Ausgabe 
28.7.1925
 
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Das Kätzchen war von seiner Schuller heruntergefallen und balgte sich mit den beiden anderen um den besten Platz in des Meisters Schoß.Unser armer Strolch ist leider tot. Sie wissen, der Kater von Walchensee. Er war mir am allerliebsten.

Corinth hat im Vorwort zu seiner Walchenfeemappe demTier ein Denkmal gesetzt. Er schreibt:3n der heißen Sonne schnurrt vor dem Häuschen unser Kater, ein Kätzchen, das wir jung aus­gezogen und das nun zweijährig ist. Ein herrliches Mer, behütet und gepflegt vom ganzen Hause, was es uns tausendfach vergüt. Lies es doch wie ein Hündchen hinter meiner Frau einher. Ver­steckte sich auf Bäumen, scherzte und spielte mit dem Saum ihres Kleides. Und dieses Tier mußte im vergangenen Herbst eines elenden Todes sterben. Als wir mit schwerem Herzen von ihm schieden, Übergaben wir unseren Strolch dem Verwalter unter größten Vermahnungen, ihn ja auf das sorgsamste zu betreuen.

So hatten wir wohl wie auch sonst die sichere Hoff­nung, einander wiederzusehen. Es sollte aber nicht. fo kommen. Vielleicht fühlte er sich verlassen und weil der Marm, welchem er anvertraut war, gar keine Obacht gab, entfernte sich das Tier immer weiter von seiner Wohnung und wurde immer ent­fremdeter. Der Kater, von uns wie ein Prinz gehätschelt, mutzte vor fremden Türen sein Brot erbetteln und eines Tages vor Hunger sterben.

Lebe wohl, armer Strolch!"

Zum Signieren hatte der Meister an diesem Tag keine Lust. Er war vorher beim Kupferdrucker gewesen, um die Proben einer neuen Radierung zu beurteilen. Die Platte war ihm nicht genug, er griff nach der Stahlnadel und korrigierte. Dabei ging sein Temperament mit ihm durch er hatte fo tief gegraben, datz er sich dabei das Handgelenk verzerrte.

Während wir noch immer mit den Kätzchen spielten, kam Wolfgang Gurlitt, sein Verleger, ins Zimmer und brachte ein Bild, von Anselm Feuerbach das man ihm soeben zum Kauf angeboten hatte.

Was halten Sie davon, Herr Professor?"

Corinth war vom Stuhl aufgesprungen, stand und sah. Und blieb still, ganz still. , c ...

Das Bild stellte eine vornehme junge Frau in Lebensgroße dar und war ganz in Rot und Grün gemalt. Langsam verstrichen die Minuten. Der Meister rieb sein schmerzendes Handgelenk, und seine Augen saugten sich an dem Gemälde fest. Augen, die leuchteten und voller Wärme waren.Das ist das schönste, sprach er dann mit leiser Stimme,was ich von Feuerbach kenne. Sehen Sie bloß die Hand an und den Ring mit dem funkelnden Rubin. Wie dieser Feuerbach den Hals gemalt hat, das Haar, die Augen. Man glaubt, es sei von Raffael. Was sind wir da allesamt für Stümper!"

So war Lovis Corinth, begeisterungsfähig wie kaum ein anderer Mensch wenn er ein wahres Kunstwerk sah, demüttg und dankbar. Am gleichen Tag hingen in der Ausstellung nebenan! zwei Frauenbildnisse von seiner Hand, leuchtend in der Pracht ihrer Farben und von einer Sinnenfreuds, wie sie nur Corinth, der Tizian unter den Malern unserer Zeit, hervorbringen konnte.

Eine besonders charakteristische Eigenschaft dieses großen Künstlers war fein unermüdlicher Fleiß. Er verkörperte den Spruch des großen Preußenkönigskein Genie ohne Fleiß" in seiner Person.

Ich war an einem Herbsttag morgens um neun Uhr mit ihm verabredet und läutete pünktlich zur ausgemachten Zett an der Tür seiner Wohnung.

