— 271
strahlte er, da er seine geheimsten Wünsche erfüllt stch. Er lachte und schimpfte zugleich, guckt« sein Wasserfaß an, s«in Pferd, zerdrückte eine Träne im Augenwinkel und sagte: »Aber Sie, das ist schlimm, schlimm! Wie konnten Sie so etwas tun?... Das Pferd ist stark wie ein Auvergnate." Ate habe ich etwas Rührenderes gesehen als diese Szene.
Dourgeat bestand unbedingt darauf, mir ein in Silber gearbeitetes, chirurgisches Besteck zu schenken, das Sie vielleicht in meinem Arbeitszimmer gesehen haben. Mr mich ist es der größte Schatz, den ich besitze. Obwohl ihn meine Anfangserfolge berauschten, ist ihm nie das leiseste Wort, nie die kleinste Gebärde entschlüpft: Ich bin es, dem die Welt diesen Wann verdankt. Und es war doch so, denn ohne ihn hätte die Misere mich umgebracht.
Der arme Kerl hatte sich für mich bis aufs Hemd ausgezogen, er ah nichts als Brot, dessen Rinde er mit Oel einrieb, und das deshalb, damit ich Kaffee haben könne, bei meinen Studien nachts wach zu bleiben.
Er wurde krank. Sie können sich ^denken, ich habe die Nächte an seinem Lager zugebracht. Ich habe ihn das erstemal auch gerettet. Aber sein Leiden kam nach zwei Jahren mit vermehrter Heftigkeit wieder, und trotz liebevollster Pflege, trotz der erbittertsten Anstrengungen der Wissenschaft konnte der Ausgang nicht zweifellos sein. Kein König ward je so geflegt wie er. Ja, Bianchon, um dieses Leben dem Untergang zu entreißen, habe ich unerhörte Dinge gewagt. Ich wollte, daß er lebe, er muhte noch die Früchte feines Wirkens sehen, alle seine Wünsche und frommen Gelübde sollten sich erfüllen. So wollte ich die einzige Dankesschuld abzahlen, die mein Herz kennt und kennen! wird, solang ein warmer Atem in mir ist."
„Nun," setzte er nach einer Weile, tief ergriffen, hinzu, „Dourgeat, mein zweiter, mein wirklicher Dater, ist in meinen! Armen entschlafen. Was er besaß, hinterlieh er mir durchs ein Testament, das bei einem Schreiber auf der Straße ausgefertigt war, es war datiert aus dem Jahre, da wir in den Hof Rohan eingezogen waren.
Dieser Mensch hatte einen Köhlerglauben, er liebte die heilige Jungfrau, Mutter Gottes, wie er sein eigen Weib geliebt hätte. Er war glühender Katholik. Aber nie Hat er mir ein Wort über meinen Unglauben gesagt.
Als sehr Zustand gefährlich wurde, bat er mich, ja nichts zu versäumen, damit er nur die Tröstungen der Relegion «Hielte. Ich ließ täglich für ihn die Wesse lesen. Oft bekannte er mir nachts seine Mrcht um das künftige Leben, er hatte Angst, nicht fromm genug gelebt zu haben. Der arme Kerl! Er schuftete ja vom Morgen bis in die Nacht. Wer sonst soll denn ins Paradies kommen, wenn es überhaupt eins gibt?
Er erhielt die letzte Oelung wie ein Heiliger, und das war er.
Sein Tod war seines Lebens würdig. Seinem Sarge folgte nur ich
Als ich meinen einzigen Wohltäter zur Erde bestattet hatte, suchte ich Mittel und Weg«, ihm zu danken nach seinem Tod. Ich sah: Familie, Freunde, Frau und Kinder hatte er nicht.
Aber er glaubte! Er hatt« eine unerschütterliche lieber« zeugung des Glaubens, daran zu zweifeln hatte ich kein Recht. Oft hakte er mir schüchtern erzählt von Messen für den Frieden Mgeschiedener, er wollte mir dieses nicht zur Pflicht machen, denn er mochte denken, das hieß«, die Rückzahlung der Schuld fordern. Kaum daß ich nur irgend konnte, habe ist der Kirche Saint-Sulpice die Stiftungssumme für vier Messen im Jahr hinterlegt. Da dies die einzige Form ist, in der ich Dourgeat etwas geben kann, nämlich die, seinen frommen Gelübden Genüge zu tun, so gehe ich zu Deginn der vier Jahreszeiten in seinem Namen ins Gotteshaus, spreche für ihn die Gebete, die man verrichten muh.
