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Gustav Freytag.
§Zu feinem 30. Todestag, dem 30. April.) Don Dr. Friedrich Spreen.
' Der 30. Todestag jedes -Dichters, der auf ein dauerndes Fvrtleben im Volk Anspruch erheben darf, ist so etoxti wie eine Befreiung aus dem Gefängnis. Aus den schranken dre der im Lefitz des Urheberrechtes befindliche Verlag iwttoenbig ausrichten mutzte, werden die Werke nun erlöst und allen Verlegen zum beliebigen Neudruck überlassen. Ist der also Befreite Sd^tMteUei. wirklich ein Liebling des Publikums geblieben, dann überstürzen Kdw Abgaben, die an Güte oder Billigkeit miteinander wetteifern wie wir es kürzlich Bei Keller und Storm erlebt haben. Nunmehr erst wird der Autor Gemeingut der Nation, da seine Schöpfungen in mannigfachster Form überall bindringen. Fugleich aber naht die schwerste Probe für ferne Zukunft, denn er mutz nun erst zeigen, ob er in dem erlauchten Kreis der ^wahryafr Unsterblichen bestehen kann. Gustav Frehtag erfahrt ;etzt diese Gunst und Prüfung. Daß es an neuen Ausgaben feiner Werke nicht mangeln wird, dürfen wir getrost annehmen, denn schon vor Ablauf der Schutzfrist überliest sein alter Verleger Hirzel einem anderen rührigen Unternehmer die Veranstaltung einer, viel» verbreiteten Gesamtausgabe; ja, man stellte auch teinen Aussätzen unrechtmäßige sog. „NebenluftausgaBen" her, und sein kallur- aeschichtliches Hauptwerk ist uns jetzt in einem prachtvollen, reich illustrierten Gewände dargedoten worden. Eine andere Frage ist es, was heute noch von dem schon bei LeBzeiten so eifrig gelesenen und gefeierten Dichter, Geschichtsschreiber und ä,ages- schriftsteller drei Jahrzehnte nach seinem Hinscheiden, in einer so ganz anderen Zeit, bei einer so völlig veränderten Geschmacksrichtung. noch lebendig geblieben ist. ,
Die „Journalisten", die Krone seiner Dühneiychopfuiigen, werden auch heute noch gern gegeben, freilich als „historisches Lustspiel", und Behaupten so dieselbe zeitgeschichtliche Echtheit. Beseelte Stimmung und packende Klarheit, wie das andere „Beste deutsche Lustspiel", Lessings „Minna". Seine Romane, besonders das unverwüstliche „Soll und Haben", das Beim Erscheinen Len ersten großen Lucherfolg in Deutschland hatte, werden gern gelesen. „Soll und Haben" hat auch seine Feuertaufe im Film bestanden und den Stoff für ein ganz Prächtiges Lichtspiel geboten. Von den „Ahnen" finden sich einzelne Glanzstücke historischer Schilderung in den Lesebüchern, und in noch reicherem Matze natürlich aus seinen klassischen kulturgeschichtlichen „Bildern. Ja,'ganze Schullesebücher sind aus seinen Werken zusammengr- stellt worden. So lernt ihn die Jugend sogleich aus seinen besten Schöpfungen kennen, denn in diesen Meisterstücken deutscher Prosa, die auf dem Grenzrain von Dichtung und Wissenschaft zu blühender Reife gediehen find, liegt wohl seine entscheidende Bedeutung. Seine beiden Zeitromane werben weiter eine gesunde und bildende Pinterhaltungslektüre bleibech deren dichterischen Wert man nicht überschätzen darf. Die Jugend wird zu den romanhaft verklärten Gemälden der deutschen Geschichte in den „Ahnen greifen, der Erwachsene aber wird sich lieber an die „Bilder aus deutscher Vergangenheit" halten, an diesen köstlichen Schah echt volkstümlicher und doch streng fachlicher Kulturschilderung, der uns ebenso als ein besonderer Glücksfall beschert worden ist, wie des Tacitus „Germania" am Anfang unserer Geschichte'). Daneben wird hoffentlich das Freiwerden der Freytagschen Schriften auch einigen bisher noch nicht nach ihrem Wert verbreiteten Schriften zu ihrem Platz an der Sonne verhelfen, so seinem Lebensbild Karl Mathhs, einer der schönsten deutschen Biographien, und seinen glänzenden Shavakteristiken, Essays und Aufsätzen, die zum großen Teil dem Umkreis der „Bilder" mid seiner lebenslangen publizistischen Tätigkeit entstammen. Vor allem wird Gustav Freytag aber durch die Gesamtheit seiner Persönlichkeit weiterwirken, als „Erzieher nationaler,Gesinnung", als Darsteller deutschen Wesens und als deutscher Charakter.
