Ausgabe 
28.3.1925
 
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Siebener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, den 28. März Nummer 2S

Vorfrühling.

Von Ernst Stadler.

3n dieser Märznacht trat ich spät au- meinem HauS.

Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem Saatregen.

«Winde schlugen an. Durch di« verstörte Häusersenkung ging ich weit hinaus,

Ws zu dem unbedeckten Wall und spürte: Meinem Herzen schwoll ein neuer Saft entgegen.

In jedem Lusthauch war ein junge- Werden auSgespannt. Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute rollten.

Schon dehnte sich bereitet Acker. Sn den Horizonten eingebrannt War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins Weit« führen sollten.

Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen. Lleberm Kanal, den junge Ausfahrtswinde wellten, wuchsen Helle Bahnen,

Sn deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten Sternen,

Sn meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen.

Das Madonnen-Moliv in der modernen Malerei.

Bon Walther Appell.

Seit den ersten Sagen deutscher Malerei gehört das Mw- donnen-Motiv zu denen, die unsere Künstler am häufigsten anzvgen. Die Madonnen der deutschen Primitiven, die eines Stephan Lochner, Schongauer, Dürer, Holbein find nicht nach, sondern neben denen eines Raffael oder Correggio einzureihen. (Auch im folgenden wollen wir in dem BegriffMadonnen- Malerei" die Gestaltung der CHristgeburt mit all ihren Reben­themen Verkündigung, Anbetung, Heilige Drei Könige, Flucht usw. zusammenfassen.)

Die überragende Bedeutung der religiösen Fragen und der kirchlichen Machte im Mittelalter erklärt die große Zahl der damals entstandenen Madonnenbilder. Eine Parallele dazu findet sich wohl erst in der Malerei unsever Sage, was zunächst Wunder­nehmen kann. So programmgemäß sich die Christgeburt in das Werk der Romantiker, auch noch in das von Steinhaufen und Shoma einfügt, so wenig dürften sie die meisten bei den male­rischenReutönern" erwarten. Die sind so oft als respektlose Aufrührer verschrien worden, als Ketzer, denen nichts heilig sei, daß die Madonnen-Malerei fernab von ihrer Linie liegen mühte, wenn das Behauptete uneingeschränkt wahr wäre. Aber das ist nicht so, wie wir sehen werden.

Llnsere Sangen und Jüngsten die gar nicht mehr.so sehr jung sind haben Wohl fast alle mehr oder weniger oft die Motive jener religiös orientierten alten Meister wieder auf­genommen. Greifen wir nur einige heraus. R o l d e, der lange der abwegigste und revolutionärste schien, hat u. a. eineMa­donna" in Holz geschnitten. Bon dem nicht weniger angefeindeten Pechstein kennen wir ein MosaikAnbetung", das zu seinen besten Schöpfungen zählt. HeckelsMadonna", für eine Kriegs- Weihnachtsfeier auf Behelfsmaterial (Zeltbahnen) gemalt, hängt jetzt in der Rationalgalerie. Dielen schönen Gemälden und Zeich­nungen von S a e ck e l liegt das gleiche Motiv zugrunde. Schmidt-Rottluff, Heckendorf, RohlfS, Otto- lange. Melzer, Eberz, Achmann, Capek und unge­zählte andere haben verwandte Werke an hervorragender Stelle ihres Gesamtfchaffens aufzuweifen. Selbst Kubin ist auf seinen wunderlichen Wegen zum Stosskreis der Christgeburt gekommen, und die Maria in Kokoschkas «Ruhe auf der Flucht" nimmt geradezu eine Sonderstellung im Schaffen dieses aufpeitschendsn Künstlers ein. So innig abgeklärt ist die Hingegebenheit an ihre Sendung, so rein die lichte Mutterffchönheit herausgebracht.

Die Christgeburt muh also doch wohl auch unsere heutigen Künstler unentrinnbar gepackt haben. Sonst könnten die erwähnten und viele anderen Werte nicht so elementar bannen. Das aber tun sie überall da, wo der Betrachter sich mit den formalen Reuheiten dieser Kunst auseinandergesetzt hat. Wer ihnen mehr alS ein offenes Auge entgegenbringt, nämlich fern ganzes, auf» nahmebereites, hingabesreudiges Selbst, der kommt von ihnen nur schwer wieder los.

Woran liegt das? Was befähigt dies« als profan oder rationalistisch verrufenen Künstler, eins der edelsten Gebiet« schöpferischen Gestaltens um Werke zu bereichern, die schon heut« nicht mehr daraus wegzudenken oder wegzudebattieren sind?

