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Der Zornesausbruch war Wasser auf Gaet-Beys Mühle. Er schnitt eine Grimasse und fing an verworrene Geschichten zu erzählen von seines Volkes versunkener Herrlichkeit, von den großen Khanen, die die Russenhunde trib-uli.ert und gebrand- schaht hatten, von den blutigen Kämpfen, die er selbst noch in feiner Jugend miterlebt hatte. „Damals," rief er aus, „schossen wir noch mit Dogen und Pfeilen! Das war ein Krieg, sage ich euch! Wie Stroh brannten die Dörfer. Ach, das war noch ein Krieg!"
„Aber jetzt? Dörfer haben wir bauen müssen. Dörfer und Ofen; und wenn wir auch nur im Winter drin wohnen; aber es sind Dörfer. Der Teufe! hole diesen Dreck von Zivilisation!"
Immer erregter wurde die Stimmung; die Augen der Söhne funkelten böse. Abdullah fuhr herum: „He, du Gernranez, was ist das mit dem Eisenweg? Du sollst wohl Pläne machen für diesen verfluchten Teufelsrnist? He?"
„Pläne machen?" riefen die beiden finstern Söhne und richteten sich drohend auf. „Wer hat hier in unserm Land Pläne zu machen?"
Ich muß gestehen, daß mir nicht wohl zu Mute war. And wer weih, ob ich Abdullahs Hütte lebend verlassen hätte, wenn nicht Gaet-Deh sich in einem lichten Augenblick zwischen uns geworfen hätte.
„Was wollt ihr Geziefer?" krächzte er, „was wollt ihr von Hairedin? Hat er nicht zwei Arme wie ihr? Hat er nicht zwei Deine wie ihr? Ist er nicht euer Gast? Wollt ihr eitern und meinen Gast beleidigen?"
Die Gesellschaft beruhigte sich etwas und ließ von mir ab.
„Chai, chai," sprach Abdullah' grollend, „Gat-Tay mag recht haben. Man darf nicht jeden Hund !o schlagen, den man totschlagen möchte." Mir aber reichte er eine bis zum Rande gefüllte Holzschale:
„Sauf, Germanez, sauf, bis du krepierst!"
Mir widerstand die säuerliche Stutenmilch, ich fühlte, daß ich genug hatte und wollte nicht mehr. Aber Gaet-Deh stieß mich in die Seite:
„Sauf, Hairedin, sauf aus, wenn dir dein Leben lieb ist. Sie sind wilde D:ester und werden dich töten, wenn du sie beleidigst."
And ich trank.
Das Gespräch wandte sich nun wieder alltäglichen D-ngen, zu; über Holzkohlen und Bastmatten, über Pferden und Ziegenfellen vergaß man die böse Eisenbahn. Plötzlich w'schte sich Gaet-Deh mit der Hand über den Racken und betrachtete nachdenklich den Handrücken. „Mir scheint/' sprach er gedanken
voll, als ob es sich um eine tiefe Weisheit handelte, „mir scheint, dies ist Regen." Damit drehte er sein Greisenhaupt
langsam nach der Fensterwand; auch wir andern schauten uns um. Da sehen wir die Bescherung: Sine Fen.stev-
öffnung war ganz leer, in der zweiten hing nur noch ein
Fellfetzen, an dem von draußen heftig gezerrt wurde.
„Das sind die Hunde, diese Scheitane!" brüllte Abdullah, griff nach einem Prügel und torkelte hoch. Allein es war zu spät. Die Hunde waren niit seinen Fenstern längst über alle 'Berge.
Wir suchten nun nach irgend etwas, womit wir die Fensterluken hätten verstopfen können. Doch nicht einmal Heu konnten wir auftreiben. So mußten, wir die Rächt in Kälte und Rässe verbringen . . .
