Ausgabe 
28.11.1925
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1925 Samstag, den 28. Usvember Nummer 95

WiMterncrcht.

Von Nikolaus Lenau.

Bor Kälte ist die Lust erstarrt, Es kracht der Schnee von meinen Tritten, Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart: Nur fort, nur immer fortgeschritten!

Wie feierlich die Gegend schweigt! Der Mond bescheint die alten Fichten, Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! friere mir ins Herz hinein, Tief in das heihbewegte, wilde! Daß einmal Ruh' mag drinnen fein, Wie hier im nächtlichen Gefilde!

Die Kapitulation von Sedan.

Aus dem Kriegstagebuch 1870/71 Kaiser Friedrichs III.

Im Oktober 1888 veröffentlichte Professor Geffcken in derDeutschen Rundschau" einige kurze Auszüge in vielfach bis zur älnkenntlichkeit verkürzten Form aus aus dem Kriegstagebuch Kaiser Friedrichs. Sie er­regten ungeheuere Sensation, Bismarck erklärte fie in der vorliegenden Fassung für unecht und machte gegen den genannten Herausgeber den Reichsauwalt mobil. v__ Run lernen wir das Kriegstagebuch Kaiser Friedrrchs doch noch in seiner wirklichen Gestalt kennen. Karser Friedrich hatte selbst testamentarisch über die Ver­öffentlichung unter anderem bestimmt:... da der­gleichen Mitteilungen aber nicht zur Kenntnis der Zeitgenossen gelangen können, so befehle ich daß außer meiner Frau und meinen mündig gewordenen Kindern niemand Einsicht von meinem Tagebuch nehmen darf, als bis das Jahr 1922 abgelaufen ist." Deshalb konnte eine authentische Wiedergabe bisher nicht erfolgen. Mit der endgültigen Drucklegung der echten Handschrift, wie sie im Hohenzollern-Hausarchiv zu Charlottenburg aufbewahrt wird, erhalten wir jetzt einen stattlichen Band von über 500 Seiten, statt der im Depeschenstil unter allen möglichen Rücksichten zusammen redigierten Exzerpte die aus sorgfältigstem Studium der Äeberlieferung und unter Heranziehung des gesamten zeitgeschichtlichen Quellemnaterials be­arbeitete lückenlose Ausgabe des Tagebuches, aus dem wir mit Erlaubnis des Verlages K. F. Koehler, Ber- lin W 9, folgenden Abschnitt veröffentlichen.

Uni diese Zeit ließ das Feuer nach und schwieg allmählich fast ganz. Es trat nun auch wieder jene Ruhe ein, deren ich am Abend der Schlacht von Wörth erwähnte, und die um so wohltuender war, als wir uns stets fortdauernd in der größten Spannung, gleichzeitig aber auch unausgesetzt int schärfsten Sonnenbrände befunden hatten. Die Sonne stach heute so heftig tote am heißesten Sommertage, und wir konnten keinen Augenblick daran denken, Schatten aufzusuchen. Eine gar schöne hügelige Landschaft dehnte sich um Sedan aus, welcher das grüne Maas­tal mit dem sich vielfach schlängelnden Strom einen heiteren Anstrich, im schärfsten Gegensatz zu dem schauerlichen Ernst der Schlacht, verlieh. Zu meinem Stabe hatten sich heute General­leutnant von Stosch, gegenwärtig Generalintendant der Armee, der Schriftsteller Frehtag und bet Maler Vleibtveu gesellt, auch waren nach und nach fast alle Leute »rtierec Dienerschaft ein­getroffen.

Als ich mich überzeugt hatte, daß die Schlacht wirklich zu Ende sei, ritt ich zum König, froh der Erlebnisse des heutigen Tages: doch wollte Se. Majestät noch nicht recht an die Wirk­lichkeit der Erfolge glauben. Erst als bald nach meinem Eintreffen van allen Seiten Meldungen mit Bestätigungen des Sieges kamen, nahm der König Glückwünsche an und drückte mir wie auch den Generalen Moltke und Blumenthal die Hand. Van Napoleons Anwesenheit in Sedan war keine andere als die auch bereits zu mir gedrungene Kunde bekannt geworden; sie hatte auch im Königlichen Hauptquartier keinen Glauben geftmden.

Der Königliche Stab, vermehrt durch alles, was sich hatte heranbringen lassen, bot den Anblick eines ungeheuer großen Menschentrosses dar, in dem sich die Uniformen des Herzogs von Manchester sowie des amerikanischen Generals SheÄdcm eigentümlich absetzten.

Se. Majestät befahl, Sedan zu beschießen und behufs bal­digster Erzwingung einer Kapitulation mit Brandraketen an- zuzünden. Ich schicke daher meine Adjutanten nach allen Seiten, um alles, was von Artilleriematerial vorhanden war, nahe an die Stadt heranfahren zu lassen. Viel Schaden ward indessen nicht angerichtet. Die Brandraketen zündeten nur das Dach eines Magazins an der Süd front an, auch dauerte es geraunte Zeit, ehe alle Batterien in Tätigkeit traten.

