Gietzener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1(925 Dienstag, den 28. April Kummers
HoKLndifche Fahrt.
Don Franz Friedrich Oberhäuser.
Die mittelalterliche, dunkelbraun und matt gewordene Standuhr in der kleinen Halle sang mit silbernen, zarten, scheuen Stimme« ihr erstes Morgenlied. Wie et« seiner Hauch wehte das Lied durch die Gänge, durch die Türen, hing noch ein Weilchen in irgendeiner Hausecke und zerfloß dann wie ein silberner, aus einer anderen Zeit heraufgezauberter Trau«l. Deswegen allein mühte aber die andere Zeil nicht nur aus Glück bestanden Haben. Solche Uhren und solch feine Musik findet man in den meisten holländischen Häusern. Der Holländer, der am liebsten in seinem Heim das Leben verbringt, der die Straße nur geschäftlich kennt, sammelt bei feder Gelegenheit Dinge, die ihm ei« gewisse Gemütlichkeit, eine Behaglichkeit verleihen, können.
Boni Dtadthausturni schwingt sich daS Glockenspiel über die Dächer, und die Domglocke fällt mit tiefer Stimme ein. GS ist, als läge sich jede Stunde ein entmutiget Kranz von Melodien, von GlvckenWngen, von GlockeMedern über diese Stätte und der Fremde bleibt einen Augenblick lang verwundert stehen und horcht in die Luft hinein, aus der der klingende Regen der Däne fällt.
Indessen drücke ich die grüngestrichene Tür am Türklopfer in das Schloß, Kinder winken nur nach, um die entlaubten Linden Mimt ein leiser Rebel und durch den Kanal wandert langsam ein Dampfer. Don irgendwo höre ich die schrille Glocke der Dampftvamwah, dann schnaubt es, und an der Dischbrugg steige ich in den kleinen, zierlichen Wagen, setzte mich neben der niederländischen Bauersfrau auf Die Bank und sehe mit einem Blick die Straße sich drehen, die Oudedieze, das etwas breite, mit Klaugestrichenen Fensterrahmen verzierte Haus gegenüber dem alte« umgiebelten und etwas verschnörkelten PalaiS. sehe «och die zwei weihen Lächlet« der Kinder, und es geht am Markt vorbei, hinaus in das etwas von Rebelschleifen umflochtene Land, Laut und summend steigt der Marktlärm auf. Alte Bücher, Räubergeschichten, Seeabenteuer. Litaneien neben ein«n _ Flickschuster, Ei-erhandler neben einem Töpfer, Stoffe, Obst und kleine Tcckchensviegelchen und die Schar der Käufer, die weiße« gebügelten Flügelhauben, die bunten Röcke rrnd bunten Holzpantine« der Holländerinnen, die Stauen, roten Wänste und Pluderhosen der Männer, ein Kaleidoskop...
Das ganze Land ist von dem Reh der Kleinbahnen, der Dampftramwahs, überspannen. Stundenlang neben Kanälen dahin oder in einen flachen Waldbestand verschwindend, an zahllosen Gärten vorbei, durch kleine rote, blaue Dörfer hindurch, unter den sausenden Armen einer Windmühle hinweg, dahinpustend, schaübmid und bei aller Wichttgmacherei und Kleinkrämerer doch auf die Minute genau. „Fahrplanwirklichleit."
Richt eine Wanderung durch einen blauen strahlenden Som- mertaa. Das ganze Land ist von einem blassen, scheuen Silber überflossen. Es gibt nichts „Hartes", „Scharfes'. Manchmal öffnet sich eure Himmelstür, dann fließt es blau und sanft daraus hervor, Aeberschwemmt eine Lichtflut eine ferne Kuppel, einen dünnen, schmalen Turm, wirft ein Biindel gleißender Strahlen aus dem Hauch einer fernen Stadt. Die Wasser in den Flusse« und Kanälen sind glatt und leblos, nur zeitweilig werden sm Unruhig, dann sehen sie aus wie gerippte Seide oder Crepe de Chine. Bäuerinnen mit glänzenden, runden, fchwergoldenen Haarnadeln steigen ein. Manchmal gebärdet sich der Himmel lerdew fchaftlich bewegt, denn zerschleißt der Meerwind drmke Wolken, von deren Rändern glühendes weißes Silber fließt.
Da taucht in der Ferne das erstemal eine dunkle, ungewisse Silhouette einer Stadt auf. Rebel wogt sauft wie ein® einge- schlafeue Flut, verhängt die amerikanische Pappelallee, die Linden und Almen und verzaubert einen Buchenhag, fällt schützend in weitsattigen Borhangteilen vor deut roten HauS zwischen den Buchen nieder, in welchem zwanzig hübsche Mädchen die hoher« Ausbildung gemeßen, und wo ich eines Abends... aber das gehört nicht zur holländischen Fahrt. Die Stadt am Rande des Landes, umspannt von einigen kleinen Grachten, rückt näher. Eine altmeberländifche Kirche wächst zaghaft in den Rebel hinein, aus dem Tor wandert, schön geordnet in einem Zuge, eine Schar weißgekleideter Mädchen, Ministranten in roten Röcken blühen daneben tote Mohnblumen auf, und kleine, süße Kerzenlichter flackern wie Sternlei«. Sie der Himmel bk voriger Rächt verloren HabM Mochte.
