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Der Köing sagte darauf sogleich bem Comte Reille, bah er, wenn nicht die gesamt« französische Arinee die Waffen strecke, feine älnterhandlungen annehmsn wolle, zugleich aber erklärte er sich bereit, das Schreiben des Kaisers Napoleon sofort zu bearttworten. ,
Set König besprach nunmehr zunächst mit Graf Bismarck, General Moltke und mir den Inhalt des Schreibens, das er an Napoleon richten wollte; darauf ward zunächst dem Legationsrat Grasen Paul Hatzfelüt der Entwurf desselben in die Feder diktiert. Der von Sr, Majestät dann eigenhändig geschriebene Brief lautete: Monsieur mon trere. En regrettant les circonstances dans lesquelles nous nous lencontrons, j'accepte l’epee de Votre Majest6, et je pne de bien vouloir nommer un de Ses officiers, muni de Ses pleins pouvoirs pour traiter des conditions de la capitulation de 1 armee qui s’est si bravement battue sous Vos ordres. De mon cötö j’ai designe le general de Moltke ä cet eklet. Je suis, de Votre Majeste, le bon frere Guillaume. - Devant Sedan le 1. Sept. 1870.
Als der König sich zum Schreiben dieser Zeilen anschickte, Ward es nicht leicht, die dazu notlvendigen Materialien herbeizuschaffen; ein Tisch befand sich natürlich nicht in der Nähe, zwei einer Bauernhätte entnommene Strohsessel wurden daher zu einer Art Gestell aneinandergefugt, mein Ordonnanzoffizier, Leutnant von Gustedt, legte seine Husarentasche als Tischplatte darauf, ich brachte mein Schreibfxipier mit Adlerstempel aus der Satteltasche, der Grohherzog von Sachsen-Weimar Tinte und Feder, und so schrieb unser siegreicher König seine Antwort an den überwundenen Gegner! f
Während Se. Majestät schrieb, tonnte ich nicht anders, als dem mir aus Paris seit dem Jahre 1867 wohlbekannten Eomte Reille einige teilnehmende Worte sagen. Gr war mir damals zur Aufwartung beigegeben und hatte sich als ein liebenswürdiger, vornehmer Mann im besten Sinne des Wortes erwiesen. Meine ihm persönlich und dem Schicksal der tapferen französischen Armee gewidmeten Aeuherungen erfreuten ihn sichtlich, und er bat mich, sich meiner Frail, die ihn gleichfalls in Paris kennmigelernt hatte, empfehlen zu dürfen. Meine Frage, ob etwa auch der kleine Prince Imperial sich in Sedan befinde, verneinte er, und ich schloß sogleich daraus, daß dem Kaiser Napoleon doch wohl schon nährend der letzten Tage nicht mehr ganz geheuer zumute gewesen sein mochte, denn sonst würde er sein einmal in den Krieg mitgenommenes Kind nicht fortgeschickt haben.
Se. Majestät händigte den an Napoleon geschriebenen Brief dem französischen General ein, worauf sich dieser unter preuhischer Eskorte sofort wieder nach Sedan zurückbegab.
Nachdem Eomte Neille den Rücken gedreht hatte, fielen der König und ich uns um den Hals, beide in tiefer Bewegung; ich muhte an den 3. Juli 1866 und an unsere damalige Begegnung zurückdenken. und wie Gott es wunderbar gefügt hatte, daß wir zum zweiten Male berufen nxtren, einen so großen Moment gemeinsam zu durchleben und dem weltbedeutenden Ereignisse das Siegel aufzudrücken. , „ .
Mein nächster Glückwunsch gatt den Generalen Moltke und Blumenthal, deren Namen von heute an neuen Glanz und neuen Duhm erhielten, und bene« unser Heer unauslöschlichen Dank
schuldet.
So endigte die Schlacht von Sedan.
