Eichener zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1925 Samstag, den 25. Juli Nummer 59
Gedicht.
Sieh, die Sonne sinktl Eh sie sinkt, eh mich Greisen ergreift im Moore Rebeldust, entzahnte Kiefer schnattern und das schlotternde Gebein — Trunkener vom letzten Strahl, reih mich, ein Feuermeer mir im schäumenden Äug', mich Geblendeten, Taumelnden, in der Hölle nächtliches Tor.
In der Postchaise am 10. Oktober 1774 geschrieben von Wolfgang Goethe.
Der geschichtliche Ulrich von Hutten.
Von Dr. WilhelmDersch, Staatsarchivrat in Marburg.
Als vor zwei Jahren der Todestag Lllrichs von Hutten zum vierhundertsten Male begangen wurde, waren Zeitschriften und Tageszeitungen voll von Ruhm und Lob für diesen heldenhaften Mitstreiter Luthers und unerschrockenen Vorkämpfer der Freiheit und ‘ des Rechtes. Dieses Urteil ist heute noch. Gemeingut der überwiegenden Mehrheit des protestantischen Volkes und griindet sich im wesentlichen auf die 1858 zum erstenmal erschienene Hutten- Viographie des Dr. F. Strauh, die zuletzt (1914) durch O. Clemm im Jnselverlag neu aufgelegt wurde und dadurch erneut weite Verbreitung gefunden hat.
Richt immer dachte man so wohlwollend über Hutten. Erst Wiftand und Herder brachten ihm wärmere Teilnahme entgegen, und Strauh schätzte ihn als Menschen wie als Politiker gleich hoch ein, während den Zeitgenossen der unbändige Draufgänger und Agitator bald unbequem geworden war. Melanchthon traute ihm Schlimmes zu, und Luther sprach von dem „stolzen, frechen frevlen Menschen", der seine Kunst mihbrauch.t und das Voll zum Aufruhr verleitet habe. Auf dem Wormser Reichstag 1521 konnte man die höhnenden Worte hören: „Hutten bellt nur, er beisst nicht; er droht, aber er schlägt nicht". In der schonen Literatur blieb der mit dem Dichterlorbeer gekrönte Ritter, man denke an C. F. Mever, ein gern verherrlichter Stoff. Seine schriststelle- rischen Fähigkeiten waren lange unbestritten. Und doch, hat schon A Vilmar in seiner Geschichte der deutschen Rattonalliteratur hart geurteilt, wenn er schreibt: ... Hutten, dessen weltberühmte (Satiren kaum der deutschen Literaturgeschichte anheimfallen, da sie ursprünglich lateinisch geschrieben waren und sich also, tote die epistolae obscurorum virorum gar nicht übersetzen lassen, vder, wie die Gespräche in der von Hutten selbst besorgten älebersehung das beste Salz verlieren. Auch ist seine Klagrede weit mehr eine Strafschrift als eine Satire, so dah eine Eharak» teristik dieses merkwürdigen Mannes fast ganz aus unserem Gebiete heraus und dem der deutschen Kulturgeschichte zufallen mutz." Später hat Vilmar fein Urteil über Hutten noch einmal zusammengefaht in den bitteren Worten, die ziemlich vergessen sind: „1523 August 31 starb Ulrich von Hutten, gewöhnlich als ein Held der evangelischen Freiheit angesehen, muh sich die evangelische Kirche diesen Helden ernstlich verbitten, welcher Nichts anderes vertrat als das zügellose Hinausstürmen in das Ziellose und Grenzenlose, das wüste Leben des auf seine Unabhängigkeit trotzenden niederen Adels, den Witz und die Dar- ftellungsfäbigkeit, aber auch die älnstätheii und Lockerheit der neuen philologischen Gelehrten, dagegen aber von dem Inhalte der evangelischen Lehre keine Ahnung hatte." Auch die Historiker des 19. Jahrhunderts, nicht nur die katholischen, fanden bisweilen Worte scharfer Verurteilung. W. Maurenbrecher schreibt (1880): „Hutten war bei allem literarischen Talente, bei allen schriftstellerischen Leistungen ein Mann ohne Charakter". Reuerdings ist Professor Paul Kalkoss in Breslau auf Grund eindringender Forschungen über die Entscheidungsjahrs der Reformation und ihrer Persönlichkeiten zu einer Charakteristik Huttens gekommen, durch welche das unter romantischen Einflüssen übermalte Vild schonungslos in seiner Ursprünglichkeit xnthüllt wird.
