Ausgabe 
28.2.1925
 
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Chor der Toten.

Von Conrad Ferdinand Metzer.

Wir Toten, wir Zoten sind größere Heere, als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere! Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten, ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten, und was wir vollendet und was wir begonnen, das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen, und all unser Lieben und Hassen und Hadern, das klopft noch dort oben in sterblichen Adern, und was wir an gültigen Sätzen gefunden, dran bleibt aller irdischer Wandel gebunden, und unsere Töne, Gebilde, Gedichte, erkämpfen den Lorbeer im strahlenden Lichte; wir suchen noch immer die menschlichen Ziele drum ehret und opfert! denn unser sind viele!

sterbe er anständig!" Der Schwerverwundete verstummte sogleich, und still und schweigend ging er in den Tod ein.

Für uns muß die Mahnung des großen Tages sein, für dn.enJ^en unter uns, soweit er noch deutsch fühlt und eine gute Gesinnung hat:Lebe er anständig!" Sa, lebe er anständig wo er stehe und was er tue, sei er Steinklopfer oder Minister, Mann oder Weib, jung oder alt.

Lebe er anständig! Aus der großen heiligen Anständigkeit! der Seele und des Geistes heg ganzen Menschen und des ge­samten W>lkes blüht dann die große Standhaftigkeit und die Lleberwinderkraft für alle Zukunft.

- Opfer.

Von Reinhold Braun. >

Nur wer sich zu opfern Weitz, ? lebt sein Leben ganz,

und es ist in seinem Kreis eingeweihter Glanz.

Die Geschichte lehrt, daß alle Völker zu Größe und Ruhm gelangen, die den Akt des Opfers als den höchsten fetzten, die mit der ganzen Inbrunst der Volksseele sich völlig ergreifen ließen von der Sakralwelt des Opfers.

And jedes Volk bestand im Sturm der Zeiten, in dessen Blut und Geist das Mysterium des Opfers webte und waltete. Und es wurde von seinem Genius verlassen, wenn es von diesem höchsten völkischen Werte lieh.

Damals, als das ungeheure über uns hereinbrach, waren wir als Volksganzes eingegangen in den Hochwert des Opfers, liehen uns tragen wie von einer gewaltigen Woge, die gleichsam das Gefühl von Millionen darstellte. Es war eine große Zeit, und keine Parteipolitik und kein Niederbruch können an der Größe dieser Zeit etwas ändern oder schmälern. Wir wollen stolz darauf sein, daß wir das erlebten, und wollen uns nicht der Tränen schämen, die wir wohl in heiliger Begeisterung weinten. Wir standen damals ganz im Glanze der Opferwelt und damit des deutschen Genius. Denn das Opfer ist und bleibt sein höchster Ausdruck, die Offenbarung seiner innersten Mächtigkeit.

Und edel und schön in Verklärung überstrahlt von jener er­habenen Welt der liebenden Hingabe und der Selbstaufopferung stehen alle die, die mit Leib und Blut die Heimat deckten, die sich ganz einsetzen für das, was wir Deutschland nennen. Und je mehr wir uns entfernen von jener Zeit, desto größer erscheinen uns die, die für uns starben, desto reiner und glanzvoller wird das Licht, in dem sie stehen.

Es gibt nicht nur ein Auseinanderwachsen von Lebenden und Lebenden, sondern auch ein Auseinanderwachsen von Lebenden und Toten. Diese Erkenntnis steht wie ein dunkler Schatten in den Stunden des großen Gedächtnistages.

Wir haben uns als Volk fortgelebt von unseren großen Toten. Das zu erkennen und zu sagen, verlangt die Ehrlichkeit unseres Gewissens. Wir haben uns gleichsam in eine Niederung hinuntergelebt, und fern in der Höhe steht der Glanz jener großen I Tage und die Gröhe des Opfertodes der besten Deutschen. Das ist eine bittere Wahrheit, von der wir uns ganz ergreifen lassen müssen, die uns gleichsam niederdrücken muß, vor der wir in ! die Knie finken müssen! And das D gut! Das zeigt noch, daß I wir Gewissen haben, daß noch die Seele in uns Macht hat. Trotz allem, was wir erlebten in den letzten Jahren unö in der letzten Zeit an Feilheit und Käuflichkeit, an Verantwortungs­losigkeit und Gesinnungstiefstand.

So muß der Gedächtnistag zu einem Bußtag werden, und I seme Stunden müssen Stunden heiliger Einkehr sein. Es mutz ein Schatzgräbertag großen Stiles werden, an dem wir das noch herausholen, was an Snnenwert in uns ist, an Liebe und Treue, I ^ Tüchtigkeit und deutschem Wesen. 3n innerster Zerknirschung | wollen wir uns die Hände geben und neues Wesen geloben, durch j das wir uns wieder ganz nahe an die Größe unserer Toten I heranleoen. Der Tag muß der innersten Versenkung dienen in I MS Geheimnis des Opfers, des großen Erkennens der unvergäng- I luyen Werte, die in einem Volke walten müssen, wenn es seinen I Platz im Ringe der Völker behaupten will. Sa, in die Knie soll I nnS der Tag zwingen! Hat er das getan, dann aber wollen wir 8 ausstehen in der Bewußtheit großer Verantwortlichkeit für Gegen- I tooti itn& Zukunft, als die innerlich Geeinigten und die durch I Has Gedenken unserer Toten Geweihten,

, Fried^ch der Große rief einmal einem sterbenden Fähnrich I m der Schlacht zu, als dieser vor Schmerzen schrie:Sunfe'r,

r Kokoschka.

| Eine Erinnerung von W. Appelt.

