Gietzener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925
Samstag, den 29. August
Nummer 69
Der herbstliche Garten.
Von GeorgHeym").
Der Ströme Seelen, der Winde Wesen Gehet rein in den Wend hinunter, den schilfigen Buchten, roo herber und bunter
Die brennenden Wälder im Herbste verwesen.
Die Schiffe fahren im blanken Schreine, Und die Sonne scheidet unten im Westen, Mer die langen Weiden mit traurigen Äesten Hängen über die Wasser und weinen.
3n der sterbenden Gärten Schweigen, In der goldenen Bäume Verderben Gehen die Stimmen, die leise steigen In dem fahlen Laube und fallenden Sterben. Aus gestorbener Liebe in dämm'rigen Stegen Winket und wehet ein flatterndes Tuch, Und es ist in den einsamen Wegen Abendlich kühl und ein welker Geruch.
Aber die freien Felder sind reiner, Da sie der herbstliche Regen gefegt. Und die Birken sind in der Dämmerung kleiner, Die ein Wind in leiser Sehnsucht bewegt.
Und die wenigen Sterne stehen Ueber den Weiten in ruhigem Bilde. Laßt uns noch einmal vorübergehen, Denn der Wend ist rosig und milde.
Der Spätling.
Von Heinrich Bechtvlsheimer.
Vor zwei Menschenaltern lebte in einem rheinhessischen Orte der Disttiktseinnehmer Friedrich Wendel. Dieser Ort, dessen Rame nichts zur Sache tut, war der Hauptort eines Kantons und somit Sih eines Friedensrichters. Bekanntlich rührt die Einteilung des linksrheinischen Gebietes in Kantone aus der Zeit her, da Napoleon I. das linke Rheinufer beherrschte, später, da das heutige Rheinhessen zum Grohherzogtum Hessen gekommen war, hat man je zwei Kantone zu einem Kreise zufammengefaht. Der Ort, den wir hier im Auge haben, ist wohlgebaut, weist saubere Straßen und stattliche Häuser auf. Als wir in den ersten Jahren in die Schule gingen und in der Heimatkunde belehrt wurden, wurde uns gesagt, daß dieser Ort ein Marktflecken sei, also ein Mittelding zwischen einer Stadt und einer Landgemeinde, Darum wollen wir in dieser Geschichte auch die Bezeichnung „Maicktflecken" beibehalten. Wie die Bezeichnung „Kanton", so ist allerdings auch die Bezeichnung „Marktflecken" nun verschwunden. Jedenfalls wäre der Wohnort des Distriktseinneh- mers im deutschen Osten als Stadt bezeichnet worden. Der Marktflecken liegt in einer fruchtbaren Ebene, die Gemarkung ist sehr ergiebig, sie weist Ackerfelder, Wiesen und Weinberge auf, auch besitzt die Gemeinde einen Wald, doch, ist dieser mehrer« Stunden weit entfernt und liegt in dem benachbarten pfatz-bahe- rischen Gebiete.
Friedrich Wendel war aus Worms gebürtig, er war ein gewissenhafter Beamter, liebte aber auch die Geselligkeit. Gern ging er abends in das Gasthaus zum „Ochsen", wo er mit dem Friedensrichter, dem Notar, dem Arzte, den Lehrern und einigen angesehenen Bürgern seines Wohnortes ein Kartenspiel machte.
mT er> um die Steuer zu erheben, nach den Dörfern feines Sing, so saß er, wenn die Arbeit beendet war, gern im Wirtshause, wo die Erhebung vor sich gegangen war, und unterhielt sich nut den Ortseinwohnern über die Ernte, über die Marktpreise und die Ereignisse, die sich in der Nachbarschaft zugetragen hatten.
Der Distriktseinnehmer hatte drei Kinder, die erwachsen oder nahezu erwachsen waren. Als guter hessischer Beamter hatte er den beiden ältesten die Namen des damaligen Großherzogpaaves gegeben, die zwanzigjährige Tochter hieß Wilhelmine, der acht- zehnjährige Sohn Ludwig, die jüngste, sechzehnjährige Tochter wurde nach einer Tante Angelika genannt. Die beiden Töchter lebten im Elternhause, der Sohn sollte studieren und besuchte
*) Aus Georg Hehm: Dichtungen (Kurt Wolff Verlag, München).
das Gymnasium zu Worms, wo er bei der Dante Angelika untergebracht war.
