Ausgabe 
26.5.1925
 
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riße nach und warf sich seitwärts auf sie nun ganz gerettet war.

den Rücken, hin, sicher, Da!

Abgrund hingen: hörte sie auch schon die Steine dumpf polternd an den Balken und Wänden in die Tiefe stürzen.

Sie wollte lächeln, wie man im Traum noch lächeln will, doch als sie in den Ritzen der Steine Halt zum Greifen fand, schob sie sich wie ein Tier am Boden vor, fand mit den Knien! Widerstand, zog auch die

Strom von der Quelle bis zur Mündung. And die Kunst? Davon wird noch die Rede sein. Die großen Dome von Speyer und Laach, von Andernach und Bonn und die Strftskirchen in Köln: der deutsche Rundbogenstil »areimgt sich Meister­stücken religiöser Inbrunst. Sn den Städten bauen die Burger ihre kunstvoll-schönen Häuser, stolze und stattlicye Rahmen i> s reichen selbstbewußten Lebens. Aber: auf und ab, wre das deutsche Schicksal, geht es um das rheinische. Kriege zer^chen Dlutaemeinschaften. Es löst sich die Schweiz, es losen sich die Mederlande als selbstäirdige Glieder vom deutsch-mutterlichen Körder das Elsaß wird geraubt, kleine Ländchen und Qtaore schlicht sich voreinander ab. Fehde wogt hin und her - das flfrea jft wesentlich eigene deutsche Schuld. Was Wunder, daß Kunst und Dichtung oft jämmerlich darniederliegen, daß durch Jahrhunderte oft der Strom des geistigen Lebens dünner und dünner rinnt, aber eines bleibt: der unveränderliche und un­veräußerliche deutsche Untergrund des geistige und seelischen Rheinlandes und die Sehnsucht aller Deutschen nach diesem Lande, wo die Traube von der Sonne gekocht und am Ober rbein fast wie im Süden Mandel und Feige rmfen und Labak gebaut wird. Wer an die Aheinwelt ruhrt, rührt an Den -Ur, gründ des deutschen Seins!Hier an beiden Ufern des Rheins, so gab Ernst Moritz Arndt dem Wesen und der Wirkung des Stromes Ausdruck,in diesen Landen hat sich das Geinianische mitten in allen Stürmen der Jahrhunderte, in allen Um kehrungen und Wechseln der Völker immer mehr zusammen- gedrängt erhalten, ja es ist gerade durch die Sturme und Wechsel derselben fester zusammengedrängt worden, ich mochte sagen, es ist gediegener und dichter geworden... Von da sind unzeigbar, unscheinbar die zarten und geheimen Geister des deutschen Wesens in alle Lande ausgeflossen: aitS diesem verborgenen Feuermeere sind die Funken ausgesprüht, die bis zur Ostsee und bis zu Polen, Ungarn hin das lebendig erhielten, was deutsch genannt werden durfte."

Das fremde Fräulein.

Von Wilhelm Schaf er.')

Vor einigen Jahrzehnten, als auf Burg Lahneck noch die Dohlen ungehindert Rester bauten und selten jemand auf Die Brennesseln im Schloßhof trat, kam von Kapellen her mit einem grünen Schleier ein Fräulein angefahren, das schon vom Rachen aus mit schwärmerischen Blicken Die Ruine musterte und sich der Dunstigen Morgenhitze ungeachtet sogleich den steilen Weg hinauf begab. Wo heute eine Treppe von vielen hundert Stufen ist, war damals noch ein steinichter Weinbergspfad, der sich zuletzt in ein Gestrüpp von Unkraut und Gebüsch ver­lor, Daß jeder sich den Weg von neuem bahnen muhte. So kam Das fremde Fräulein rot und heiß ans Tor und ganz behängt mit Spinnenfäden, weil es schon Herbst war, der am Rhein nach Dunst und bedeckter Sommerhitze mit Nebelmorgen und klaren Tagen kommt. Sie ging erst in den Hinteren Burghof, wo die Bauart der Gesindehäuser an den Schutt­streifen der Außenmauern noch zu erkennen war, und fand dann erst den Weg zurück ins zweite Burgtor, wo das Mauerwerk noch aufrecht mit den ausgewitterten Fensterlöchern stand.

