Gießener Zamilienblätter
___Unterha!AKg§beilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1925 Dienstag, den 2b. Mai ynmmer §2
Rhein-Hymne.
Don Kasimir Edschmid.
Eine zerfunkelnde heiße Gebärde lehnt sich der Strom in die sterntiese Dacht. Rauschen der Wogen umrankt seine Fährte. Sorgend der Mond hält die mildernde Wacht. Silberne Dörfer wie kniende Frauen nehmen in Demut und lächelnd ihn auf.
Aber den Träumenden sehnt schon nach blauen Stunden des Mittags und kühnerem Lauf.
Laßt erst die Sonne die Ufer betasten zagend am Morgen, der kühl schon verklingt: steigend im Süden vor Wimpeln und Masten hebt sich die Flutung, von Schweigen umringt, hebt sich Legende und stammelnd, schon heiser, flutender singt sie der Länder Beginn, die an dem Flusse sich drängen, und Kaiser ziehen im Leuchten der Strophen dahin.
Barken, die nahen, mit Reben beladen und die die Anmut der Mädchen umpreist, Knaben besingt sie, die strahlend sich baden, Segel, in denen die Seligkeit gleißt. Tage der Fülle mit reifem Akkorde klingen verträumend ins herbstliche Grau. Strähnig raucht Rebel von Ufer und Borte. Heißrote Himmel umflammen den Gau.
Später dann könnt ihr im Sturm ihn noch grüßen, wo er sich aufbäumt vom Dollherbst berannt... Ach, er ist ewig. Wie ragt noch vom süßen Traum des Jahrhunderts sein Winter umbrannt.
nach dem müt
schaftlichen Bei
Rheinische Kultur.
Von D. H. S a r n e h k i, Köln.
Wir entnehmen diese schöne Betrachtung über rheinische Kultur mit Erlaubnis des Verlages dem in Kürze bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart erscheinenden Buch „Der Rhein in Vergangenheit und Gegenwart", mit verschiedenen Mitarbeitern herarrsgegeben von Otto B r ü e s, einem nur von Rheinländern geschriebenen, ebenso hervorragend ausgestatteten wie inhaltlich tiefen und anregenden Jubiläumswerk von dauerndem Wert.
Wenn der Rame Rhein den Deutschen ans Ohr klingt, ist es wie der Ton einer Glocke vom hohen Turm, der die Seele mit geheimnisvollen Fingern anrührt, sie aufhorchen läßt und aufrüttelt und, mystische Schauer zurücklassend, in der Weite langsam verschwimmt. Der Rame Rhein — was der Jordan den alten Juden, Allvater Ril den Aeghptern, der Ganges den Indern war und ist: ein heiliger Rame. Sinnbild kulturellen Wachstums, das irgendwie mit dem ganzen deutschen Lande verbunden ist, einer Geschichte, die bis in graue, nicht klar mehr faßbare Urzeit zurückgreift und die da Schicht um Schicht zurück- netz vom Volks- und Geschlechterleben durch Jahrhunderte hin — in Römergräbern, mittelalterlichen Domen und Burgen, Barock- bauten und neuzeitlichen Fabriken —, Sinnbild von deutscher Schaffenskraft und Lebensfreude, von nachdenklichem Ernst und ererbter Parteisucht, von tausend Wechselfällen des Schicksals, .ttyern. das ist der aufleuchtende Ruf vom dürren Sandboden cS J?a j v2uS J>cn Wäldern und Sümpfen des kolonisierten Ostens nach der Sonne, der Schönheit, nach paradiesffcher Heiter- te.t, las wie undeutbare Unterströmung im deutschen Herzen nach dem Mütterchen Ursprung, das ist Sehnsucht, seelische Verbunvenhe.t, Schuksalsgemeinschaft. Und mögen auch die anderen deutschen Strome ihren hohen Wert im Volksleben haben ^-^efotideren Reiz ihrer Landschaft, die Große ihrer wirt- schaftllchen Bedeutung, mag die Elbe eine Kette von Städten rS « bunte, lärmende Hafengetriebe Ham
burgs, von wo der Strom zum Träger weltumspannender Ge- danken und Handlungen wird, die Weser der Ausgangsp',ntt des alten germanischen Freiheitskampfes sein, Oder und Weicbs-l
Eungenen Kulturboden durchfließen, die Donau mächtiger tra^ i6re Wasser nach dem südosteuropäischen R,I."elmeer): der Rhein ist Ausgangspunkt und Ende, ist Zier HA Deutschland selbst, alles, was es groß und berr-
. A "b was es sich selbst zu Schaden gemacht, was es erhofft erlitten hat. Unzählige Lieder umrauschen die berg
umsäumten Ufer: in Städten und Dörfern träumen die nie gestorbenen und ewig neu erzählten Sagen und Mären aus dem Strome selbst glüht in nie erloschenem Glanze das Rheingold, und zwischen den zerbröckelnden Römerfesten und den hochragenden Fabriken der Gegenwart ruhen die tausendfältigen Ereignisse deutscher Geschichte.
