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au gelangen, unter einem aufgespaimten Teppich hervorkriechen und sprach, sobald er die schwarze Majestät ihm gegenüber erblickte kurz und gut: „Sn meinem Lande kniet man nur tror Dvtt nicht vor Menschen." Der Sultan aber, statt seine Henker Mi rufen, erwiderte: „So steh' auf und setze dich zu mir.
Machtigal fand in ihm einen ganz umgänglichen, aufgeweckten Kameraden bei dem er neun Monate blieb, um erst im Februar 1874 Abschied zu nehmen. Ostwärts ziehend langte er am 22. Rovember 1874 in Kairo an und wurde vom Khedive mit höchster Auszeichnung empfangen.
Die geographischen wie zivilisatorischen Ergebmsse feiner fast sechsjährigen Reise hat er in dem groß angelegten Werk-Sahara unb Euban", — leibe r unt>o[[enbet, beschrieben.
für die Gesittung bet gesamten Gebe war vielleicht der Wider- Wille, den er durch seine Schilderung der entsetzlichen Sklavenjagden im Innern Afrikas gegen die ausbeuterrfche Rotte der arabischen Sklavenhändler zu Wecken verstand.Wie durch ganz Europa der Hochadel, einschließlich fast sämtlicher Fürstenhaus^:, germanischen Ursprunges, ist in Afrika die Oberklasse fast durchweg arabisch. Die Araber, durch Schönheit, Kraft, Mut und Stolz äußerlich angenehm auffallend, sowie im Besitz einer, unleugbaren wenn uns auch schwer verständlichen Kultur, repräsentieren in Afrika ein Ueberbleibsel jenes waffenMrrenden Feudalismus, der sich rein parasitär, unter Knechtung und Schmdung friedlich harmloser Bevölkerungen auslebt, und, bis Rachtigal ihn brandmartte, fast jeden Fortschritt der Regerstämme im Innern Afrikas hintanhielt. Die Feldzüge, die Wihmann anfangs der neunziger Iahre gegen Buschiri und Konsorten gewann, führten das aus, was Rachtigal am liebsten selbst schon unternommen haben würde: sie brachen die Herrschaft der arabischen Sklavenhändler.
Rachtigal hatte ein Gebiet durchzogen, zehnmal so geräumig Wie Deutschland, und man sagt ihm nach: er habe während jener ganzen sechs Iahre keinen Schuh abgefeuert. Dies dürfte wohl dahin zu ergänzen sein: „keinen Schuh auf Menschen. Denn Jäger war er, muhte er sein schon wegen des Proviantes: wenn er auch einem Pavian, auf den er angelegt hatte, das Leben schenkte, weil das Tier ihn wie aus Menschenaugen ansah. Aber soviel jst gewih, daß Klugheit und imponierende Ruhe ihm reichlich das leisteten, was andere nur durch Waffengebrauch und Gewalt gewinnen konnten.
In der Heimat und auch im Auslande nach Verdienst gefeiert, erregte er natürlich auch die Aufmerffamkeft unsrer Regierung die ihn 1882 zum Generalkonsul in Tunis machte, gerade zu der schwierigen Zeit, als Frankreich von jenem Lande Besitz nahm. So ist Rachtigal drei Iahre lang noch eine politische Persönlichkeit gewesen und hat nur ungern 1884 Tunis mit dem Westen Afrikas vertauscht. Einem Freunde schrieb er damals: .ES ist mir, als ginge ich meiner Verurteilung entgegen." Seine Ahnung trog ihn nicht: aber wir verdanken ihm unsre westafri- kanischen Kolonien. Er bestieg die „Möve", hihte am 5. Iuli unsre Flagge in Lome, am 11. Iuli in Kamerun und fuhr dann nach Lagos zurück. Am 28. August zum zweitenmal vor Kamerun angelangt, ergriff er Besitz von Hickory Town und lieh, um füd- wärt« gehen zu können, seinen Adlatus Dr. Max Buchner als Vertreter zurück. . , _
Diesem ausgezeichneten Forscher, einem geborenen Bahem, gebührt ein eignes Ruhmesblatt in unsrer Kolonialgeschichte. Er hatte sich, ein langjähriger Afrikakenner, schon anderwärts hervorgetan, ist nur durch eine chronische Malaria daran verhindert worden, feine großartige Energie sowie seine sonstigen Geistes- aaben zum vollen Ertrag zu bringen, und hat als würdiger Vertreter Rachtigals durch seine Kaltblütigkeit unter den schwierigsten Umständen auch in Kamerun Bewundernswertes geleistet.
