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Luxushasten unter die Menschen kommen, von dem wir uns jetzt feine Vorstellung machen können. Gesetzt, der Idealismus der Menschen in ihren Zielen bliebe nicht stehlen, so könnte» dann großartige Unternehmungen gemacht werden, tote tour sie jetzt noch nicht träumen. Allein die Lustschiffahrt wirst alle unsere Kulturbegriffe über den Haufen. Statt Kunstwerke hu schaffen, wird man die Matur im großen OKaße verschönern in ein paar Jahrhunderten Arbeit, um zum Beispiel die Alpen ails ihren Ansätzen und Motiven der Schönheit zur Vollkommenheit zu erheben. Ein Zeitalter, der Architektur kommt, wonian wieder für Ewigkeiten, wie die Romer, Baut. Man wird die zurückgebliebenen Völkerschaften Asiens, Afrikas, usw. als Ar- £Xr »XX, die Bevölkerungen des Erdbodens werden anfanqen, sich ßu mischen. Wenn man an die Vergangenheit denkt wird man an den düsteren Trübsinn und die trage Beschaulichkeit derselben denken. Feuer uiid üleberschuß an Krast: »olge der gesunden Art zu leben. Am eine solche Zukunft vorzubevm^n, müssen wir die Trübsinnigen, Griesgrämigen,« Rorgler, Pessimisten separieren und zum Aussterben Bringen.
Die Messe des Gottlosen.
Von Honvre de Balzac.
(Schluß)
Ihre Schwächen werden Laster genannt. Ihr Gutes heißt Verbrechen. Haben Sie jemanden gerettet, so war s nur, weil Sie ihn umbringen wollten. Erholt sich Ihr Patient, rechnen Sie nur darauf, daß es heißen wird. Sie hätten ferne vorübergehende Heilung mit seiner ganzen Zukunft erkauft. Tlnd ist er nicht tot, flo wird er doch sterben. Straucheln Sie einmal, und schon lacht die Welt und freut sich, daß Sie gefallen sind. Machen Sie eine Entdeckung, bestehen Sie auf Ihren Rechten, dann, sind Sie em schwer zu behandelnder Herr, der feinen von der jungen Generation emporkommeii läßt.
So, mein Lieber, kommt es, daß ich an Gott. zweifle, aber am Menschen verzweifle ich. Kennen Sie nicht in mir einen Desplein, unendlich verschieden von dem andern, über den jeder nur Boses weiß? Aber toir wollen nicht mehr in diesem Haufen Schmutz herumstochern.
' Run, ich wohnte in diesem Hause, ich bereitete mich auf mein erstes Examen vor, und in der Tasche hatte ich! keinen Heller. Sie wissen, wie ich's meine, ich war so weit, so hoch oder so tief, daß ich mir sagte: Alles oder nichts! Ich hatte.eme Hoffnung, ich erwartete von daheim einen Koffer voll mit Wasche, ein Geschenk meiner alten Tanten, die von Paris keine Ahnung haben, anstatt dessen aber führen sie in ihrem Geist Buch über ihre Hemden und mögen dabei auch glauben, daß ihr Herr Resse mit feinen dreißig Franken sich nur von Wachteln und Rebhühnern nähre. Die Kiste kommt an, während ich auf der Hochschule bin. Das Porto hatte vierzig Franken gekostet. Der Portier, ein Deutscher, Seiler von Beruf, der auf einem Hängeboden hauste, hatte den Betrag ausgelegt und bewahrte als Pfand den Koffer. Ich gehe straßauf und straßab und kann doch! keinen Schachzug finden, der mir meinen Koffer wiedergibt, ohne die vierzig Franken, die ich doch, erst zahlen kann, nachdem ich den Inhalt verkauft habe. Meine Begriffsstutzigkeit sagte, mir, daß ich zu nichts anderm taugte als zur Chirurgie. Mein Lieber, die reineren Geister, deren Kraft sich auf edlerem Gebiete entfaltet, sie haben nicht den Kopf für Schliche und Winkelzüge, sie find arm an Hilfsmitteln, verborgene Quellen aufzuspüren ist nicht ihre Stärke, sie kombinieren zu schwerfällig. Ihr Genie ist der Zufall. Sie suchen nicht, aber es kommt ihnen entgegen. Endlich, nachts, kehre ich zurück, und zwar gleichzeitig mit meinem Aachbarn, einem Wasserträger, einem Manne aus Saint» Flour namens Bourgeat. Wir kannten uns nicht besser und nicht schlechter als tausend Mieter, deren Zimmer auf denselben Flur hinausgehen, man hört einander während des Schlafes, beim Husten, beim Anziehen und so weiter und schließlich gewöhnt man sich an das Gesicht. Mein Rachbar ließ mich wissen, daß mich der Wirt, dem ich für drei Monate schuldete, gekündigt hatte.morgen sollte ich ziehen. Ihn hatte man heraus- geworsen seines Berufes wegen. Diese Rächt War die schwerste meines Lebens.
