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r palte er sich beim Erwachen nach der Mittagsstunde den Mund auk Bald darauf folgte die häusliche Mahlzeit, die er mit einer Flasche Rotwein hirrunterspülie, und dann begab er sich ins Kaffeehaus. Dort soll er angeblich, solange seine zahlreichen Freunde seine Einsamkeit nicht störten, bedächtig fetae feinen kleinen Werke ziseliert haben. Die Abende und die ALchte aber gehörten jahraus, jahrein der großen Tafelrunde in der Bier­stube. Da entfaltete er als Präses einer bunten Korona von be­wundernden Füchsen und stillvergnügten bemoosteren Häuptern den schillernden Psauenfchweif von Wih, Ironie und tieferer Bedeutung. Aber schließlich war, bei nüchternem Tageslicht be^ sehen, die ganze Herrlichkeit doch nur höherer Di-erulk, ein reiches Erbe schnöde vergeudet, ein katzenjämmerllches Endel Da ich selber zeitlebens unfähig gewesen bin, größere Mengen alko­holischer Getränke in mich hineinzupumpen, als ich vertragen konnte, so bin ich niemals betrunken gewesen und hatte deshalb auch wohl niemals das sonst dem richtigen Deutschen zukommenk^ Verständnis für die angebliche Poesie der Detrimkenheit. Eie ist mir immer nur widerlich gewesen. So kam es, daß ich niemals das Ende einer Harilebenfchen Bierreise oder mich eines seß­haften Zechgelages erlebt habe. And dadurch blieb es mir auch erspart, die jämmerliche Kehrseite der trunkenen Gloria dieses Prachtexemplars zu erleben. Ich bin froh, daß meine Erinnerung an ihn fast nur Stunden olympischer Heiterkeit bewahrt.

Noch in einem anderen Kreise verkehrte ich in Berlin, freilich nur als seltener Gast, in dem der sogenannte Kutscher, nämlich der saure Mosel, die feuchte Fröhlichkeit zu erzeugen bestimmt war. In einer Weinstube der Potsdamer Straße trafen Johannes Trojan, der Leiter desKladderadatsch", Heinrich Seidel, Ludwig Pietsch und dessen Amtsnachfolger Paul Linden­berg. Hans Hoffmann und der Erfinder unserer rauchlosen Schießpulvers Geheimrat Scheibler zusammen. Scheibler pflegte, wenn Pietsch nicht anwesend war, die Kosten der Unter« Haltung ziemlich allein zu bestreiten, denn die übrigen Humo­risten hüllten sich in Tabakwolken und Schweigen. Ich habe selten eine stillere Tafelrunde von geistvollen Männern angetroffen. Der liebenswürdige, feinsinnige Poet, Menschen- und Aatur- fermer Trojan gehörte zu jenen gerade in Deutschland häusigen Geistern, denen der Witz nicht auf den Lippen, sondern nur an der Spitze ihrer Feder locker sitzt. Wo er bei Heinrich Seidel saß, habe ich niemals zu ergründen vermocht. In seinen Schriften ist er auch nicht zu finden. And doch ist dieser Mann durch eine einzige Erzählung, das freundliche, aber herzlich langweilige Idyll von .Leberecht Hühnchen", einige Jahre hindurch berühmt ge­wesen. Seltsam! Ich finde die Msenkonstruktion der Anhalter Bahnhofshalle in Berlin, die ebenfalls sein Werk ist, entschieden nchmwürbiger.

Wenn Ludwig Pietsch anwesend war, dann allerdings kam Leben in die Bude. Es ist eine Herzstärknng, zuweilen solchen Sonntagskindern zu begegnen. Dieser fröhliche, stets jugendlich begeisterte Greis hatte wohl niemals in seinem Leben ernsthafte innere Erschütterungen erfahren. Ich Weitz nicht, ob er so ge­worden ist, weil er Jahrzehnte hindurch Festberichterstatter der Vossischen Zeitung war, oder ob ihn die Vossische Zeitung zum Festberichterstatter machte, weil er von Natur aus festlich ge­stimmt war und schlechterdings nicht schwarz zu sehen vermochte mit seinen daseinsfroh«: Maleraugen. Jedenfalls kann eS auf eine Weiche Seele nicht ohne starken Eindruck bleiben, wenn ein Mensch von Berufs wegen nur Sonntage lebt und die Mkmschheit nicht anders als im Feierkleide sieht. Ludwig Pietsch war näm­lich so ziemlich bei allen festlichen Gelegenheiten der Weltge­schichte seit 1860 dabeigewesen und hatte di? Erinnerung an all den Trubel bunten Bolkerlebens, an bedeutende und unbedeutende Persönlichkeiten, besonders aber an scharmante Damen in feinem glänzenden Gedächtnis treu bewahrt.

