Eichener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang (925 Dienstag, -en 28. Juli Nummer 60
Unsterblichkeit.
Von Lavtfe.
Der Himmel ist ewig und die Erde dauernd.
Ursache der ewigen Dauer von Himmel und Erde ist. DaH sie nicht sich selber leben. Darum können sie dauernd Leben geben.
Also auch der Berufene:
Er setzt sein Selbst hintan, lhti> sein Selbst kommt voran. Er entäußert sich seines Selbst, Und sein Selbst bleibt erhalten Ist es nicht also:
Weil er nichts Eigenes will, Darum wird sein Eigenes vollendet.
Aus Lovis Corinths Leben und Schaffen.
Mit Lovis Corinth ist ein Großmeister deutscher Kunst dahingegangen. In ihm lebte jene Urgewalt malerischer Gestaltung, die alle Formen sprengt und auf den älvgrund der Dinge dringt, ähnlich wie sie ein Grünewald besessen, und zugleich rang in ihm ein inneres Drängen, sich mit der Welt und ihren Rätseln auseinanderzusehen. Echt deutsch lag urwüchsige Schöpferkraft mit dumpfem Grübeln im Zwiespalt, und so ist sein Merk unausgeglichen, reich an verfehlten Versuchen und an mißglückten Lösungen, aber doch immer groß und ergreifend durch das Walten einer mächtigen Raturkraft, und durch das unermüdliche Streben eines Geistes, der Erlösung gefunden. Corinths Lebensabend war verschönt durch die huldigende Bewunderung der jüngeren Generation, die in den Werken seiner Spätzeit ihr Vorbild verehrte. Die große Ausstellung im Berliner Kronprinzen-Palais, die einen lieb erblick über sein Schaffer: gab von den ersten Bemühungen des jungen Königsberger Akademikers bis zu den letzten Visionen des ganz reifen Schöpfers, die Entdeckung des Zeichners Corinth, dessen wundersame Kunst der Skizze in einzelnen Veröffentlichungen offenbar wurde — all das brachte dem Publikum erst zum Bewußtsein, was es an diesem früher als „Racktmaler" und „Schluderer" verschrienen Meister besaß. Corinth hat das seltene Glück besessen, sich ganz ausleben zu können und in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens einen neuen Frühling seines fo überaus fruchtbaren Schaffens, einen ganz eigenen Srätstil zu entfalten, der merkwürdigerweise durch eine Krankheit ausgelöst wurde. Es war, wie wenn der Schlaganfall, der ihn eine zeitlang zur Antätigkeit verurteilte, nachdem er sich erholt, in ihm alle gebundenen Kräfte befreit, Gehemmtes in ihm gelöst hätte, so daß er nun zu einer großartigen Freiheit und einer letzten Beseelung seines Schaffens gelangte. Immer aber ist in ihm die starke Sinnlichkeit des großen Malers, die gesunde Bodenständigkeit des Ostpreußen, die naive Dumpfheit des Kindes und die fruchtbare Gestaltungskraft des Genies gewesen.
Dem Besucher des ostpreußischen Städtchens Tapiau zeigen die Einwohner voll Stolz das verhältnismäßig stattliche Haus, in dem ihr größter Mitbürger geboren wurde, von dem das prächtige Altarwerk ihre Kirche schmückt. Der Meister, der auch gern zur Feder griff und in seiner burschikosen Art trefflich zu plaudern verstand, hat seine Jugend selbst in dem Büchlein „Legenden aus dem Künstlerleben" geschildert und sich selbst dabei den Geburtsnamen seiner Mutter beigelegt. Da erzählt er von dem kleinen „Heinrich Stiemer", der eigentlich Lovis Corinth hieß, wie er als Kind bei der „neumMschen Petroleumlampe" Pferdchen aus Papier mit der Schere ausschnitt, und die am Spinnrocken sitzende Mutter sagte dann wohl: „Der Junge soll Töpfer werden; da kann er denn schöne Blumen auf Schüsseln und Teller malen". Der innigste Freund des Knaben war der Zimmermann Bekmann, der ihm allerlei Tiere und Bilder aufzeichnete. Auch auf dem Gymnasium in Königsberg kümmerte sich der Junge mehr um Zeichnen als um Lernen, und als er sich schließlich doch glücklich den Berechtigungsschein zum Einjährigen beim letzten OrdmvAnus abholen konnte, da grunzte dieser: „Was wollen Sie denn «.-«den?" „Maler." Da schob er sich auf dem Stuhl herum und rückte die Drille: „Stubenmaler?" „Vein! Kunstmaler." „Werden Sie lieber was Praktisches. Das ist besser für Sie, Adieu." Corinth aber wollte nichts „Praktisches" werden, sondern warf sich mit Inbrunst auf die Malerei, und einige der Werke aus dieser Schülerzeit verraten bereits die Monumentalität seiner Linie und die Schärfe seiner Beobachtung. Wegen
