Ausgabe 
28.11.1925
 
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Sunt mindesten eine Besserungsanstalt für viele," peroriert Marheineke von unnahbarer Höhe.Ob ein Kind dahinein gehört, darüber entscheiden die Gltern. Ihr Kinder, seid gehorsam mit Furcht und Zittern, sagt die Schrift. Damit Punktum."

Binzer tut einen tvohlüberlegten Zug auf dem Brett und anttvortet mit leisem Zucken der Mundtvinkel:Möchte doch noch ein Semikolon setzen, Herr Konsistorialrat. Gezogen wird ein Kind im Kinderzimmer, in der Schulstube, solch luftige Besse­rungsanstalten lobe ich mir. Hinter ihrer Schwelle aber hört die Elternmacht auf. Wit der Rute treibt man nicht in eine glückliche Ehe hinein. Die arme Louise hätte vielleicht durch ein klein wenig Sanftmut von ihrem Wahn geheilt werden können, durch eine erzwungene Ehe nie."

Dorothea sah über ihren Stickrahmen hinweg auf Wilhel­mine, die zerstreut einige welke Blätter von einer Topfrose ent­fernte. Ruhig hielt sie den mütterlichen Blick auS und berührt« mit ihrem Fächer Binzers Schulter:Sagen Sie doch, mein Herr Doktor, wo haben Sie ihre Methode her? Grau, treuer Freund, ist alle Theorie. Den praktischen Beweis bleiben Sie uns schuldig bis zu Ihrer Hochzeit. In bedingtem Sinne gebe ich Ihnen ja recht. Der junge Mann mag heiraten, selbst ist der Mann. Aber das unerfahrene Mädchen wird verheiratet."

Wird höchstens beraten und entscheidet selbst. Hier iarat ich einen Unterschied der Geschlechter nicht zugeben. Herr Legationsrat, Sie spielen zerstreut." Je ruhiger er wurde, desto erregter waren die Zuhörer, nur Rita hinter seinem Rücken sah starr auf ihn. Die Gräfin mischte ihre Karten so schnell, daß das halbe Spiel herunterflatterte, selbst die Herzogin stach sich unversehens die Radel in den Finger.

Aber bester Doktor," flötete die Baronin, und daS Garn flog ihr nur so durch die Finger.Sie predigen Revolution vor unerfahrenen Ohren. Ich sollte über meinen Sohn nicht bestimmen tonnen! Otto, mon ange, sag' du es selbst. Wärst du zufrieden, wenn ich dich allein nach Heidelberg liehe?"

Jawohl. Mama."Ä «dankbarer!"

Man höre!" Die Chassepot sprach immer unperföickich, wenn sie erregt war. Feuerbach hob ihr die Karten auf und rief erbittert:Wir hören, hören von neuen Grundsätzen, neuer Moral. Es war die höchste Zeit, dah Metternich dem älnfua ein Ende machte, ehe solch laxe Ideen die Gesellschaft zersetzen." Binzer war aufgefahren.

Herr Doktor. Die such am Zuge," mahnte Jean Paul urgemütlich, und die Herzogin ermahnte besorgt:Aber, meine Herren, ich bitte Sie. . . Jean Paul, liebster Freund, was sagen Sie als älnparteiischer?"

Ich sage, dah ich die Partie gewonnen. Bester Doktor, das kommt von der Alteration. Ja, Durchlaucht. . ." Er holl» tief Atem und lieh die Damen umeinander kreiseln. Er tat, als sähe er Rita nicht und erklärte unbefangen:Ich bin erstaunt, wohin die Damen und Herren geraten sind. Was sagt baut der Moniteur? Da ist ein Mädchen, das falsche Leidenschaft durch ein wertvolles Bild zu dessen vielleicht ganz wertlosem Bildner leitet. Kein Maler ist so moralisch wie seine Bilder, kein Pre­diger so fromm wie seine Predigten."

Herr Legationsrat, ich muh sehr bitte« . . ."