Als amüsanter Plauderer fand er nur in Paul Lindau seinen Meister. Der blieb allerdings, als der bei weitem ori­ginellere Geist, nicht bei der allgemeinen Menschenliebe und leicht begeisterten Divatstimmung des guten Pietsch stehen, son­dern bewahrte sich auch unter den festlichsten Amständen sein kritisches Dewutztsein, und seine Ironie entsprang einem fein- geschliffenen, schlagfertigen Geiste. Lindau war wohl überhaupt der interessanteste und witzigste anekdotische Ausmünzer seiner eigenen Erlebnisse, der mir unter den Tausenden von denkwür­digen Bekanntschaften in meinem Leben begegnet ist. Allerdings war er ein Monologist, das heißt ein Mann, der in Gesell­schaft immer allein das Wort führte und durchaus nicht zuzu­hören vermochte. Ihm aber nahm das niemand übel außer vielleicht jene fürchterlichen Massenkolporteure von Anekdoten, Zoten, Wortwitzen und sonstigen Späßen, die ein unheimliches Gedächtnis fälschlich für Geist ausgeben und sich in seiner Gesell­schaft zum Schweigen verurteilt sahen. Tiefe Seelen waren frei­lich weder Pietsch noch Lindau, und Lindau blieb als Dramatiker wie als Erzähler schließlich doch nur ein geschickter Macher. Seine Briefe aus Baireuth waren eine -Ungezogenheit, deren er sich in späteren Jahren selbst geschämt hat. Ich hatte sie ihm derart ubetgenommen, daß ich mich mehrere Jahre gegen seine nähere Bekanntschaft sträubte. Als ich aber dann in ihm nicht nur den

glänzenden Plauderer, sondern auch den gutherzigen Mensch« und wohlmeinenden Freund erkannte, habe ich jede Gelegenheit, eine Nacht in seiner Gesellschaft zu durchwachen, freudig ergriffest Er war übrigens kein großer Zecher, sondern nur ein nicht tiw zubringender Nachtvogel,

Ich möchte nicht vergessen, zu erwähnen, daß von all den Poeten, die an dem ftiffen Kult des sauren Mosels teilnahmen, Hans Hoffmann mit als der Bedeutendste heute noch er­scheint. Ich halte ihn für einen unsrer allerersten Novellisten, bet auch mit viel mehr Recht als Scheerbart zu den besten Humo­risten Deutschlands gezählt werden darf. An seinem verhältnis- mäßig frühen Ende war wohl auch Dämon Alkohol nicht gmu unbeteiligt, aber er ist doch nie würdelos unterlegen. Sein feines Menschentum verstand die Kunst, den Teufel nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, wie es sich für einen echten Dichter schickt. Auch unferm fidelen bemoosten Haupte Otto Erich Hartleben vermochte dieser üble Teufel doch nicht gänzlich den Hals umzudrehen, weil er von Haus aus keine zwiespältige Natur war, sondern eins harmonische Anlage mitbrachte, die sich durch eine bewußte ästhe­tische Kultur, in seinen letzten freundlichen Lebenstagen wenig­stens, zu der von ihm so getauften halkyonischen Heiterkeit ver­klärte. Strindberg dagegen ist ein tragisches Beispiel dafür, welche Verheerung der Allohol in einem Geiste anzurichten vermag, dem von vornherein das sichere Gleichgewicht fehlt, das eine gute Blutmischung und verständige Erziehung glücklicheren Menschen ins Leben mitgibt. Das Phänomen Strindberg ist nur zu be­greifen, wenn man sich gegenwärtig hält, daß er der Sohn der Magd war, der zeitlebens diese Abkunft als einen schimpflichen Makel empfand und der, wie so manche andere hervorragenden! Bastarde der Weltgeschichte, seinen giftigen Geifer wider dis Welt der Wohlgeborenen ausspritzte. Sein gewaltiger Geist fühlte sich nicht wohl in dem gebrandmarkten Leibe, darum tat er diesem Leibe Gewalt an, und der Leib rächte sich wieder an dem Geiste. Es war ein lebenslanges aufreibendes Ringen zwi­schen den beiden, und das Ergebnis war eine Vergiftung aller Lebenssäfte und damit auch der Quellen, daraus er beim Schaffen schöpfte. So mußte das Weltbild Strindberqs krampfhaft ver­zerrt werden, so mußte seine wild männische Erotik in einen Weiberhaß umschlagen, der schon nahe an Wahnwitz grenzte Md schließlich doch nur der Wut über seine Ohnmacht gegenüber dem geschlechtlichen Reiz entsprang. Es ist recht, zu der dämonischen Gestaltungskraft dieses überragenden Geistes bewundernd auf­zuschauen, aber es ist gefährlich, ihn zum Führer zu erwählen und den künstlerischen Offenbarungen seines Hasses Glauben zu schenken.

