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Gustav NachLigal. Don Robert Hessens. 1834—1885.
Der Himmel senket sich / Er kvmbt und wird zur Erden / Dann steigt die Erd empor und wird zum Himmel werden?
Mensch, bleib doch nicht ein Mensch / Man mutz aus« höchste kommen / Dey Gotte werden nur die Götter angenommen.
Mensch, alles, was du will/Ist schon zuvor in dir/ Es lieget nur an dem / Daß dus nicht würkst herfur.
Mensch, geh nur in dich selbst / Denn nach dein Stein der Weisen
Darf man nicht allererst in fremde Lande reisen.
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Schweig, Sünder i Schrehe nicht die Gv und Adam an / Mären sie nicht vor gefalln / Du hättests selbst gethan.
Gott zörnet nie mit uns/Wir dichtens ihm nur an/ Unmöglich ist es ihm, datz er je zörnen kan.
Vorrat uns verhinderten, unS dem Feinde des WustenwandererS, der Sonne, auszusetzen? Spätestens morgens neun Uhr krochen wir in den Schatten einiger Steine, jede unnütze Bewegung, also jede unnütze Verdunstung vermeidend, um ungefähr um 5 Uhr nachmittag« unfern säuern Weg fortzusehen. Als am fernen Horizont endlich nach wochenlangen Leiden eine grüne Lun«, die Palmen Fedzerris, erschien, füllten sich meine Augen mit
lich aufnahm. . ,
Im Frühjahr 1871 ging es nach Kanem und Bvrku. Der im Januar 1872 nach Kuka Zurückgekehrte findet Zeitungen und Briefe vor, die ihm vom französischen Krieg und von der Auf« richtung des Deutschen Reiches Kunde bringen. Das schwellt seinen Mut. Nachdem von Februar bis September 1872 das unwirtliche Bagirmi noch erledigt war, lätzt es ihn nicht ruhen, er mutz nach Wadai, dorthin, wo Eduard Bogel seinen Tod fand.
Bogel hatte freilich sein Schicksal selbst verschuldet, indem er sich über gewisse Sitten und Vorurteile der arabischen Kultur hinwegsehte und, wie Brugsch Pascha dem Schreiber dieser Zeilen zu berichten wußte, die Eingeborenen besonders dadurch empörte, bah er zum Grützen auch die linke Hand benutzte, die dem Araber aus gewissen Gründen für unrein gilt.
Wo aber Vogel seine Schwäche, hatte Rachtigal seine Stärke. Takt, im Grunde wohl ein eingeborenes Gefühl von Achtung für die Rechte der Mitmenschen, war die schon gerühmte Tugend Rachtigals und bet ihm noch geschmückt mit der poetischen Gabe schneller Ahnung, schnellen Verständnisses für die Eigenart
Dies hat ihn in Wadat gerettet, wohin sein Gastfreund Omar ihn tränenden Auge«, «18 einen verlorenen Mann, im Fnihiayr 1873herrschende Sultan Ali War aW blutiger Wüt^ich verschrieen Rachtigal mutzte kniend und barfuß, um in seine Raye
Tränen."
Am 8 Oktober -es Jahres traf Rachtigal wieder in Mursuk ein Die Frage, warum eigentlich er auf jene Reise gegangen sei hat er eines Tages in der für ihn charakteristischen Bescheidenheit also beantwortet: „Ich meinte, damit eine Lucke in der Geographie ausfüllen zu können."
Im Frühjahr 1870 mach«? sich dann frre Unbezwingbare, diesmal wohlberitten, mit neun Kamelen und einer marokkanischen Begleitung von Mursuk auf und erreichte am 6. Juli ohne Anfall Kuka, die Hauptstadt von Bornu, wo Sultan Omar ihn freund-
Wer sich erinnert, wie Friedrich List, unser großer wirtschaftlicher Wecker, den Völkern das Fahren über See anpries als eit Mittel, den Blick zu weiten und die Tatkraft zu stählen, der wird sich nicht mehr für ein phäakisches Hindämmern als höchstes Lebensziel gewinnen lassen. Einmal freilich ist gar ein Reichskanzler dieser Stimmung weit entgegengekvmmen durch sein ge° flügeltes Wort: „Man könnte uns keinen übleren Gefallen tun,
J868 zum Aeberbringen der Gegengeschenke den jungen Arzt -ustav Rachtigal vor, der seit sechs Jahren in Tunis vraktizierte.