Der Künstler ist immer irgendwie der Sprecher seiner Zeit. Sein Werk ist der Riederschlag des Gesamtempfindens dies« Zeit, oft vorahnend, oft Erlebtes aus tiefster Verinnerlichung heraus nachfvrmend. Bringen wir aber das Geschehen und Er­leben der letzten Sahrzehnte auf eine konzentrierende Forme!, so wirb dieseMuttergefühl" heißen müssen. Wobei der bitterste Mutterschmerz, das härteste Mutter-Entsagen heute wie immer schließlich doch wieder von Mutterzuversicht und neuem Muttersehnen überwunden werden. Der Künstler aber, sofern seine schöpferische Kraft hinreicht, ist berufen, diesem Empfinden einer ganzen Epoche Ausdruck zu geben.

Run ist aber alle Kunst Religion, natürlich in einem höheren Sinne als dem eines eng abgegrenzten Dogmas, Lind Kunst wird in diesem Sinne immer um so mehr Religion sein, je stärker sie sich mit den grundlegenden Menschheits fragen befaßt. Der wahre Künstler mag irgendwelcher Orthodoxie so fern oder so nahe stehen, wie er will, int Grunde wird er stets, ebenso wie der uneingeschränkt Genießende, jenen Schöpferkräften ver­wandt mtd verbrüdert sein, die uns in den Evangelien das Marienleben und die Geschichte der Christgeburt erstehen liehen. Darum wird uns auch der BegriffMadonna" immer heilig sein um unserer eigenen Mutter willen. Lins und den Kom­menden, weil er die Grundlage allen Seins und Fvrilebens ist, weil er dem ethischen Suchen und Erlernen immer der Eckpfeiler des ganzen Menschheitsgebäudes sein wird.

Damit liegen Sinn und Ziel der neuen Madonnenkunst offen vor uns. Sie sind, in wenig Worte gefaßt: der Sinni die Erhabenheit des Muttergedankens wach und wirksam zu er­halten, das Ziel: den Müttern, die um ihrer Zeit willen Schwerstes in nie geahntem Ausmaß tragen und für die Zu­kunft verantworten mußten, ein leuchtendes Denkmal zu errichten!

Der Schlesische Bote.

Don Walther Heering-Sena.

Angelus Silefius, den schlesischen Boten, hat Sohann Scheffler (geb. 1624 zu Breslau) sich seilLst genannt. Gr ist wie Paracelsus Mediziner, 164952 Leibarzt des Herzogs von Württemberg-Oels und nach seinem Liebertritt zur katholischen Kirche Hofmedikus Kaiser Ferdinands III.; 1661 tritt er sogar in den Minoritenorden ein und wird fürstbischöflicher Rat. Am 8. Suli 1677 starb er im Kreuzherrnstist St. Matthias.

Gr ist uns kein Linbekannter, der uns das schöne KirchenliS Mir nach, spricht Christus, unser Held" gedichtet hat; aber das Bekannteste und Schönste, was wir von ihm haben, sind feine Sinn- und Schlußreime, seinCherubinischer Wandersmann". Der Leser dieser tiefsinnigen Reime soll gleichsamwie ein Cherubin mit unverwandten Augen Gott anschauen", so erklärt der Dichter diesen sonderbaren SiteL Sch gebe im folgenden einige der schönsten von diesen Sinnreimen des Cherubini­schen Wandersmannes wieder.

Richt- ist, das dich bewegt / Du selber bist das Rad / Das nutz sich selbsten laufft und keine Ruhe hat.

Du selber machst die Zeit: Das Lihrwerk sind die Sinnen / Hemstu die Linruh nur / So ist die Zeit von hinnen.

Sch selbst muß Sonne Fehn / Sch muh mit meinen Strahlen Das farbenlose Meer der gantzen Gottheit malen.

Halt an, wo lauffstu hin / Der Himmel ist in bir/ Suchst» Gott anderswo / Du fehlst ihn für und für. ,

»

Sn Gott ist nichts erkandt/Gr ist ein einig Gin.

Was man in ihm erkennt/daS muß man selber sei* Wird Christus Sausend mahl zu Bethlehem gebvhrvt ilnb nicht in dir/du bleibst noch ewiglich verlvhreNt *

Ein wesentlicher Mensch ist wie die Ewigkeit/ Die unverändert bleibt von aller Aeußerheit.