Ausgabe 
27.6.1925
 
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wir erkletterten, ein kühles Plätzchen unter einem Feigenbäume, der sich hier in der Rähe angesiedelt hat. Rundum blüht roten Mohn, hohe Königskerzen und gelbes Löwenmaul im verfallenen Gemäuer. Vor uns zieht sich die weite Zeile der Stadtmauer zum See. Flimmernde Hitze liegt über den Gärten mit duftenden Rosenhecken. Die Sttlle wird nur durch das eintönige Knarren eines Wasserschöpfrades unterbrochen und hier und da schreit ein Esel gräßlich laut und langgedehnt.

In den nahen Gärten bilden die Ruinen des römischen Theaters einen grünüberwachsenen Trümmerhügel. Wir kriechen durch die heute als Keller benutzten alten .Untergewölbe, die bis zu 15 Meter Länge aus gewaltigen Quadern zusammengefügt sind. Es erscheint begreiflich, daß der römische Stadthalter Plinius seinerzeit über die ungeheuren Baukosten bei den, schlechten Untergründe sv lebhaft Klage führte. Durch eine Mauerlücke gelangen wir zur Seeseite der Stadtmauer. Jetzt gegen Abend hat sich ein heftiger Westwind erhoben und hoch schlaget: die Wellen unermüdlich gegen die Quadern des alten römischem Molo, der ihrem zernagenden Anprall immer noch zu trotzen vermag.

Leider ist dieser stille Winkel, der in früheren Jahrhunderten so heiße Kämpfe gesehen, von den kriegerischen Ereignissen der letzten Jahre nicht unberührt geblieben. Da unter den 2000 Ein­wohnern sich etwa 150 Griechen befanden, suchten diese bei ihrem Einfall in Kleinasien daraus das Recht auf den Besitz auch dieser Stadt abzuleiten. Zu ernsten Kämpfen scheint es jedoch kaum gekommen zu fein, denn nach dem endgültigen Siege der Türken hatten die griechischen Soldaten große Eile, nach Gemlik zum rettenden Meere zu entkommen. Vor ihrem Abzüge habeir sie jedoch alles mit einen: solch gründlichen Vandalismus restlos zerstört, daß auch kein Haus, keine kleinste Hütte stehen geblieben ist. Den: liebenswürdigen türkischen Kaimakam (Landrat) zitterte die Stimme, als er uns durch seine Trümmerstadt führend, die Schrecken jener Tage erzählte. Es haftet als unauslöschlicher Makel an der Geschichte jenes Volkes, daß die blinde Zer­störungswut seiner Soldateska selbst vor den Moschen und kuppelgewölbten Grabkapellen nicht Halt gemacht hat. Die Eschref Rumi Moschee ist bis auf die Grundmauer:: gesprengt, die ®r?Ac5 Stifter sind aufgerissen und durchwühlt. Der alte weißbärtige Imam zeigte mir mit Tränen in den Augen einen großen Haufen kleinster Scherben der zerschlagenen bunten Fahenceplatten, die zu den herrlichsten Erzeugnissen orientalischer Kunst zu zählen waren und das Entzücken aller früheren Besucher Rizaeas erregten. In der Jeschil-Djami, der grünen Moschee, uegen die vielen kleinen Kuppeln des Vorhofs in Trümmern, d:e Säulen sind mutwillig umgesttirzt, das herrliche, aus einem Stuck gearbeitete Marinorbecken ist nur noch in feinen Stücken zu bewundern, und die Reste des kunstvollen Geflechts der Schranken der Vorhalle, aus feinstem Marmor zierlich heraus- geawettet, klagen die rohe Hand des Frevlers an, der sie ruchlos zerschlagen. Die Moschee selbst hat den heute noch sichtbaren Sprengversuchen standgehalten und ist im Innern nur völlig von -auß geschwärzt. Greuel der Verwüstung, wohin man sieht, in ven «enteren Moscheen, alten Türbgs und Jmarets.

Auch die einzige bisher gut erhaltene christliche Kirche ist oe: der allgememen Feuersbrunst zerstört und unter den Trüm­mern liegen wertvolle Kunstwerke aus den ersten christlichen Jahrhunderten begraben. Der Eroberer hatte einst den Christen diese Kirche gelassen und durch all die vielen Jahrhunderts Nlemms angetastet. Heute ist in der Stadt, die in der Geschichte ^s Christentums eine so große Rolle spielt, kein christlicher Bewohner zu finden. In aller Welt wird das nizaeanische Kredo gelungen, doch hier, wo es geschaffen wurde, ist es verstummt.