Wie so oft die besten Deutschen von den bedrohten Grenzen kommen, so ist auch der Schlesier Frehtag auf dem uralten Kolo- nialboden des Ostens erwachsen, von früh an gestählt und befestigt in seinem Deutschtum durch den Gegensatz zu der slawischen Welle, die so nahe an seinen Lebenskreis heranbrandete. Sein Ideal von deutschem Wesen wurde wesentlich bestimmt durch das dunlle Gegenbild „polnischer Wirtschaft", von dem ziel- bewußter Kulturwille seine Heimat befreit. An der Heimat hing er mit zäher Treue, obwohl sein Schicksal ihn immer weiter nach Westen verschlug, -und es sind schlesische Züge, die dein besten Teil seiner dichterischen Begabung ausmachen: Die anschauliche BrzählnngSgabe, die gemütliche Wärme, der stille »ersonnene HNmdv Was SZK soitst schlesische Dichtep im Guten und Schlimmen auszeichnet, so schweifende Phantasie und verzückte Mystik, war ihm versagt. Ein heller nüchterner Verstand, der des Gelehrten und des Politikers, stand beherrschend über seinem Schassen und machte ihn zu einem „denkenden Künstler", ähnlich wie es — auf einer höheren Stufe — Lessing gewesen. Das
*) Eie sind soeben in einer mehrbändigen, monumentalen Prachtausgabe unter Mitwirkung bedeutender Historiker, wie Delow und Brandenburg, unter Einfügung unzähliger Wieder- aaben zeitgenössischer Wider und Dokumente Bei Paul List in Leipzig neu erschienen, — »
Gefährliche einer einseitigen Pharckasiebegabung, das er bei dielen Landsleuten beobachtet, hat er immer wieder warnend geschildert und die weise Beschränkung, die „goldene Mittelstraße" gepriesen. Der deutsche Bürger, der innig mit seiner Scholle verwurzelt ist und auf ihr zufrieden, bedächtig in Mäßigung und Besinnlichkeit schafft, war sein Ideal.
Man hat dieser Anschauung hausbackene Kleinbürgerlichkeit vorgeworfen, aber die bewußte Enge und Nüchternheit, die in seinem Wesen lag und die er in sich bestärkte, wurde aufgehoben durch den schlichten inneren Reichtum seines Wesens, den er in seinem Volk wiederfand. Freytag, der Schöpfer des realistischen Romans, der strenge Gelehrte und sorgfältige Sammler, ist nicht nur ein guter Beobachter der Menschen und Zustände, sondern auch ein ahnender Erschaue« der tieferen Seelenkräfte, der nicht umsonst in Dichten und Forschen von der Romantik, von Tieck und Jakob Grimm, ausging. Sein Ziel war die Darstellung der deutschen Volksseele, und es war seine Größe, daß er dis Maßstäbe dafür in seinem eigenen kernhaften Wesen fand. Tiefe Pietät und eine geheimnisvolle lebendige Gemeinschaft verband ihn mit seinen Ahnen, die er getrost zu typischen Vertretern des deutschen Volkes im Wandel seiner Geschichte von Germanenzeiten bis in feine Gegenwart machen durfte. In seinen „Erinnerungen" hat er seine Zugehörigkeit zu Preußen und zum Protestantismus als Wohltat des Schicksals gepriesen; auch sie waren ihm lebendige Mächte, die er in Luther und Friedrich d. Gr. verkörpert fand. Er selbst hatte in sich den! ewigen Schicksalskamps des deutschen Menschen durchgerungen, durch strenge Selbstzucht die Klarheit und 'Besonnenheit in sich groß gezogen, die dem chaotischen, ins Weite schweifenden Germanen so oft mangelt. „Wir müssen wahr werden, bevor wir schön sein können", hat er einmal gefordert, und er bekannte sich zu dieser vor nichts zurückschreckenden Ehrlichkeit, dieser Treue gegenüber sich selbst und seinem Volke, zu dem stolzen und doch jeder Prahlerei fernen Glauben an das deutsche Wesen und dis deutsche Zukunft. So ist er in seinem Werk, nicht zum wenigsten auch in seiner Klarheit und Krausheit harmonisch vereinende» Prosa, einer der guten Geister und Ratgeber seines Volles gewesen, ein Fiihrer zum Verständnis deutscher Vergangenheit.
