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Ausstellung gleichfalls mit reichem und viel- itgem AnschauungSmater!al umfassend dargestellt worden. Das für Theater-Wissenschaft an der Universität Köln unter des verdienten Privatdozenten Dr. Carl Messen hat in bindung mit den rheinischen Theatern, Archiven und Stcunm- ehte ungemein fesselnde und wirkungsvolle Schau geschaffen, hie alle Beachtung und jedes Interesse verdient. Welch archi- «ktmrische Wucht spricht doch aus den kleinen, in Holz fein aus- gearbeiteten und kolorierten Rekonstruktionen der Renaissance- Dühne: des nach Holzschnitten alter Drucks hergestellten „Bade- hellen"-Typus der „Terenz-Dühire", ferner die auf Kölner Boden gewachsene,, Laurentiusbühne" von 1581, in der sich das Prinzip der Terenzbühne (Hintergrund mit verschiedenen, bestimmte Hnnenraume andeutenden Eingängen) mit der mittelalterlichen Spielplatzgestaltung des „Nebeneinander" zu wirkungsvoller Einheit ergänzt. Außerdem ist eine alte „Marktbühne" im Modell wu sehen, auf der früher die fahrenden Quacksalber ihre „Reklame- Dramen" aufführten. Das Vorbild zu der Nachbildung dieser Duhnenart lieferte ein Gemälde, das die Marktbühne vor dem Poppelsdvrfer Schloß aus dem 18. Jahrhundert darstellt. Die historische Entwicklung des rheinischen Theaters geht auf die Zeit der Römersiedlungen am Rhein zurück. Aus dem 10. Jahrhundert künden Texte liturgischer Osterf eiern von der Existenz des Theaters, das nun ganz in geistlichen Händen ist. Im 16. Jahrhundert erst trugen bürgerliche Spielgemeinschaften in
den am Rhein gelegenen Städten zur Entwicklung des neuen Dramas bei, das sich nunmehr ganz unter humanistischen und religiösen Einwirkungen entfaltet. In diese Zeit fällt die Ausbildung des Prinzips der „Terenzbühne". Die Ausstellung zeigt hier außer einem Modell dieser Äühnenart auch zahlreiche Original-Dokumente, die auf die Tätigkeit der als Wandertruppen über Holland ins Rheinland gekommenen „Englischen Komödianten" Bezug haben. Außer der „Laurentiusbühne", erinnert eine reiche Auswahl von Texten und Programmen an das bedeutsame Theater der Jesuiten, die in der Verwendung des Dramas als Dildungsfaktor die theatralischen Darstellungsmittel zu immer höherer Ausdrucksfähigkeit emporsteigerten und damit die wesentlichste Entfaltung des barocken Theaters am Rhein herbeiführten. Jedoch wurden die Vorbilder des barocken Theaters in Italien, Wien und München weder von den Jesuiten, noch von den glanzvollen Hofhaltungen in Heidelberg und später in Mannheim und Düsseldorf erreicht. Nichtsdestoweniger haben die Theater an den Fürstenhöfen des 17. Jahrhunderts, die zumeist Opern, Ballette und dramattsche Turniere zur Aufführung brachten, einen nicht unbedeutenden Anteil an den fortschrittlichen Errungenschaften italienischer Bühnenkunst. Besonders interessant ist auch eine Reihe von Ausstellungsgegenständen, die das Freilicht-Theater in Schwetzingen veranschaulichen. Texte von Schäfer- ssüelen, Pantomimen, die Partitur des ältesten deutschen Singspiels Günthers von Schwarzburg, geben einen Begriff von dem stofflichen Gehalt der höfischen Theater-Aufführungen jener Zeit. Aeußerst reizvoll ist auch ein Gemälde aus dem Brühler Schloß, das ein höfisches Maskenfest im kurfürstlichen Theater zu Bonn darstellt. Bereits in dieser Zeit, der die bisher erwähnten Ausstellungsgegenstände angehören, strebte man überall in Deutschland und nicht zuletzt auch im Rheinland, nach einem deutschen Nationaltheater. Außer den „englischen Komödianten" erschwerten auch niederländische, italienische und französische Truppen &er zaghaft aufblühenden deutschen Schauspielkunst das Leben. Erst