Ausgabe 
28.2.1925
 
Einzelbild herunterladen

- 67 -

Da wurden bte beiden jungen Leute rvt, verlegen schob Christine das Garn, das vor ihr lag, hin und her, und Michel mußte plötzlich den Schnürriemen an feinem Schuh festbinden.

Ms sie weggingen, begleitete sie der Kaufmann bis zur Tür, die Ladenklingel bimmelte, und der Abschiedsgruß des munteren Mannes war:

/Braucht ihr was zum Hvchzeitsfeste,

Bei mir kriegt ihrs aufs allerbeste."

Die Unbefangenheit der beiden war dahin, als sie wieder aus der Straße standen. Christine erklärte, daß sie noch einem Gang zu einer Frau, die Sämereien verkaufte, tun müsse, und Tagte zum Michel, ohne ihn dabei anzusehen:Du kannst ja in denAdler" gehen und sehen, ob die Dersteigerung zu Ende ist."

Michel ging nach dem Gasthause zurück. Die Versteigerung war noch nicht zu Ende, noch hörte man, wie der Notar mit dem Hammer auf den Zisch schlug, wie die ©feigerer riefen: dreihundert Gulden, dreihundertundzwanzig, dreihundertund- dreißig Gulden und wie der Notar durch den Saal rief: Wer Bietet mehr, zum ersten, zum zweiten, zum dritten. Bei diesem Morte schlug der Hammer auf, der Zuschlag war damit erteilt. Ms es schon dunkelte, kamen die Männer truppweise aus dem Saale, sie waren von dem Geschäfte erregt und sprachen laut durcheinander.

Nasch füllte sich das große Gastzimmer. ES war ein schön ausgestatteter Naum. die Weißen Vorhänge waren hevabge- zogen, die Lichter brannten, die große Ähr, die dem der Eingangstür gegenüber ihren Platz hatte, zeigte auf halb sechs. Eilfertig liefen die Kellner hin und her, der Wirt stand hintey dem Schenktisch und leitete das Ganze. Wer durch den Hof ging, sah in die Küche, wo die Köchin hochroten Angesichtes am Herde hantierte, während die Küchenmädchen ihr zur Hand gingen.

Michel Klee hatte im Hofe auf seinen Herrn gewartet. Als der kam, nahm er seinen Knecht mit in das Gastzimmer und forderte ihn auf, sich neben ihn zu setzen. Nach einer Weile kam auch Christine, sie sah zur Türspalte herein und winkte dem Vater. Draußen sagte sie ihm. sie habe Kopfweh, er möge bald anspannen lassen. Das war dem Peter Wenzel doch verwunderlich, seine Tochter hatte nie Über Kopfweh ge­klagt, auch dann nicht, wenn sie von morgens vier bis abends neun Uhr gearbeitet hatte. Das Kopfweh Überließ sie sonst alten Weibern, die Zeit hatten, sich mit ihrer Krankheit zu beschäftigen.

Dann geh doch wenigstens einmal herein und trink von dem Hinkelsteiner, den ich bestellt habe", sagte der Vater.

..Ach Vater, drinnen ist der Tabaksgualm so dick, daß ich es nicht aushalten kann. Ich gehe noch einmal zum Bäcker Filtzinger und hole für die Mutter ein paar mürbe Wecke."

Komische Weibsleute," sagte der Alte,jetzt fängt sie auch schon an."

Kopfschüttelnd ging er in das Gastzimmer.

Eine halbe Stunde später fuhr man ab. Es war Neumond und deshalb dunkel. Kaum ein Wort wurde auf der Heim­fahrt gesprochen. Wenzel war von dem Weine, den er probiert hatte, müde geworden und schlief in der Schlittenecke. Michel mußte auf die Pferde achtgeben. und Christine hatte Herz­klopfen. So vergnügt sie am Nachmittage auch mit dem Knecht gesprochen hatte, jetzt war ihr der Mund verschlossen.