Nun geschah es, als der Distriktseinnehmer fünfzig und feine Ehefrau vierundvierzig Jahve alt war, daß den beiden noch eine Tochter geboren wurde. Dieses Kind kam den Geschwistern sehr unerwünscht. Wilhelmine und Angelika besuchten Tanzvev- gtnigungen, hatten gern lustigen Verkehr mit anderen jungen Leuten, machten zu Hause feine Strickarbeiten, lasen Romane und waren sehr unzufrieden, als das Haus von dem Geschrei des Schwesterchens widerhallte und ihnen die Pflicht erwuchs, manchmal, nach dem Kinde zu sehen. Ludwig fühlte sich als Student, er rauchte Zigarren, nahm an verbotenen Kneipereien, teil und ging in Worms und auch in seinem Heimatort gern mit dem Spazierstöckchen in der Hand unter den Fenstern spazieren, in denen junge Mädchen waren. Nach Möglichkeit suchte er zu verschweigen, daß in seinem Elternhause der Storch noch so verspätet angekommen war, bis eines Tages ein Mitschüler, der aus derselben Gegend gebürtig war, ihn in der Schulpause spöttisch lachend darnach fragte.
Wohl war es der Mutter bedrückend, daß sie in dem Alter, in dem andere Frauen mitunter schon Großmütter sind, noch für ein eigenes Kind das Milchfläschchen zurechtmachen mußte, aber die mütterliche Liebe gewann schließlich bei ihr die Oberhand, und sie fragte nichts darnach, wenn andere Frauen sie bedauerten, daß sie nun noch so viele Mühe mit einem kleinen Kinde hatte. Ihr Ehemann jedoch konnte sich, mit dem Schicksal, das ihn getroffen hatte, nicht aussöhnen. In den ersten Wochen, da das Kind da war, sah er kaum einmal nach ihm. Ließ es seine Stimme hören, so lief er wütend hinaus in den Garten und marschierte zwischen den Beeten hin und her. Die Glückwünsche seiner Freunde wies er zurück, lange Zeit mied er ihre Gesellschaft, als er sich zum erstenmal wieder zum Sechsundsechzig und Gla- brias bei ihnen einfand, muhte er allerhand spöttische Reden hören.
Verabschiedete er sich von ihnen, so sagten sie: „Na, heute nacht wird das wieder ein unruhiger Schlaf werden, wenn das Nesthäkchen schreit." Vollends wütend wurde er, wenn sie sich für den Fall eines weiteren Familienzuwachses, den sie als eine feststehende Tatsache annahmen, ati- Paten erboten und dem zu erwartenden Patenkinde allerhand wertvolle Geschenke in Aussicht stellten.
Daß ihre Ankunft auf dieser schönen Welt so wenig Freuds erregte, focht die kleine Ida — so wurde das Kind genannt —, nicht im mindesten an. Friedlich lag sie in ihrer Wiege und hatte im Schlafe die Fäustchen nach Kinderart an das Köpfchen gelegt. Es war damals noch die Zeit, daß man die Kinder in der Wiege schaukelte, da man glaubte, die Bewegung des Hin- und Herwiegens werde-das rasche Einschlafen herbeiführen. Beim Wiegen fang man den Kindern allerhand Wiegenlieder. Diesen Dienst wollte eigentlich niemand im Hause der kleinen Ida erweisen. Die älteren Schwestern hatten andere Dinge im Kopfe als Wiegenlieder, sie dachten an junge Herren aus ihrem Bekanntenkreise, an Walzermelodien und Kotillonsträuße. Der Bruder Ludwig hatte eine rauhe Baßstimme und konnte wohl Kommerslieder, aber keine Wiegenlieder fingen. Der Herr Papa hätte, wenn er das Kind gewiegt und ihm gesungen hätte, fürchten müssen, daß einer feiner Freunde das beobachten und ihn beim nächsten Kartenabend damit aufziehen würde. Aber die Mutter wollte dem jüngsten Kinde das nicht versagen, ivas sie an den größeren getan hatte. Sie hatte keine gute Stimme und konnte nicht eine einzige Melodie richtig festhalten, dennoch fang sie, wenn die anderen das Haus verlassen hatten, der kleinert Ida die Lieder „Maria saß auf einem Stein, da fing sie an zu weinen" und „Schlaf Kindlein, schlaf, dein Vater hütet die Schaf, die Mutter hütet die Lämmerchen mtt den goldenen Bänderchen, schlaf, Kindlein, schlaf!"
Als Ida ein Jahr alt war, lies sie schon mit kleinen Schritten im Wohnzimmer auf und ab, von dem Nähtisch, auf dem das Nähkörbchen der Mutter stand, bis zur alten Schwarzwälder Standuhr, die in der Ecke Tick-Tack machte. Früh gewann das Kind Interesse für die Ähr, und wenn man fragte: „Wie macht die Ähr?", so sagte die Kleine, die das t noch nicht aussprechen konnte, „Gick-Gack, Gick-Gack".
Nach zwei Jahren sprach sie geläufig und bewegte sich flink im Hause und im ©arten hin und her. Besondere Freude hatte sie an Tieren, an Hunden, Lämmern und Hühnern. Wenn die Mutter nähte, so sah sie vor ihr auf dem Nähtische, schaute zum Fenster hinaus nach den Vorübergehenden, hörte auch gern zu, wenn die Mutter ihre Geschichten erzählte. Als sie großer