In jener Zeit hatte ich mit den anderen Friedrichshage». nern auch Gerhart Hauptmann einigemal be irnir zu Gaste Gr sah damals genau so aus, wie sein temperenzlerischer Fana­tiker Loth geschildert ist. Die schlanke Jünglingsgestalt steckte in einem langen, bis hoch um den Hals geschlossenen Predigerrock!, und der ausdrucksvolle Kopf mit der Riesenstirn, den versonnenen! Augen und dem großen, schmallippigen Munde stellte schon da­mals ein seltsames Mittelding zwischen Apostel und Zucht­häusler dar. Gr lebte auch seine Äeberzeugung insofern, als er sich des Alkohols, des Tabaks und aller niedrigen lauten Freuden gemeiner Menschenkinder enthielt. Llebrigens war er damals nichts weniger als ein sprühender Gesellschafter und seine Seel« ebenso zugeknöpft wie sein Priesterrvck. Vermutlich rührte auch fein. schweigsames Lächeln von Menschenscheu und leicht ver­letzlicher Zartheit her. Er wurde dann zu seinem Schaden noch mehr verzärtelt durch die anbetungsvolle Liebe seiner blut­jungen Gattin und der andern Tempeljungfrauen im Dienste seines Genius. Die schleppten ihn aus dem Getriebe der rauhen Welt in eine versteckte Waldkapelle, hüllten ihn in Prunkas- wänder und breiteten Weihrauchwolken unter seine Füße. Ich führe die beklagenswerte Tatsache, daß es Hauptmann niemals gelungen ist, einen männlichen Helden zu schaffen, einen frohen Sat« und Willensmenschen, auf jenen Kult zurück, den ekstatische Frauen in seiner Jugend mit ihm getrieben haben. Als ich ihm ein Dutzend Jahre später auf Hiddensoe wieder begegnete (et hatte damals bereits sein Rautendelein geheiratet), erschien er mir bedeutend frischer und menschlicher als in seiner JünglingS- zert. Er balgte sich mit seinen Söhnen und Neffen, trieb allerlei gesunden Sport, war braungebrannt und ging frisch fröhlich auS sich heraus. Mit dem Dichter Hauptmann bin ich eine gute Strecke Wegs freudig mitgegangen, bis mir seine allegorische Geheimniskrämerei und seine immer schlapper werdenden Mannsgestalten allmählich den Geschmack an seinem Genius ver­leideten. Mit dem Menschen bin ich kaum mehr zusammengs- trosfen, seit er als großer Herr und Sybarit zu Agnetendorf Hof hält. Meine schönste und stärkste Erinnerung an Gerhart Haupb» mann wird immer der Abend in Otto Brahms Junggesellen- m , X.civn Km er einem ganz kleinen Zuhörer kreis, in dem P"ul Schlenther und ich die einzigen Deutschen waren, seinen Kollegen Crampton" vorlas und zwar sehr gut, denn et gebürte zu den wenigen deutschen Dichtern, die sich durch den Vortrag rhrer eignen Werke nicht um allen schuldigen Respekt bringen.

-öchristleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ-Buch. und Steindruckerei, R, Lange, GietzE