Ich gleichfalls, Herr Konsistorialrat mich »richt zu unterbrechen. Das also nenne ich falsche Leidenschaft, Durch­laucht. Da wollen die Eltern Louise einen Mann aufzwingen, brav oder nicht, jedenfalls ungeliebt. Sie geht in den Tod. Das ist sehr traurig, aber die Leidenschaft, die sie dahin trieb, war echt."

Ein Derbrechen bleibt es, und zwar ein dolofes," hauchte Feuerbach.

Gehorchen sollte sie: Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden", deklamierte die Gräfin mit Emphase.

Falsch oder echt, Leidenschaft bleibt Leidenschaft und ist verwerflich."

Das sagen Sie, Prinzessin?" fragte Jean Pau! mit fo-x- schendem Blick.Erlauben Sie, meine verehrten Antipoden. Echte Leidenschaft ist wie eine Maiblume des Himmels, die der erste Mensch an der Paradiesesschwelle brach Der warckte Tag des Lebens leitet sie hindurch bis in die Rächt des Alters. Am Morgen der Ewigkeit erst soll ihr Schimmer wie Morck» schimmer erblassen und eine neue Sonne sie anstoahlen mit neuem Paradies und einem neuen Morgen."

ilnb die falsche Leidenschaft?" fragte WiheImine ge­spannt. Alle hielten den Atem an.

Die ist wie ein Gewitter, den innem Menschen zerstörend wie die äußere schöne Welt. Da fliegen die Blitze zcchlloS wie umgestürzte Brautfackeln des Todes, wie Steppenfeuer durch die Wolken. Vernichtend schlägt der Donner die Regennaß auf zackigen Wolkenschutthaufen entzwei. Der Himmel hängt als ein der Erde zugekehrter Aetna herab. Das stille Mau ist in ein feuriges Schlachtfeld verwandelt. Aber Leidenschaft«, gehen vorüber wie solch ein Gewitter, und der Himmel schließt seinen Frieden, einen schöneren als gewöhnlich die Menschen." Er sah sich unauffällig um, Rita war verschwunden. Die Herzogin drückte ihm freundlich die Hand und Wilhelmine rief:Das mutz man sagen, Sie machen einem die falsche Lechenschast so appetitlich, dah man ordentlich Lust nach solch entern Gewitter bekommt."

Schristleilung: Dr. Friede. Milh. Lange. Druck und Verlag der

Ganz hübsch" urteilt Feuerbach mit hochrotem Kopf,aber der Fall ist damit nicht entschieden."

Er bleibt vielmehr unklar wie das Wartburgsest," stichelte Marheineke und sah an Binzer vorüber, auf dessen Wangen die Farben lebhaft wechselten. Dorothea ahnte neuen Sturm und wollte schon nach der Tifchglvcke greifen, das Zeichen zur Tafel zu geben, als Marheineke durch eine heftige Bewegung zwei Blumentöpfe von der Balustrade fegte und eine fröhliche Stimme von unten rief:Holla, Blumen und Töpfe zugleich? Ordentlich lebensgefährlich. Semmes-Mahte, sind Ihre Gäste munter?"

Da war der ersehnte Mitzabksiter. Schon stand Graf Peter in der Glastür und schüttelte lachend die Grdreste aus dem gepuderten Haar:Das mutz man sagen, ein begeisterter Emp­fang! Ihr Diener, Komtesse. Frau Baronin wieder einmal gesund? Guten Tag auch, Doktor. Doktor, den Bart sehe ich Ihnen noch ab, er soll in Löbichau modern werden."

Du schon zurück aus Tannenfeld? Behielt dich Dora nicht?"

Berzaukt, Semmes-Mahte, verzankt. Wir sind mitten im Siebenjährigen Kriege, die Schlacht von Zorndorf ist geschlagen, morgen gibt es Hubertusburger Frieden. Aber sagen Sie selbst, meine Herren Juristen. Prinzeß Dora bestreitet, daß ich mit Fräulein Rita verwandt bin. Ihre Grohmutter war die Stief­schwester der Frau meines GrotzonkelÄ. Rennt man das nicht verwandt? WaS haben Sie, Baron, möchten Sie auch ver­wandt fein?"

Dieser war plötzlich in lebhafte Bewegung geraten. Er halle Rita im Park bemerkt und bestand darauf, ihr Schirm und Mantel bringen zu müssen.

