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kommen der vor langer, langer Zelt eingewanderten Schwaben. Deutschs Schulen, deutsche Lehrer. Wir fühlten uns tote daheim.
Bei Dunkelheit gingen wir noch in die Stadt. Wir kamen an einem Gasthause vorüber. War's eine Täuschung? Ganz deutlich hörten wir singen: „Wer will unter die Soldaten, der muh haben ein Gewehr!" Wir treten ein und. befinden uns mitten unter einer Rekrutenfeier. Aber merkwürdiger Kontrast. Deutsche Lieder, deutsche Militärmärsche und di« Farben Jugoslawiens! Heute war Musterung gewesen- Und morgen hiev es schwören. Wir werden schwören, sagten sie unS. Ader so! Die Finger der linken Hand zeigten zu Boden. ^Btt muhten lachen. Glaubt Ihr, daß die jetzigen Grenzen für immer so bleiben werden?, frugen wir. Asin, niemals, riefen sie. Auch für uns kommen noch andere Tage
Kavalerie schienen sie gerade nicht zu sein. Die „Damen" des Ortes standen unter der Türschwelle. Kopf an Kopf. Sie warteten, bis sie zum Tanze aufgesordert wurden. Wir tanzten deutsche Walzer, Rheinländer. Wir hörten den „Bummelpetrus , der anscheinend bis da 'runter gedrungen war. Man oerga», dah man sich in Serbien befand. Man lud uns zum Abmdessen ein, trank uns zu. Es gab guten Wern. Es ging schon dem Morgen zu, als wir uns endlich trennten. Wir hatten beide einen etwas schweren Kopf.
Belgrad.
Eine laue warme Augustnacht. Wir bummeln im Hafenviertel. Zausende von Glühbirnen stechen in die Dunkelheit. Sie bringen keine Helligkeit. Sn unbestimmtes Licht ist alles getaucht. Aus den Schatten wachsen die Borgärten der kleinen Cafes, die Speisehäuser, die Läden. Lichter irren über bunten Kram, fallen auf braune Gesichter, auf zerlumpte groteske Kleidung. Dalmatiner, Montenegriner, Matrosen, Schiffslader, wüstes Gesindel gleiten vorüber. Fast schleichend, lauernd mit diesem für die Gegend so charakteristisch geflochtenen Schuhwerk.
Ein Handeln und Feilschen. Fleischstücke braten auf offener Strahe. Fische rösten auf glimmendem Kohlenfeuer. Ern Konglomerat von Düften und Ausdünstungen. Dort eine Gruppe Weiber, umhangen mit roten Tüchern, auf die das unbestimmte Licht merkwürdige Reflexe wirft. -Und die Strahlen brechen sich in glitzerndem Ohrengehänge und Buntem Flitter. Gesichter tauchen aus der Dunkelheit, hählich, mit gieren Augen und verschwinden wieder. Halbeuropäische Zivilisation mit halborientalischen Gebräuchen und Sitten erzeugt hier einen Bunten seltsamen Wirbel für den Westeuropäer ungewohnten Lebens.
Geile Hafenweiber kreuzen unseren Weg. Schwermütige slavische Gesänge kommen von irgendwo her. Schrille Schreie und Gejohle vermischen sich mit dem Lallen Betrunkener. An den Strahenecken bewaffnetes Militär, das die Rolle der Polizei zu vertreten scheint. Merkwürdiger Kontrast. Zwischenhinein gutgekleidete, nach grohstädtischem Schnitt aussehende Leute, Offiziere, Schiffskapitäne.
