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den schönen Tagen, da im Bahetal die Bäume mit Blüten überdeckt waren und die Vögel früh vor Tage auf den Bäumen sangen.
Den Sonntag-nachmittag brachte Michel in der guten Jahreszeit bei dem Fährmann zu. Er sah neben ihm auf einem Baumstamm, der unmittelbar am Ufer lag. Verki-üppelte Weidenbäume stehen am Ufer, sie stehen mitten in Schilf und Gras. Leise schaukelten die beiden Bachen, die dort angekettet waren. Kam jemand, der übergefahren sein wollte, so sprang Michel in einen Bachen, ergriff die Stange, und leise glitt das Fahrzeug über die Flut. War Bikolaus Sachs mit Fischen beschäftigt, so half Michel ihm dabei. Er konnte die halbe Bacht am Wasser sitzen, um auf das Betz achtzugeben, und freute sich, wenn er schöne Fische aus dem Flusse zog, die dem Fischereipächter abgeliefert wurden.
Ztvar viel Unterhaltung fand er bei dem Fährmann nicht, der blieb immer einsilbig, aber er war dem jungen Manne gutgesinnt. Er schenkte ihm ein Messer, das er vor Jahrzehnten! auf dem Oberstreiter Markte gekauft hatte, und wenn Michel etwas später als gewöhnlich kam, so fragte er wieder wie einst vor Jahren: „Wo bist du so lange geblieben?"
Es war schon im Juni, und der Dust des gemähten Heus durchzog das Tal, da fasten die beiden wieder einmal auf ihrem Stamm am Wasser. Es war an diesem Tage ein geringer Verkehr auf dem Fluh; denn die Feldarbeit hatte die Leute in der Woche, die voranging, so müde gemacht, daß sie am Sonntag ausruhten. Der Fährmann besserte sein Betz aus; und Michel hatte seine Angelrute in das Wasser gesenkt, um einige von den kleinen Fischen zu fangen, die dicht am Ufer schwammen, da stand auf einmal am jenseitigen Ufer ein kleiner Mann, der lebhaft mit seinem Spazierstock winkte und rief: „Bikela, auf, hol über!"
Michel sprang in den Bachen und fuhr nach dem anderen Ufer. Der Mann, der vorsichtig, beinahe ängstlich den Fuh in den Bachen setzte, hatte die Schirmmütze tief in das Gesicht gezogen und war glatt rasiert, Michel kannte ihn von der Treibjagd in Duchroth her, es war der Makler Valentin Metz aus Obermoschel. Bei der Jagd war er zwischen den Jägern hin und her geeilt und hatte versucht, Geschäfte zu vermitteln, namentlich Aecker anzubieten, ohne dah er damit Erfolg gehabt hätte. Metz machte austerdem Geschäfte in Kartoffeln, Getreide, Wein, Vieh, und war auch als Heiratsvermittler bekannt. Menn die Handelsleute von Kreuznach. Dingen und Kaiserslautern kamen, so gingen sie zuerst zu dem Makler. Der ging mit ihnen in den verschiedenen Dörfern zu den Dauern und entfaltete eine große Bedefertigkeit, um das Geschäft zustandezubringen. Wurde er abgewiesen, so kam er drei-, auch viermal wieder, dabei wußte er alle Beuigkeiten und kannte alle Welt.
. „Warm Wetter heute," sagte er zu dem jungen Mann, den er nicht kannte, „da wird das Heu bald daheim sein."
Als er den Fährmann erblickte, rief er: „Ba, Bikela, immer fleißig, werktags und Sonntags?"
Der Fährmann knurrte etwas vor sich hin, er schien keine, Lust öu haben, sich mit dem Makler in ein Gespräch einzulassen.
„Ich hab' heute Geschäste im Ort," sagte dieser im Weiterschreiten.
„Der alte Schlechtschwätzer wird den Bauern Wingertspfähle aufhängen wollen, oder er will Mein kaufen," meinte Bikolaus und flickte weiter an seinem Betze.
