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Immer weinte? »Ist denn das so schrecklich für einen Knaben — einen Dulden zu bekommen für daS Zeugnis?“ „Rein, das nicht. Aber weißt du — ich wollte keine BezahlungI „Mer Ferdi- nanB!“ entgegnete schnell die wunderschöne Frau vom anderen Dildchen her, deren viele und Viele zerstreut bei der Lampe liegen. Äeber weiten Röcken der faltige Mantel, die weiße Halskrause gekreuzt, das runde Hütchen in der Hand, so steht st« nachdenklich bei der Säule. Schon als kleiner Knabe wolltest du immer anders sein als die andern. Warum mußte ich so sung sterben und dich der Großmutter überlassen? Ach, — ich habe es nicht erlebt I Es war mir nicht beschieden, dich zum schönen stattlichen Manne aufwachfen zu sehen — geschweige beim die Gnkelchen in den Schlaf zu wiegen, du mein Süßer, Einziger!" „Rein, Mutter!" Die Augen des Knaben scheinen noch trauriger unter den schweren Lidern. „Ich war wirklich anders. Vergebens wünschte ich mir und bemühte ich mich wie die anderen zu sein. Immer quälte es mich, daß mir Geld keine Freude machte, auch nicht Lob oder Stellung, Anerkennung Md all die andern Dinge, um die sich die andern raufen texte durstige Tiere beim Brunnen! Ich setzte immer zu allem em kritisches Rufzeichen oder ein sentimentales Fragezeichen. An federn Ding hinderte, störte mich oder fehlte mir irgendetwas — H welche unglückselige Sehnsucht nach den Gefäßen ohne Aehle trüg ich mein Leben lang im Herzen! Meine arme gute Mutter _ wie gerne wäre ich den andern gleich gewesen — ich hatte freudiger gelebt und leichter geendet!"
So hätten wir dich noch, immer nicht genug geliebt, ich und die Großmutter? Jung und schön war ich und hab doch! nie wieder geheiratet, — nur um dir nicht den Stiefvater ins Hans zu
Oh Mutter — tvie du dich betrügst, auch heute noch ! Ihr beide habt mich nur gequält mit dem Aebermaß eurer ängstlichen Liebe. Immer dachte ich daran, daß ich dies alles nie werde ver- E'ten können und dann — eure Liebe war ein Zugel für das ge Pferd, das am liebsten frei gestürmt wäre über amen- ische Prärien! O, warum quälen sich die Menschen gegenseitig aus Liebe, statt daß ihre Liebe große Schwingen hatte, daß sie Flug wäre und Befreiung?" . „ r ‘
Oh, mein Sohn, mein Sohn! - tote tief Ent mich betrübst!
Verzeih', daß ich dies tat, Mutter. Aber jetzt liegt alles Brett” enthüllt vor mir, tote ein entkleideter Körper — ganzs anders Äs vorher im Leben!" , ' „
Sag' mir also wenigstens, wie du nach meinem Tode lebtest.
Darnach frage lieber nicht, Mutter! Ich starb so tvie du - in voller Gärung ivilder junger Kräfte! Ein junges Weib und unversorgte Kinder verlieh ich und ein begonnenes Werk!
„Mein armer unglücklicher Junge!"
Ach, nur das nicht — nur bedauere mich mcht. Als Lebender ertrug ich es nicht, bedauert zu werden, und selbst jetzt von Nr, meiner eigenen Mutter, tväre es mir unerträglich Die Enttäuschungen. durch unlautere, selbstsüchtige Seelen, das Sieden, Wirbeln und Kreisen unaushörlich fliehender Gedankm, Sehnsucht nach dem unendlichen Frieden auf der festen Erde, den Durst nach keuschem Glauben, vH! dies alles verschloß ich vor den Menschen im Herzen fest tote mit sieben Schlössern! Damit der fremde Blick neugierig oder mitsiihlend meine menschliche Armseligkeit nicht sähe, meine Schmerzen nicht entweihe! Me habe ich um etwas gebeten, um nichts gebettelt und alles mir selbst erkämpft ohne fremde Hilfe. And du - willst du lemaiiden bemitleiden und ihm eine liebende Träne schenken, so gedenke der kleinen Wesen, die ich dort zurücklieh, einsam ohne Stutze dem schrecklichen Leben preisgegeben texte schwache, haltlose Brunn» chen inmitten flutender Wellen!"
