Eichener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1925 Samstag, den 28. Februar Nummer (Z
MIMMMIIIä II pWU. ..MtiC.,-LWEE2PHES
Das Vermächtnis-
Von Karl Brvger.
And so gewinnt sich daS Lebendige Durch Folg' aus K>lge neue Kraft, Denn die Gesinnung, die beständige, Sie macht allein den Menschen dauerhaft.
(Goethe.)
Alle lieben Brüder, die schon gefallen sind, Reden aus Stein und Scholle, sprechen aus Wolken und Wind.
Ähre Stimmen erfüllen mit Macht den Raum, Ähre letzten Gedanken weben in jedem Traum.
Wieder die Stimme, gehalten und priesterlich:
„Bruder im Leben, lebendiger Bruder, hörst du mich?
Schreibe: Wenn in würgender Schlacht ein Bruder fällt, Geht nur sein Leib verloren, bleibt doch sein Werk rn der Welt.
Daß kein wirkender Wille von seinem Werke läßt, Macht den Sinn des Lebens hiebsicher und kugelfest.
Brandgewölke, verzieh! Zerteil dich, Pulver dampf!
Stärker als alle Kämpfer ist ewiger Kampf.
Schreibe: Jeder gefallene Bruder wirbt
Reue Hände, daß sein verlassenes Werk nicht stirbt.
Darum ist der toten Brüder letztes Gebot:
Haltet das Werk am Leben, so ist kein Geopferter tot!
Trauertay,
Bon Professor v. Hans Schmidt.
Bor mir liegt ein Brief, den ich vom. Felde aus geschrieben habe. Er trägt das Darum „Schüssel, den 1. März 1916". Das war ein Steinbruch am Priesterwald. An die steilen Sandsteinwände der schüsselsörmigen Vertiefung lehnten sich Dretter- hütten, für jeden Zug eine und eine kleine für den Kompagnieführer. Das Dach und die ganze Vorderseite waren mit Busch und Tannengrün bedeckt, um den feindlichen Fliegern den Anblick zu verschleiern. Wer nicht Bescheid wußte, hätte denken können, es sei ein festlicher Schmuck.
Der Brief, den ich damals geschrieben habe — es waren die Tage der Kämpfe um Verdun — beginnt so:
„Eben habe ich etwas erlebt, was mir so zu Herzen gegangen ist, wie bisher noch nichts hier draußen. Mein Behrmann (das war mein Bursche) ist gefallen! Als ich heute mittag die kurze Karte an Dich schrieb, war gerade starkes französisches Artilleriefeuer. Auch in die Schüssel fielen fünf Granaten. Ich hatte gerade das Wort: „Es geht mir sehr gut!" geschrieben, als eine nicht weit von meinem Anterstand explodierte, so daß meine kleine Ordonnanz Zähne, der neben meinem Schreibtisch stand, sich niederkniete, um vor Splittern Schutz zu suchten. Es passierte nichts. Behrmann sagte noch: „Der Franzmann muh ja furchtbare Angst haben, daß er so viel schießt". Am 6 Ahr ließ ich einen Appell ausfallen, weil das unruhige Schießen noch immer nicht aufhörte. war die Zeit, wo die Leute Kaffee holen aus der Waldkilche, und Behrmann machte sich leider auch dahin auf, um für mich Kaffee zu holen. Wenn ich es gewußt hätte, daß er gehen wollte, hätte ich ihn zurückgehalten. Die Küche liegt am Waldesrand, keine hundert Schritt von uns. Während er mit zwei Mann dort stand, hat ihn eine Granate getroffen. Es kam einer zu mir und meldete mir: „Herrn Oberleutnants Bursche ist schwer verwundet." Sie hatten ihn in einen Anterstand in meinem dritten Zug getragen. Ich lief gleich hin natürlich. Er lag auf der Seite, die Krankenträger und die Leute um ihn. Ich sah sofort, daß hier keine Hi/fe war. Die Granate — ein sogenannter Blindgänger — hatte ihm den Rücken zerschmettert. Er war bei klarem Bewußtsein und hatte zuerst gar keine Schmerzen. Er sagte gleich: „Herr Oberleutnant, ich bin so schlimm getroffen; ich komme nicht durch." Dann sagte er: „Grüßt mir meine Frau und meine Kinder!" And dann nach einer Weile: „Ach, meine armen Eltern, ich bin schon der zweite Sohn, den sie in diesem schrecklichen Krieg verlieren!" Dann merkte man, wie er große Schmerzen bekam. Er biß sich in die Hand, um nicht zu schreien. Seine rechte Hand, die ich hielt, wurde ganz kalt, und Schweiß trat auf seine Stirn. Natürlich hatte
ich sofort nach zwei Aerzten telephonieren lassen. And so gut es ging, suchten wir mit Binden und Leinwand — das war alle- reichlich zur Hand — das Blut aufzuhalten. Mitten in seinen Schmerzen sagte er: „Run wünsche ich bloß, daß Herr Oberleutnant Glück hat." And dann mit einem Male, bittend: „Herr Oberleutnant, ein Gebet!" Da habe ich ganz langsam das Vaterunser gesagt: „Dein Wille geschehe" und „Erlöse uns von dem Aebel"". — Inzwischen waren die Aerzte beide da und gaben ihm Morphium; dadurch wurden die Schmerzen allmählich gelinder. Das letzte, was er, durch das Morphium halb betäubt, sagte, war: „Es muß einer den Ofen stochern, der geht sonst aus." Gr meinte den Ofen in meinem Anterstand,
Es wurde Wasser heiß gemacht; die Aerzte wollten eS versuchen, ihm einen Verband anzulegen und ihn nach rückwärts zu transportieren. Aber dann sagte der eine von ihnen: „Geh mal einer hin, das Wasser braucht nicht mehr warm gemacht zu werden!" And der andere hatte still seine Mütze abgenommen. Das taten wir alle in dem fast dunkeln, engen Anterstand, in dem eine einzige Kerze angezündet war.