Langsam und gravitätisch, tote das einem Manne geziemt, der viele Bekannte hat und etwas auf sich hält, schritt Metz durch das Dorf, rechts und links Grütze austauschend und die Leute, die vor den Hostoren standen, anredend. Er machte zuerst einen Umweg durch mehrere Gassen und ging dann direkt in das Haus des Peter Wenzel,
Dieser hatte, da es warm war. den Rock ausgezogen und sah in Hemdsärmeln am großen Tische in der Wohnstube. Er hatte vor sich eine Schiefertafel, auf der er die Löhne ausrechnete, die er in den letzten Wochen seinen Mkngertsleuten ausgezahlt hatte. Ehristine war zu einer Freundin gegangen, die Mutter stopfte am Fenster in der Wohnstube Strümpfe und sah zuweilen auf die Straße.
, -Wünsch' guten Tag beisammen,. sagte der Makler, na, ihr I seid ja beide fleißig.“ I
setzte er sich auf die Lehnenbank, die hinter dem fische stand. Das Ehepaar war über diesen Besuch überrascht- denn im Augenblick war nichts zu verkaufen.
«Heiß Wetter heute." fuhr Valentin Metz fort und wischte sich mit dem roten Taschentuch über die Stirn. „Diesmal kommt das Heu gut heim, und wenn das Wetter so bleibt, so haben wir m fünf Wochen Ernte. Ich war heute morgen in Bingert und in Feil heruntergegangen, alles im Feld steht'gut."
Auch an diesem Tage war er mit Beuigkeiten gespickt, die gab er nun zum Besten.
»Habt ihr es schon gehört, in Alsenz ist in der vorigen Woche em Mann, dem alten Hannewald sein Schwiegersohn vom Heuwagen gefallen und hat sich zwei Rippen gebrochen. Gestern | haben sie den Wundarzt Bagel von Odernheim geholt, daß der
i^n Kurieren soll. Der Bagel ist ein geschickter Mann, der macht eine Salbe, mit der er alles heilt, und die reichen Leute kommen von weit und breit, wenn ihnen etwas fehlt. And deq Jakob Lippert in Hallgarten hat einen Brief von Amerika bekommen. Dort ist sein Bruder gestorben, der vor zehn Jahren tocggcgangen ist und hat ein kolossales Vermögen hinterlassen. Jetzt kann der Jakob seine Schulden bezahlen und sich eine neue Scheuer bauen, die alte fällt bald ein. Wart ihr denn nicht ™ Kreuznach um die Weltuhr zu sehen, die im „Rheinischen Hof ausgestellt ist? Das ist wirklich ein Wunderwerk. So groß m die Ahr, daß sie fast die ganze Wand des Tanzsaales aus- suut. Menn sie schlägt, kommen allerhand Figuren heraus, und oben steht ein Gockelhahn, der bei jedem Stundenschlag mit den Flügeln schlägt und kräht."
„Mir haben jetzt keine Zeit, um in die Stadt zu gehen." erwiderte Frau Wenzel, „Werttags haben wir unser eArbeit und Sonntag sind wir müde."
„Mas nicht für Sachen in der Welt passieren," fuhr Metz fort, „vor vierzehn Tagen ist in Fürfeld ein Haus abgebrannt, und wie sie den Schutt toegräumen, finden sie eine Kassette mit allem Gold, Brabanter Gulden, preußischen Talern und frag- zosljchen Doppelkrvnen. Man meint, daß dort einmal in der K/iegszeit einer sein Vermögen versteckt hat, dann gestorben ist, ohne seinen Leuten zu sagen, wohin er das Geld gebracht hat. Ja, es gibt reiche Leute in unserer Gegend. Gestern war ich mit eurem Detter, dem Christoph Wild aus Obermoschel in Kriegs- feld auf Holzversteigerung. Der ist ein schwerreicher Mann, er hat 80 Morgen Land und hat drei schwere Gäule im Acker gehen. And was hat er für Geld ausgelehnt!"