„Sag, mein Sohn: und sie - die Mutter deiner Kinder, hast du doch geliebt?" „Geliebt!" „So warst du also doch glücklich?
„Ach! — niemals Mutter! Ich — habe im Leben immer mehr und tiefer gesehen als die andern, ich sah die Wurzeln und wahren Ansuchen jeglichen Handelns — welch eirt Kein
Lächeln konnte mich täuschen. Schmeichelei durchschaute ich wie einen dünnen Schleier, Ehrgeiz, Berechnung, Streberei, Kleinlichkeit, Geiz, Bosheit, jene grausame rohe Bosheit von Mensch zu Mensch die um des Vorteils willen tötet. And ich sah auch jene schreckliche Anzuverlässigkett und .Unbeständigkeit der Liebe Und Freundschaft und daß das Menschenherz nicht mehr ist als ein armseliges Blättchen im wahnsinnigen Wirbel des herbstlichen Windes, Mutter, Mutter! - An nichts zu glauben und sich dabei dennoch zu sehnen nach dem wahren, reinen Menschen!
„And dein Weib?"
„Arme, arme Marie! Rur so texte im Winter die Sonne ins Fenster, so fiel auch das Glück in unsere armen vier Wände. Oft weinte sie nächtlich vor der Geburt des ersten Kindes! Jch hörte sie, litt mit ihr und verwünschte mich aber helfen konnte ich ihr Nicht, svtexie ich, mir von mir selbst nicht helfen konnte! > Glück! Wer kann ettexas geben, was er selbst nicht hat? And wie . fürchterlich sich selbst nicht lieben, das Begrenzte feiner Gedanken, die eiserne Schranke seines Ich zu fühlen, zu wissen, bis Hierher geht es und nicht texeiter!"
„And hattest du keinen Freund?"
„Mich", sprächt plötzlich mit der schwachen Stimme des Schlindsüchtigen, der junge Mann vom anderen Bilde. And aus hem hübschen hageren Gesicht des ehemaligen Donvivanten und Lebemanns leuchten unter dem modischen Hut mit kranken Glanze
die großen eingefallenen Augen eines Menschen, den der Tod gezeichnet hat. __
„Und du — wer bist du?" lächelt ihm die Mutter entgegen mit jenem traurigen, aber zugleich schon ausgeglichenen Lächeln eines längst Gestorbenen, das nur ein Schatten des lebendigen Lächelns ist. , „
„Ich?" entgegnet ebenso der Schwindsüchtige. .„Solaiige ich gesund war, noch das ganze letzte Jahr bevor ich in Davos starb — war ich einer der lustigsten Burschen. Aeppig und mis- schtoeifend durchlebte ich einige Jahre. Ich leerte viele Decher, durchschtexelgte manche Rächt und küßte viele Lippen! Aeberall sand ich Genossen, aber Freund war mir nur dein Ferdinand!
„Hörst du es — mein geliebter Junge?" .
„Ja!" entgegnete den beiden der Sohn. „Ich öxar dir in Wahrheit ein Freund — nur du warst nicht der meine! Jeder kannte mich nur ein wenig, mancher gelangte in das erste Gemach mancher in das Vierte, aber niemand in das letzte, um dort Schrecken und Verwüstung zu schauen!"
„Ferdinand, warum habe ich dies alles nicht gesehen. -3a., ich war damals leichtsinnig, oberflächlich wild und ausgelassen, alles verlachte ich, war witzig, jagte dem Vergnügen nach verführte Mädchen und verführte Frauen in Alkoven. Jetzt erst sehe auch ich mit jenem nackten Blicke, den du schon im Leben hattest!" , , .