Der König kehrte in sein gestriges Hauptquartier zuruck, ich ging zur Äach-i ioteber nach ^hemerh, formte aber auf vet Chaussee nur langsam und nicht ohne Schwierigkeiten, des arp gehäuften Fuhrwesens wegen, fahren. In den Ortschaften, durch die wir kamen, hatten unsere Mannschaften, bei denen sich die Nachricht von Napoleons Gefangennahme wie ein Lauffeuer verbreitete, alle Sorten von Lichtern und Lampen, die nur aufzutreiben waren und di« übrigens von den Einwohnern bereitwillig verabfolgt wurden, an die Fenster gestellt; andere standen Hurra schreiend mit Lichtern in den Händen längs des Weges, uns zu begrüßen. Wo man hin hörte, tönte nichts als Jubel und Freude, und selbst die Bewohner der Gegend waren diesen Demonstrattonen nicht abhold, weil sie sich offenbar freuten, de« Kaiser los zu werden. Bei meinem Eintreffen in dem hell erleuchteten CHernerh spielte die Musik des 6 ter zur zurückgebliebenen 3. Posenschen cmterleregünentS Qxr. 58 „Seil
dir im Siegerkranz", als ich eben mein kleines Zimmer betreten hatte, und den herrlichen Choral: „Nun danket alle Gott' dessen Klänge mich derart ergriffen, daß ich die hellen Tränen nicht zurückhalten konnte.
Wieviele Dankgebete werden in den füllen Abendstunden bei den überall auf ihrem Kampfplatz biwakierenden Truppen zu dem großen Schlachtenlenker droben aufgestiegen fein?
Der Kriegsminister,besuchte mich am späten Abend, um zu dem Siege Glück zu wünschen. Er war auf die Kunde, daß sein \bei der Gardeartillerie stehender Sohn schwer verwundet sei, zu ihm geeilt und hatte ihn zwar noch lebend, aber hoffnungslos darniederliegend angetroffen.
Hauptquartier Doncherh vor Sedan, den 2. Sept.
In meiner Knabenzett vernahm ich ost beim Geschichtsunterricht: .Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!" Heute, wo ich anfange, die Bedeutung des gestrigen Tages zu ermessen, vermag ich recht die üefe Wahrheit jener Worte zu begreifen. Gestern drängten sich ble Eindrücke mx gewaltig rasch und übermächtig, als daß ich ihre Große vollauf zu fassen imftanbe gewesen wäre, denn unsere Erfolge übersteigen doch die kühnsten
Erwartungen. Werden wir ab« darum den Frieden erreichen oder wird die Kaiserin-Regentin den Krieg erst recht bis auss Mess« fortsetzen oder tottb gar der Kaiser uns am Ende die Verlegen» hell bereiten, abzudanken? Diese sorgenvollen Gedanken stritten sich tn meinem Innern mit dem Hochgefühl über den errungenen Sieg.
Der König hatte eicklärt, heule von acht Uhr ab auf der Höhe, von welcher aus ich gestern die Schlacht geleitet hatte, die wettere Entwickelung des Tages abwarten zu wollen; Se. Majestät erschien jedoch viel später, und, während ich am Fuße der Höhe auf der Chaussee wartete, kam mit einemmal General von Moltke aus der Richtung von Doncherh angefahren. Bon ihm erfuhr ich folgendes: Die Verhandlungen mit dem aus Sedan erschienenen französischen General Wimpffen hatten vorläusig wenig Erfolg gehabt, da derselbe durchaus keine Neigung zum Kapitulieren zeigte und zur Einholung neu« Befehle nach Sedan zurückgekehrt war. äleberhaupt trat di« ganze Angelegenheit dadurch in ein neues Stadium, daß plötzlich um fünf Ahr morgens bet Kais« Napoleon zu Wagen, nur von seinem Adjutanten beglettet, Sedan »«lassen hatte und darauf solange in einem Kartoffelfeld« unweit Doncherh halten geblieben war, bis Graf Bismarck und ©eneral von Moltke hiervon unterrichtet worden! waren. Beide sind sofort zu ihm geeilt und haben ihm ihre Wohnung in Doncherh angeboten, die jedoch der Kais« ablehnte; es schien, als ob « überhaupt die Städte vermeiden wollte, und es daher vorzog, in einem Dauernhäuschen abzustrigen. Napoleon sagte dann, daß er persönlich erschienen wäre, um günstigere Bedingungen als die bet Waffenstreckung zu erlangen, und schlug Abzug bet Armee mit Sack und Pack nach Belgien, wo dann dieselbe tntemi«t werden würde, vor; fern« hatte er beide Herren gebeten, um eine Audienz beim König für ihn nachzusuchen. Auf Moltke hatte dies alles den Eindruck gemacht, als seien es nur vorgeschobene Gründe, und als ob in Wirklichkeit der Kais« Napoleon seines Lebens in Sedan nicht mehr sicher und nach un«steulichen Auftritten genötigt gewesen sei, sich vor seinen eigenen Soldaten zu flüchten. Man erzählte, daß Scharen von Soldaten nachts mit dem Ruf „ä bas le cochon“ und dergleichen Schimpfworten vor sein Haus gezogen wären. Sehr besorgt war seine Umgebung um di« Herausschaffung der Wagen und Fourgons aus Sedan gewesen, es schien ihnen allen ein Alp vom Herzen genommen, als die Nachricht eintraf, dieselben seien aus bet Festung heraus. General von Moltke hatte nun die Zett, in welch« man ein schicklicheres Quartier als jenes Daakenrhaus im „Chateau Bellevue" herzurichten suchte, benutzt, um zum König zu eilen und den Stand der Dinge zu melden, während Graf Bismarck die Annehmlichkeit hatte, unterdessen mit dem Kais« Napoleon Konversation zu führen.