Wir kommen allmählich aus den dunklen Gassen mit ihrem unmöglichen Pflaster hinauf auf die obere Stadt. Mit einem Schlage hat sich das Bild geändert. Gin modernes Grohstadt- bild. Die halbe Stadt scheint auf dem Abendbummel zu sein. Massen wogen vor den Konzertcafss, aus denen die neuesten Shimmys herausklingen. Wir stehen vor dem Hotel Balkan. Davor an den Tischen und Stühlen das gewohnte Leben und Treiben, tote es jede Großstadt aufweist. Wir sehen uns ebenfalls. „Was wünschen Sie?" Gin befrackter Kellner steht vor uns. Kennt man uns den Deutschen schon stundenweit an? Gs ist merkwürdig, wieviel Deutsch man hört. Auf dem ganzen Balkan. Fast mehr als Französisch. Bon unserem Platze aus genießen wir das Straßenbild. -Uns fällt die Eleganz der Leute auf. Bor allem das Schuhwerk. Hierauf scheint das Hauptgewicht gelegt zu werden. Die Offiziere meistens in Lackstiefeln. Den Gesichtern der Damen nach zu schließen scheint das Geschäft in kosmetischen Artikeln gut zu gehen. Wir haben feine ohne Schminke gesehen.
Wir gehen am nächsten Bormittag wieder durch das Hafenviertel. Merkwürdig. Der ganze Spuk ist verflogen. Grau und nüchtern starren uns schmutzige Mauern, üble Läden und Lokale an. Die Nacht über hatte es tüchtig geregnet. Wir haben Mühe, durch die kotigen Straßen zu kommen.
Die Bautätigkeit ist rege. Moderne Hochbauten, ganze Blocks wachsen neben armseligen zerfallenen Hütten empor. Auf das Straßenbild wird keine Rücksicht genommen. Noch sind die Spuren des Krieges erkennbar.
Wir kommen zum Konsulat. Die Aufnahme ist liebenswürdig. Anders als in Budapest. Dort schien man uns für Abenteurer anzufehen. Trotz unserer Ausweise. Es war schließ- lich kein Wunder. Tag für Tag kommen und gehen zweifelhafte Gestalten. Man warnte uns dort. Wir kämen höchstens „per Schub "wieder zurück. Hätten keine Ahnung von den Strapazen, die uns Bevorständen. Aäubergesindel treibe sich an der unteren Donau herum- Sollten wir sagen, daß wir genügend Waffen und Munition dabei hatten? Lieber nicht. Die wären beschlag
nahmt worden. Erst vor einigen Tagen war ein ganz« Zug sächsischer Wandervögel in Budapest gelandet. Auf einem Dutzend Zillen waren sie die Donau herabgeschwommen. 14° bis 16jährige Kerls. Der Anführer ein Achtzehnjähriger. Alle wollten sie nach Konstantinopel zur türkischen Armee, die dort angeblich unter Leitung von deutschen Offizieren gebildet werden sollte. Nun lagen sie in den Hospitälern — geschlechts krank.
Die Flugpost hatte uns nach Belgrad Postsachen au» der Heimat gebracht. Der Flieger! Wo war es denn, wo er uns ganz eiligen Schrecken eingejagt? 3n Wien, am Landungsplatz der Wasserflugzeuge. Eben kamen wir damals mit unseren Booten vorüber, als der Motor angeworfen wurde. Wie ein Pfeil schoß der Apparat über die Wasserfläche. Auf uns zu. Rechts ein nahender Dampfer, links vor uns ein Brückenpfeil«. Sah uns denn der Kerl nicht von seinem Führersitz au». Strecke zwischen un» schrumpfte auf ein Nichts zusammen. Ich ließ das Paddel ruhen. ES wäre ohnedies zu spät gewesen. Wein Freund schoß mit seinem Boot dahin. Noch einige Se- künden und wir wurden hinweggewischt, toegrafiert. - 3m letztem Augenblick ging er hoch Knapp über die Köpfe hinweg. Fast e spät, um dem Dampfer auszuweichen, der Plötzlich wc un» mb. Aber wiederum ging alteS glatt. Mnige Wellmspritz^ lagen im Boot. Hoch oben kreiste bet Flieger. 3n tBdgrw hatten wir die Episobe längst vergessen, neue Eindrücke die alte* verdrängt, kaleidoskopartig.
3n Bulgarien.
Bon Rustsuk führt eine Linie über Razgrad nach Kafpitschan und Barna am Schwarzen Meere.