Rachtigal wandte sich zum Kongo, dann zu unferm jetzigen Südwest", hißte am 29. Oktober 1884 die Flagge in Bethanien, kam am 31 Dezember 1884 zum drittenmal nach Kamerun und holte sich leider auf einem Zug von Gogoro über Laich nach Mahin bei glühendem Sonnenbrand durch unangenehmes Sumpf- gefeiet ein böses Fieber.
Er gesundete nur anscheinend. Als er am 11. April 1885 sich auf der „Möve" zur Heimreise eingeschifft hatte, brachte die Seekrankheit das Fieber verschärft zurück. Gr starb an Bord am 20. April und wurde auf Kap Palmas begraben, wo heute sein Denkmal steht. Eine Bestallung zum Ministerresidenten in Tanger hatte ihn nicht mehr erreicht.
F. Ratzel hat uns in kurzen kräftigen Strichen folgendes anziehende Bild von seiner Person entworfen: „Äachtigal war von Dau gedrungen und nicht groß. Dein Haar war dunkel und gelockt, sein Auge blau, sein Antlitz verwittert. ®8 sprach aus seiner ungezwungenen Haltrnm Bescheidenheit und Einfachheit, aus den blitzenden Augen Lebensmut und Kühnheit, auf den festen Lippen zeigte sich Entschlossenheit, und in der schmucklosen Rede wohnten Klarheit, Sicherheit, überlegener Geist, Stoffbeherrschung."
Ratzel nennt ihn an andrer Stelle eine „echte OdhsseuSnatur, voller Klugheit, Zähigkeit und Willenskraft". Allein wie hoch hat diesen schlichten Sohn der Mark seine selbstlose, aufopfernde Sachlichkeit über den Menreichen homerischen HÄlden hinaus- gehoben!
2000 km im Faltboot.
Tagebuch-Skizzen von Fritz Boelkel-München.
(Fortsetzung.)
Ein glänzendes Bild. Dicht stand die Menge. So dicht, daß das silberne Zigaretten-Etui unseres Begleiters vom Elub plötzlich verschwunden war. Aber andächtige Gesichter umsäumten uns. lieber alle Zweifel erhaben. Was nützte alles Fluchen. Das Etui war weg.
Rachmittags waren wir auf der Margarethen-Insel und bummelten abends vor den großen Hotels Bristol, de Riz usw. an der Donau. Angenehme Kühle wehte über den Strom. Sre brachte Erftischung auf die Glut des Tages. Die elegante Welt schien sich hier zu treffen. Fast nach Tausenden zählte die Menge. Sie umlagerte die Stühle auf den Hotelterrassen, wogte auf den Promenadenwegen. Auf der Donau funkelten die Lichter der vielen kleinen Personendampfer, der sog. Propeller. Strahlenbögen brachen von den Brücken und spielten sich in Den Wellen wieder. Wir waren versunken in den Anblick. 4000 Kr. Gebühr! Vor uns stand ein Mann und kassierte das „Stuhlgeld". Es war Zeit, daß wir unser Quartier aufsuchten. Das Reisegeld wurde nicht mehr.
Wir waren froh, nach einer Woche Aufenthalt in Budapest wieder in unseren Booten zu sitzen. Immer noch spannte sich ein wolkenloser Himmel über uns. Die Rächte In unserem Zelt waren zumeist warm.