Ich konnte den letzten Atemzug deutlich spüren. Dann lag er mit feinem treuen Gesicht, als wenn er schliefe. Run haben wir ihn in einen neugebauten Schuppen, der für Munition bestimmt ist, gelegt. Es war inzwischen dunkel; und der Orion, den ich ihm neulich mal gezeigt habe, stand in seiner stillen Pracht über den schwarzen Hügeln der Schüssel."
Es ist nicht nur das Datum des ersten März, das mir dieses Erlebnis vor die Seele ruft, und das mich veranlaßt, es wie ein stilles, schlichtes Denkmal an diesem Trauertag hier aufzurichten. Was damals — nicht im Brennpunkt der Ereignisse, sondern an einer sogenannten „ruhigen" Front — geschah, war das Alltägliche, es waren die kleinen 'Verluste, die gebucht, aber kaum gerechnet wurden. In diesem Alltäglichen aber, da offenbarte sich, was wir uns in Ehrfurcht gegenwärtig halten, wenn wir heute das Gedächtnis unserer Toten feiern.
Es hat auch solche unter ihnen gegeben, denen die Augen vor Freude am Abenteuer leuchteten, aber die meisten taten ihren Dienst anders, sie taten ihn still und schlicht. Sie waren keine „Helden" in dem Sinn, daß sie die Gefahr gesucht, daß sie nichts Lieberes gekannt hätten als den „Sturmangriff", den Kampf mit Handgranaten und aufgepflanztem Seitengewehr, mit Beilpicke und scharfgemachtem Spaten. Sie waren mehr — sie waren Männer, die in stiller Selbstverständlichkeit auf sich nahmen, was das ungeheure Schicksal ihres Volkes ihnen brachte.
Es wird einem warm ums Herz, wenn man an diese Männer denkt, an ihre ernsten und offenen Gesichter, an ihr furchtlose- Füreinander, an ihre eiserne Zuverlässigkeit. And manchmal ist es einem, als hätte man Heimweh nach ihnen, als wäre tn dieser Welt voll Sicherheit und Behagen etwas nicht da, was damals in den zerschossenen Gräben und kümmerlichen Unterständen um uns gewefen ist.
And es ist ja auch wahr — es ist ja nicht mehr unter uns: Anderthalb Millionen — und wir meinen immer, es seien die treuesten und besten von allen darunter — liegen ja draußen auf den kleinen Friedhöfen hinter den zerschossenen Wäldern. Aber dann sagt man sich, und das Herz richtet sich auf aus der Trauer und erhebt sich in Zuversicht —: Was wir dort draußen erlebt haben, was sich uns in den Besten offenbart hat in der Stunde, in der wir sie sterben sahen — das ist bas innerste Wesen unseres Volkes.
Wir feiern einen Trauertag. Wir wollen nicht vergesse«. Wir wollen Euer Bild lebendig in uns behalten, Ähr lieben Kameraden!
Aber wir möchten mehr als das; wir möchten in Gedanken an Euch unser selbst gewiß werden, möchten wachsen an dem, was Eures Wefens Vollendung war, der schlichten Treue, der Treue bis in den Tod.
„Heute früh" — so lese ich auf einer Karte, mit dem Datum „Schüssel, den 3.3.16“ — „haben wir vor Sonnenaufgang Behrmann auf dem Keinen Friedhof hierneben begrabe«. Hörsken hatte einen schönen ©arg für ihn gezimmert imd die anderen Burschen einen riesigen, dicken Tannenkranz geflochten. Zwei Bergleute haben sein Grab tief in den Stein gehauen. Auch der Major war trotz der Morgenfrühe da. Der Franzmann warf mitten in meiner Rede ein paar Granaten vor un8 in bett Wald, daß die Splitter rauschten. Seit Dehrmmm getroffen


