Ausgabe 
25.4.1925
 
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würben. Das war eine persönliche Liebenswürdigkeit, bei der wir Zeit und Geld sparten, aber fünfmalige^ Amsteigen mit Sack und Pack und lebendem Getier war eine weniger angenehme Zugabe. Von diesem Transport konnte ich mich vierzehn Tage lang nicht erholen. Wenige Stunden nach unserem Eintreffen brachten Pommern ihre Pfleglinge zurück, da gab es einen inter­essanten Abend des Zusammenseins zwischen Rheinländern und Pommern und Sachsen. Erfahrungen und Erlebnisse wurden aus­getauscht, Hrimatlieder gesungen. Der Gesundheitszustand der Kinder war allgemein der beste ein Junge, der ein Jahr bei uns in Sachsen gewesen war, schlug den Rekord mit 45 Pfund Gewichtszunahme.

Von unserer Jugend erhoffen wir den Wiederaufstieg un­seres Vaterlandes. Helfe ein jeder, sie zu erfassen und zu ihrer Erstarkung beizutragen. Den Lohn birgt jede gute Tat in sich selbst.

Der Atem der Natur.

Von TheodorDäubler.

Der Atem der Ratur, die Phantasie der Erde, Erträumt die Götterwolken, die nach Norden wehn.

Der Wind, die Phantasie der Erde denkt sich Nebelpferde, And Götter sehe ich auf jedem Berge stehn I

Ich atme auf und Geister drängen sich aus meinem Herzen. Hinweg, empor! Wer weiß, wo sich ein Wunsch erkennt!

Ich atme tief: Ich sehne mich, und Weltenbilder merzen Sich in mein Jnnres ein, das seinen Gott benennt.

Natur! nur das ist Freiheit, Weltalliebe ohne Ende!

Das Dasein aber macht ein Opferleben schön!

Oh Freinatur, die Zeit gestalten unsere Werkzeughände, Die Welt, die Größe, selbst die Aeberwindungshöhn!

Ein Wald, der blüht, das Holz, das brennend, wie mit Hän- Wir alle fühlen uns nur durch das Opfer gut. sden, betet, Oh Gott, oh Gott, ich Mensch habe alleine mich verspätet, Wie oft verhielt ich meine reinste Jnnenglut!

Im Tale steigt der Rauch, als wie aus einer Opferschale, So langsam und fast heilig, überm Dorf empor.

Ich weih es wohl, die Menschen opfern selbst von ihrem Mahle, Da eine Gottheit sich ihr Herdfeuer erkor!

Aus dem literarischen Berlin vor fünfzig Jahren.

Von Ernst von Wolzogen.