Rachtigal war am 23. Februar 1834 zu Eichstedt in der Altmark als Sohn eines Pfarrers geboren, hatte in Halle, Würzburg und Greifswald studiert, war Militärarzt geworden und würde, da er durch seine wissenschaftliche Begabung wie durch Takt und Besonnenheit früh schon als für höhere Stellungen geeignet galt unter gewöhnlichen Umständen einen glatten Weg zum Generalarzt gemacht haben; da warf den kaum Achtundzwanzigjährigen ein tückisches Lungenleiden au« der beschrittenen Bahn, doch zugleich in seine eigentliche hinein. Sr ging zur Kur zunächst nach Algier, bald nach Tunis und wurde so gezwungen, Arabisch zu lernen, d. h. sich die unerläßliche Qualifikation zum afrikanischen Reisenden anzueignen.
In Tunis als Bertrauensarzt des dortigen Bey wohlbestallt und auch leidlich genesen, nahm Rachtigal den ehrenvollen Auftrag an, belud im Januar 1869 in Tripolis acht Kamele mit ben Geschenken König Wilhelms, brach auf und erreichte südlich ziehend am 29. März Mursuk, die Hauptstadt von Fezzan.
Eine wegen schlechter Berkehrsverhältnifse bevorstehende, vielleicht einjährige Muhe wollte Rachtigal nicht ungenützt verstreichen lassen und unternahm am 6. Juni 1869, keiner Warnung achtmd, seinen Zug zu dem Raubgesiichel der itn Süden vvre I Fezzan wohnenden Debesti. Rachtigal lßlbst beri chtet von ’&nen. ein I AZ sah nie ein Bolk mit weniger natürlicher Gutmütigkeit be- 1 gabt" Selbst Kinder haben den Wehrlosen dort zu ft eint gen versucht; geheilte Kranke fpieen ihm ins Angesicht. Völlig ausgeplündert muhte er seinen Rückweg an treten und gab spater von diesem älnglücksmarsch folgende Schilderung: „<>9 patte ... -------------------- ------ - - ... die Freude, alle meine schwärzlichen Begleiter, unglückliche Opfer
al« wenn man uns ganz Afrika schenkte!" Die heimlichen Briten I geographischer Gelüste, wieder nach Mursuk zurnckfuhren zu deutscher Zunge hätten so gern auch das gesamte Weltmeer I Knnen Trotz unfern unsäglichen Leiden muhte ich als die' weggegeben, weil es die Engländer ja ohnehin schon besähen. I Hoffnung auf Rettung wuchs, zuweilen über den Anblick unsrer
* y “ - ---------- ' Hußkarawane lachen. Ali und Jaad, zwei meiner Diener, te
adamitischer Einfachheit gekleidet, . . mit Wasserlchlauchen cmf den Schultern; der ernste würdige Gatroni, mein ganzes Gepäck auf dem Rücken und, seinem Alter und seiner höheren Stellung entsprechend, sich eines langen, wenn auch lückenhaften Hemdes erfreuend; Giuseppe Balpreda, mein piemontesischer Diener, mit kranken Füßen sich mühsam dahinschleppend und deii Mangel der notwendigsten Kleidungsstücke durch ein paar Wasserstiefel ersehend die vergeblich sich einem kurzen Flanellhemde zu nähern bemüht schienen, endlich ich selbst barfuß, die Beine nut einigere leinenen Fetzen umwickelt, die obere Körperhälste In einen Pariser
tm eignen Hanse gezeigt. c ,,
Lange bevor die nationale Einigung gelungen war, hcntere sich kühne deutsche Forscher zur Entschleierung des dunkeln Erdteils aufgemacht, hatte Barth 1845—47 den Rordrand von Tanger 6er bis zur Halbinsel Sinai mit manchen gewagten Borstößen fe Innere, 1850- 55 von Tripolis her die Sahara bis zum Tschadsee, von da bis Timbuktu und wieder rückwärts durchzogen, hatten Overweg und Eduard Bogel, dieser 1856 in Wadai, ffire Kühnheit mit dem Tode zu Büßen gehabt. Dann chlorierte Gerhard Dvhlfs 1862—66 die gewaltige Rordwestecke, schwein- furth 1869-70 nicht minder erfolgreich die Küstengebiete des Roten Meers« bis zum Blauen Ril. Rvhlfs hatte am Tschadsee Vom wohlwollenden Sultan Omar in Bornu ein silbernes Pferdegeschirr als Geschenk für König Wilhelm erhalten und schlug
