Ausgabe 
26.5.1925
 
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Altes Gartenhauschen am Rhein.

Von Carl Ferdinands.

Ich war einen Lag bei meinem Vetter zu Besuch, der am Rhein nahe beim Siebengebirge ein schönes Weingut besitzt: sein Park, unten im Tal beginnend, zieht sich mit Wiesen, Obstgärten und altem Buchenhochwald bis zur Bergkante hinauf.

Schade", sagte er, als ich ankam,für diesen Vachmittag hat sich ein Ehepaar aus Düsseldorf angesagt und um die Er­laubnis gebeten, eine halbe Stunde in meinem Garten zubringen zu dürfen. Ich kenne den Barnen nicht und Weitz auch nicht, weshalb die Leute in meinem Garten spazieren gehen wollen: Hoffentlich sind es junge Leute, die lustig find."

Wir dachten schon nicht mehr an die Düsseldorfer, als es um vier Ahr am Eingang klingelte. Der Vetter spähte Hinunter. Um Gottes willen, das ist ja ein altes Mütterchen und ein Zittergreis, was wollen die bei mir? sagte er verwundert und ging nach unten, wo unterdessen geöffnet war. Ich blieb im Eßzimmer, stand am Fenster, sah auf den sommerlich bewegten Rhein, sah drüben Ankel, das lustige Weinstädtchen, im Vach­mittagsdunst liegen und dahinter die Berge blauen.

Da rief der Vetter unten aus dem Garten:Du, kommst du mit? Wir gehen nach dem Gartenhäuschen hinauf, die Herr­schaften möchten es sich einmal ansehen!"

Ein eisgraues Ehepaar, bas sich Vetters Laube curfehen wollte, nun, ich hatte keine übergroße Eile, langsam schlenderte ich die schmalen Wege zwischen den blühenden Rasenflächen Hinauf. Dor mir der Vetter war höflich, zeigte hierhin, zeigte dorthin, die beiden Alten trippelten Schrittchen vor Schrittchen bergauf, er hatte schon den Hut in der Hand und sie seinen Arm ergriffen und schob ihn sanft weiter.

Grade als ich bei dem Sommerhäuschen eintraf, waren auch der Vetter und das alte Paar angekommen.

Sie sah ihren Mann mit einem so unbeschreiblichen Blick an, nachdem sie einen flüchtigen Eindruck von der Laube und ihrer Amgebung gewonnen hatte, und sagte zu ihm kleinlaut und wie verstört:Mein Lieber, Guter, wie alt sind wir geworden!"

Er wischte sich die Tropfen von der Stirn, nickte behutsam und fuhr fort:Ja, die Buchen hierbei waren damals vielleicht armdick und jetzt können wir beide sie nicht umspannen, und das Häuschen war hell und heiter, weil die Sonne jeden Tag darauf brannte und jeden Tag lustige Leute drin faßen und sich wohl sein liehen."

And damals," fuhr sie wieder andächtig fort,damals konnte man die ganze Kette des Siebengebirges sehen und außer den umschlossenen Dörfern kein Haus und jetzt ist alles zugewachsen und die Rheinebene ist von Häusern und kleinen Höfen erfüllt, Wäldchen find verschwunden und Berge sind ^ahl geworden."

Unterdessen hatte der Vetter aufgeschlossen, ein weiß- gestrichener runder Tisch war zu sehen, das Achteck des Inneren war sonst leer, nur über jedem der sieben Fenster, die der Vetter eines nach dem anderen öffnete, hing ein viereckiges Oelbild, sieben Jagdstücke in morschen: Birnholzrahmen, von der Hand des letzten kurfürstlichen Hofmalers ziemlich roh und derb hingesetzt.

Die beiden, der Vetter nannte sie bei der Vorstellung Herr Landgerichtsrat Atenhoven und Frau, waren, wie in ein Heilig­tum in den Helldunklen Raum eingetreten, der vom dichten Duchenlaub grün durchfärbt war.

Hier, ja hier war es, Friedrich hier sahen wir, hier fangen wir, hier hattest du meine Hand in deiner Hand und wir waren glücklich zu sehen, wie strahlende Liebe seine Augen und sein Wesen verklärten."

Sie meint nämlich Freiligrath, mit dein wir damals zu­sammen in dieser Laube tafelten und edlen Wein tranken", be­merkte der alte Landgerichtsrat nickend.

Der Vetter berichtete:In unserer Familie ist das Gut seit 56, vorher gehörte es einem gewissen Fränzchen." .

Heinrich Fränzchen, ja, er war ein Freund Freiligcaths und so waren auch wir oft seine Gäste."

Da begann das Frauchen wieder:Freiligrath hätten Sie sehen müssen, so etwas von Lebenskraft und Dichterlaune gibt es jetzt nicht mehr. And nie allein, immer eine Bande um sich herum, der Maler Schlickum aus Düsieldorf, Dralle, Schücknig mit den Gespensteraugen, Walter von Goethe, der behagliche Enkel des Alten von Weimar, lauter Originalkerls, wie er es nannte, und Mätzerath und Simrock und Müller von Königs­winter, und die Studenten, Ganghorn und Bölling, und mein Mann und nicht zu vergessen Strolch, den Hund, der bei allem dabei war."