Oskar Kokoschka, einer der Führer unserer moder- | «en Kunst, hat seiner Wiener Heimat schmollend den

I Rücken gekehrt, nachdem dort eines seiner Frühwerke

I durch Messerstiche brutal zerstört wurde. Sein Ent-

I schluh, sich im Auslande niederzulassen, weckt die

I , Erinnerung an ein selten starkes Erlebnis.

I _ N^ai 1920... Eröffnung der Deutschen Künstlerbundausstel- I lung IN Chemnitz... Geladene Gäste...

| Emer bittet ums Wort, den keiner kennt. Eine schlanke Ge° I stalt, jung, so jung. Spricht lange nicht, will es nur. Heißem Be- I en Aiückt nur ab und zu ein Wort, selten oder nie ein Satz. I Man hört:... im Namen der Süngsten". Dann immer wieder I iange Pausen, in denen der Maler ein solcher muh es wohl I üs? - über uns alle hinwegsieht, starr, irgendwohin. Aber ein | Schmerz ist in dem Blick, oder ein Sehnen, oder beides.

I Er spricht vom Krieg. Dom aufwühlenden Erleben des Krie- ges. And von dem heiligen Künstlerdrang, diesem Erleben Formen I geben. Kürzer werden die Pausen, zusammenhängender wird I Hingerissen und ergriffen lauschen die Zuhörer jetzt

| den Worten, die mehr als Worte sind. Lauschen dem Klang der I satten, die sie in den tiefsten Tiefen des eigenen Sintern ange- s schlagen fühlen. And wissen, daß ein Bitten in dem Sprechenden I ist, ein Bitten in seiner Rede, die weniger ist als eine Rede, viel | weniger, aber doch auch ungleich mehr, ein Bitten in seinen

Augen, ein Bitten in seinen Händen, ein einziges großes, flehen­des Bitten in jeder Faser seines ganzen Selbst.Glauben Sie

I J*nS! Vertrauen Sie uns!... Versuchen Sie doch, mit uns zu ! Si - J ' ^ins leitet ja doch auch die elementare Liebe zur Schönheit, zur Schönheit, wie wir sie sehen." And plötzlich, un­vermittelt, schließt er mit dem inbrünstig herausgeschrienen:

Nehmen Sie uns ernst!"

gedämpft durch Fragen von einem zum andern. Schließlich der Vorsitzende:Sch danke Herrn Professor Ko­koschka ...

Ein Aushorchen und endliches Zurechtfinden. Kokoschka!

I Der lähmende Bann ist gebrochen, durch die Gewißheit dessen, was zuvor über ein Ahnen nicht hinausgekommen, aber i.- immerhin als Ahnen vorhanden gewesen war. And die Gewißheit greift weiter: Zu seiner Kunst mag jeder stehen, tote er will. Den Menschen aber mutz er zumindest ehren Wer offenbart so rückhaltlos fremden, profanen Ohren das pein- volle Aufgewühltsein seines Snnerften? Denn da war fein Zweifel: Wir hatten das flammende Bekenntnis eines bis zur Selbstaufopferung Ringenden gehört, eines, den nichts darin irre machen kann, vor sich selber ehrliche zu fein. Ehrlichkeit vor sich selber aber ist die erste Voraussetzung für die Ehr- Weit eines Schaffenden gegenüber dem Werk und denen, an die es sich wendet. Sst insofern die volle Rechtfertigung der üorderung, ernst genommen zu werden.

And nachträglich wußten wir: Wenn er über die Zuhörer wegblickt, dann ist er nicht mehr bei ihnen, dann blickt er ge­blendet der Schönheit ins strahlende Antlitz. Der Schönheit die er steht, und die freilich eine andere ist als die von Sahr- hunderten und Sahrtausenden überlieferte.

Wer von uns aber darf raschfertig eine Schönheit schlechthin leugnen, weil er nicht lernen will oder aus allzu enger Ver­strickung in Vorurteilen und Gewohnheiten heraus nicht lernen kamt, sie zu sehen? Wer hat dazu ein Recht?

Der Fährmann von Niederhansen.

Von Heinrich Bechtolsheim er.

(Fortsetzung.)

Als er die Tabakspäckchen vom Regal heruniernahm, de­klamierte er:

AB Reiter,

Drei Züg, do leit er,

Doch die Ware Knaster von Bingen, Sst das Beste von allen Dingen."

Den Michel kamite der Kaufmann nicht. Als er den hüb­schen und gutgekleideten jungen Mann neben dem Mädchen flehen sah, machte er ein schlaues Gesicht und sagte:

Heute verweilt an diesem Platz

Das Ehristinchen mit seinem Schatz."

haben die Einschläge, die uns ja ein gewohntes Geräusch ', für mich einen grausigen Klang. Die Lerchen so frühlingsmäßig über der Schüssel. Der Himmel ist

und blau, nur ein paar Wölkchen."