seiner Llngeschlachtheit wurde er von den anderen Kunstjüngerr „der große GipÄnecht" genannt; auch gab man ihm den Spott' namen „Quadratmaul" oder „Briefkasten" wegen feines breiten Lachens, und in ihrem Verein sangen die Akademiker: „Der Storch steht oben auf dem Haus, Corinth sieht meist sehr darnrn- lich aus". Außer in der Aktklasse war der junge Maler am häufigsten am Schlachthaus zu finden, wohin ihn seine verwandtschaftlichen Beziehungen brachten, und das rotleuchtende Fleisch, die violetten und purpurfarbenen Eingeweide, das warme, saftige Leben reizten ihn zum Malen. Aach Rembrandt ist er ein! Meister des „Schlachtviehflillebens" geworden, ein Dchilderer des Schönen in der Aatur, auch wo es sich in scheinbar abstoßender Form darbietet. Während seiner weiteren Studien in München und Paris machte er sich dann ganz die malerische Technik zu eigen, deren Geheimnisse er in feinem prächtigen Buch „Das Erlernen der Malerei" späteren Geschlechtern mitgeteilt hat. Nachdem er sich 1890 ganz in München niedergelassen hatte, stand er unter den Sezessioiristen, Realisten und Impressionisten, wie man damals die jungen Maler nannte, mit an erster Stelle, und überall war er der „Hecht im Karpfenteich", brachte Leben und Bewegung in alle Ausstellungen durch den farbigen Reichtum, die derb zupackende ilnmittelbarkeit seiner Bilder, durch die Kühnheit und oft auch Seltsamkeit seiner Motive. Als er dann nach Berlin übersiedelte, kam eine Zeit des Stillstandes; die großen mythologischen und religiösen Werke, die er schuf, zeigten ein Tasten nach neuen Gebieten, auf denen er sich nicht heimisch fühlte. Dann kam der körperliche Zusammenbruch dieses mächtigen Organismus, der sich in seiner schier unbegreiflichen Vielarbeit zu sehr überanstrengt hatte, und dann der neue fabel- haste Auffchwung in jenen lockeren, weniger gemalten, als aus Farben zusammengeballten Visionen, die dem Auge in ihrem juwelenhaften Glanz ein Fest bereiten und doch so ehrfürchtig das geheime Walten der Schöpfung Widerspiegeln. In einem Bekenntnis über sein Lebens Werk konnte der Meister von sich sagen, baß ihm sein ganzes Lebenswerk „wie aus einem Guß" erscheine, „von dem Porträt seines Vaters bis zu meinem letzten Werk. Stets habe ich nach meiner Aeberzeugung gehandelt, und niemals bin ich vom Pfade des mir richtig Erscheinenden abgewichen. Weine neuesten Bilder schienen mir anfangs durch manche Heinsuchungen des Schicksals im Schaffen behindert zu sein, aber dennoch hoffe ich mit Energie das Schwierige überwunden zu haben, und ich setzte unbeirrt meinen Weg fort. Wenn heute eine Strömung durchbrochen ist, die mir und vielen anderen! unverständlich sein muß, kann ich, nicht, um modern zu bleiben, meine äleberzeugung umändern. Die Geschichte der Kunst beruht auf entern Aufbauen der Gegenwart auf den Vorbildern der Vergangenheit, und ich bleibe den meinigen treu. Fleiß und Mühe, Arbeit und Anstrengung darf ich für mich in Anspruch nehmen, ohne ruhmredig M sein. Der gute alte Fritz Reuter hat einmal gesagt: „Wenn ein Mann deiht, was hei deiht, denn kann hei nich mehr dauhn as hei deiht." Das walte Goit!"
Persönliche Erinnerungen <m Lon's Corinth
Von Paul Eipper.
Das Signieren seiner graphischen Arbeiten war für Corinth immer eine schwere Plage. Er liebte es, wenn man sich dabei zu ihm setzte, und in solchen Stunden kramte er gern alte Erinnerungen aus.
Im Frühjahr 1920 war wieder einmal im Salon Gurlitt ein Berg von Radierungen zu unterschreiben, und um dem Meister eine Freude zu machen, brachte ich drei junge Kätzchen zu ihm ins Zimmer. Er saß unbeweglich still und schaute den Tieren zu. die schnell aus ihrem Körbchen herauskamen und auf dem Teppich durcheinander purzelten.
Corinth lachte, rückte seinen Stuhl näher und neckte, ei« besonders freches Kerlchen mit dem Spazierstock. „Miez, Miez, lockte er, faßte es am Genick und setzte es auf ferne Schulter Das schwarzgefleckte Schwesterchen kletterte an feiner Hose hoch und rollte sich schnurrend im Schoß des Meisters zusanunen. Er holte auch das dritte herauf, seine Augen strahlten vor Lreb« und Stolz, und er erzählte: „Ich mag sie gern, die Diester. Wenn sie auch kratzen. Am Walchensee spielte ich früher stundenlang mit unfcrem Leiter. Siefen ©onuner Toirb bort ub-cupcru^t aller* Hand los sein. Unser Gärtner schrieb, es seien junge Ziege« geboren worben. Feine Möbelte für neue Radierungen. Auch auf Strupf) freue ich mich; bas ist unser Rappe, ber ben uDagett zieht und die Verpflegung herbeiholt."