(Schluß. >

Wille war für seine Gemeinde ein vortrefflicher Lehrer der Jugend, ein wahrhafter Trostspender an Gräbern. Ihm zufolge be­suchte ich in jenen Zeiten vielfach politische Arbeiterversammlungen und erbaute mich ehrlich daran, wie er den andächtig lauschenden Massen das Evangelium des Altruismus predigte: ihm zuliebe auch beteiligte ich mich an dem schönen Bemühen der von ihm gegründeten Freien Volksbühne, den Massen edle Kunstgenüsse zu bermiteltn, und spielte auch mit andern tüchtigen Meister­dilettanten in einem greulichen Dierpalast am Moritzplatz den Arbeitern Deethovensche Kammermusik vor. Ich gebe freudig zu, daß ich selten oder nie aufmerksamere und dankbarere Zuhörer gefunden habe als damals am Moritzplatz oder als einst im Hamburger Konventgarten, wo ich vor 2000 Arbeitern eigne Werke vortrug, oder in zahlreichen andern von der Sozialdemo­kratie geleiteten Arbeitervereinen; doch kann mich diese freund­liche Erfahrung nicht in meiner Meinung irremachen, daß die Kunst eine aristokratische Angelegenheit sei natürlich nicht In dem Sinne, daß nur die Besitzenden und die Gebildeten zu ihrem Genüsse zugelassen sein sollten, sondern nur in dem Sinne, daß sie nicht zum Volle herabsteigen, sondern dieses zu sich hinaufziehen müsse, nicht zu Parteizwecken sich mißbrauchen lassen, sondern nur ihrem innerlichen hohen Zwecke dienen dürfe, die Sehnsucht edler Gemüter nach Schönheit, nach Harmonie, nach innerer Freiheit zu stillen. Die Kunst ist ein edles Instrument, das nur unter der Hand des Meisters feine Seele rein zum Er­klingen bringt, und jeder ächte Meister ist auch ein achter Aristo­krat. Es scheint mir tief bedeutsam, daß der Anarchist Bruno Wille seine dichterischen Fähigkeiten später viel reicher zu ent­falten vermochte als die anfänglich scheinbar schöpferisch stärker begabten Harts. Aebrlgens konnte dieser stillversonnsne Philo­soph und ernste Prediger auch einen köstlich übermütigen Humor entwickeln. Ich habe selten herzlicher gelacht als übe: Bruno Willes BüchleinSibirien in Deutschland", worin er seine Er­lebnisse als Häftling in Friedrichshagen schildert: Gr war nämllch wegen wiederholter ^Übertretung des Verbotes, in der Freien Gemeinde Anterricht zu erteilen und geistliche Befugnisse zu versehen, zu mehrmonatiger Haft verurteilt worden. Da es aber in FriedrichShagen außer dem Spritzenhaufe kein Haftlokal gab, so wurde er in der Wohnung des Gemeindebüttels einquo-tlert, And sein Kerker wurde alsbald zum Treffpunkt der ganzen be­

freundeten Zigeunerwelt ein urfideles Gefängnis! Mit dem Gemeindebüttel schloß der Häftling gute Freundschaft und nahm ihn zur Verhinderung etwaiger Fluchtgelüste zum Fischen und Rudern auf dem Müggelsee an allen schönen Tagen mit. Das BüchleinSibirien in Deutschland" gestaltete er zu einer köstlichen Satire auf den preußischen Amtsschimmel, von ebenso beißender Ironie wie HauptmannsBiberpelz", aber verklärt durch gol­denen Humor.

Ob Wilhelm Ische jemals die politische Aeberzeugung seiner Friedrichshagener Freunde geteilt hat, weiß ich nicht, Rachem seine dichterisch durchglühten naturgefchichtlichen Darstel­lungen ihm außerordentliche Erfolge gebracht hatten, zog er sich immer mehr auf dieses sein Sondergebiet zurück und schied somit aus dem Kreis der literarischen Stürmer und Dränger und poli­tischen Vollsbeglücker aus, wenngleich er in FriedrichShagen wohnen blieb und seinen alten Kampfgenossen treue Freund­schaft bewahrte.

Der Zauber der Friedrichshagener wirkte auch magnetisch auf die gleichgestimmten Seelen hervorragender Ausländer. Der sanfte blonde Schwede Ola Hansson fiedelte sich mit seiner stiernackigen robusten Gattin Laura M a r h o l m dort an. Ein seltsames Ehepaar! Er ein feiner Novellist, ganz In sich gekehrt und versonnen, nur Künstler: sie eine laute Walkürenhaft wilde Dorkämpferin für Frauenrechte, Emanzipation des Fleisches und ich Weitz nicht was sonst noch für greuliche Begehrlichkeiten. And Hansson wieder zog seinen größeren Landsmann, den ge­waltigen August Strindberg, nach sich.