„Ach jetzt, jetzt ist alles schon anders, wir haben keine Wünsche, keine Begierden! Aber leben und allem btS auf den Grund sehen, das ist, als gingest du inmitten Lebendiger niemand sieht es dir an, und nur du allein trägst den Tod tin Hn^Und doch warst du auch ein fröhlicher Genosse?" ,
"Weiht du nicht, daß die Lustigsten oft die Allertraurigsten sind? Hört mich an, ihr Beide, du mein lachend«: Gefährte dessen grünes Lebensband Krankheit so schnell Durchschnitt und du Mutter, die junge Witwe, die liebelos Dag und Rächt für die Chimäre der konventionellen Pflicht verbrachte. Ihr beide habt an etwas geglaubt, du an deine reine Mutterliebe und Du texieder dem lauten Ruf und den Fanfaren des Lebens, nur ich — ich allein irrte zwischen Leben tote eine hypnotiswms Leiche. An nichts glaubend, sah ich um den höchsten und teu.erfl.en Preis, um den des eigenen Lebens, mehr als die andern und sah doch nicht tief genug und das Ganze! Ich ergab mich ferner falschen Lehre, stand hoch Über allem texte auf einer ragenden, spitzigen und kalten Pyramide, und sah unter mich hinab auf das Rackern und Wimmeln, ähnlich dem Amelsenhugel mtt seinen künstlichen Gehängen! O, diese Erbärmlichkeit meines stolzen ungestillten Herzens! Was habe ich nur, gesucht, wonach Tag und Rächt mich gesehnt, nach etwas Deinem, WMW von dieser staubigen Erde ist. Welches Wagnis, welcher Ehrgeiz, etwas in seine Hände schließen zu wollen, was noch niemand fangen könnte! Niemals bat ich um etwas, niemandem wollte ich Dankbar sein und immer wartete ich nur, daß alles so gefällig zu mir kommen möge, wie der Morgenstrahl, der michrtm Bette auf weckt! Mutter — mein peinigeiider Anglauben , war doch nichts - als ein großer Glauben! Mutter! So wie der Selbstmörder seine rasende Liebe zum Leben durch seinen,, am heftigsten bezeugt, so habe auch ich verachtend, ungläubig und sehnsüchtig, auch ich analytisch skeptisch und wieder streng texte der Ketzer Savonarola, auch ich das Leben geliebt und, den Menschen, diesen kristallenen Menschen, der weder sich noch einen an6<@g Ist ßtilleunl Mitternacht. And alle die drei Augenpaars blicken aus den ausgeblaßten Photographien wieder mit lenem eigentümlichen Blick hervor, dem staunenden, ausgekühlten, iitter effierten, entsetzten und furchtlosen, aber vor allem wissenden Blick der Menschen, die schon lange tot sind.
Der Schutz von der Kanzel.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
(Fortsetzung.)
Der General plauderte in der hallenartig gebauten md zur jetzigen Herbstzett nur allzu lustigen Veranda, deren se^ hohe Säulen ein prächtiges ausländisches Weinlaub umwand, gemütlich mit seinem Rachbar, dem Krachhalder, einem der Kirchenaltesten von Mythikon, die der Kandidat texährend feines Dikantts all- sonntäglich im Chore hatte fitzen sehen und di« ihm bekannt warenwie die zwölf Apostel. Mit aufgestützten Ellenbogen ritt Wertmüller auf einem leichten Sessel und zeigte l^ue schürfe Habichtsnase und das stechende Kinn im Profil, wahrend der schön? alte schlaue Kopf des Krachhalders einen ungemein ""^Wtt^ind^vxtt hie Blume des Feldes." sühtte der Alle in «baulicher Weise das Gespräch, „und es trifft Wertmüller, daß wir beide in diesen Tagen miser Haus be» Mlen Ich mache Euch kein Geheimnis daraus: Drei Pfund vergäbe ich zur neuen Deschindelung unserer KirchtuilnspitzL
^Jch wil? mich auch nicht als Lump ettveisen ' versehte der General, „und werfe testamentarifch ebensoviel aus zur Der goldung unseres Gockels, daß sich das Tier nicht schämen muß, mif fyet neu befchinbeltcn SAHe fit)en.
Der Krachhalder schlürfte bedächtig aus dem vor ihm^Men^ den Glase, dann sprach er: „Ihr seid fein kirchlicher Mann, aber