Der wilde Knabe hatte von seinem rauhen Vater eine älnruhe geerbt, die ihn schlechterdings für das Klosterleben, zu dem er bestimmt war, unfähig machte. Seine Lehrmeister in Fulda waren nichts weniger als nachahmenswerte Vorbilder. Ein Mönchs- gelübde hat Hutten wohl nie abgelegt. Die ehrwürdige Bücher- sammlung der Abtei verlockte den Leichtfuh, einige Handschriften
sich anzueignen. In Erfurt und Italien lernte er die Fertigkett, lateinische Verse zu schmieden. Sein Oheim, der mainzische Marschall und Hofmeister Frowin von Hutten, „der Heckenreiter" und Freund Sickingens, der in der Pfarrkirche zu Grohsteinheim begraben liegt, verschaffte ihm beim Kurfürsten von Mainz ein Jahresgehalt, dem die tatsächlichen Leistungen des unsteten, pflichtvergessenen Humanisten nicht entsprachen. Er und Sickingen waren beteiligt an den schmählichen Ränken, durch welche die Wahl Kurfürst Friedrichs des Weisen von Sachsen zum deutschen König am 27. Juni 1519 wieder rückgängig gemacht wurde. Welche Hoffnungen für den deutschen Protestantismus knüpften sich an dieses dreistündige Königtum des Ernestiners, bis Friedrichs Verzicht den spanischen Karl V. den Thron freimachte! Richt Hutten, sondern der Westfale Hermann von dem Busche hat auf dem Wormser Reichstage Luthers Schutz gegen die Spanier übernommen. Lange galt Hutten als der Verfasser der Flugschrift „Reu-Karsthaus", durch welche die Bauern für das Evangelium gewonnen werden sollten, jetzt wird die Verfasserschaft Martin Dutzer zugeschrieben. .
Gleichwie Hutten politisch versagte, so fand er auch ber- evangelischen Bewegung gegenüber nicht die innere Anteilnahme und das rechte Verständnis, weil er eine unkirchliche, ja unreligiöse Matur war. Daher mutz er als Schädling der evangelischen Sache gelten, hat er doch selbst Luther in wichtigen Lebenslagen vreisgeaeben und den eigenen Vorteil gesucht. Rachdem er Ende August 1520, vom Papst gebannt, aus Mainz hatte fliehen müssen und auf der Ebernburg Unterkunft gefunden, scheute er sich nicht, während des Wormser Reichstages mtt Luther eine Verbindung anzubahnen, die, wenn sie durchgeführt worden wäre, dem Reformator den Schutz des sicheren Geleites aekostet hätte. Geradezu verbrecherisch, war der von Hutten verkündete „Psaffenkrieg", der sich in gemeinen Erpressungen und Stratzenräubereien äußerte. Daß dabei die eigenen teeren Taschen deS immer gelSbedürftigen Vaganten gelegentlich gefüllt werden sollten, ist sehr wahrscheinlich..
Sickingens Ende bedeutete zugleich Huttens Ausgang. Alm der Reichsacht zu entgehen, wandte sich Hutten nach der Schweiz, wo er auf älfnau im Züricher See den Folgen der Lustseuche,. die seinen Körper aufgezehrt hatte, erlag. Luther hatte den Zudring- ling schon längst abgeschüttelt. Beider Verhältnis zueinander ist stark überschätzt worden. Don einer Abhängigkeit Luthers kann erch recht keine Rede sein. Hutten war ein führender Geist, ein
Mitläufer". „Bei der Verblendung, mit der Hutten auch den reichspolitischen Fragen seiner Zeit gegenüberstand, bei der Sprunghaftigkeit seines Wesens, die den Pfaffenstand mehrfach nach Versorgung an bischöflicher Tafel streben lietz, eignet er sich kaum zum Wortführer der Deformation ats einer nationalen Lebensfrage. Rur datz in der schwärmerischen Zeit der Romantik wie in den dumpfen Tagen der Reaktion die Rainen
Deutschland" und „Freiheit" von den Machthabern verpönt waren, konnte diesem Eintagsschriftsteller den Ruhm eines nachhaltig wirkenden nationalen Helden verschaffen. (Kalkoff m den Schlesischen Jahrbüchern für Geistes- und Raturwlssenschaften, Jahrgang 2, Rr. 4, Breslau 1924.)
Das Rheinische Theater auf der Kölner Iahrtaufendausstellung.
Von Otto Klein.
Das Theater, von jeher getreues Spiegelbild der bunten, vielgestaltigen Welt, ist als Kulturfaktor erst in neuerer Zeit in seiner weiftpannigen Bedeutung richttg erkannt, und wissenschaftlich gewürdigt worden. Auf den „Brettern, die die Wett bedeuten", beschwören wir das Vergangene herauf und beschauen uns selbst im Spiegel heutigen, gestalteten Lebens. Vergangenheit wird im knisternden Rampenlicht und tm Trugbilo der Kulisse zu lebendiger Gegenwart; am Gegenwärtigen aber bilden wir uns zu wissenden Werkleuten einer besseren Zukunft. Was uns sonst toter Buchstabe, individuelle Schau eineS Einzelnen tm Ausschnitt eines gemalten oder gezeichneten BtldeS, was uns sonst unentwirrbares Chaos erschien — tm ^eater toirb e3 lebendige Gestalt, der Geist erlebt seine immer toteberfe&wwa Menschwerdung und der gordische Knoten des chaotischen WAt- bildes wird zu kosmischer Einheit, zu sFbstveritaMichem Sinn bild des Daseins. Aus dieser Wesenhaftigkeit leucytet die große menschheitliche Sendung des Theaters als kulturfordernde 2IW sichtbar hervor. In der Erkenntnis dieser Deutung und Be- deiitung ist das rheinische Theater auf der Kölner c ahr-