Es war Schicksalstücke, daß ich um die Bekanntschaft mit Strindberg kam. Zu wiederholten Malen war ich nach Friedrichs- hagen eingeladen worden ober auch nach derKlause" In der Dorotheenstraße, einer jener bevorzugten Bier Pfalzburgen, wo Otto Erich Hartleben Hof zu hatten pflegte, mit dem be­sonderen Hinweise darauf, datz Strindberg anwesend sein werde. Aber es traf sich immer so unglücklich für mich, datz der große Schwede entweder noch feinen Rausch vom vorherigen Abend nicht ausgeschlafen oder bereits einen neuen sich angeschafft hatte, der ihn schon vor der eigentlichen feierlichen Eröffnung der Nachtung zwang, sich in feine Gemächer zurückzuziehen. Einmal wurde ich seiner Leiblichkeit noch ansichtig, als man ihn bei meiner späten Ankunft in der Klause nach dem Theater just als Bierleiche auf kräftigen Freundesarmen hinausschleifte. And schlietzlich begegnete ich ihm noch einmal im Jahre 1893, kurz be­vor ich Berlin verließ. Das war in einem Kellerlokal der Dvro- theenstratze, in dem ich ein einsames Nachtessen verzehrte. Der einzige außer mir noch anwesende Gast war Strindberg, der Koloß mit dem eindrucksamen Haupte, der gewaltigen Denkerstirn und dem drollig gespitzten Wulstmündchen. Er war bereits bei der zweiten Flasche Rotspon und ersichtlich in tiefe Gedanken ver­sunken. Da mochte ich ihn durch eine vielleicht unerwünschte An­näherung nicht stören. Der Tempel für die engste Strindberg- gemetnbe war übrigens die flelne Wein- und Delikatefsenstube Zum schwarzen Feäel" an der Ecke der Linden- und der Neuen Wilhelmstratze. Mit der dort amtierenden Priesterschaft, Deh- m e l und Priebyschewskh, hatte ich wenig Fühlung.

In diesem Zusammenhang ist es wohl angebracht, auch meiner Beziehungen zu Otto Erich Hartleben zu gedenken, der ja In der feuchten Ecke der deutschen Literatur den hervorragendsten Platz einnahm. Es dürfte nur unter Germanen möglich fein, daß einer zugleich ein feiner Künstler und ein großer Süffel sein kann. Wir finden wüste Säufer und Zotenreitzer tatsächlich in be­schämend großer Zahl unter unseren bedeutendsten Geistern, ja selbst unter den führenden Männern der Tat. Es scheint, daß das Licht des deutschen Geistes ohne alloholischen Ausguß nicht recht leuchten mag. Wer wüßte nicht in seiner Bekanntschaft Männer zu nennen, die im nüchternen Zustand langweilige Pe­danten, grämliche Philister, einsilbige Murrköpfe sind, im Zu­stande der Dezechtheit aber sich zu beschwingten PhiNstertötern, glänzenden Witzbolden und hinreißenden Rednern entwickeln! Run gut, fei ihnen der Rausch vergönnt, wenn er bedeutsame Taten und Werke zeitigt das Schlimmste dabei ist nur, daß dergleichen Taten und Werke des Rausches doch meistens nur Dlendvxrk der Hölle oder Theaterfeuerwerk zu fein pflegen, daß die ständige künstliche Berauschung also nur eine ungesunde Befruchtung des Genius bedeutet, die sich fast immer durch früh- Äi körperlichen und geistigen Verfall rächt. Hartleben ist rübendes Beispiel für diese Regel. Was hätte dieser feine Geist mit seinem angeborenen Geschmack, mit seiner Stilsicherheit, seiner überlegenen Ironie, seinem Witz u»b seiner lyrischen Zart­heit nicht alles ausrichten können, wenn er imstande gewesen wäre, sich noch rechtzeitig aus den Klauen des Teufels Alkohol zu befreien !Was aber Ist das Lebenswerk dieses Lieblings der Grazien geblieben? Ein paar meisterhafte Humoresken, ein paar köstliche Gedichte und ein paar ironische Komödien von Rang. Der große Erfolg seiner meistgespietten TheaterstückeRosen­montag" undAbschied vom Regiment" dürfte mehr auf Rech­nung der Mitarbeiterschaft seines militärischen Bruders zu setzen sein. Hartleben war ein Opfer des Korpsstudententums und seines DierkommentS. Die Kneipe war sein Heim und der ausschließ­liche Turnierplatz seines Geistes. Zu Hause hatte er nur eine Schlafstelle, Auf seinem Nachttisch stand eine Flasche Mosel, damit