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bildnerischen Seite und nach Zer Musikalischen Seite, sie steh! zentral im Mittelpunkt der Künste; sie hat in sich Müsik und Bildkrast. Sie ist aber nicht Musik und nicht bildende Kunst.. Ich will und kann hier nicht darauf eingehen, wie man erkennen kann, was „echte" Sprache ist; das würde mich etwas zu sehr abseits führen; noch auch will ich hier die Grunderfordernlsw für eine neue, auf solchem Boden fußende Literarische Kritik niederschreiben — ich will nur noch kurz darlegen, das) das eigentliche „Geheimnis", das jeder echten Dichtung innewohnt, und welches als ein ganz eigentümlicher, von der Dichtung ausgehender Zauber verspürt wird, eben dies rhythiniscy Bildhafte ist; der Ton, der Klang, die Melodie des Dichters, welche mit dem Bild- gehalt und danrit mit den: Inhalt eins ist. /Woher und wre das kommt, das kann nicht erklärt werden; und auch der Dichwr, der diese Dinge weih — nachdem er die Dichtung vollendet hat —, wird darüber nur aussagen, daß es so richtig sei; daß es so sein und so klingen müsse. Also: eine solche S p r a cy - melodie wohnt jeder sprachechten Dichtung inne, auch z. B. einem philosophischen oder auch sogenannten didaktischen Gedicht, d. h. wenn es sprachecht ist. Zn einer vollendeten Dichtung ist diese Sprachmelodie „etwas", das in ihr lebt uird da ist, unabhängig rion der Außen- und llmwelt; es wäre ein Irrtum, wenn jemand z. B. meinen sollte, die Sprachmelodie „lebe" erst durch einen Rezitator, Derufsvorleser usw. Das ist nicht der Fall, denn hundert, tausend oder zehntausend stille Leser spüren und erleben die Sprachmelodie oder das Geheimnis der Dichtung still in ihrem Kämmerlein; und selbst wenn Las nicht wäre, es würde schon für das Eigenleben der Sprachmelodie genügen, wenn der Dichter selber sie erlebt hat.
An dieser Stelle könnte man das ganze Problem des Lesens und Borlesens aufrollen — ob überhaupt ein Berufsvorlesen möglich sei, was das Borlesen des Berufslesers leisten könne, was es leisten will —, ob er überhaupt mit „Mitteln" arbeiten dürfe oder nicht; und ob das Tun des Rezitators etwas anderes wollen dürfe, als die dem Gedicht innewohnende Sprachmelodie — die eine Schöpfung des Dichters ist — in die hörbare Erscheinung zu bringen.
Hier rühren wir an ein sehr schwieriges Kapitel, über das bislang noch sehr wenig und auch dann noch sehr vage nachgedacht worden ist. Ich sehe immer wieder, bei einzelnen De- russlesern wie bei Kunstinstituten, eine bedauerliche, um nicht zu sagen verhängnisvolle Verwechslung der Sprachmelodie mit dem. was ich Spreck Melodie nennen möchte; oder besser und verständlicher ausgedrückt, die Sprachmelodie, das urtümliche Wesen des Dichtwerkes — ganz gleich ob Lyrik, Epik, oder Dramatik — wird übersehen — und das, was ich die Sprechmelodie des Ausübenden nenne (als Rezitator oder als Darsteller) wirb ?ür das Wesen und Rätsel der Dichtung genomnwn» Es ist nun schon sehr lange davon die Rede gewesen, dah das dichterische Wort wieder zur Geltung kommen müsse, in die Erscheinung treten müsse, und ich hatte mehr als einmal Gelegew- heit, klar zu legen, dah hier eine bedauerliche Derwechslung von Sprache und Sprechen vvrliege. Es ist nun eine Frage für sich, und könnte eine sehr wertvolle Erörterung abgeben, wie das Sprechen mit der Kunst des Darstellers Zusammenhänge, uird in welcher Weise der Darsteller aus dein Sprachgeist eines