in Mannheim gewann die Idee des Nationaltheaters seine früheste Verkörperung. So bilden insbesondere die Schätze aus dem Mannheimer Theaterarchiv allgemeinste Anziehungspunkte, über denen der Name Friedrich Schiller und die Jahreszahl 1782 Nach dem Original-Theaterzettel erlebten am 13. Januar 1782 „Die Räuber" in Mannheim ihre älraufführung. Außer dem Porträt des verdienten Intendanten von Dalberg fesselt insbesondere das getreue Szenenmvdell der damaligen Aufführung, das den Saal im Hause Moor darstellt. An diesem Modell wird auch die Ausstattungstechnik jener Zeit sinnfällig vor Augen geführt: Ein oft bis ins Einzelne realistisch gemalter Hintergrund-Prospekt, die reich behängte Wand einer Gemäldegalerie und perspektivisch bemalte Kulissen. Pläne des Hoftheaters aus der Schillerzeit, Grundriß und Aufrisse, Pro- gramnie, Dildnisse von Schiller und den Mannheimer Schau- ^vollständigen die an jeden Deutschen sich wendende Ausstellungskoie. Charakteristisch für die Theatersitte jener Zeit or r+'rf« ®Wer,. der „die Schaubühne als moralische
";JrV cFi<’.J-ft auch die Rückseite des erwähnten Theater- f111? der sich der Verfasser mit einer erläuternden Charakteristik der Hauptpersonen an das Publikum wendet und gleichzeitig auf die moralische Nutzanwendung htnweist, die der Tra- godie zu entnehmen sei. Aus der zweiten Hälfte des 18. Jahr- vMderts stammen auch die Theaterzettel reisender Schauspiel- gesellschasten, die in Köln Gastspiele gaben. In den Jahrzehnten nach der französischen Revolution werden alle Versuche, die Schauspielkunst im Rheinland zu pflegen, durch die franzoslsche Kulturpropaganda an ihrem Aufleben verhindert. Einheimische Theatervereine suchten trotz alledenr mit viel idealem i->plermut den deutschen Wandertruppen ein eigenes Heim zu So entstanden um das Jahr 1825 in Köln unter Ringel- Hardts Duhnenleitung bemerkenswerte Formen der Abonnent en- vrganisation. Aber erst das Jahr 1840 wurde zum Markstein
der rheinisch-deutschen Theatergeschichte. Bedeutsam gestaltet« sich die kurze Blütezeit der Jmmermannschen Musterbühne in Düsseldorf. Ihres und Jmmermanns ehrenvollem Andenken ist mit Recht im der Ausstellung besonders gedacht worden. Die Ausstellung zeigt außer dem von der Hand deS ehemaligen Düsseldorfer Akademie-Direktors Wilhelm von Schadow gemalte Porträt Jmmermanns auch Briefe und di« Totenmaske des großen Theaterleiters. Vor allem ist hier das Modell der Jmmermann- fchen Shakespeare-Bühne zu erwähnen, auf der eine Szene mit plastischen holzgeschnittenen Figuren aus der berühmten Oluf» führung von „Was Ihr wollt" dargestellt ist. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts nun werden die Leistungen immer schwächer. Ab und $u erreichte man im Rheinland auf dem Gebiet der Oper noch Bedeutsames, das Schauspiel aber trat immer mehr zurück. Bon der Düsseldorfer Theaterkunst um die Wende des 19. Jahrhunderts sprechen die Zeichnungen zu den „Malkasten-Spielen", sowie Szenenbilder aus den Festspielen des seit 1890 bestehenden Rheinischen Goethevereins, die im allgemeinen über das historisierende Meiningertum nicht hinauskamen. Einen Fortschritt zu neuer, vereinfachter Szenenkunst brachte erst das von öoulfe Dumont und Gustav Lindemann begründete Düsseldorfer Schauspielhaus. Das Werden dieses ernsthaft wollenden Theaters zeigen Szenenbilder der älteren Zeit und drei groß« Modelle der Treuesten, wie: Kaiser und Galiläer, Manfred und Herodes und Marianne. Bemerkenswert für die moderne Düsseldorfer Theaterkultur ist auch das Freilicht-Theater, in dem viele Hunderte von Kindern allsommerlich durch gute Aufführungen für gute dramatische Kunst erzogen