Am anderen Morgen traten Gaet-Deh und ich die Heim- leise an. Im hellen Sonnenstrahl ritten wir durch den grünen Wald. Aber wegen der ungemütlich.-» Rächt waren wir beide schlechter Laune. .Und Gaet-Deh Hub an, lästerlich zu schimpfen: „Was ist dieser Abdullah doch für ein Waldbafchkur! Hat noch Ziegenfelle vor den Fenstern, die ihm d'e Hunde auffresfe?.! Lebt wie ein Wilder, lebt, wie man vor hundert Jahren gelebt hast Eine Schande ist das . . . wahrlich, es ist eine Schande!"
SprachmuM, gesungene
' Musik.
Von Karl R ö t t g e r.
Das Thema, das in der üleberschrift formuliert ist, berührt sich mit andern Themen, die ich in meinen theoretischen Schriften erörtert habe. z. D. in dem Buch „Die Flamme" (Go. Müller- Verlag), dem Aufsatz „Lesen und Borlesen", in meinem Buche „Zum Drama und Theater der Gegenwart und Zukunft", das Kapitel über „Das Kchausviel mit Musik", sowie die Untersuchungen über das Dichterische im Drama im ersten Teile des Buches. Was ich aber heute sagen möchte, ist, obwohl es sich mit den angedeuteten Themen berührt, gleichwohl etwas für sich; was versucht werden soll, ist eine reinliche Scheidung dieser drei Dinge, die zum Schaden der Kunst in großer Gefahr stehen, von Menschen, die Kunst — der Dichter, der Künstler — vermitteln wollen, unheilvoll durcheinander gemengt zu werden. Richt nur ist eine große Zukunft am Wei le, uns mit "halber und weniger als halber Kunst des Vortrages zu beglücken, auch die Darsteller, wie manchmal die Sänger, suchen „neue Wege", d. h. andere oder neue, oder vertiefte Ausdrucks Möglichkeiten. Dis werden sie aber, ganz logisch, nur dann erreichen,
wenn die erste Einstellung richtig ist, d. H. der Weg!, der gegangen werden soll, nicht von vornherein - schief ist. Es wird wohl nicht nötig fein, zu sagen, was ich mit der ersten! Einstellung meine. Wenn einer aus seiner Stube hinaus will, um die Welt in etwas größerem Umkreis zu sehen, wird es nicht das richtige sein, beim Fenster hinauszusteigen, oder mit den Armen Flugversuche in die Höhe zu machen. And so soll der Darsteller wissen, was er ist. und vermag, der Vorleser, was er ist und vermag, beide aber, wo sie zusammenhangen ober sich berühren, berühren müssen und berühren dürfen; aber auch daß sie nichts, gar nichts sind und vermögen, ohne den Dichter. And mehr noch steht ihnen zu, zu wissen nämlich, was ein Dichter ist, und was dessen eigentliche und spezifische Leistung ist. Das wissen noch verhältnismäßig wenig Menschen; und für dies Problem sich zu interessieren, das stände nicht nur ausübenden! Künstlern an, sondern auch jeglichem Publikum.