Die Augen der alten Dame leuchteten, wie eine gefeierte Schönheit war in diesem Augenblick ihre Haltung. Ich war mit den beiden Alten allein, der Vetter war nach unten ins Haus geeilt.Wie schwangen die Männer den Rheinweinrömer! Wie funkelte ihr Gespräch, wie strahlte ihre Seele, wenn sie von Deutschland sprachen, das war eine Zeit, unser Deutsch­land noch klein, aber die Herzen der Männer so groß und Hvffnungssicher!"

Amalie, du schwärmst ja ordentlich!" suchte der Land­gerichtsrat sie lächelnd zu beruhigen.

Soll man nicht?" fuhr sie fort,dort an den Türpfosten lehnte Freiligrath und las sein Rolandslied vor. And, dort saß Ida Melos, verlobt, eine Schönheit aus Weimars und der Dichter sah nur sie an und sie sah nur den Dichter an und wir verstanden, daß da über Verlobung und alle Welt hinweg zwei Menschen sich fanden. Denn auch der Dichter war ja wohl noch gebunden. Wir aber waren keinen Augen­blick verwundert als mir nach Monaten hörten, daß Freiligrath und die frische Ida Melos doch ein Paar werden würden."

Da erschien der Vetter, ein paar Flaschen Fahbänder" in den linken Arm geklemmt, vier Römer zwischen den Fingern der linken, die Guitarre in der rechten Hand. Ich eilte und trug Stühle herbei, bald saßen wir in dem Gartenhäuschen, der erste Pfropfen knallte, die Gläser füllten sich die beiden Alten nippten und wir zwei hoben den Decher desto bester. Geht noch", fragte die alte Dame schüchtern,dort rechts ein steiler Weg hinauf nach einer Steinhalde?"

Genau, wie Sie es beschreiben!"

Ist er noch so lehmig, so daß man leicht ausgleiten kann?" Immer noch, solch ein Lehm bleibt Jahrhunderte und über­dauert sie!"

Siehst du, Friedrich, heute vor wieviel Jahren?"

Aho laß das doch", sagte der alte Herr betreten,bas wird die Herren nicht interessieren."

Aber die kleine Frau Landgerichtsrat hatte von dem Schlück- lein Wein Mut bekommen, sie fuhr unbeirrt und glückselig lächelnd fort:Warum soll man das nicht erzählen, wenn man Argroßmutter ist? Friedrich und ich gingen nämlich damals, weil unser Herz so voll war, und die Dichter in der Laube so laut, seitwärts durch das Buchengebüsch und tarnen auf den glatten Weg und ich glitt aus und er fing mich auf, und da hat er mir den ersten Kuh gegeben!"

Der Vetter hatte die Guitarre gestimmt und sang nun leise alte LiederFreut euch des Lebens" undGuten Dag, Herr Gärtnersmann". Da kam die Rührung so stark über das Mütterchen, daß sie ihre feine, welke Hand mit dem schmalen, von einem langen Leben abgeschliffenen Ring über die Augen legte. Aber nur eine Weile. Dann sah sie, während ein flüchtiges Rot ihre Wangen färbte, eifrig den Vetter an, summte eine Melodie und fragte ihn. ob er dies kenne und begleiten könne. Als dieser das bejahte, sah sie nickend zu ihrem kopfschüttelnden Gatten hinüber und sang mit einer zitternden, aber von tiefer Empfindung gesättigten Altstimme:

Was stehst du noch am Fenster And streckst die Amre weit? Der Mond geht überm Rheine, Mach zu, 's ist Schlafenszeit! Eidudu, Eidudein, Mond überm Rhein!

Dein Bart flirrt weiß im Monde, Die Kinder wurden groß

And saßen doch vor Jahren so gern So gern auf meinem Schoß. Eidudu, Eidudein, Mond über'm RHein!

And unser Kinderbett chen

Staubt auf dem Speicher ein, Hi er stand's zu unfern Füßen, Kann nicht noch einmal sein. Eidudu, Eidudein, Mond über'm Rhein!

Was stehst du noch am Fenster, And streckst die Arme weit?

Mein Lichtchen zuckt im Winde, Mach zu! 'S ist Schlafenszeit! Eidudu, Eidudein, Mond über'm RHein!

Die Jahrtausend-Ausstellung der Rheinlande.

Ein Fest der Befreiung sollte es sein, die Jahrtausenbfeier der Rheinlande, zu der man seit dem Ende des Ruhrkampfes gewaltig rüstete von Mainz bis hinab nach Aachen. Aber noch heute trägt der Rheinstrvm die Fesseln der Fremdherrschaft, noch heute wehen von den Zinnen der rheinischen Städte Trikolore und Anion Jack, noch heute halten französische und britische Truppen die Wacht gegen Osten, gegen Deutschland. So wurde die rheinische Jahrtausendfeier zu einem gewaltigen Protest gegen Vertragsbruch und Internationalisierung, gegen Donderbünbleret und Pufferstaat, ein lautes Bekenntnis zur unlöslichen Cber« bundenheit von Reich und Rheinland, zum freien deutschen Rhein. So ist diese Jahrtausendfeier so recht erwachsen au8 der Rot der Gegenwart, als der Abschluß einer Zeit furchtbarer Kämpfe der Rheinländer um ihr Deutschtum, als der Auftakt zu neuem Ringen um ein freies Volk am freien Rhein. Tritt man mit diesen Gedanken an den Plan der Jahrtausemifeier heran, erübrigt sich fast eine historische Begründung des Jahres 1925 als dem Gedenkjahr tausendjähriger Zugehörigkeit der Rheinlande zum Deutschen Reich. Kann doch keine Rede davon fein, daß ein erst tausendjähriges Deutschtum der Lande westlrch