Der Herr Professor ist bereits im Atelier", sagte das Mädchen: und als ich die vier Treppen erklettert hatte, kam er mir freudestrahlend entgegen:Hier ist ein neues Vlatt von heute früh!"

Wann zum Teufel sind Sie denn aufgestanden?" frag ich Er schmunzelte.

Um acht Uhr habe ich im Tiergarten bereits nach Modell gemalt. Gin reicher Industrieller will hoch zu Roh auf die Leinwand kommen und sein Diener trägt mir jeden Morgen Staffelei und Leinwand herunter in die Allee. Heute war der Gaul unruhig. Da hab ich bald aufgehört zu malen und weil die Sonne so schön durch die Bäume schien, statt dessen ein Stück Tiergarten gezeichnet. Aber jetzt auf nach Potsdam. Das Schloß muß heute noch fertig gezeichnet werden. Um ein älhr müssen wir zurück sein, ich habe dann Jury in der Sezession."

Man darf nicht vergessen, Daß Corinths Körper damals bereits krank und schwach war. Ich mußte meine Bewunderung über diese Arbeitskraft und über seinen Fleiß in Worte fassen; er aber meinte, daß ihm daran gar nichts bemerkenswert erschiene.

Er arbeite eben!

Rur manchmal, wenn er früher mit anderen Malern zu­sammen Landschaft gemalt habe, sei es ihm immer wieder auf- gefallen, wie häufig diese Menschen pausierten, spazieren gingen, rauchten, atzen.Ich arbeite eben, wenn ich arbeite, bis ich fertig bin, und fange dann etwas Neues an!"

So war Lovis Corinth, der große Maler, dessen Körper, an feinem 67. Geburtstag den Flammen übergeben wurde.

Sizilianische Briese.

Von Fritz Diettrich.

I.

Die goldne Schale.

Es war ein Luftgeschwängerter Abend, als wir Neapel zu Schiff verliehen. In einen leichten Dunstschleier, der ihm eine gewisse aristokrattsche Unnahbarkeit verlieh, war der Vesuv ge­hüllt und blies seinen Rauch gleichgültig über die ausgeloschsnen Drudergipfel hinweg. In Dunst und frühe Dämmerung ver­sanken auch schon Neapels Straßen und Gäßchen, in denen die Sorglosigkeit mit dem Elend und das Leben mit Schmutz und Krankheit ringt. Und gerade weil diese Straßen und Gäßchen wie Adern und Aederchen sind, gefüllt mit krankem Blut, wirkte auf uns die beginnende Ueberfahrt um so befreiender. Den ersten Abschnitt der Nacht blieben wir wach, ganz von der kindlichen Sorge erfüllt, es könne uns von der goldenen Kette der Ein­drücke ein Glied verloren gehen. So standen wir denn am äußer­sten Bugende auf dem obersten Deck, ttef überwältigt von der Sternfeierlichkeit des Himmels. Unter uns stieß sich der mächtige Schiffskörper in die nachtschwarze Meeresfläche und wirbelte mit seiner schönen, weißbärtigen Bugwelle unzählige Leuchtquallen herauf, kreisrund und groß wie spartanische Münzen. Nahe an uns vorüber schwamm Capri als undurchdringliche Dunkelheit. 3n seiner Mitte aber staffelte sich Licht an Licht zu einem! wundersam flimmernden Nest. Als auch die letzten Leuchtfeuer im Nebel untergegangen waren, wechselte das Bild in kein neues hinüber. Nur die Süßigkeit und Sanftmut der Luft schien langsam, ganz langsam zu wachsen.