•) Mit Erlaubnis des Berlages Julius Hoffmann in Stillt- gart dem ausgezeichneten biographischen Sammelwerk .Deutsche Männer" entnommen. (1137)
»gegeben, wett es ote isngianoer ja oyneym
> haben diese Grotzgesinnten Karl Peters in den achtziger Jahren so witzig verspottet, weil er am Tanganjika sein ganzes Flaggentuch „verhißt" hätte! , ,
11 nb doch ist dem Deutschtum selten eine fruchtbarere, lohnendere Aufgabe zugefatten als die Leitung und Versorgung der mehr als zwölf Millionen Menschen, die in unferm heutigen Kolonialreich leben. Wer aus Kolonien sofort immer nur eine Stärkung der heimischen Finanzen erwartet, wer in ihnen weiter nichts erblicken kann als die Vermehrung der Plätze für gute Vettern, den freilich kann gerade jene Aufgabe nicht locken. Allein welch eine Fülle von Segen, positiver wie negativer Art ----------------
ist uns trotz ihnen aus jenem Horn schon ausgeschuttet worden l I Sommermantel gehüllt und das Haupt bedeckt mit eineni pilz- Die Kolonien, so hieß es einmal im „Tag", haben in unfern1 I artigen Gebäude, das die Engländer für ihre indischen Offiziere hinnenländisch vermauerten Horizont eine Bresche gelegt, aus I flcflen Yen Sonnenstich erfunden haben. So wankten wirdahin, der wir in die weite Welt sehen tonnen. Tausende von ubei> I nächtlicher Weile, da unsre Schwäche und der geringe Wasserraschenden, aufrüttelnden Erfahrungen, Richtigstellungen und *—= 'm-n * " ■’*"*
sonstigen Meldungen sind uns durch diese Bresche bereits zu- gestr-ömt Wir sind auf neue Gedanken gekommen, die ans vor dem Einschlafen, dem Erstarren behütet haben. Die Jugend, die sich nicht ewig am Alien Fritz, an Blücher und Mvltke berauschen kann, hat neue Vorbilder von Ausdauer, Tapferkeit, Anpassung, Unternehm ersinn gewonnen. Welch ein Reichtum an frischen wissenschaftlichen, militärischen, literarischen Persönlichkeiten-! Aehmt uns ihre Taten, ihre Abenteuer, ihren Ruhm und ihr Beispiel, nehmt un8 allein ihre Reiseberichte in der Geographischen Gesellschaft und merkt, welch eine Verarmung an modernere Ideen eintreten würde! . . An unfern Kolonien ist offenbar geworden. daß gewisse nationale Bildungsfaktoren, auf die wir uns Erkleckliches zugute getan hatten, sich in der Fremde schlecht bewähren. Wir zweifeln mit Recht an dem ewigen Wert unsres Bureaukratie, seit sie drautzen so häufig zu kurz gesprungen ist. Dir sehen, daß die standesgemäßen Verzäunungen, in denen unsere gebildete Jugend größtenteils hinlebt, ihre Sicherheit nicht vermehrt, sondern vermindert haben, so datz draußen, wohin fte diese Verzäunungen nicht mitschleppen kann, so viele leicht allen Halt verlieren. Die Kolonien haben aber auch an den Tag gebracht, welch einen gräßlichen Vorrat engherziger Spießbürgerei Deutschland beherbergt, als der Matsch, infolge von Schiefsichiig- keit für neue Verhältnisse, das meist begehrte Kolonialprodukt bei uns geworden war. So haben uns die Kolonien auch den Feind