urtümlichen Dichters sein Sprechen erneuern könne und wie das seiner mimischen Kunst zugute konunen könne; aber um solche Dinge handelt es sich bei diesem nicht. B>ei Aufführungen ist das sporadisch in die Erscheinung getreten, und es wirkt sich aus in dem, was das Theater „Eprechchöre" nennt. Wir sahen sie und sie rezitierten Dichtungen (Volksdichtungen, Balladen heiteren und ernsten Inhaltes). Ein Dirigent bestieg ein Podium, erhob den Taktstock und lieh — sprechen. Der Chor war genau wie ein Singchor in „Stimmen" eingeteilt, mit genau abgeteilten, Part; hoch und tief, Männer und Frauen, sozusagen „gemischter Chor", die Stücke fast durchweg fugig komponiert, Ginzelstinunen dazwischen, wo wörtliche Rede ist; Stimmen und Gegenstimmen ------- kurz eine ganz und gar dem Musikali
schen nachgebildete Darbietung; die — und dies ist nun das Entscheidende — in den Worten der Volksdichtung keine Beran! a ssun g. hat. Ich will hier nicht entscheiden, ob solches möglich ist; es ist vielleicht möglich; dann aber nicht an irgendeiner Ballade, Tanzgedicht, lyrischem Gedicht, sondern nur an etwas, das der Dichter so v o r g e d a ch t hätte. Aber auch dann noch ist es schwer einzusehen, wozu es dienen soll; die Reize, die davon ausgehen, sind verhältnismäßig spärlich; und im Drama ist solches überaus selten zu verwerten; im Moment ist kein modernes Drama gegenwärtig, wo es verwertbar ist. Aber wenn es auch anders wäre, die eigentliche Sprachmelodie des Gedichtes wird durch solche Sprechkunst mit einem grohen und weiten Kleid überdeckt, so dah sie darunter verschwindet. üknd überdies ist dies alles — leider — nur ein Inkonkurrenüreiei^ mit der Musik; ich habe oben angedeutet, in welcher Weise die Eprechchöre sich gaben; da ist alles von der Musik hergeholt, und da wird vergessen, dah, wie die Sprache Zrntralkunst ist (zwischen Musik und bildender Kunst stehend, aber mit keiner von leiden identisch), dah auch solchermaßen d-e ausübende Kunst, welche das Dichterwort hörbar machen will, nicht einfach musikalische Gegebenheiten nachahmen kann. Lind wenn alsbald nach den Sprechchören ein Singchor anhub und in schöner Weise
alte schöne Weihnachtsgesänge vvrtrug, da war es — um hier einen verkehrten Ausdruck zu gebrauchen — „mit Händen zu greisen", dah Eprechchöre mit so etwas gar nicht in Wettbewerb treten können. Man muh sich über die Konsequenzen klar sein; und auch das Schauspielhaus muh sich darüber klar sein: Der Singchor ist bescheiden bei der Aufgabe eines solchen Chors geblieben, er hat etwas wiedergeben wollen, was ein Schaffender, in diesem Falle der alte Komponist aus Llrtiefe geboren hat; der Sprechchor aber hat ja gar keine Partitur, er muh ja, wenn er sich produziert, eine Komposition bieten, er muh, er mag wollen oder nicht; wer zeichnet nun für die Komposition, für welche eine Partitur nicht vorhanden ist? Der einzige Fall, dah im Sprachkunstwerk eine Partitur vorliegt, ist int Drama gegeben; und da ist dann der Spielleiter, weitn er ernsten künstlerischen Willens ist, der getreue Ausführer der Partitur mit Hilfe seiner „Stimmen" der Darsteller; aber ein Gedicht hernehmen, es in „Stimmen" auflösen und am Dirigenten- pult dirigieren, das ist Reufchöpfung. für die eine Unterlage, eine Partitur fehlt. Änd damit auch die eigentliche 'Veranlassung fehlt. ____
Die Flibustier.
Eine Erzählung von der Küste Brasiliens, Don Dr. Alfred Funke.
(Fortsetzung.)