Palermo! Welche Fülle von geschichtlichen, künstlerischen und kulturellen Vorstellungen hebt uns der bloße Name ins Bewußt­sein. Welch eine Folge von alles umwandelnden Erdstößen, welch fortgesetzte Verschiebungen und. Verkleidungen mußten die morgen- und abendländischen Kulturen erleben, die ihren Schwer­punkt nach Sizilien verlegt hatten. Immer bedeutete die Er­oberung dieser Stadt, dieser ganzen Insel das Staate, von be­deutenden Völkern und Epochen, denn nie hat fidji in unbe­deutenden Nationen ein imperialistisches Gelüst nadji diesem dämonischen Eiland gebildet. Wenngleich schon aus verschiedenen Mythen das Dämonische dieses Landes wetterleuchtet, so be­ginnt doch dessen Geschichte ziemlich harmlos und idyllisch. Wie alles Werdende, das noch nicht in sichtbarem Glanze steht, hatte es von den Mächtigen dieser Erde nichts zu befürchten. Erst, als aus Friedlichkeit Ergebnis ward, aus Fleiß Glanz, aus Kissen Kultur, als sich das Netz des Handels zu immer aben­teuerlicheren Fernen spann, als sich die Stätten des Kuttes ver­mehrten, und deren Kapitale, Kuppeln, Gewölbe majestätisch sich weiteten, als Säulen, Pfeiler höher sich sehnten, gebietendes Dasein verkündend und kindliche Demut zugleich holten sich die Mächtigen die reiche Braut Siziliens mit dem Schwerte heim, kämpften einander um sie, verbluteten und starben schließlich einer nach dem andern an ihr, an ihrem heillosen Besitz, an> ihrer abgründigen Schönheit.

Ein knapper Umriß, der den geschichtlichen Hmtergrund flüchttg erhellen soll, ist unbedingt notwendig, um die tragische Vollendung der Kulturen noch begreifbarer zu gestalten. Das Idyll der Frühzeit von Palermo wie von Sizilien tourbe getragen von der Umsicht und dem Fleiß griechischer und phönikisch« Handwerker und Händler. Die Weberei stand im Mittelpunkt. Um sie gruppierte sich der Ackerbau und die Färberei, die dem Gesponnenen das märchenhafte Antlitz des Orients gab. Das war ungefähr im 13. Jahrhundert vor Christi, jener , Zeit, in der die Süßigkeit der Träume noch das Reich der Wirklichkeit bestrickte, in der noch dreißig Morgen Land ihren König hatten. Allein die Phöniker hatten die geheime Kraft, den Traum zu überflügeln. Sie hatten keine Furcht vorm Unbegrenzten, die damals noch im Herzen aller europäischen Völker stand. Sie sprangen über diese metaphysischen Hemmnisse hinweg, und das Geheimnis manchen fremden Landes wird wie ein Gong von ihnen angeschlagen. Auch das Geheimnis Siziliens und seiner Erde. Andrerseits begannen die Griechen ihre Kultur in Sizilien so gewaltig zu steigern, daß sie zu Zetten die heimatliche fast überstrahlte. 3m 4. Jahrhundert vor Christi entspann sich dann jener erbitterte Kampf zwischen dem aufsteigenden Karthago und dem Hellenentum, der das Gewitter des Untergangs über der hellenischen Kultur geschwind zusammenzog, der schließlich in ihrer ideelichen und wirklichen Vernichtung gipfelte. 254 vor Christi schlugen Die Römer den Karthagern die Insel aus den Klauen und konnten sich sechs Jahrhunderte über ihren Besitz unein­geschränkt freuen, zumal sich damals auf Siziliens Feldern die hundertfältige Aehre bog. Panhormus hieß die Stadt zu dieser Zeit, die ein stets fließender wirtschaftlicher Gesundbrunnen für das angesprungene Weltreich war. Im 5. Jahrhundert nach Christi kamen Die Germanen. Nach ihnen die Goten, Byzanttner, Sarazenen, Spanier, Franzosen, schließlich Die Italiener und liehen es weder an Mut noch an Blut fehlen, die wunderschöne Insel zu erobern. Die byzantinische Kultur verendete hier wie ein Meteor. Die größte Staatsidee des Mittelalters, von Fried­rich dem Zweiten geboren und getragen, eine Idee von fast übermenschlicher Hoheit und Wette, liegt eingesargt als einziger,