Da lag der kühle Schatten in den Brennesseln^ und Ge­sträuchen, die den Hof feucht hielten, und ein Schwall von Mücken überfiel sie so, daß sie den grünen Schleier herunter­lieh und sich, mit beiden Händen wehrend, rasch in den schmalen Eingang des hohen Bergfrieds flüchtete. Der war fünfeckig, wie das die alten Türme manchmal sind, und mit so dicken Wänden, dah die Treppe inwendig in der Mauer wie eine schmale Höhle aufwärts führte. Durch Die Steinluken brach das grelle Licht; doch war aus den Jahrhunderten der Schutt der Wände so dick gerieselt, daß ihre Füße kaum die Treppen­stufen fanden. Obgleich ihr graute, ging sie beherzt hindurch und kam hinauf zum ersten Stockwerk, wo alles ausgebrannt war und nur noch schwarze Elchenbalken hinüberführten in den zweiten Treppengang, der wiederum mit seinem schmalen Ein­gang zu Abenteuern lockte. Sie tastete sich an der Mauer hin; und so herzklopfend jedesmal auf halbverkohlten Dalken die Tiefe überschreitend, und wieder auf schmaler Wendeltreppe durch dicke Mauerwände, kam sie ans letzte Stück, wo nun die Treppe freitragend an der Mauer und ohne Geländer zur Plattform führte. Da konnte sie zuerst nicht mehr, weil es zu schwindlig für fie war, ohne Geländer die kleinen Stufen hinaufzugehen. Doch fiel durch eine Luke der Tag hell über sie; so dicht am Ziel vermochte das fremde Fräulein nicht mehr umzukehren und wagte nach einigen Versuchen den letzten bösen Dang.

Es schien ihr gleich, als ob die Steinstufen nicht mehr sicher wären, doch ging ihr Blut zu aufgeregt; sie glaubte noch, indem sie hastiger ging, dah ihr die eigenen Füße schwankten, als ihr fünf Sttifen vor dem Ziel der Schrecken in die Glieder fuhr. Sie wollte mit einem letzten Satz hinauf, griff auch den Steinrand oben noch, bevor sie fiel: schon aber brach alles unter ihr nieder, und während sie halbtot vor Angst bäuch­lings auf der grasigen Plattform des Turmes lag und keinen Halt mehr mit den Füßen fand, die wie Gewichte über dem

*) Dem schönen BüchleinRheinische Rovellen" (bei Ph. Reclam, Leipzig) entnommen.

Hier oben kam Die Herbstsonne stärker durch Den Rebel; sie fühlte ihre Wärme, als sie sich nach Minuten sinnloser Schreckens» folgen daß der Steinboden einstürzen würde und der ganze Turm seufzend aufrichtete, erst auf den einen, dann auf Den andern Arm gestützt. Sie sah furchtsam nach dem dunklen Loch, das fast ihr Grab geworden war, fand auch zuletzt den Mut, ich in den Knien aufzurichten, die Hände fest auf die klopfende Brust gepreßt; sie muhte lächeln, dah sie, die aller Gläubig­keit der Kinderzeit entwachsen. war, nun kniend und von Dank überfließend wie zum Gebet dasaß; doch blieb sie glücklich so, bis ihr die Arme von selber niedersanken

Wie eine Maus gefangen auf dem Turm, dachte sie und trat kopfschüttelnd an den Rand, wo ihr die Zinnen rechts und links den Ausblick zackig einrahmten. Der Turm war hoch, sie ah die halben Dächer und dunklen Löcher des Burghofs tief unter sich, sah über den steilen Wald- und Felsrand hinunter in die Lahn, die sie mit einem Steinwurf von hier erreichen konnte, sie sah die Häuser von Riederlahnstein am andern Afer wie Spielzeug ausgestellt, sah die Weinberge und die herbst- bunten Wälder, sah den schimmernden Rhein, wie er sich gegen Koblenz hin im Rebel verlor. Der Anblick war so reich, und all die Herbstfarben standen so verschönt im Blauen Duft, daß ihre Augen entzückt den Teppich auf und nieder liefen, indessen die Gedanken der Gefahr sich mehrten. Sie wollte sich davor verschließen, wie wenn das alles nur ein verrückter Traum fein könnte, ging nach Süden an den Rand und sah übers Streitfelö hin die welligen Taunushöhen im Glast der Sonne liegen, sah auch nach Westen den renovierte Stolzenfels an den Waldbergen kleben: bevor sie endlich Über ihre Feigheit erschrocken an die Luke trat.