Lührs machte ein Gesicht, als habe er aus Versehen dis Essigflasche statt seiner gelackten Köhmbudde! erwischt. Gr hatte durchaus keine Lust, noch länger an Bord der „Glorra zu bleiben. Aber was sollte er machen? Sein Freund Baukhag« war freilich besser daran. Der sah sicherlich schon bei Kneifer und trank trotz aller Schießerei seelenruhig sein Glas Kulmbacher. Lind er, Kapitän Lührs, konnte auf diesem gottverfluchten Kasten auf den Ozean hinausdampfen, soweit er blau warl , _
Lührs fluchte sämtliche Register setnes Hamburger S^- mannslateins ab. Das machte aber alles nicht besser. Er blieb darum doch an Bord der „Gloria" und war richtiger Revolutionär wider Willen. Also war es das Beste, gute Miene zu bösem Spiel zu machen. Irgendeinen Hafen muhte die „Gloria" ja bald anlaufen. Schon der Kohle wegen. Da würde sich schon Gelegenheit finden, an Land zu kommen. Freilich, eine unsichere Geschichte blieb das. Wenn nun ein schwerer Aegierungskasten der „Gloria" über den Hals kam, versackte Lührs mit den anderen Rebellen, die jetzt an Bord den wilden Mann spielten und die mangelnden Granaten durch Brüllen gegen die immer weiter abbleibenden Landbatterien zu ersehen suchten. Wit einem Donnerwetter fuhr Lührs unter die Helden und gab die nötigen Ruderkommandos.
Anter dem Krachen der Geschütze dampfte die „Gloria unangefochten aus dem Hafen, die Mannschaft brannte die geliebte Palha schon wieder an und führte große Reden oder lehnte an der Reeling und spuckte zum Abschied' verächtlich ins Wasser.
Lührs aber verwünschte aus tiefstem Herzensgrund den Tag, an dem er ein schönes Schleppgeld verdienest wollte und selbst aus dem Hafen geschleppt wurde.
IV.
Die „Rosalia" hatte während der Beschießung ruhig in ihrem Winkel gelegen, und der Bestmann Wilm Peters hatte mit dem schwarzen Koch Adriano aus sicherer Entfernung die Schießerei angesehen. Er hätte zwar den Schiffer selbst gern an Bord gehabt. Aber wo mochte Schiffer Baukhage wohl stecken?
Das war die Frage, auf die Wilm Peters einstweilen keine Antwort wußte. ,
-Zer schwarze Koch meinte pessimistisch, der Schmer sei wahrscheinlich samt dem Schleppdampfer von den Revolutionären in den groben Grund geschossen.
„Der Schiffer ist sicher vor die Haifische gegangen, Senhor Guilherme," urteilte Adriano und machte dabei durchaus kein betrübtes Gesicht.
Aber Wilm Peters sah ihn scharf an und sagte mit denr nötigen Rachdruck: „Wenn der Schiffer wieder an- Bord kommt, will ich ihm sagen, was für fromme Wünsche du für ihn gehabt hast. Er kamt dann ja auch mal nachsehen, wo die Buddel mit dem Rest Kümmel geblieben ist, die im Schupp stand. Vielleicht haben die Haifische auch den Kümmel aus- genöselt."
Dieses Versprechen stimmte den braven Koch schon bedeutend' trübseliger, und er meinte mit einigem Entgegenkommen:
Vielleicht hat man unseren Herrn Kommandanten auch aus dem Wasser ausgesischt und an 'Bord der „Gloria" genommen. Sie brauchen ihn ja nicht gleich ausgchängt zu haben. Sonst tun sie es ja wohl."
Die weitere Erörterung dieser Möglichkeit unterblieb, weil der erste Schuß der „Gloria" aufblihte. Adriano bekreuzte sich vor Schreck und schielte nach dem Boot. Aber Wilm Peters hielt ihn fest und donnerte ihn an: „Gehst du ohne meine Erlaubnis von Bord, so hast du deine letzten schwarzen Bohnen