Wieder einmal hatten wir unser Zelt aufgeschlagen. Die Sonne war am Versinken. Es hieß sich beeilen. Die Dunkelheit brach immer spontan herein. Bald summte der Teekessel auf rasch entfachtem Feuer. Wir lagen bei Makad unweit von Duna Pentele. Breit liegt die Donau vor uns. Sie ist ruhig wie ein See. Man merkt keine Strömung. Des Abendhimmels farbige Tinten spiegeln sich im Wasser. Bald Verblasen sie, und undeutlich wird das gegenüberliegende Ufer. Die Dunkelheit ist hereingebrochen. Das verglimmende Feuer wirst noch Reflexe auf unfer Zelt. Weih hebt es sich von dem ®rtenp gebüsch ab. Ganz leise spült das Wasser über sandigem Ufer- rand. Wie ein Lampion steht der Mars am Himmel. Leuchtet rot zu uns herab. Der Laut einer Dampfersirene Hingt weither Über das Wasser. Dumpf tönt er herüber. Er erscheint uns fast greifbar, wesenhaft. Immer mehr Sterne sind aufgezogen. Ern Meer von Lichtern bltntt herab. Allmählich bin ich etnge» schlummert. Die Müdigkeit machte sich bemerkbar. Mein Sreunb lag schon längst im Schlaf. Es konnte nichts Passieren. Wie immer lag neben uns im Zelt Gewehr und Revolvrn bereit. Wie lange wir geschlafen, weih ich nicht mehr. Ich werde plötzlich wach. Höre ein leises Scharren, ein Schnauben. . Ich wecke meinen Freund. Geräuschlos öffne ich die verschloslene Zeltöffnung. Der Himmel war überzogen. Es war stocwunket. Run höre ich wieder das verdächtige Geräusch Das Dunkel ist nicht zu durchdringen. Ich sehe nichts Aber immer naher ein leises Tappen. Plötzlich ein Schnauben. Ich fange laut zu lachen an. Gin ganzes Koppel Pferde grast um unser Zelt Die hatten sich irgendwo losgerissen. Wir klatschten m die Hände. Wie ein Wirbelwind brausten sie davon.
Der Wind war stärker geworden. Unmerklich hatte er sich erhoben. Unser Zelt war schadhaft geworden. Schon fielen die ersten Tropfen. Also hereingekrochen in unsere Boote, ine wir ans Ufer gezogen hatten. Die Kokpitdecke darüber. So lagen wir zwei Stunden. Ein Wolkenbruch war s nahezu, der herniederbrach.
Am Morgen war kein Fleck mehr an uns trocken. Die Sonne sah uns nackt im Boot die Donau hinabtreiben. — Der Abend dieses Tages brachte uns ein angenehmeres Lager. Wir waren bei einem ungarischen Bauern zu Gast. In den Kuhftall regnete es nicht. Am nächsten Tage hatten wir „Sommersprossen" im Gesicht. Wir waren während der Rächt anscheinend den Kühen zu nahe gekommen.
A p a t i n.
Mohacs lag hinter uns. Wir hatten dort bei der Schiff" fahrtsstation äußerst liebenswürdige Aufnahme gefunden. Run waren wir wieder unterwegs, der jetzigen Grenze entgegen. Endlos dehnten sich rechts und links Auen, Sümpfe. Insel reihte sich an Insel. Stundenlang waren wir mit der Kontrolle bei Dezdan ausgehalten worden.
Wieder zog die Donau in unzähligen Windungen und Krümmungen durch die Ebene. Bildete Arme, die wieder Inseln und Auen umflossen. Soweit der Blick reichte, eine grandiose Wasferwildnis. Gin Bild, wie es die indischen Dschungel" Wohl bieten mochten. Weit und breit feine Ansiedelung. Wir mußten tüchtig schaffen, wenn wir noch vor Sonnenuntergang Apatin erreichen wollten.
Endlich war'« erreicht. In der sogenannten Fischerei-Zentrale hieß man uns herzlich willkommen. Wir befanden uns nun auf serbischem Boden. Aber wir hörten nur Deutsch. Die ganze Stadt hatte deutsche Bevölkerung. ES waren die Aach