werden. Daneben spielt das Freilicht-Theater auch für Erwachsene und gewinnt so die Bedeutung eines ungemein wertvollen Kulturfaktors, der vielen anderen Städten noch zu wünschen wäre. Auch das Kölner Theater ist auf der Ausstellung äußerst eindrucksreich vergegenwärtigt, Die Bühnenmodelle von Kölner Theateraufführungem die im einzelnen geschmackvoll durchgearbeitet sind, werden durch eine fabelhafte Beleuchtungskunst zu höchster Jllusionswirkung emporgesteigert. Die bedeutsame, stilbildende Wendezeit der Inszenierungen in den Jahren der Intendanz Martersteig lebt in den Modellen zu Herodes und Marianne und den Nibelungen wieder auf. Aus dem Gebiet der Oper werden die Aufführungen des „Rheingold" von 1902 und 1912 veranschaulicht. Aus der neueren Zeit sind die Operninszenierungen zu Händels „.Julius Cäsar" in der Wiedergabe von 1925 sowie das Bühnen- modell zur Aufführung der „Königin Tamara" von 1924 zu erwähnen. Die übrigen rheinischen Theater sind gleichfalls durch Modelle ihrer besten Inszenierungen vertreten. So wird in zwei Räumen der „Karfreitagszauber" und der „Gralstempel" des Duisburger Stadttheaters stimmungsreich und prachtvoll in der szenischen Aufmachung vorgeführt. Gin Höhepunkt der Theater- ausstellung ist der „Fliegende Holländer" des Essener Stodt- theaters, der den Sturmhimmel und das Geisterschiff in Bewegung darstellt. Hier interessiert insbesondere der technische Dühnenapparat. Die Schattenprojektion von der Hinterbühne aus befreit die Erscheinung des Geisterschiffs von der illufions störenden Stofflichkeit. Das Staatstheater Wiesbaden zeigt u. g. Szenenbilder aus „Nathan der Weise", „Der Schatzgräber", „Figaros Hochzeit" und Erinnerungen an die Maifestspiele der kaiserlichen Zeit. Das Dtadttheater Hamborn ilst mit Inszenierungen des „Woyzek", „Gas" und der „Bajadere" vertreten. Auch die jüngeren Theater von Remscheid und M-Gladbach haben im der Ausstellung ihren gebührenden Platz erhalten, Insbesondere verdient das Stadttheater in M.-Gladbach erwähnt zu werden, das unter der Intendanz von Johannes Heinrich Brauch und unter Mitwirkung des Bühnezeichners Werner Schramm einen bemerkenswerten künstlerischen Aufschwung in ganz kurzer Zeit genommen hat. Hervorragend ist auch die boot Fritz Richard Werkhäuser redigierte Zeitschrift „Die rheinifche Schaubühne", die als Theaterzeitschrist und Programmheft des M.-Gladbacher Dtadttheaters geradezu ein Vorbild für viele andere Theaterzeitschriften sein kann.
Alle Einzelheiten dieser bedeutsamen Theaterschau im Rahmen der Kölner Jahrtausendausstellung, die auch das Bolks- theater und das Puppenspiel eingehend berücksichtigt, anzuführen, ist unmöglich. Das eine aber wächst aus der Gesamtheit alles Einzeleindrücke: Die ungemein starke Verknüpfung mit der gesamtdeutschen Theaterkultur wie das Rheinland nach dem Kriege zu einer wichtigen Theaterprovinz eigener Prägung geworden ist
Mitternacht.
Bon Anna Maria Tilschova.
Wie schön der Knabe im Samtkleidchen auf vergilbter altmodischer Photographie, deren Rückseite bedruckt ist: „Weltausstellung, Wien". Die schweren Lider über verschleiertem Blich das weiche Kinn und das zuckende Mündchen. Die seinen Züge sind beinahe mädchenhaft und die schönen schwarzen Augen bückest für ein Kind fast allzu traurig. Alles im Hause schläft. Ernst« nachdenkliche Mitternacht liegt über dem Zimmer und leise spricht der Knabe: „Weiht du noch — wie ich in die Schule ging?" „Ja!" Aber weißt du auch, wie ich errötete, wenn man mich lobte? Weiht du noch wie ich nicht wollte, daß der Vormund mir für ein gutes Zeugnis Geld gab? Wie ich nicht zu ihm gehen wollte, die Großmutter mich zwang und ich deswegen