Unmöglich, mon chör, du bekommst nasse Füße."

Aber, Mama. . . ."

Mein Garn, um Gottes willen! Der Sohn wider die Mutter, unerhört! Meine Herren, das kommt txm Ihren Dok­trinen."

DaS sage ich immer, Baronin, ohne Dottrinen kommt man weiter," dozierte Bstter Peter in höherem Ton. Run wollte er und Binzer zugleich nach dem Schirm für Rita greifen, aber Jean Patck kam ihnen zuvor:

Hall! Sie werden noch Ritterdienste genug zu tun haben, für mich ist dieser vielleicht der letzte"

Vergessen Sie den Mantel nicht," rief ihm die Her­zogin nach.

Wilhelmine guckte über bas Balkongitter und spottete:Es geht doch nichts über einen höflichen Dichter. Sehen Sie selbst, Duvchlaucht-Mama, da geht er hin, meine Pelerine auf dem Arm. O diese Dichter!"

Durch den aufgeweichten Kies stapfte Jean Paul, floh auf seine Erfindungsgabe.Pontv", belehrte er feinen Begleiter, und hielt ihm die Pelerine vor die Rase,das da riecht fein. Pcmto, merk's dir auf alle Fälle." Der Pudel schnupperte daran, schaute feinen Herrn gescheit an und sprang bellend voraus. Run schlug dem dicken Mann doch das Herz. Ob er es auch richtig anfing? Aber sprechen mußte er sie nach dem, was fie auf dem Balkon gehört.

Er hatte nicht lange zu suchen. Aus der ©teinbani einen Jasminlaube saß sie und zupft« an einem weißen Wazienzweige. Gr warf ihr ungeschickt die Pelerine um, das habe die junge Mama geschickt. Wenn aber Rita gedacht hatte: jetzt kommt es, sie hätte sich das Herzklopfen sparen können. Ihr Dichter war nüchtern tote eine ungesalzene Suppe und trockener als die staubigste Landstraße. Gr fragte, ob sie imch Dannenfeld unter* Wegs sei, sie bejahte schweigend. Er sprach von seiner Familie, daß fein Jüngstes schon aus einem Bein stehe intb daß seine Karoline eine geborene Mayer aus Berlin sei, Tochter deS Dottor Johannes Andreas Mayer, königlich-preußischen Rates und Professors der Arzneigelahrtheit. Endlich unterbrach sie ihn ungeduldig, ob er mit seiner Erzählung vom Gewitter etnxtS Bestimmtes gemeint Er behauptete, daß er immer etwas Be­stimmtes meine, nahm ruhig seine Drille ab und erklärte daß er in nächster Rähe besser ohne sie sehe. Ob sie wisse, wie « dichte. Alle Einfälle kämen auf kleinen Fetzen in den Zettel­kasten zu späterem Gebrauch. Gin jeder könnte eigentlich solch einen Kasten brauchen, um später alle uirnützen Gedanken zu verwerfen. So kontrastiere man sich besser.

Da ist zum Beispiel ein warmes, reines, idealisierendes Herz," fuhr er ernster fort und setzte seinen Schirm bt Be­wegung.Auflodern darf es in ungemessenen Flammen, abet handeln erst später, wenn die Glut schon Licht geworden ist. In unserem Statecn dürfen wir fliegen, aber äußerlich nur schreiten, sonst bringen wir uns um diese lichtvolle Welt und die Seele verlernt ihren Schwalbenflug."

Mit heftiger Gebärde war Rita aufgesprungen und schmiegte sich ins Gebüsch, daß die Tropfen wie Silber in ihr rotes Haar fielen.Warum also sind Sie Hergekommen?" rief sie mll blitzenden Augen,zu sehen, tote der Friede einer jungen Seele im Feuer ihrer Phantasie zu Asche brennt? O sch tveih, cvrr Göttliches mit unheiliger Hand berührt verliert das Recht, nach innerem Wert zu streben. Aber retten müssen Sie mich, retten, daß ich nicht mtsgeopfert toerde." folgt)

Brithl'schrn Aniv.-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen.