Ausgabe 
25.8.1925
 
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Gießener ZamilieMütter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang K925 _______________ Dienstag, den 25. August Nummer 68

Vereinsamt.

Don Friedrich Dietzsche.

Zu seinem 25. Todestag«.

M« Krähen schvein

und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es fchnein

wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

Qlup stehst du starr, schaust rückwärts, ach, wie lange schon I Was bist du, Darr, vor Winters in die Welt entfloh»?

Die Welt ein Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends halt. Dun stehst du bleich, zur Winter-Wanderschaft verflucht, dem Rauche gleiche der stets nach kältern Himmeln sucht. Flieg, Bogel, schnarr dein Lied im Wüstenvogelton! Bersteck, du Darr, dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein, weh dem, der keine Heimat hat!

Nietzsches Zukunftsbild Europas.

Bon Dr. Friedrich Spree».

Als Friedrich Nietzsche am 25. August 1900 die müden Augen für immer schloß, waren noch kaum die ersten Keime seiner Jdeensaat aufgeschossen. Das Zeitalter, dessen Werke er in einem heldenhaften Riesenkampf des Geistes zertrümmert hatte und an dessen Berständnislosigkeit er selbst zu Grunde ging, bot der Stimme dieses Predigers in der Wüste keinen Widerhall und erst die Borzeichen einer nahenden Katastrophe bereiteten seiner Botschaft den Weg in die Herzen. So ist er in den Jahren vor dem Kriege zum einflußreichsten Denker geworden, mit dem sich jede bedeutende Persönlichkeit, ja alle Kulturdöl^r aus­einandersetzen muhten, und seine lebendige Macht erwies sich auch darin, daß man seine Lehre in dein Feldzug des Hasses gegen Deutschland mißbrauchte. Später haben Franzosen und Engländer selbst zugestanden, wie unsinnig es war, diesen Der- künder des geistigen Ringens um die Höherzüchtung der Mensch­heit zu einein Verteidiger der brutalen und maschinellen Mittel der modernen Kriegführung zu machen. Der Franzose Gabriel Brunet ging sogar so weit, ihn als den Vorkämpfer des Völker­bundes, als den Anwalt derVereinigten Staaten von Europa" zu verherrliche. Das Zukunftsbild, das Dietzsche in seinen letzten Schriften von der Gestaltung Europas und der Welt entwarf, darf aber nicht an der Kleinheit unserer heutigen Zustände gemessen werden; es ist eine kühn« und großartige Vision, die weite Entwicklungsspannen überschaut und ihren inneren Wahr­heitsgehalt durch die Gewalt der genialen Persönlichkeit erhält. Immerhin hat sich die Gabe der Vorhersage, die er dem echten Philosophen nachrühmt, doch schon insofern an ihm bewährt, daß sich gewisse Voraussetzungen erfüllt haben, die in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, da der Einsiedler von Sils Maria sein Zukunftsbild entwarf, noch unendlich fern oder unmöglich erschienen.

Nietzsche sagte damals, als der Weltbrand noch nicht am Horizont wetterleuchtete, Europa trete in ein neues kriegerisches Zeitalter ein, und er knüpfte diese Epoche an Napoleon an. Napoleon verdankt man es," sagte er,daß sich jetzt ein paar kriegerische Jahrhunderte aufeinander folgen dürfen, die in der Geschichte nicht ihresgleichen haben, kurz, daß wir ins klassische Zeitalter des Krieges getreten sind." Aus diesen Erschütte­rungen, Krisen und.Kämpfen aber hoffte er, würden neue heil­same Werke entstehen. Er glaubte an eineVermännlichung Europas" und ersehnte ein tapferes, wagemutiges Geschlecht vorbereiteter Menschen":Ich begrüße all« Anzeichen dafür, daß ein männlicheres, ein kriegerisches Zeitalter anhebt, das vor allem die Tapferkeit wieder zu Ehren bringen wird! Denn

es soll einem noch höheren Zeitalter den Weg bahnen und di« Kraft sammeln, welche jenes einmal nötig haben wird jenes Zeitalter, das den Heroismus in die Erkenntnis trägt und Kriege führt um den Gedanken und ihrer Folgen willen."