Ich sage mit dem guten Glauben des Zweiflers: Mein Gott, wenn es eine Welt gibt, wohin du nach ihrem Tod di« vollendet Guten sendest, dann gedenke des guten Nkenschen Dourgeat. Hat er etwas abzubühen durch Leiden, dann gib mir dies« Leiden, auf daß er früher in den Ort eintreten kann, den man das Paradies nennt.
Dies, mein Lieber, ist alles, was ein Wann von meinen Grundsätzen sich gestatten kann. Gott wird ein guter Gesell« sein, er wird mir deswegen nicht zürnen. Und ich! schwöre Ihnen, ich gebe mein ganzes Hab und Gut barunt, könnte nur die Gewißheit Des Glaubens, die Dourgeat hatte, in mein Gehirn hinein!"
Dianchon, der Desplein in seiner letzten Krankheit betreute, wagt heute nicht zu behaupten, der berühmte Chirurg sei als Gottesleugner gestorben. Gläubige Seelen werden sich an die Hoffnung halten, der demütige Auvergnate fei gekommen, ihm bte Himmelstore zu öffnen, so wie er ihm einst die Dore des Ruhmestempels geöffnet, über dem geschrieben steht:
„Seinen großen Söhnen — das dankbare Vaterland."
Das Kleine Ferienkind.
Erzählung von Clara Priest.
Der Pfarrer hatte in der Kirche nach der Predigt den Aufruf verlesen und ein paar kurze, kernige Worte dazu geredet, die auch in den mecklenburgischen Dickschädel seiner Gemeindekinder Eingang gefunden hatten.
Jetzt standen die Dauern draußen auf dem Kirchhof vor dem Äotzigen alten Kirchturm und überlegten die Sache. Das heißt, gesprochen wurde dabei nicht viel, das war hierzulande nicht Mode. Aber der Gemeindevorsteher Habermus meinte doch: „Ja. wat sin mut. mut sin!" Und der Müller Peckelhoff: „Ja. dat is denn da ok noch bi äwer. Un man künn sick jo fo'n halbwüchsigen Jung nehmen, der «in sv'n beten bi de Arbeit helpen bot."
„Essen täten die meinigen allein schon genug," sagte der schmale Schullehrer, der damals von einem Versuch, Soldat zu werden, krank heimgekommen war und fünf hungrige Jungs zu füttern hatte. „Aber wenn es ein Mädchen wäre, das meiner Frau ein büschen zur Hand ginge, und wenn die Tüfften dies Jahr reichlicher wären, dann könnte das ja gehen."
„Up ein paar Süffeln schall mi dat nich ankommen," sagte der dicke Dauer Schwarzkopp. „Wenn nur die Olsch mi keene Schwierigkeeten mokt. Aber wenn die Regierung das sagt und uns Pastor, dann dürfen wir Roggendorfer uns nich lumpen lasfen."
Langfam schoben sich die Dauern aus dem Kirchhofstor und gingen zu Zweien und Dreien auf der Dorfstratze heim.
Als letzter und allein für sich ging Hinrich Wittsohl feines Wegs. Seit vor dreißig Jahren ein böfer Fall vom Erntewagen ihm als halbwüchsigen Jungen ein langes Krankenlager und dann ein steifes Knie gebracht hatte, war er gewöhnt, feine eignen Weg« auf feine eigne langsame Art zu gehen, und verlangte nicht nach Gesellschaft.
Sein Hof lag am Ende des Dorfes, keiner von den größten, aber freundlich und gut gehalten im Grünen. Und ein Blumen- gärtchen zog sich in der Sonne zwischen .Wohnhaus und Scheune hin, und die Immen waren hier fleißig bei ihrer Arbeit. Die Bienen und die Blumen waren des Bauern besondere Lieblinge. Er hatte es heut nicht eilig, ins Haus zu kommen, und blieb am grünen Holzgitter stehn, um sein Wohlgefallen daran zu haben.
