Jahrgang (925
Samstag, -en 27. Juni
Nummer 5|
Gießener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Die Buche.
Von Theodor Däubler.
Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub. 2ch bin kein Daum mit sprechenden Gedanken, Mein Ausdruck wird ein Aesteüberranken, Ich bin das Laub, die Krone überm Staub.
Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun, Ich fang im Frühling selig an zu reden, Ich wende mich in schlichter Art an jeden, Du staunst, denn ich beginne rostigbraun!
Mein Waldgehaben zeigt sich sommersroh.
2ch will, daß Aebel sich um Aeste legen, Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen. Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh!
Die Winterpflicht erfüll' ich ernst und grau.
Doch schütt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen. Er ist noch niemals ohne mich gewesen.
Da werd' ich Teppich, sammetrote Au.
Ein Ausflug nach Nizaea.
Zum 1600jährigen Jubiläum des Konzils.
Aizaea im Mai 1925.
Aach langer Fahrt auf schlechter Landstraße von Brussa über Jenischehir war endlich die letzte Höhe bezwungen. Ein sarbenglühendes Bild voll unbeschreiblichen Zaubers sollte uns für die Mühe des heißen Tages lohnen. Vom Scheine der Abendsonne vergoldet, lag in saft unübersehbarer Weite ausgebreitet die unbelebte Fläche des Sees von Aizaea tief zu unseren Füßen. In purpurnen Farbentönen glühten die Konturen der hohen Dergeskuppen auf, die mit ihren steilen Hängen da und dort bis hart an das Seeufer herantreten und nur im Westen deutet ein scharfer Einschnitt den Abfluß zum Marmarameere bei Gemlik an. Am Ostrande des Sees hebt sich im Abendlicht deutlich erkennbar der Türme- und Mauernkranz Aizaeas aus dem dunklen Grün der Gärten hervor. War schon der Aufstieg zur Wasserscheide auf oft nur angedeutetem Feldwege beschwerlich, so ist der Abstieg auf schmalem gewundenem Pfade nicht ohne Gefahr. Zwischen kümmerlichem Buschwald, in dessen Geschlinge von dunkellaubigen Aododendron und Buchsbaum und hellgrünem Eichengestrüpp leuchtende Sterne der Heckenrosen blühen, gehts zur dunklen Schlucht hinab: dann Olivenhaine im silbrigen Laub und saftig grünes Maulbeergebüsch. Bald ist die Ebene des Sees erreicht. Kühl weht der Wind über fruchtbare, schwarzerdige Aecker, Maisfelder und feuchte Wiesen im Frühlingsblütenflor und vom See her den Duft des Abends entgegen. Schon dunkelt es, als altes Gemäuer plötzlich drohend sich vor uns austürmt und uns das dreifache Stadttor Aizaeas verschluckt.
Wir sind in einer anderen Welt. Stille Gärten, voll Stein- getrümmer mächtiger Marmorquader: dunkle aufwärtsweisende Zhpressenfinger, in deren Schatten die Kuppeln der Moscheen schlummern: klagendes Lied der Aachtigall, leise plätschernde Brunnen: geheimnisvolles Leuchten des Glühwürmchens, — über all den Märchenzauber breitet sich der silberne Schleier des aufgehenden Mondlichts.
Aizaea ist Zeuge von mehr denn einer Kultur. Fast alle Volker des Altertums haben um diesen wichtigen Platz gekämpft, bis mit der Römerherrschaft eine längere Zeit der Ruhe und Blüte anbrach, die nur durch eindringende Horden der Gothen und Skythen kurz gestört wurde. Vor genau 1600 Jahren tagte hier im Goldglanze byzantinischer Kaiserherrlichkeit das erste ökumenische Konzil, das 318 Bischöfe aus der gesamten christlichen Welt im Kaiserpalaste versammelte, um die Grundverfassung der Kirche festzulegen und die so überaus große Gefahr der Irrlehre des Artus zu bannen. 1074 brachen Seldschucken- heere in die Stadt ein und 20 Jahre später bei der Wiedereroberung fand auch mancher deutsche Held vor diesen Mauern, fern der Heimat, sein kühles Grab. Mit Sultan Orchan zog um 1330 der Halbmond endgültig in die Stadt, doch nach einem kurzen Dlülenzauber orientalischer Kunst wandte sich der Osmane fernen westlichen Eroberungen zu, und damit brach die große Dämmerung des langsamen Sterbens über di« Stadt herein.
Es war ein glücklicher Gedanke, der uns am nächsten Morgen eine der östlichen Anhöhen ersteigen ließ. Hier liegen in halber Bergeshöhe die Trümmer eines gewaltigen Sarkophags, dessen
Stirnwand (über vier Meter hoch) noch erhalten ist. Die Türken nennen ihn den Berber-Tasch, da er so groß wie eine Darbierstube ist. Von hier bietet sich ein herrlicher Lieberblick über die Stadt. Die fünf Kilometer lange alte Stadtmauer zeichnet sich als unregelmäßiges Pentagon in ihrer ganzen Ausdehnung deutlich vom grünen Grunde ab. Vier Tore durchbrechen das Fünfeck, die bis auf das Seetor alle noch recht gut erhalten sind. Aur ein ganz geringer Teil des weiten alten Stadtgebietes wird von der heutigen Türkenstadt eingenommen, aus deren Grün weiß getünchte Lehmwände grell hervorleuchten, während zwischen dunklen Zypressen die schlanken Minarets der zahlreichen Moscheen zum Himmel ragen. Im Westen dehnt sich das 40 Kilometer lange Decken des Sees, dessen Wogen bis nahe an di« Stadtmauer heranspülen, der fruchtbare Felder und saftige Wiesen geschaffen hat, in dessen schilfumsäumten Sümpfen jedoch das böse Fieber brütet, in heißen Sommermonaten erschreckend viel Opfer fordernd.