Solange der Frost herrschte, konnte in Feld und Wingert nichts unternommen werden. Peter Wenzel ging in diesen Tagen viel zur Jagd, er wurde von den Jagdpächtern der Um­gebung oft zur Teilnahme am Sagen eingeladen. Der Guts­besitzer Johann Michael Günther von Bingert hatte die Jagd auf dem Lemberg- gepachtet. Dort hatten im vergangenen Jahre die Füchse großen Schaden, besonders an den jagdbaren Vögeln, angerichtet. Nun sollte den roten Räubern zu Leibe gegangen werden. Günther lud seinen Freund Wenzel zur Fuchsjagd ein. Ms Michel das hörte, wurde er ganz erregt; denn alles, was mit der Jagd zusammenhing, beschäftigte ihn auf das lebhaf­teste. Sonst arbeitete er still, ohne ein Wort zu sprechen, jetzt aber fragte er im Hof. im Stall und beim Essen:Herr, wann ist die Fuchsjagd?" Sind viele Füchse in den Bauten auf dem Lemberg?" In Spanien habe er in einem alten Gemäuer Füchse geschossen. Wenn er jetzt einen Fuchspelz habe, so werde er sich eine Pelzkappe machen lassen. Schließlich sagte Wenzel lachend:Na, Michel, wenn du willst, so kannst du mitgehen. Uebermorgen sollen die roten Burschen gefaßt werden."

Am Tage der Jagd stand Michel eine Stunde früher auf als sonst, um seine Arbeit richtig zu erledigen; dann fuhr er mit seinem Herrn über die Nahe und stieg mit ihm hinauf nach dem Lemberg. Auf der Höhe trafen sie Günther und den Förster Stoppelbein von Bingert. Weit hinaus geht dort der Blick; er geht hinunter nach der Nahe, die sich scharf nach Westen tvendet, herunter nach den Dörfern Oberhausen und Duchroth, deren Häuser tote Kinderspielzeug anzusehen sind. Der Fluß glänzt wie ein weißes Band, Aecker und Weinberge treten hervor, als ob unten die Flurkarte, in der sie eingezeichnet sind, offen läge.

Die Fuchslöcher befanden sich da, wo der Lemberg steil nach Oberhausen abfällt. Eifrig suchten die Jäger nach den Löchern, die in den Dau sührten. Mit Steine ntzmd Erde wurden

sie alle bis auf zwei verkeilt, dann zündete man Stroh an und ließ den Rauch in das eine Loch hineindringen. Dor dem anderen stand Günther mit ^unfertigem Gewehr. Aber der Rauch mußte nicht recht voigedrungen sein; denn Meister Reinecke wollte nicht kommen. Da blieb nichts anderes übrig, als daß man einen der beiden Dachshunde, die Günther mitgebracht hatte, in den Bau eindringen ließ. Mit wütendem Gekläff ging! der Hund in die Röhre, an den Tönen, die er von sich gab,merkte man alsbald, daß er mit den Insassen des Baues aneinander- geraten war. Es dauerte auch nicht lange, da steckte ein Fuchs feinen Kopf aus dem Loch. Kaum war das geschehen, da krachte auch schon der Schuß, und der Feind der Fasanen und Feldhühner war erledigt. Sehr zerkratzt kam der Dackel zum Vorschein, fein Herr streichelte ihn und lobte ihn. So ging es noch mehrere Male, bis vier der Räuber unschädlich gemacht worden toaren. Deut Michel wurde einer der Bälge für eine Pelzkappe versprochen.

Auf dem Heimwege bogen die Jäger um ein abgehetztes Stück, da blieb der Förster plötzlich stehen, beugte sich zur Erde und sagte:Da haben wir es, Herr Günther, da sind wieder richtige Fasanenschlingen."

Alle drängten sich herzu und gewahrten am Boden mehrere Drahtfchlingen, die offenbar angelegt werden, um damit Fa- fanen zu fangen.

Es ist mir schon lange so gewesen, als ob es im Walde nicht mit rechten Dingen zugehe," sagte der Förster,die Fa­sanen sind immer toeniger geworden, da treiben Wilddiebe ihr Unwesen."

Daran ist nach allem, was wir hier sehen, nicht mehr zu zweifeln," sagte Günther,eine Schande, wie die Burschen die? arme Kreatur zu Tode quälen."