Daheim wartete ohnehin nicht Mau noch Kind auf ihn. Nur feine alte Schwester Karline wirtschaftete zwischen den Töpfen am Herd und sah ihm jetzt verdrießlich durch die offene Küchentür entgegen. .
„Nu wird's wohl endlich Zeit, die Klüten sind fteinhart, und das Schwarzsauer kocht mir rein auseinander", sagte sie mürrisch. ,
Die Karline sprach hochdeutsch und hielt sich Überhaupt für etwas Besonderes, feit sie in jungen Jahren den alten Kantor Qualmann in Buckow geheiratet hatte. Zehn Jahre lang war fie feine Ehefrau gewesen, und nach seinem Tode fiel ihr die kleine Witwenpension und eine nette Wohnung int Stift zu. Aber als ihr« Mutter um dies« Zeit starb, und ihr halbwüchsiger Bruder Hinrich verwaist und kränklich zurückblieb, kam die Karline zurück auf den Hof. Sie hatte die Fleischtöpfe dort, und daß sie eine Bauerstochter war, nicht vergessen und wirtschaftete so eifrig und selbstherrlich, als ob fie nie eine Kantorsfrau gewesen wäre.
So war der viel jüngere Bruder früh unter ihre Zucht und Obhut geraten und hatte sich im Alltagsgetriebe der langen Jahre so an diesen Zustand gewöhnt, daß ihm kaum andere Gedanken und Wünsche kamen. Aeutzerlich gedieh auch alles unter seiner Schwester sparsamen und geschickten Händen, und seine Blumen und Dienen und im Winter feine Bucher mußte sie
ihm lassen. „ ... „ t ,r
Wenn er aber der Karline, wie heute, nut einem Vorschlag und seinem eignen Willen kommen mußte, so war's immer eine schwierig« und ungemütliche Sache, und er wurde sich Bann bewußt, daß er eigentlich in einer unwürdigen Abhängigkeit lebte, und es ihm an Mut und Kraft fehle, sich di« rechte Stellung auf dem ihm ganz allein zugehvrenden Hof — fcüte Schwester war bei der Hochzeit abgefunden worden — zu verschaffen.
Das machte ihn auch heute füll und mißgestimmt. Gr setzte sich in der Wohnstube an den Eckttsch, wo sauber für zwei aufgedeckt war. Di« Karline hatte in Buckow gelernt, auf Stellung und Manieren zu achten, und auf dem Hof mit Der alten Sitte, daß Dauer und Gesinde an demselben Tisch aßen, ein Ende gemacht. Sie gab jetzt draußen für die Leute auf, trug Bann dem Bruder di« wohlgefullten Schusseln auf und setzte sich zu ihm. Daß er nicht sprach, war ihr nicht weiter auffallend — sie aßen alle Tage stillschweigend miteinander ihre Mahlzeit.
Als der Dauer gefättigt den Teller zurückgeschoben hatte, räusperte er sich — nun muhte der Karline die Neuigkeit miv- geteitt werden. Und fo erzählte er denn auf feine langsame Art, was der Pastor heut von der Kanzel verlesen hatte, und daß sie auch ein Ferienkind auf dem Hof aufnehmen sollten.
Die Karline setzte die Teller, die sie just hinaustragM wollte, hart ans den Tisch. „Also den Unsinn hast du. dir auch in den Kopf fetzen lassen! - Ich sag ja immer, Hinmch w«m du ausgehst, bringst du gleich Dummheiten mit nach Haus. mein Jung, so neue Mode ns werden hier nicht mitgemacht, bafür bin ich auch noch da. Ich werd mich auf meine alten .Tage trwhl noch mit so einem hergelaufenen Kind öerunchlacken! Darck hat man da doch nicht von. Und was fo etnS und stiehlt vertut, davon hast du keine leibhaftig« Ahnung, Hmrich. Aber ich werd schon sorgen, daß fo was hier nicht tts Haus kommt,__ta>
hab, weiß Gott, meine Last, dir alles in Ordnung zu halten — und wo auf die Dienstboten ohnehin heut nicht zu rechnen ist —