Unsere Leibkürassi«e wurden behufs Bildung der Ehren- eSkorte für den Kais« aus dem Biwak heord«t.
Generalleutnant von Tresckow überreichte im Auftrage Se. MajesW dem Gen«al von Moltke hi« auf freiem Felde die 1. Klass« des Eisernen Kreuzes, welches ich ihm selb« ansteckte.
Endlich erschien der König und befahl nach dem Vortrag des Generals von Moltke, die unbedingte Waffenstreckung zu »«langen; die Ofsiziere sollten jedoch auf Ehrenwort verpflichtet werden. Würde diese Bedingung nicht angenommen, so sollte die Beschießung sofort Wied« beginnen. General von Moltke kehrte mit diesem Befehl, den « selbst dringend befürwortet hatte, zurück, und die Folg« davon war, daß etwa um zwölf älhr die Kapttulatton bedingungslos angenommen und von den Gen«alen von Moltke und Wimpffen unterzeichnet wurde. Letzterer klagte hierbei, daß ihm, ber vorgestern aus Algier eingetroffen sei, das schreckliche Los zufalle, geifern ein Kommando zu übernehmen, um heute die Waffenstreckung zu unterzeichnen.
Bis die Nachricht von b« Unterzeichnung durch den General von Moltke dem König persönlich gemeldet ward, verweilten wir alle auf d« Höhe oberhalb Doncherh. Graf Bismarck «schien inzwischen und berichtete üb« seine stundenlange Unterhaltung mit dem Kais« Napoleon; sie hätteir beide Zigarren rauchend über alle möglichen Dinge, nur nicht politische, Konversation! gemacht. Das Häuschen, in und vor welchem diese Begegnung stattfand, bürste wohl zu einem weltgeschichtlichen Rufe gelangen. D« Kais« scheint sich den weiferen Begebenheiten gegenüber ganz passiv verhalten und alle Entscheidungen ber Regierung in Paris Überlassen zu wollen.
Nachdem General von Moltke laut die Kapitulation ber- kündet hatte, richtete bet König einige huldvolle Worte an die anwesenden deutschen Fürsten wie an die Offiziere; dann ward gefrühstückt und dabei hin und h« überlegt, ob Se. Majestät Napoleon sehen sollte, ob es in diesem Falle richtiger ist, ihn auszusuchen oder h«austommen zu lassen. So sehr ich gegen eine Begegnung vor abgeschlossen« Kapitulation gewesen war, so sehr befürwortete ich jetzt dieselbe, widerriet aber die demütigende Entbiettrng auf die Höhe angesichts d« Truppen und empfahl vielmehr, d« König möge zum Kais« nach Bellevue retten. Dann ward überlegt, welch« Ort dem kaiserlichen Gefangenen zum Aufenthalt dienen solle. Viele rieten zu Druhl; ich aber gab Wikhelmshöhe bei Kassel den Vorzug, wos Se^Naiestat beim auch genehmigte. Run wurde noch mit Graf Bismarck, General von Moltke und Kriegsminist« von Roon konferiert,... bann ward noch viel kostbare Zeit mit Nichtstun zugebracht, währenddem bet Himmel Regenwolken zeigte, und endltch zu