Eme Ruine aus alter christlicher Zeit, die Haghia Sophia, yt allein noch erhalten und ihre Mauern wissen vom zweiten Konzil, das nach langen unerfreulichen Känchfen eine Einigung m der Frage der Bilderverehrung zustande brachte, zu erzählen. Sie wurde später zur Moschee umgewandelt, doch sind im letzten Jahr^mdert d:e Kuppeln eingestürzt und auf den hochaufragen­den Mauern wuchern Blumen und Gebüsch, während einige sindiM Storchenpaare sich die Wölbung des Altarraumes und die Kuppel einer noch erhaltenen Seitenkapelle zum Ristplatz gewählt haben.

Im Türkenstüdtchen herrscht reges Leben. Die Häuser sind biirfiig aus Lehmwänden im Fachwerkbau errichtet, und Flüchtlinge aus Thrazien sind noch dabei, die Grundmauern neuer Häuschen zu ziehen. Voll Stolz führte uns der Kaimakam durch die neuerbaute Schule, die als erstes Haus fertiggeftellt totxrfyen war und völlig atks festem Stein erbaut ist. Ein Symbol ff* öen Lebenswillen einer neuen Epoche des Landes! Hier sitzen Beine braunäugige Mädchen und üben sich an den krausen ara­bischen Schriftzeichen und freuen sich, wem: sie zu Hause der staunendem Mutter aus ihrem Buche vorlesen können. Hell auf leuchteten die Augen der Knaben und Mädchen, als sie im geräumigen Vorsaal der blitzsauberen Schule uns das türkische Lied sangen, das Med von Ghasi Mustafa Kemal, der das Land befreite und es einer glücklichen Zukunft entgegenführen soll.

Sonnwendnacht in Algier.

Von Walter von Rummel.

Der längste Tag will sich schlafen legem Das Sonnenjahr hat seinen Höhepunkt erreicht. Jetzt glüht der Sommer auf. Aber

bald wieder geht es dem roten Herbste, dem weihen Winter entgegen. Klarer und deutlicher als an anderen Tagen fühlt man, daß alles Menschenleben ein bloßer Klang ist, der einmal, und hat er noch so sehr gejauchzt, spurlos in kalten, schwarzen Rachtweiten verwehen mutz. Heißer alS sonst schlingt unsere Sehnsucht um dies schnell zerstiebende, so sehr zerbrechliche Leben ihre Arme, hört nicht auf den rasch hereinbrechenden Abend, der ihr mit fahlem griesgrämigen Zwielicht von der Vergänglichkeit der Dinge vorpredigen möchte, älnsere Seele will aus der großen Leere, die sie wie ein riesiger Hohlraum rings unheimlich einschlieht, stürmisch hinausflüchten, sucht nach Leben und Leuten, ist schon fast zufrieden, wenn sie sich zur Herde schlagen kann. Denn es ist nicht gut, daß der Mensch in solchen Rächten allein sei...

Boghari heißt das algerisch-arabische Dorf, in dem ich die Sonnwendnacht verbringen soll. Bereits südlich des Atlas gelegen, hat es sich hart am Eingang zur Wüste in die Felsen gelagert. Rings gelbes, steiniges, wasserloses, nur Glut und Hitze ausströmendes Land, eine brennende Hölle am Tage. Dann und wann zwischen dürren: Gestrüpp eine Palme. Heber ihre welken, schwarz gebrannten Blätter hat schwerer Staub seinen grauen Mantel geworfen. In leichten Dünungswellen paaren sich kahler Stein und glatter Flugsand, brauner und gelber Tod, zu einem endlos wogenden Meer.