Woher einen Dienstmann nehmen, der mein armseliges Gepäck, meine Bücher fortschleppte? Wie ihn bezahlen und wie den Portier? Wohin gehen? Fragen, die nicht zu lösen waren. Ich wiederholte sie mir immer wieder in meinen Tränen, wie ein Irrer, der ewig seine gleiche Litanei herunterbetet. Ich schlief. Ein Gutes hat ja die Misere, einen herrlichen Schlaf mit wunderbaren Träumen. Am nächsten Morgen, als ich mein Mahl aus Brot und Milch einnehme, tritt Bourgeat ein und sagt in seinem schlechten Dialekt:
„Mein liebes Herr Studentchen, bin kein reicher Mann, Findelkind aus dem Findelhaus in Saint-Flour, hab nicht Vater noch Mutter und nicht genug Geld, um zu heiraten. Sie haben wohl auch keine rechte Familie und niemanden, der was springen läßt? Ra, hören Sie, ich habe unten mein Handwagerl stehn, kostet mich zwei Groschen die Stunde, unsere Siebensachen haben schon Platz drauf. Wollen wir beide Wohnung suchen, gelt, weil wir schon mal hier herausgeschrniissen sind? Es gibt anderswo auch was Besseres, das Paradies ist noch was Höheres."
„Ich weiß es wohk, mein guter Bourgeat, aber so leicht geht das nicht, denn ich habe unten einen Koffer, in dem sind für hundert Taler Wäsche, damit konnte ich dem Wirt zahlen und dem Portier, was ich schuldig bin. Ich habe keine fünf
Arm seines
Dieser Mann,
Franken."
„Ach was, man hat schon selbst ein paar Moneten," antwortete mir lustig Bourgeat und zeigte mir seine fettige Lederbörse, „behalten Sie nur Ihre Wäsche". Bourgeat bezahlte also meine Miete für drei Monate, auch meine Schuld, und entlohnte den Portier. Dann brachte er alle unsere Habseligkeiten in den Karren, spannte sich vor und zog ihn durch! alle Gaffen und hielt unweigerlich vor jedem Schild, wo Zimmer zu vermieten standen. Ich stieg hinauf, um die Zimmer anzusehen. Aber mittags irrten wir noch im Quartier latin umher, hatten nichts gesunden.
Der Preis war stets das größte Hindernis. Bourgeat schlug nun vor, bei einem Weinhändler zu Mittag zu essen, an dessen Schwelle mir unsere Karre stehen ließen. Gegen Abend bemerkte ich in dem Rohanschen Hofe, in der Passage du Eommerce, oben unter dem Dache, zwei- Zimmerchen, getrennt durch eine Treppe. Da konnten wir beide für je sechzig Franken Miete im Jahr wohnen. Run waren wir untergebracht, mein schlichter Freund und ich. Wir aßen zusammen. Bourgeat, der seine fünfzig Sous im Tage verdiente, hatte ungefähr hundert Taler im Vermögen, und so konnte er bald hoffen, feine Träume in Wirklichkeit umzufetzen, nämlich eine Wasser tonne und ein Pferd zu kaufen. Run lernte er meine Lage kennen, denn er verstand es meisterhaft, meine Geheimnisse herauszubekommen und dabei zeigte er so viel Feingefühl, daß mein Herz jetzt noch zittert, wenn ich mich dessen erinnere. Rein, er verzichtete vorläufig auf die Erfüllung seiner Wünsche. Er war Straßenhändler feit zweiundzwanzig Jahren, nun opferte er das Resultat seines ganze» Lebens, seine hundert Taler für meine Zukunft."