Run ist es damit eine eigens: Sache. Am Goethe zu zitieren — „wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen". Rämlich das Witzen um die Echtheit oder die organische Gefügigkeit eines Sprachwerkes. Man kann es — lernen, ja, aber nicht aus dis übliche Weife; ein so wichtiges Kapitel ist heute ja noch ganz „embryonal"; „Lehrgegenstand" an den Hochschulen; etwa von den kleinen Kreisen des Professors Sievers her, oder aus den Kreisen um Otto zur Linde; aber es sei nochmals gesagt, es handelt sich nicht um „erlernbares Wissen" im üblichen Sinne, sondern um ein Wissen, das in Vertieftester Weise aus dem Gefühl heraus in jedem einzelnen Menschen geboren werden muß. nicht also einfach übernommen werden kann. Es handelt' sich letztlich darum, echtes Sprachkunstwerk von unechtem zu unterscheiden. Es wäre vielleicht interessant darzulegen, wie von verschiedenen Seiten diese Dinge in Angriff genommen worden sind — von der rein gelehrten Seite her durch Professor Sievers von seiner Beschäftigung mit vergangener Dichtung her und der damit verbundenen Textkritik; durch Otto zur Linde von der dichterischen und rein philosophischen Seite her, durch sein Bemühen, sich als Dichter vollkommen echt zu machen. Daneben steht ein reiner Praktiker, der rein physiologisches Interesse hat, Rutz, der das Verhältnis der Körperstellung, speziell der Dauchmuskellage, zum Rhythmus des Gedichtes untersuchte. Damit konnte man natürlich nicht weit kommen; die die von den neueren Wissenschaftlern diefe Dinge in Angriff nahmen, wie Rötemeyer in Frankfurt, suchen Rutz auszubauen, haben aber besonders von Otto zur Linde und Sievers gelernt und tragen deren Gedanken weiter. Das ist nun alles ganz gut und schön, aber ich wiederhole, es handelt sich hier um eine Wissenschaft, die nicht jeder lernen kann; der Mensch mutz etwas dafür mitbringen, nämlich einen Fond von Echtheit, oder zum Mindesten die Anlage zur Echtheit! Wir müssens uns klar werden, daß dem großen und echten Dichter die Dinge, die in solchem Denken — etwa Sievers oder Otto zur Linde's — klar werden, daß sie irgendwie dem echt gestaltenden Dichter schon (toenn auch unbewußt) klar gewesen sein müssen. Es handelt sich also teils um selbstverständliche Dinge, die sichtbar und erlebbar gemacht werden sollen, andererseits um sehr neue und keineswegs selbstverständliche Dinge, denn jährlich sündigen Aniählige gegen Len heiligen Geist der Sprache, der Kunst, der Dichtung. Schaffende tote Publikum. And hier sind wir an dem Punkt, daß der ganze Komplex dieser Frage» ebenso sehr eine Sache des Ethos, sogar des religiösen Ethos ist, wie eine Sache der Kunst und Wissenschaft (die tiefste Einführung in den ganzen Komplex gibt wohl Otto zur Linde in seinem Werke „Arno Holz und der Charon, Anfänge zu einer Psychologie der Dichtkunst", das Buch ist momentan leider vergriffen, wird aber hoffentlich bald neu gedruckt. Den ganzen Komplex sage ich: den der Kunst sowohl, wie den de« Wissenschaft (Metrik, Psychologie usw.) wie des Ethos. ' 1
Aber um zu sagen, was gemeint ist und worauf es ankommt, die Dichtung muß erkannt werden, als das, was sie ist: ein sprache- rhythmischer und sprachphonetischer Komplex, Das geschieht noch viel zu wenig, selbst in der literarischen Kritik. Denn durchweg beschäftigt sich die literarische Kritik Wohl mit dem Inhalt eines Werkes sehr ausgiebig, aber mit dem eigentlich Künstlerischen sehr wenig; d. h. mit der Frage, ob und wie weit es gelungen sei, den Inhalt in die Form zu bringen, die diesem Inhalt gemäß sei oder auch: wieweit die Dichtung eigene persönliche Formgebung habe: eine Betrachtungsweise, die gegenüber der bildenden Kunst selbstredend ist; man kamt aber sage», daß in der Dichtung sehr selten oder fast gar nicht die Spräche, als der eigentliche Träger des Willens des Dichters, Gegenstand einer gleicherweise verständigen tote seslenvollen Betrachtung gewesen sei. Einen sicheren Boden für solche Betrachtung wird nur haben, wer da weiß, was Sprache ist; nämlich ein Lebewesen rhythmischer und phonetischer Art, das (soll es dauern) in sich geschlossener Organismus sein muß. Wir haben vergessen, daß alle Sprache im Anfang, bei allen Völkern, dichterische Sprache gewesen ist; eine Sache, durchaus der Musik verwandt; daß abstrakte, verstandesmäßige Sprache schon eine Gntartungs- erscheinung ist; und. daß der schaffende Dichter immer wieder am Anfang steht, d. h. ein lebendiges Wesen, einen Organismus schafft, der zugleich Bild und Ton oder Rhythmus ist. Die Dichtkunst streckt also nach beiden Seiten Arms aus, nach der