Run, wo die stechende Sonne gesunken, freut sich das Auge. Dann :md wann kriecht noch ein müdes Pferd heran; wie er­storben, wie zur Mumie verkohlt, kauert mit hochgezogenen Knien ein regungsloser Reiter im Weißen Wollmantel auf dem Tiere. Ein Trupp Kamele stelzt daher, gelb und verdorrt wie das Wüstenland, aus dem et herausschleicht. Aechzend rasselt ein hochgetürmtes, schwerfälliges, von fünf mageren, abgetrie­benen Gäulen gezogenes Fuhrwerk durch.den futztiefen Sand, über und über weihbefleckt, als ob es aus einem dichten Schnee­treiben herauskäme, die Post, die aus dem Süden, von Laghuat, eintrrfst. Dann aber wird es bald still auf der Landstraße, laut und lebendig in den engen Gassen; die Menschen kommen auf der Suche nach kühlerer Abendluft aus ihren schwülen Häusern hervor.

Schrllle Flötentöne locken mich in eine hellerleuchtete Gast­stätte. Der Wirt, ein riesiger Reger, begrüßt mich und bringt mir eine Tasse des stark gesüßten, prächtigen arabischen Kaffees. Ich sitze unter lauter Beduinen, die in beschaulicher Ruhe ihren Kaffee trinken und rauchen. Stundenlang sitzen sie so und schwei­gen. Aach wenigen Tagen hat man ihnen dies abgelernt, ver­steht es bald wie sie, sich bei einer Zigarette in wohliges Träumen einzuspinnen, die Märchen ausTausend und einer Rächt" vor feinen Augen erstehen zu lassen.

Der Wirt greift wieder zu feiner Flöte, entlockt ihr einige hohe Töne, die sich zu einer wiegenden Melodie verbinden. In einer Türe tauchen junge braune Mädchen auf, lllad Mails, Töchter der Wüstenstämme, die Tänzerinnen Südalgeriens. Schlank sind sie wie die Palmen ihres Landes und tiefbraun. Schwarz das Auge und schwarz das Haar. Hochaufgetürmt tragen sie es, vielfach verknüpft und verschlungen. Ihre regelmäßigen, etwas starren und unbeweglichen Züge muten fremd und seltsam an. Fast ist's, als ob ein altes assyrisches Bildwerk plötzlich wieder lebendig geworden wäre. Leichte spärliche Hüllen, dafür aber viel Schmuck am ganzen Körper, an Haar und Haupt, Gold- und Silberketten um die Brrtst und Schultern, Spangen, die Arme und Fuhfesseln umschließen. In langsamen, getragenen und abgemessenen Bewegungen schweben sie aufeinander zu, zögernd und als ob sie schüchtern wären, umschlingen sich und lösen sich wieder. Lauter wird der Ton der Flöte, heißer, leb­hafter der Tanz. Ein kleiner Regerjunge schlägt aus allen Leibeskräften dröhnend auf ein Tamtam ein. Lärm und Hitze steigern sich von Minute zu Minute... Eine ausrastende Tänzerin scheint bemerkt zu haben, daß es mir zu laut und heiß werden will, daß ich mich nicht mehr behaglich fühle.Terrasse", sagte sie lächelnd,dort ist es stiller und kühler". Sie deutet auf eine im Innern des Hauses steil emporsührende, schmale Stiege, hängt sich einen weißen Burnus um und geht mir voran. Ich folge und stehe einige Augenblicke später auf einem flachen Dache, das rings von einem Steinaufbau und dichten blühenden Oleandern umsäumt ist. Auf Strohmatten und Teppichen, die über den Boden gebreitet finö, sitzen, liegen zwei Paare, zwei ällad Rails mit ihren Freundinnen.

Freudig atme ich die leise über das Dach streichende kühlere Luft ein und sehe zu den tausend blitzenden Gestirnen am dunklen Rachthimmel empor. Durch die weichen und buschigen Blüten der Oleander geht der Blick wett und frei in das schweigende Land hinaus. Ein großer leuchtender Mond hat die endlose, wellig sich dehnende Ebene in eine einzige schimmernde und flutende Silbersee verwandelt. Kein Laut da draußen in der tiefen Stille, fein rauschendes Blatt und kein flüsternder Halm. Das alles ist längst gemordet von heißer Glutsonne und grau­samem Tag. Aber die Rächt des Südens ist schön wie ein Feen- märchen... And dennoch fühlt man, daß man dicht an einem Abgrund, am Rande ungemessener Räume steht, die den Menschen zu bewohnen verwehrt sind, vor Einsamkeiten, die ohne Ende scheinen. Man fühlt eS und fröstelt.

And vom Saum der Wüste sind mit einem raschen Sprunge über Berg und See meine Gedanken zu Hause, wo zu dieser