Gtebelflüchte umspinnen die Kirche, ein Berumen steht vermummt und etwas verdrossen da, und in den Fenstern liegt der Wiederschein der Kerzen. Alte niederländische Häuser tauchen im Rebel auf, dann springen ein paar Bäume zusammen, Kanäle dehnen sich breit und eine schwere eiserne Brücke trägt das Züg- lein rasch über die Maas in das wieder still gewordene Land hinein. Seltsame kleine Wanderrmg mit flüchtigen, von Rebel umsponnenen Bildern, von blaßsilbernen Borhängen verschleier- len Zeitaller», von grauem TM überworfener Gotik
Ich frage nicht, wie diese kleine Stadt heißt. Der Rebel hat sich gehoben und eine rötliche Sonne versucht einen blassen Schein auf die geliebten Häuser zu werfen und den kleinen Hafen tn den Außen- und Jnnengrachten, den Singeln. Katzenköpfiges Pflaster und zahllose Brücken. Kleine, zwei Meter fange, hoch- gewölbte, wie ein Katzenbuckel, und flache, langgestreckte. And fortwährend Laubengänge, Arkade« an den Häusern. Schmale Wege an Dache« entlang unter der hohen Stadtmauer, albe Schiffertürme, schlaffe Segel an den Masten, ein Wasserbecken mit einer Schar Pinasfen, Pinken und Schiffmr. Da, und wieder ein rotes Dächerwerk und Giebeln und der Wafserturm. Höher aber, der blassen Sonne zu, die Kathedrale, die noch immer von flüchtigem Rebelgewebe verhängte Gotik, zahllose Türme,. Stein- kränze, Wasserspeier, Winkelwerk, Fensterschönheiten, Musik, Musik in Stein. Auf Granitsvckeln, auf Marmor Denkmäler alter Seehelden, alter Diplomaten. Gelehrter. Heiliger. And gleich daran, innig angeschmiegt, das kleine zierliche Häuserwerk mit Den dunklen Geschäften, mit dem holländischen Porzellan in öen Schaufensterchen, den lange« weißen Schisferpfeifchen und den Haufen schwarzen echt Porters Toebak von 3. und A. C. von Roffem. Rein, eine Stadt der Brücken ist es, der Ausschnitt des südlichen Denedigs, ohne blaue Träume süßer südlicher Leidenschaft. Kühl, ruhiger, nördlich klar. Angezählle „fitze" (Radfahrer) tummeln sich in den Straßen der Stadt, rmd ungezählte Kinder- wagen beleben das ganze Jahr das Bild der Straßen.
Don neuem öffnen sich Grachten. Drücken spannen sich- wieder über das viele Wasser, dort und da tieft man den längst verklungenen Ramen von den Denkmälern, Flibustierabentsuer erwachen in KindheitSerinnerung, imposante Wanderungen über nie gesehene Meere, und in den dunklen Zimmern der nehm Häuser, in die man hineinzublicken wagt, steht unter dem leise wiegenden Segelschiff, daS an der Decke hängt, neben dem offene» Kamin der alte Seeheld, der fliegeiide Holländer, und der Meer- wind bläst, Der Sturm gellt und orgelt, es pfeift . Astubliest menecrl“ schreibt ein Junge, und wenn ich nicht rasch zur Seide springe, kommt der Junge seht Lebtag nicht dazu, mit fernem Rad durch das schmale Haustor zu fahren. Frisches weißes Brot duftet aus feinem Rückenkorb.
And wieder eine Straße, und wieder Glockenläuten, noch ein Stücklet« Hafen, schlafende Schiffe, und die Kleinbahn trugt mich weiter, unter Dein abendlich Dunkelnden Hrmmc» Schnell versintt die Stadt mit ihren zahllosen Brücken 4rca Herne« Grachten und Dein Zigarettenladen mit den respektablen aärmett des schwarzen echten Piptabaks von I. und A G. von Mi® Dichter fallen die Schleier, d:e Erde verhüllt sich a^r rn dmc Städten blitzen die Lichter aus. Dämme zerschnerden das Land, Züge poltern rauh und herrfchhaft durch die sanfte Rächt,, crnzelne Häuser, ein Feld, aus dem die Schiffersfrauen ihre Heringsnetze zum Trocknen und Flicken auSspannen, dem, der diesmalige ^ang war reich und gut und trug um dreihunderttaufend Gulden mehr an Gewinn der ganzen Küste, entlang.
empfängt uns: Haag,
Me Welle 'vo«Hch«H engen Straßen,.VE,.vom der elektrischen Bogenlampe,', umsponnene alte eme
Kette surrender Lampen, ein blendender Glanz schießt aus der Halle eines Hauses. Frauen in AbenMlerder«, dufttmchaucht. st^t man vor den Spiegeln mit zarten ginget« dm lchwn ßixft&ett richten, und wieder Musik, ein Walzer,, dann, Pldhüch em, Ruck, ein kleiner Krawall, weißer DauM stoßt in dm Lusp es nichts Besonderes los, der Kondukteur geht de« Zug uv und sagt langsam und gemächlich: „Den Hauch... Den Hauch. .
And das brausende Lebe« der großen mternatronalen Stadt
Jäh strahlt es, ein Lichtmärchen, eine Flut von Licht, Rlustk, nuck, Seide, dimlle erwartungsvolle ^rauenaugen, «ne lang«