Zunächst gewahrte sie, geblendet von der Sonne, nur Dunkel­heit, bis sie vorsichtig kniend ihr Auge in das schwarze Loch hinein gewöhnte und dann lange bis auf den Grund hinunter in ihr Schicksal blickte: Wemi ihr nicht Menschenhilfe von außen kam, sie selber konnte nicht mehr hinab, weil alle Stufen aus- gebrochen waren, und weil ein Sprung hinunter auf die ersten Balken über dem furchtbaren Schacht kaum einer Katze möglich war. Rur nicht weinen, dachte fie, und mußte die Äugens schließen, als sie in den Himmel blicken wollte, der weißblau flimmerte; auch lächelte sie -noch einmal zu ihrer Angst. Doch ete sie, tote alles Grauenhafte, was unter ihren Füßen cklich polternd in den Abgrund gefallen war, nun wieder aufstieg aus dem schwarzen Loch. So trat sie schaudernd an den Zinnenrand zurück und merkte fast nicht, daß sie schrie, einmal, dann lauter, noch einmal, dann In Der Angst aus- brechend so schrill und gräßlich, daß sie selber vor Schrecken schwieg und danach es war so tapfer sonst, das fremde! Fräulein noch wieder lächelte.

Doch ging Der Schrecken nach diesem Schrei, darin die erste Angst sich nachträglich mit auslöste, nun nicht mehr fort aus ihr. Sie fühlte, wie er mit ihr allein geblieben war und keinen Weg zu den Menschen fand; Da zwitscherten Die Vögel unten im Gemäuer, ein Dampfschiff läutete seine Ankunft in Ober­lahnstein an, auch rollte irgendwo ein Zug: doch alles schwamm in einem verschollenen Menschenlärm, der aus dem engen Lahntat wie ein Geruch aufstieg, so verdünnt in Licht und Luft. Zuerst war es ein Zorn, daß fie so abgeschnitten war von aller Men­schen welk, obwohl ihr alle Höfe und Straßen wie ein auf' geschlagenes Buch geöffnet waren sie riß Den grünen Schleier ab und schwenkte ihn, weit in die Zinnen vorgebeugt, hinunter viele Mal dann die Beschämung, daß sie so rasch die Haltung einer Dame verlor, dann die Gewißheit, daß mehr als die Dame verloren war: bis doch wieder der Lebensmut die Oberhand bekam und sich in diesem Abenteuer traumhaft auf den seltsamen Ausgang freute, den ihr die Sehnsucht mit vielen Bildern malte.

Dann hörte sie den Glockenschlag am Kirchturm, sah aus die Ahr, die golden und wie ein kleines Ei war, und merkte, daß zu allem nicht eine Viertelstunde nötig gewesen wäre. Eie rechnete sich aus, daß so noch vierzig Viertelstunden kämen bts zur Rächt, dah sie geduldig warten könnte, und setzte sich zum erstenmal feit ihrem Anglück hin, den Rücken an eine Zinne So spürte sie, wie todmüde ihr die Beine schon gewor«n Waren; sie schloß die Augen für einen Augenblick und. hatte eine Musik im Ohr, die wie die abrinnenden Gedanken immer denselben Gang hinunterlies; sie grübelte, was es und ließ die Erinnerung durch Konzerte, durch Säle voll LM und Hellen Kleidern, auch durch stille Zimmer mit Klavierm suchen. Sie sand es nicht, doch spürte sie, was nie zuvor in M gewesen war: wie schön, wie unvergleichlich schöner dies auc in ihr stand, als jemals ein Ratureinöruck für sie getoeiw war. Sie schloß die Augen fester zu und dachte blitzM, wie ihre Schwärmerei niemals ein Abenteuer anders als m Menschen erwartet hatte, tote die Ratur, der sie jetzt ausgeues war, stets in allem, im Abendrot, im Auge eines Hundes, Dunkelwerden und in Der Mittagsruhe unheimlich für fie s Wesen war. (Fortsetzung fulg"