Das Pferd itt der Kriegskunst.
Von Walther Appelt.
In Berlin erregte unlängst ein Bildwerk „Kriegsende" Aussehen, und' es besteht die Hoffnung, daß seine Tendenz zur endlichen Abtragung einer schweren Schuld führen wird: Den Kriegspferden in irgendeiner Form einen bescheidenen Dank abzustatten für ihr vierjähriges Heldentum, für ihr vierjähriges (oder, genau wie bei uns selbst, längeres) Entsagen bei härtester, gefahrvollste« Dienstleistung. Man kann über die Frage öffentlicher Denkmäler — ein solches ist geplant — verschiedener Meinung sein, lieber eins aber sind wir uns doch wohl alle im klaren: Die vollendete künstlerische Gestaltung ist die einzige Möglichkeit, die uns blieb, (vielleicht auch die einzige, die wir jemals hatten), den Verdiensten unserer Kriegspferde das ehrende Gedenken zu sichern. Die erwähnte Plastik — von Prof. Jos. Limburg — stellt eins jener Tausende von Pferden dar, deren Anblick — lange vor 1918 — jedem fühlenden Menschen die Kriegstaktik der stummen Kreatur nahebringen mußte. Den feindlichen Granaten und Gasen entronnen, ist ein nach der Etappe oder „Heimat" abgeschobenes Pferd von den nicht mehr steigerungsfähigen Strapazen und Entbehrungen in erschütterndem Grade aufgebraucht. So sachlich-streng der Künstler gearbeitet hat, so herzergrÄfend beredt steht das Tier vor uns, — durch sein in Menschendienst imd in Menschengemeinschaft gebrachtes Opfer gleichsam über sich selbst und seine Tierheit hinaus erhöht.
Die große Zahl der Kriegsschauplätze und die lange Dauer des Weltkrieges brachte es strotz gänzlicher Umstellung der Kavallerie) mit sich, daß auch aus dem Pferdeinateria! rücksichtslos und unbarmherzig das Letzte heraus geholt werden mußte. Eben darum hat dieser Krieg einen vorher von den meisten kaum gekannten Typ des Kriegspferdes geschaffen. Bilder, die uns Pferde in der sonst gewohnten himmelstürmenden Pose schönheitsgeschwellter Kraft zeigen (Lionardo, Raffael, Rubens, Ve- lasquez, Menzel u. v. a.), werden in der endgültigen Darstellung dieses Krieges keinen Raum haben. Denn ihre tatsächlichen Grundlagen waren fast nur in seinen Anfängen gegeben. Gewiß kann die Kriegskunst vielleicht viel weniger aß! irgendeine andere getreue Abbilder der Natur Bieten. Wer auch ihre Tendenz ist, Erlebens-Niederschlag zu sein. Darüber wird noch. Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte lang zu reden sein, wenn die Reisungspro- zesse, die jedes Kunstwerk braucht, und die in unserem Falle durch den gebotenen zeitlichen Abstand noch verlangsamt werden, in größerer Zahl als bisher sich abzuschließen beginnen. Limburgs Werk ist ja nur ein erster Schritt auf einem noch kaum erschlossenen Wege.
Abgeschlossen aber liegt das Feld kriegsbildnerischer Gestaltung vor, das unmittelbar aus dem Erleben heraus, oder auch mitten im Erleben wurde. Was die Jahre 1914 bis 1918 an „Kriegskunst" hervorbrachten, beschränkt sich in der Hauptsache au? das Gebiet der Graphik und liegt entweder — aus verschiedenen Gründen schwer anbringbar — »och in den Regalen