Hier drückte Desplein leidenfchaftlich! den
Freundes.
„Er gab mir das Geld für meine Prüfungen. Dieser Mann, hören Sie, lieber Freund, er allein hatte begriffen, daß ich eine Berufung hatte, daß die Vorrechte meines Geistes den Rang vor den feinen hatten. Er gab sich mit mir ab, nannte mich feinen Kleinen, gab mir das Geld für Bücher, manchesmal kam er ganz leife herein, mich arbeiten zu sehen. Endlich traf er, vorsorglich wie eine Mutter, alle Vorkehrung, meine schmale, schlechte Rahrung durch reichliche, krästtge zu ersetzen.
Bourgeat, ein Mann von vierzig Jahren ungefähr, hatte das Aussehen eines Bürgers des Mittelalters, eine gewölbte Stirn, einen Kops, den ein Maler für ein Modell des Lykurg hätte nehmen können. Der arme Kerl hatte das Herz überall von Liebe. Er wußte nicht, wohin damit. Rie war er geliebt worden — nur einmal von einer Pudelhündin, die feit kurzem gestorben war, nun sprach er mir unaufhörlich von ihr und fragte mich, ob es die Kirche wohl gestatte, daß dem Tier Messen für seine Seelen- ruhe gelesen würden. Sein Pudel war, so sagte er, ein wahrer Christ, der ihn während zwölf Jahren immer in die Kirche begleitet hatte, ohne jemals gM bellen, er horte die Orgeltöne an, ohne Laut zu geben, und blieb zusammen gekauert in einen Stellung wie der eines Beters, mit feinem Herrn gemeinsam
die Andacht verrichtend.
Dieser Mann übertrug auf mich sein ganzes Gefühl. <Tur ihn war ich der einzige Mensch, auf der Welt. Ich allein hatte es so schwer. Für mich wurde er die zarteste Mutter, der feinfühligste Wohltäter, endlich der Inbegriff aller christlichen Tugenden.
Traf ich ihn einmal auf der Straße, warf er mir einen verstehenden Blick zu, er schien selbst unter der Last, die er auf feinen Schultern trug, nichts von feinem angeborenen Adel em» gebüßt zu haben, er schritt frei dahin, auf feinen Zügen malte sich das Glück, mich gesund und wohlgekleidet zu sehen.
Das war das Herz des Volkes, das sich ergießt, frei entfaltet, die Liebe der Grisette zu einem Menschen der höheren Gesellschaft, aber dieses Gefühl war bei ihm in eine reinere Atmosphäre gewandelt.
Er besorgte alle Wege für mich weckte mich, nachts zur bestimmten Stunde, wenn es dessen bedurfte, er putzte meine Lampe sauber, rieb den Treppenabsatz schneeweiß, er war ein guter Diener, ein guter Vater, und immer wie aus dem Kästchen, sauber wie eine englische Dame. Er siihrte die Wirtschaft, er fügte das Holz im Winter, alles tat er mit vollendeter Ratur- lichkeit, nie vergaß er feine Würde, denn er fchien zu verstehen: unser großes Ziel adelt alles. M
Ms ich diesen guten Menschen verließ, um ins Hotel-dieu einzutreten, und meine Assistentenstelle zu bekleiden, da kam in ihm ein schwer ausdrückbarer Kummer an die Oberfläche, et verdüsterte sich zusehends, weil das Ende unseres Zusammchi- lebens gekommen war. Sein einziger Trost war der, mogiichp viel Geld zusammenzuraffen, um die Kosten meiner Dissertation zu bezahlen, und er versprach mir, mich an allen meinen treten Tagen aufzusuchen. .
Bourgeant war stolz auf mich er liebte mich um meine twill und um seinetwillen zugleich Wenn Sie sich ,eimnal met Dvktorarbeit ansehen, werden Sie bemerken, daß sie tym g widmet ist. Im letzten Jahre meiner Assistentenzeit verdiente ich schon so viel, um ihm meine Schuld abzahlen zu können, m ich ihm einen Gaul und ein Wasietfaß kaufte. Er war außer ! vor Zorn, daß ich mich meines Geldes beraubt habe, und «w