Für diese Entwicklung, die über die nationalen Kriege zu einerVernichtung der Nationen" und zu einer Vereinheit- lrchung Europas führen sollte, versprach er sich viel von den Deutschen, diesemVolk der Zukunft", das seine eigentliche Aus­prägung noch nicht gefunden, daserst wird",sich entwickelt". Durch diese Fähigkeit des Wandels und Werdens seien sie be­rufen, Mittelpunkt und Bindeglied desEinen Europas" zu werden. DiesenProzeß des werdenden Europas" hat er immer wieder zu ergründen gesucht. Persönlichkeiten wie Goethe, Beet- »oven, Heme, Schopenhauer, Richard Wagner, deren eigen t- M>e Gesamtrichtung auf eine Synthese der europäischen Grund- rrafte hrndrangte, schienen ihm denEuropäer der Zukunft" vorwegzunehmen, und er beschreibt diesen Typus eingehend in dem Aphorismus:Renne man es nun Zivilisation oder Ver­menschlichung oder Fortschritt, worin jetzt die Auszeichnung des Europäers gesucht wird; nenn« man es einfach, ohne zu loben! und zu tadeln, mit einer politischen Formel die demokratische Bewegung Europas; hinter all den moralischen und politischen Vordergründen, auf welche mit solchen Formeln hingewiesen wird, vollzieht sich ein ungeheurer physiologischer Prozeß, der Prozeß einer Anähnlichung der Europäer, ihre wachsende Los- l° ung von den Bedingungen, unter denen klimatisch und stäw- disch gebundene Rassen entstehen, ihre zunehmende Linabhängig- leit von ledern Milieu also die langsame Heraufkunft einer wesentlich übernationalen und nomadischen Art Mensch, welche, physiologisch geredet, ein Maximum von Anpassungskunst und -kraft als ihre typische Auszeichnung besitzt."

Die kriegerischen Wirren, die Nietzsche vorauSsieht, und aus denen sich, der neue Menschheitsthpus bilden soll, sind von kulturellen Katastrophen begleitet, di« der Philosoph in feinem ®er Wille zur Macht" als deneuropäischen Nihilismus ausführlich dargestellt hat. Das ist der notwendige Zusammenbruch der bisherigen höchsten Wert«, aus dem di« .Umwertung aller Werte" geboren werden muß. Es ist inter­essant, daß Nietzsche diesen nihilistischenZwischenzustand" mit Rußland in Verbindung bringt, von dein er die schwerste Gefahr str die Einheit Europas Herkommen sieht. ImJenseits von Gut und Döse" deutet er an, er erwart«eine solche Zunahme der Bedroh lichkkit von Rußland, daß Europa sich entschließen müsse, gleichermaßen bedrohlich zu werden, nämlich einen Willen zu bekommen, der sich über Jahrtausend« hin das Ziel setzen könnte! damit endlich in langgesponnene Komödie seiner Kleinstaaterei und ebenso seiner dynastischen wie demo­kratischen Vielwollerei zum Abschluß käme."

Das Heil für die künftige Neugestaltung der Menschheit erblickt Nietzsche in derDernatürlichung" des Lebens. Der Neu­aufbau der Kultur muß nach den natürlichen Gesetzen erfolgen, die er unter dem Begriff desWillens zur Macht" zusamrnen- faßt. Macht aber ist nicht etwa rohe Gewalt, sondern in ihr vereinen sich all« schaffenden, aufbauenden, lebenfördernden, zum Höheren emporführenden Kräfte. Di« Besitzer dieser Macht wer­den dieHerren der Welt" sein, dennüber den Rang entscheidet das Quantum Macht, das du bist".Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viel« Hoffnung", sagt der Prophet.Es bildet sich da eine verwegene, herrschende Rass« auf der Breits einer äußerst intelligenten Herdenmasse", und er erwarteteins höhere Art Menschen, die sich, dank ihrem Liebergewicht von Wollen, Wißen, Reichtum und Einfluß, des demokratischen Euro­pas bedienen, als ihres gefügigsten und beweglichsten Werk­zeuges, um di« Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um amMenschen" selber als Künstler $u gestalten". Doch diese neue Hervenrasse muh aus dem Volk, dem. Boden erwachsen. Der Dauer ist heute der Deste, und Bauernart soll Herr fein. Die zunehmende Lleberfeinerung und Komplizierung der Ver- hältnisse wird zu einerwirtschaftlichen Einigung Europas" auf einer gesunden naturgemäßen Basis führen.

Boller Hoffnung, mit sieghaftem Glauben an ein neues Menschheitsglück, an einen nahenden Menschheitsfrühling blickte Nietzsche in di« Zukunft. Das ist sein hohes Vermächtnis an unsere Gegenwart, die sich durch keineLlntergangsstimmung" schwächen lassen darf. EinZeitalter der Feste" skizzierte er in einem Blatt, das aus seinem Nachlaß veröffentlicht wurde:

Die Menschheit wird sich im neuen Jahrhundert vielleicht schon viel mehr Kraft durch Beherrschung der Natur erworben haben, als sie verbrauchen kann, und barm wird etwas vom