Während dieser Zeit regte Se. Majestät, aber fast nur in ungläubigem Scherze mit Bismarck, Roon und mir, die Frage an, was denn, gesetzt, daß wir den Kaiser Rapoleon wirklich in unsere Hand bekämen, mit einem solchen Gefangenen cmzu- fangen sei.

Nachdem nun die Beschießung eine Weile gedauert hatte, befahl Se. Majestät dem Oberstleutnant Bronsart von Schellen- dorf als Parlamentär behufs Aufforderung zur älebergabe der Festung nach Sedan hineinzureiten. Kaum war dieser fort, als verschiedene bayerische Offiziere mir meldeten, daß weiße Fahnen auf den Wällen von Schau wehten, daß französische Offiziere, welche wegen einer Kapitulatton unterhandeln wollten, unterwegs toären, und daß es allgemein hieße, Kaiser Napoleon sei wirklich in der Festung. AehnlicheS meldete auch Rittmeister von der Sanden von meinem Stabe. Se. Majestät erklärten hierauf, nur mit dem französischen Höchstkommandierenden oder einem Bevoll­mächtigten k^sselben unterhandeln zu wollen, befahlen aber, das Bombachement sofort einzustellen.

Als es zu dännnern begann und die Glut der in der älm- gegenb brennenden Dörfer ben Himmel erhellte, erschien Oberst- teutiKmt von Bronsart wieder. Er hatte in Sedan den Kaiser Napoleon selbst gesprochen, der seine Bereitwilligkeit zu unter­handeln, in einem am Se. Majestät gerichteten Briefe, den so­gleich sein Adjutant General Eomte Reille überbringen werde, aussprechen wollte.

Was beim Anhören dieser Meldung in eines jeden Brust vorging, ist leicht erllärlich. Das Erschütternde und Gewallige eines solchen Erlebnisses liegt auf der Hand. Der Krieg hatte seinen Höhepunkt erreicht, der Llrheber schreienden Anrechtes war in unserer Macht. Nun mußte der Friede bald eintreten.

Nichts bezeichnet die Stimmung der Anwesenden vielleicht bester, als daß, nachdem Oberstleutnant von Bronsart seine Mel­dung erstattet hatte, jemand hinter mir laut sagte:Nun muß alles Hurra rufen, dieser Aufforderung aber so schwach Folge gegeben wurde, daß der Ruf mißlang Die Ursache dieses miß­glücktenHrrrras suche ich darin, daß jeder unwillkürlich fühlte, die Größe des Ereignisses fände in einem solchen Ausrufe nicht den entsprechenden Ausdruck, und daß es eben deutsche Art ist, sich bei großen Begebeicheiten nicht zu lauten Kundgebrmgen hin- reißen zu lasten Vielleicht aber wirkte auch der .Umstand mit, daß eigentlich niemand sich klar darüber war, ob des Kaisers Napoleon Gefangennehmrmg ein Glück oder ein Nachteil für unS fei. Jedenfalls war uns allen zumut, als träumten wir.

Bereits sah man den französischen Parlamentär angeritten kommen. Rasch ward die KavalleriestabÄvache um die Mann­schaften der meinigen vermehrt und mit aufgenommenem Gewehr hinter dem König aufgestellt; vor derselben bildeten sämtliche Anwesenden einen weiten Halbkreis, so daß Se. Majestät und ich an ferner Seite vorwärts desselben zu stehen tarnen. Prinz Karl, der Prinz Luitpold von Bayern, der Grvßherzvg von Sachsen-Weimar, der Herzog von Sachsen-Koburg, die Erbgroß- herzöge von Sachsen-Weimar, Mecklenburg-Schwerin und -Stre- litz, Prinz Wilhelm von Württemberg, der Erbprinz zu Hohen- zollern, der Herzog Friedrich zu Schleswig-Holsbein-Augusten- burg, sowie Graf Bismarck, General von Moltke und Kriegs­minister von Roon standen dicht hinter uns. Der Großherzvg von Sachsen-Weimar versuchte, in allerhand Posen wechselnd, sich allmählich möglichst nahe neben mich zu bringen.

Nun erschien der Comte Reille, vom Hauptmann von Winter­feld vom Generalstabe und einem preußischen Ulanentrvmpeter begleitet. Sobald er des Königs ansichtig ward, stieg er vom Pferde, ordnete zunächst etwas an seiner Beinkleidung. nahm dann seine rote Mütze ab und schritt, einen großen Stock in der Hand, zwar gesenkten Blickes, aber doch in keiner Weise etwa würdelos, auf Se. Majestät zu und überreichte mit wenigen Worten den Brief Napoleons.

Der König öffnete denselben und las die eigenhändig ge- schriebenen kurzen Worte: Monsieur mon träte,nayant pas pumourir au mjlieu de mes troupes, il ne me teste qu'ä remettre mon epee entre les mains de Votre Majeste. fe suis, de Votre Majesie, ie bon störe, Napoleon. Sedan le 1. Sept. 1870.