Der Rhein ist der Fluß des Grenz la n des — nicht Grenze der Fluß! — zwischen germanischer und romanischer Kultur. Deutsche und welsche Art berühren sich auf dem geschichtlichen Muttergrund kelto-romanischen Geistes; Blutströme liegen nebeneinander und streifen sich und fließen ineinander, wenn auch eine untrügbare strenge Sprach- und Völkergrenze vorliegt. Hier ist der Boden, wo das müde Volk der Kelten neue Lebenskraft von den Römern erhielt, und diese Blutmifchung wurde ergänzt durch das frühlingsjunge Blut der Germanen, als sie raumheischend über Den Strom setzten, in das Römerreich fluteten, zurückgeworfen wurden, sich ansiedelten oder zergingen. Aus dieser Vermischung wurde Wesen und Charakter des Ahein- landers geformt, der zwar weniger „reinblütig" ist als etwa der Westfale, der Sachse, der Mitteldeutsche, nicht so hartnäckig, zäh, dickköpfig,. nicht so willensbestimmt und beharrlich, der dafür aber mit ganz ursprünglich deutschen Wesenszügen viel Lrebenswurdigkeit, Heiterkeit, Freude an sinnlicher Schönheit und Lebensgenuß in die Wiege gelegt bekam. Er ist durchweg nicht der Deutsche des harten Verstandes, sondern des flackernden Herzens — wenn auch für den Rheinländer vom Ober- bis zum Riederrhein keine allgemein gültige Charakter- bestimmung getroffen werden- kann —, darum macht der Rheinländer z. B. im Ausland mehr moralische Eroberungen als etwa der steife Norddeutsche oder der derbere, formlosere Süd- Putsche. So wird auch der manchmal unentschlossene Arg des Rheinländers erklärlich, der im Grunde weniger Tat- als Sinnen» mansch ist — der nivellierende Einfluß der Gegenwart begimrk auch dies zu verwischen —, gern Entscheidungen mit einem Witzwort ausweicht, etwas Leichtes hat, gelegentlich, bis zur Oberflächlichkeit, der naturgemäß welsches Wesen eher versteht als der Deutsche jenseits der Rheinlinie, seinem Deutschtum aber, dem er mit Liebe anhängt, dennoch nichts vergibt, nur lässiger ist im Ärteil und in der Furcht vor der politischen Tragweite. Denn man muß sich darüber klar sein, daß im Rheinland nichts vergessen ist von den französischen Raubzügen unter dem Lilienbanner der Bourbonen, der Zerstörung des Heidelberger Schlosses und der Schändung der Kaiserleichen im Dom zu Speyer, nichts vergessen von dem lähmenden napoleonischen Machtwillen über den Ländern am Rhein, daß der Rheinländer sich durchaus bewußt ist, wie das gallische Volk seit vierhundert Jahren immer wieder gegen den Rhein hin arrs machtpolitischen Gründen vordrängt in der gegenwehrenden Furcht, vom jüngeren, lebens- und saftvollen germanischen Volk allmählich überflügelt zu werden. Wie Vieser Zug nach Westen ja typisch ist für die Völker Europas im allgemeinen und die Slawen, noch träge und dumpf im Instinkt, nach Westen starren und langsam vorzurücken beginnen, denn die Kultur der- hochentwickelten Völler des Abendlandes wird einmal alt und müde werden.
Rheinische Kultur ist die ä I t e st e deutsche Kultur. Das Rheinland stand schon im Hellen Licht der Geschichte, als die germanischen Stämme östlich vom Rhein in ihren undurchdringlichen Wäldern noch in einer — durchaus nicht zu rmterfchätzenden und auch heute wissenschaftlich noch- wenig erkannten — primitiven Eigenkultur lebten. Früh schon verband der Rhein in allen Kulturdingen Den Süden mit dem Borden, Das Reich südlich der Alpen mit England und der Ostsee. Als Bonifaz von Mainr aus Die Christianisierung Der Sachsen anstrebte, war DaS kein Anstoß, sondern Fortsetzung: nicht Anfang der rheinischen Kirchengeschichte, sondern nur ein Abschnitt; denn die 'Grabsteine mit römischen Inschriften geben Kunde von einer großen altchristlichen Bewegung zur römischen Zeit, und auch die deutsche Kirchengesch-ichte nimmt vorwiegend am Rhein ihren Ausgang. Als im inneren Deutschlands die Festigung der Orte zu städtisch«» Gemeinwesen erst einsetzte, waren am ^Rhein schon ältere organisierte Stadtgemeinfchaften. Wirtschaft und Industrie, heute in höchster Blüte, erhoben sich schon im frühen Mittelalter zu bedeutenden Erscheinungen. And gar, als das Kaisertum im Mittelalter viele hundert Jahre Glanz über das Deutschtum ausgoß, trug der Rhein, wie selbstverständlich die große mittlere Lebenslinie durch Deutsches Land, sozusagen sinnbildlich Das Reich, wenn Kaiser und Könige zu Berg oder Tal fuhren, funkelte hinauf zu den Burgen, die Fürsten, Grafen, Ritter sich erbauten, war so recht ein deutscher