Es gibt Menschen, die prahlen gern, auch wenn sie selbst nichts haben, mit dem Reichtum anderer Leute. Zu ihnen gehörte auch der Matter, wenn das bei ihm auch durch seinen Berus bedingt war. Er konnte sich in der Regel nicht genug tun, den Reichtum anderer auszuposaunen.
„Jetzt hat der Christoph bei dem Sattler Kuhn in Kreuznach ganz neues Pferdegeschirr bestellt und, wie man hört, macht er die nächste Woche nach Kaiserslautern, um eine Chaise zu kaufen. Ja. die Leute können das. Die Tochter hat ins Haus geheiratet, aber der Hannes kriegt, wenn er heiratet, eine schöne Sache mit. Alle Schrännke hat seine Mutter mit Getüch gefüllt, das er einmal kriegt, und einen ganzen Erntewagen Möbel bekommt er. Was der Christoph allein mit seinem Branntwein verdient, das ist mehr, als ich das ganze Jahr mit meinem Maklergeschäft verdiene."
Peter Menzel und seine Frau überlegten, während der Makler dieses Loblied fang, was er wohl für ein Anliegen habe. Schließlich dachten sie, er wolle irgend etwas zum Verkauf anbieten. Aber noch war nicht ersichtlich, was der redselige Mann im Schilde führte, er verweilte immer noch bet dem Reichtum des Christoph Wild.
„So schönes Vieh hat keiner in der ganzen Pfalz, wie der Christoph. Was die Frau nur für Butter macht, das glaubt kein Mensch. Die Händler reißen sich um ihre Ware. Es sind auch brave Leute, die Alten tote die Kinder, am bravsten aber ist der Hannes. Der ist ruhig und still und trübt kern Wässerchen. Er hat seither nicht geheiratet, weil er seinem Vater bei der Arbeit helfen wollte, ihr wißt ja. daß man in der Kriegszeit keinen guten Knecht kriegen konnte. Der Hannes ist auch ein angesehener Bursch, er hat Dell an der Ober- moscheler Jagd. Jetzt möchte er auch heiraten, die ihn einmal kriegt, die hat es gut.“
Mit einem Male wußte das Ehepaar, wohin der Makler wollte. Dieser ging nun nach der langen Einleitung auf sein Ziel los.
„Tanzen tut der Hannes nicht, das ist ihm zu dumm. Er sagt, wenn er die Leute tanzen sähe, so meine er, es wären Darren. Er geht auch wenig unter die Menschen, am liebsten, sitzt er zu Hause bei feinem Vater und seiner Mutter. Bis jetzt hat er keine Heiratsgedanken gehabt, aber fein Vater und ferne Mutter meinen, es sei jetzt für ihn Zeit. And sie meinen auch, Eure Christine täte gut zu ihm passen. Aeberlegt es Euch einmal, Wenzel mit Eurer Frau, und twmt es Euch recht ist, kann der Hannes einmal nach Biederhausen kommen."
Boch mancherlei redete der Makler von Wind und Wetter und von reichen Leuten. Wenzel holte Wein, die Frau brachte Brot und Schwartemagen, der kleine Mann atz, dann ging er weg und sagte, indem er sich für die Aufwartung bedankte: „Also, überlegt es Euch und schickt dann jemand nach Obermoschel, der mir Antwort bringt.“
Peter Wenzel hatte bei der Rede des Mannes seine Pfeife ausgehen lassen, und seine Frau hatte den Strumpf den sie gerade stopfte, auf das Fensterbrett zwischen die Blumen gelegt.
«Zsau, was hälft du von der Sache?" fragte der Mann.
»Die Christine ist zweiundzwanzig Jahre alt," gab diese jur Antwort, „und einen Tochtermann müssen wir ins Haus haben. Wenn wir jetzt keinen tüchtigen Knecht hätten, so wüßte ich nicht, wie es mit der Arbeit gehen sollte. Wir zwei werden alle Tage älter."
(Fortsetzung folgt.)
Schriftleituna: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brübl'schen Anin -Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


