mein Maultter trug mich mit Vorsicht hinauf, hinab
über die kantigen Wellen dieses porösen Gesteins. Man konnte das lcmgsame Sichvorwärtswälzen des einstigen Feuerslusses lebendig nacherleben. Wie hohe Schaumkämme stehen oft Stücke vor. An anderen Stellen, wo Lust und Gase riesige Hohlräume im Gestein gebildet hatten, sind weite Flächen metertief zusammen- geftürzt. Ein Chaos schwarzer Vernichtung durchzog ich zwei Stunden lang. Schüchtern hatte sich hier und da ein Büschel Grün in den Ritzen der zusammengekneteten, auseinandergezerrten und zersprungenen Massen angestedelt. Aber es kann noch Jahrhunderte dauern, ehe die Natur erste Fruchtbarkeit aus diesem schwarzen Zug phantastischer Formen zaubert.
Als das letzte Geröll des Lavastromes von 1883 hinter mir lag, bog der Weg wieder einer fröhlichen Landschaft zu. Kirschbäume mit schönen prallen Früchten staffelten sich an den Hängen der Gärten. Hohes Gras wilderte am Wegrain entlang. Dazwischen hüpften die roten Flammen des Mohns. Mandelbäume kamen heran wie Jungfrauen in bescheidenen Gewändern. Dirn- und Apfelbäume drehten sich in langen Reihen wie paradiesische Tänzer. Immer steiler zwang uns der Weg hinan, manchmal unter dem Schattenschutz lichtgrünen Duchenlaubs stehend, manchmal nur von Gras, Disteln, Ginster und Adlerfarn bewachsen. Hinter mir schritt mein Führer, ein schweigsamer sympathischer Mensch, der nur von Zeit zu Zeit mein Tier durchs einen ermunternden oder Richtrmg gebenden Zuruf leitete.
Links vom Weg trat nun der hohe Monte Dettore, ein längst erloschener Nebenkrater, in seiner grün und roten Herrlichkeit näher heran. Sein Gipfel, der von rötlichen Aschemassen überschüttet ist, strahlte, als ich ihn im Karmin des Abends wiedersah, von unbeschreiblich Hoher Priesterlichkeit. Zu ihm empor steigen Ginster und andere anspruchslose Gesträucher und geben trotz allem dem Berg eine sizilianische volksfestliche Heiterkeit.
Schon wieder mußte ein Stück Lavastrom überquert werden. Diesmal vom Jahre 1910. Eine frischere schwarze Farbe zeigte dieses Gestein, dessen Formen noch ziemsich unverwitt-ert waren. Die Lust ging jetzt schon wohlig kühl über die Haut Hin. Die Lungen sogen sich gieriger in den verdünnten Höhenschichten voll. Der letzte Trupp der Bäume, es waren meist Maronen- bäume, lag hinter mir und machte einer mageren Flora Platz. Nach einem besonders steilen Stück Weges lag plötzlich die Casa Cantoniera vor mir, wo ich mit meinem Führer nach vierstündigem Ausstieg rastete und ein Essen bereitete. Mein Maultier schob seinen Kopf gierig durch die Schlinge des Futtersacks und begann seine Mahlzeit auf eine beneidenswert einfache Art, während ich erst mit Büchsenöffnern und Messern herumwirt- fchaften mußte, um nach manchem verunglückten Versuch die konservierten Fische und Früchte zerschnitten und zerzaust her- auszupvlken.
Rach halbstündiger Rast verlieh ich wieder die Hütte, folgte dem Rat meines Führers und ritt links ab vom Wege nach dem Lavakvater des Monte Recupero hinauf. Dieser ist im Jahve 1910 entstanden und half damals hauptsächlich den gewaltigen Eruptionsapparat bilden. Ich blickte in dies tiefschwarze lichtsaugende Licht hinab, als mein Maultter dicht am Rande die Hufe vorsichttg prüfend ins harte Geröll schob. In der Fern» streckten sich jetzt schon die langen Zungen der Schneeseldev deutlich sichtbar herab. Der Hauptgipfel rauchte an allen Seiten aus vielen Keinen Kratern und Löchern. Die Begetatton erreichte ihre letzte Stufe, ileberall lagen wie pralle hellgrün« Kissen die spini santi (heilige Stacheln) da, die sich aus kräftigen Wurzelstöcken nähren. Doch über 2400 Meter können auch sie nicht steigen und überlassen dann großen herausgeschleuderten schwefelgelben Blöcken die alleinige Ausschmückung des schwarzen Aschepfades.
Am frühen Nachmittag erreichte ich schließlich das Obsev- vatorium, das 2900 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Meinem Maultier, für das hier schon der höchste Punkt der Besteigung gekommen war, wurde der letzte Teil des Weges nicht leicht. Die verdünnte Luft erforderte bei Mensch und Tier eine ungeheure Sparsamkeit in den Bewegungen. Jeder Schritt, jedes Wort hat einen schneller zählenden Herzschlag zur Folge. Oben im Observatorium waren zwei Deutsche mit Führer eben ange- konrmen, die die Tour zu Fuß zurückgelegt hatten. Angesichts des jähen Wechsels zwischen den ungewöhnlichen Hitzegraden in den Tälern und der niedrigen Temperatur auf den Höhen stellt die Besteigung zu Fuß selbst an geübte Touristen große gesundheitliche Anforderungen. Ich möchte jedem davon abraten! Nachdem ich zwei bis drei Stunden im Änterkunftsflügel des Observatoriums gerastet und nut meinen Landsleuten einen heißem Kaffee getrunken hatte, machte ich mich bereit, den Hauptgipfel des Aetna zu ersteigen, um dem Schattenspiel der vielen Gebirgsspitzen bei S onnenunterg an g beiwohnen zu können. Doch um das Haus flog ein graues nasses Nebelgebräu. Kalt schnitt der Wind ins Gesicht. Ringsum dampfte die Erde aus tausend kleinem Löchern und ward von einem Zauber aus der Musik des oii&cns in die tragische Schlucht nordischer Erlebnisschwere gedruckt. Eilig zog ich mich wieder in die Hütte zurück, denn ich war un- vorbereitet, dem Ruf dunkler Probleme zu folgen, den mir der Norden in diese Landschaft nachschickte. Ich war gekommen, um aus dem Spannungskreis der Probleme zu treten, mit denen uns die Mitte Europas stündlich läd. Ich war hierher als Aus-