Es war gerade um die Zeit der größten Hitze, als wir in den Zug stiegen. Die Fahrt mit den Booten hatte ihr Ende erreicht. Wir mußten uns Beeilen, nach Warna zu kommen. Die Strecke von Rustfuck nach Dralla und Sulina hätte uns nicht mehr allzuviel 3nteressantes geboten. Zudem hätten wir von dort aus erst wieder südwärts fahren müssen, um Barna zu erreichen. Rustsuk machte uns den Eindruck eines ganz netten Städtchens mit ziemlichem Verkehr. Wir wohnten in einem sog. „Hotel" und schliefen in einem verwanzten Bett. Es waren fürchterliche Nächte.
Nun saßen wir im Zug.
Ich kenne einige bayerische Lokalbahnen. Aber gegen diese Bahn waren dies noch Luxuszüge. Wir rangierten bei jedem Holzhausen. Alle Passagiere waren in einem einzigen Waggon zusammengepfercht. Bauernweiber, eingesäumt mit großen Korben, umlagert von Kindern, Damen aus Rustsuk, Türken am Boden in der üblichen Sitzstellung. Vollgepfropft war das Aoieil, Minke und Wände starrten vor Schmutz. And dazu eine Prugelhitze.
Ich saß auf dem Trittbrett. Gs war gar nicht gefährlich. Man konnte bequem neben dem Zug herlaufen. Nun waren wir schon mindestens vierzehnmal an der gleichen Hammelherbe vorübergezogen und wieder zurückgefahren. Das Rangieren nahm kein Ende. Auf einmal stand die Maschine still. Wir warteten eine halbe Stunde. Nichts rührte sich. Gs war noch weit nach Kafpitschan. Nun stiegen wir aus.
Unter der Lokomotive lag der Heizer und der Zugführer. Sie bastelten an der Maschine herum. Die Passagiere halfen mit. Mindestens ein Dutzend davon lag auf dem Bauch und Begutachtete die Reparatur. 3rgenb eine Schraube war los.
Nach zwei Stunden war endlich dir Sache wieder in Ordnung. Wieder ging das Rangieren los. Allmählich waren w ganz apathisch geworden, so daß wir uns nicht einmal mehr ärgerten. Gegen 1 Uhr mittags war der Zug aus dem Bahnhof von Rustsuk gelaufen. Um 10?/» Uhr nachts war endlich Kafpitschan erreicht. Dort hieß es umsteigen. Die Linie, die hier von Sofia herüberkam, funktionierte ausgezeichnet. Moderne Wagen. Moderne Geschwindigkeit.
Gegen Mitternacht waren wir endlich in Warna. Was tun? Wieder in ein Hotel? Wieder ein Opfer der Wanzen werden? Wir beschlossen mit unserem Zelt im Freien zu übernachten- Aber wo? Wir gingen in die Stadt. Es war ganz dunkel. Schwer, sich zu orientieren. Von der Ausdehnung Warnas hatten wir keine Ahnung. Wir schritten über einen leeren Platz, nach unserer Meinung ziemlich abgelegen vom Zentrum. Kurz entschlossen packten wir unser Zelt aus. Die Zeltpflöcke wurden in den Boden getrieben. Nach wenigen Minuten waren wir fest eingeschlafen, um am andern Morgen mitten m der Stadt zu erwachen. 3n der Dunkelheit hatten wir das Zelt auf einen öffentlichen Platz hineingepflanzt. Es gab erstaunte Gesichter bet den Passanten-
Tagsüber suchten wir Quartiere. Lieber mit unseren Decken auf bloßem Fußboden schlafen, als sich in einem Dett d«r Wanzen preisgeben. Bei einem 3taltener, der in der Llaye des Hafens einen kleinen Ausschank hatte, fanden wir altes, was wir wünschten. Gr war reinlich, das Lokal sauber. Uever eine Woche verbrachten wir dort.
(Fortsetzung folgt.)
vchriftleitung: Dr. Friebr. Wilh. Lange. — Bruck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Sieindruckerei, R Lange, Gieße».