Linser Rückweg führt uns die alte Wasserleitung Justinians entlang, auf deren zwei Meter hohen Bogen in gemauerter Rinne klares Dergwafser zur Stadt fließt. Lleppiges Kraut und saftiges Feigengebüsch labt sich an ihrer feuchten Aähe. Aahe der Stadtmauer treten wir unter einem weiten Dogen des Aquädukts hindurch. Vor uns liegt das Osttor. Zu beiden Seiten wuchtig ausladende Rundtürme: nach byzantinischer Art wechseln Schichten gehauener Felssterne mit Backsteinschichten ab. Die Einfahrt wird von gewaltigen, aus einem Stück gehauenen Steinbalken umrahmt und beiderseits von kaum mehr leserlichen Jn- schrifttafeln flankiert. Schattige Kühle umfängt uns und wir bewundern das Gefüge der mächtigen Quadern des römischen Tvrgewälbes, die ohne verbindende Mörtelschicht durch ihr Gewicht so fest in der Rundung zusammenhalten. Ein Fries erzählt uns von den Zeiten der Kaiser Flavins und Hadrian, die öfters in der Stadt weilten. Auch das dritte Jnnentor ist in seinem weiten Bogen noch erhalten und eine uralte Platane reckt seine schattenspendenden Aeste weit darüber hin. Wir rasten beim Tscheschme, dem Bruimen, der uns klares, kühles Wasser spendet. Dauern in weiter, blauer Türkenhose mit roter Leibbinde reiten auf flinken Maultieren an uns vorüber und rufen uns freundlich zum Gruße an.
Mit Mühe steigen wir über das Schuttgeröll durch sperrendes Schlinggewächs und Feigengebüsch inmitten der Tore auf die Höhe der Mauer. Die teilweise noch gut erhaltene Jnnenmauer, etwa sieben Meter dick, ragt bis zu zehn Meter Höhe empor, gerundete und eckige mehrstöckige Türme springen aus ihr vor. Zwischen ihr und der niedrigeren Autzenmauer liegt ein breiter Umgang, der Außengraben ist kaum noch angedeutet. Ueppige Frühlingsvegetation wuchert in blütenreicher Fülle überall und Gebüsch siedelte sich in den Spalten des alten efeuumrankten Gemäuers fest. Wir wandern an der Außenseite der Mauern weiter, durch Gärten und Felder. Ost fesselt der Rest eines alten Reliefs, das als Bausteil? mancherorts eingemauert ist, oder das Fundament eines Turmes, das ganz aus antcken Säulenresten aufgebaut ist. An einer Stelle liegen große, fast li/2 Meter hohe, vierkantige Murmorblöcke, die Basen von Säulenschäften, in großer Anzahl hoch oben als Brustwehr auf der Mauer. Sicherlich Reste des verschwundenen alten Kaiserpalastes. Hier hat eine Kultur mit den Kunstwerken der vorhergehenden neue Bauwerke geschaffen. Bald von der Fülle des zu sehenden ermüdet, schreitet man fast achtlos an Resten antiker Kapitale vorbei und achtet kaum des alten Türbgs, das mit seiner grün- überwachsenen Kuppel das Grab irgendeines türkischen Großen deckt. Die vielen, vielen halbverfallenen Türme und leblosen Trümmerveste geben das Bild einer toten Stadt.
Durch einen Mvenhain, in dem Kinder ihr fröhliches Spiel treiben, gelangen wir zum Südtor, das weniger gut erhalten, im Aufbau dem Osttor gleicht. Auf dem nahen Felde pflügte ein Dauer mit zwei Düffelochsen, und seine Frau legte behutsam die Maiskörner in die Furchen. 3m dunklen Schatten eines Baumes schlief ein Kind und ein Lämmchen. Meine Frau hatte bald Freundschaft mit der Bäuerin geschlossen, die ihr .Hvsch geldiniS hemschivem" — sei mir willkommen, Schwester — zurief und dann erzählte, was Frauen so zu erzählen pflegen, — das Kind sei krank gewesen und das Lämmchen habe sie deshalb so lieb, weil ein böser Schakal die Mutter gefressen. Sie soll noch recht jung gewesen fein — ich habe sie nicht gesehen. Hier gehen di« Frauen alle noch tief verschleiert, und eine verschleierte Frau erscheint mir immer alt.
Die Aachmittagssonne steht glijhend heiß über unS, da finden wir auf einem efeuumrankten Eckturme der Mauer, den