Nun will ich es ihnen auch sagen,"fuhr der Förster fort, daß ich vor vier Wochen hier in der Nähe einen angeschos- fenen Hasen gesunden habe. Er hatte eine Schrotladung in die Hinterläuse bekommen und war am Verenden."

Wer kann das fein, 5er hier sein Unwesen treibt?"

Das kann ich nicht sagen, Herr Günther. Ob es Tagediebe aus Oberhausen, oder Feil oder Bingert sind, ich weiß es nicht. Der Kerle haben im Krieg gelernt, mit dem Gewehr umzu­gehen. Ich habe mich schon manchmal, seitdem ich den Hasen entdeckt habe, auf die Lauer gelegt, aber ich habe nichts ent­decken können. Es ist keine Ordnung mehr in den Gemeinden."

Mißmuttg gingen die Jäger weiter. Da, wo das freie Feld erscheint, trennten sich Peter Wenzel und Michel Klee von den anderen und stiegen hinunter in das Tal, too sie Nikolaus Sachs übersetzte.

IV.

Die Frühlingssvnne leuchtete in das Nahetal herein, und der Lemberg trug wieder sein grünes Kleid. Längst hatte man mit der Feldarbeit angefangen, aber auch die Arbeit in den Win- gerten war im Gange. Michel Klee arbeitete mit besonderer Vor­liebe in dem Aebgelände seines Herrn. Zuerst wurden die Reben geschnitten, alles überflüssige Holz, das vom vorigen Jahre ge­blieben war, wurde mit der scharfen Rebschere entfernt und zu Wellen zusammengebunden. Nun ging es an das Hacken. Mit dem großen, schweren Karst wurde der steinige Boden bear­beitet, so daß alles Unkraut entfernt wurde. Unten im Tale fängt man an und steigt immer höher hinauf. Das ist keine leichte Arbeit; denn der Karst ist schwer und der Boden ist hart. Aber es ist eine fröhliche Arbeit. Man steht dabei im Frühllngs- sonnenschem, schaut hinunter in das Tal, sieht die Leute auf den Feldern hantieren und auf der Straße vorübergehen, man grüßt einander von weither mit lautem Zuruf. Wenn dann die Abendglocke läutet, wenn von allen Schornsteinen Rauch auf­steigt und die vom Felde unter dem Geleite des Hirten heim- kehrenden Gänse schnattern, geht man mit müden Schritten nach Hause.

Frühlingshoffnung regte sich auch in dem Herzen des Knech­tes, der frohgemut im Wingert arbeitete. Michel war immer vertrauter in den Gliedern der Familie Wenzel geworden. Der Hausherr und seine Frau hielten große Stücke auf ihn, und er hatte toahrgenommen, daß Christine ihm stille Zuneigmrg ent­gegenbrachte. Zum erstenmal hatte er das in Kreuznach bei der Weinversteigerung gemerkt. Eine stille Hoffnung keimte in seinem Herzen auf. War es ausgeschlossen, daß er eines Tages mit Christine vor den Traualtar treten und bann als Schwiegersohn seines jetzigen Herrn auf dessen Feldern arbeiten würde? Er wußte, daß kein junger Mann im Dorfe war, dem die Fa­milie Wenzel Zutrauen entgegenbrachte. Freilich, er war nur ein armer Knecht, der Standesunterfchied würde im Dorfe sehr empfunden werden. Aber wie oft war ihm und seinen Ka­meraden ivährend seiner Soldatenzeit gesagt tvorden, daß Sol­daten von niederer Herkunft, wie Ney, Lefövre und Beriradotte, es zu den höchsten Ehrenstellen in der Armee gebracht hatten. Der- Svbernheimer Bürgermeister war als Schmiedgefelle in das Dors eingewandert, der reiche Weinhändler Hammerschmidt in Kreuz­nach war der Sohn eines armen Hutmachers. Wie wollte er­arbeiten und das Gut mit allem Fleiß bewirtschaften, wenn ihm das Glück in den Schoß fallen würde, daß Christine feine Ehefrau wurde. Sv ging die Hoffnung mit Vern Jüngling in