Ausgabe 
25.4.1925
 
Einzelbild herunterladen

130

SelbsterlsbLes Lei Kindertransporten.

/ Bon Martha Wunderwald.

Der Aufsatz über Kindertransporte in Qlr. 86 des Tieher.er Anzeigers hat in mir Erinnerungen ausgelöst, die vielleicht auch für manchen Leser und manche Leserin von Interesse fern dursten, und die bezeugen werden, dah Kindertransporte zwar für den- jenigen, der das rechte Verständnis für die Notwendig.eit der-- selben besitzt, eine schöne, ihn befriedigende Aufgabe darstellen, dah dabei aber auch eine Fülle von Schwierigkeiten überwunden sein will, von denen der Fernstehende keine Ahnung hat.

Im Februar 1923 setzte die Ruhrhilfe ein, und nächst der eifrigen Sammlung an Geld und Lebensmitteln, stellte sich der Reichslandbund die Ausgabe, 50 000 Kindern aus dem besetzten Gebiet auf dem Lande unterzubringen. Auf unseren kleinen Land­kreis in der Provinz Sachsen entfielen 1200 Kinder. Es begann die Pionierarbeit, einmal die Herzen der Dauern für die gute Sache zu gewinnen suchen, zum andern die Verteilung der Kinder zunächst auf dem Papier, d. h. entsprechend der Mvrgenzahl, nach der Grobe des Besitzes des einzelnen Landwirtes, vorzunehmen. Die Bereitwilligkeit der Dauern, Kinder in Pflege zu nehmen, war überaus grob. Mit brennender Ungeduld wurde der erste Transport erwartet, der endlich Mitte April angekündigt wurde, und zwar aus Essen. Die betreffende Behörde hatte uns ge­schrieben, dah die Kinder i/27 Mr abends auf unserer Station eintrefsen würden, dah wir aber mit Verspätung rechnen mühten, da es den Herren Franzosen beliebe, die Züge an- und auf­zuhalten. Drei volle Stunden haben wir geduldig gewartet, bis endlich der Zug in die Bahnhofshalle einlief. Ihm entstieg eine Schar von 176 Arbeiterkindern der Kruppschen Werke, die, alle Müdigkeit vergessend, begeistert in die vaterländischen Weisen ein- flimmte, die die Musikkapelle, die sie empfing, ihnen spielte. Die Transportsührer waren bewegt von dem Empfang und meinten: Wie lange haben wir das entbehrt!". In einem am Bahnhof ge­legenen Saal sollten die Kinder zunächst bewirtet, ihnen durch Ansprache des Geschäftsführers des Landbundes ein feierlicher Empfang bereitet werden. Der vorgerückten Stunde wegen konn­ten die Kleinen an dem Abend nicht mehr an ihren Bestimmungs­ort gelangen, wir hatten ihnen die Nachtfahrt im offenen Wagen ersparen wollen. Darum hatten wir mit Hilfe der vaterländi­schen Frauenvereine uns etwa 200 Familien in der Stadt ge­sichert, die bereit waren, die Kinder eine Nacht zu beherbergen. Wer beschreibt unser Staunen, als wir unter dem Vorantritt der Musikkapelle in dem Lokal anlangten, den von jungen Mädchen mit gedeckten und geschmückten Tafeln vorbereiteten Saal von Menschen angefüllt vorfanden die Fenster belagert! Kaum, dah es möglich war, die Kinder an ihre Plätze zu führen. Die Anteilnahme der Bürgerschaft war überwältigend. 200 Kin­der waren gemeldet, 176 gekommen, und etwa 1000 Menschen rissen sich förmlich darum, sich der Kleinen anzunehmen und mit Liebe für sie zu sorgen. Sofort war der Kontakt zwischen ibnen und den Kindern geschlossen. Man bestürmte mich mit Bitten und Betteln:Geben Sie mir die Kleine," oder,ich möchte die Kinder alle drei mitnehmen sie find Geschwister," usw. Gin Elternpaar, das sein einziges Kind, einen blühenden Jungen, verloren hatte und noch in tiefer Trauer war, bat inständig,diesen Jungen möchten wir mitnehmen, er sieht unferm Werner ähnlich wir haben zwar keine Quartierzettel, aber bitte, bitte, geben Sie uns das Kind!"

Alle unsere Vorbereitungen, die in der Theorie so schon durchdacht waren, wurden über den Hausen geworfen es kam zu keiner Begrüßungsansprache kaum dah die Kinder ihren Kakao trinken konnten. Fühlten sich doch die Familien gekränkt, dah wir die Kinder noch beköstigen wollten, wo zu Hause das Abendbrot, das Bad, das Bett ihrer wartete. Andere, die ohne einen kleinen Gast abziehen muhten, vertrösteten wir auf den nächsten Transport. Es würde ihnen noch mehr als einmal Gelegenheit gegeben werden, ihre.Hilfsbereitschaft in die Tat irmzusehen. Nie werde ich den Eindruck dieses Abends vergessen! Die einfache Gemüsefrau, der Fabrikbesitzer, der General a. D. wetteiferten, deutsche Not zu lindern. Wenn es noch soviele Mütter gibt, die sich mit warmem Herzen fremder Kinder an- nehmenf dann wird Deutschland nicht untergehen!

Am nächsten Morgen folgte die Verteilung auf das Land. Auch die Bauern brachten den Kindern die gleiche Liebe ent­gegen. Dörfer, die diesmal nicht berücksichtigt werden konnten, warteten mit Ungeduld auf den zweiten Transport. Sie wollten nicht zurückstehen hinter denen, die ihre Schützlinge bereits hatten holen dürfen. Mit der Zeit wurden alle befriedigt. Im Laufe des Sommers nahmen wir sechs Transporte in Empfang, die unter mehr oder weniger schwierigen Verhältnissen aufgeteilt wurden. Es kam vor, dah ein' großer Transport durch ein Ver­sehen der Eisenbahnbehörde falsch gemeldet worden war. Wäh­rend die Bauersleute mit ihren Wagen am Sonntag in aller Herrgottsfrühe sich auf den Weg gemacht hatten, Ruhrkinder ab­zuholen, wurde bekannt, dah der Transport erst Montag zu er­warten sei. Nun begann ein Telephonieren, Depeschieren, 216= bestellen des Mittagessens, der Musik usw. Plötzlich Anruf durch die Polizei: Die Dahn meldetTransport unterwegs, bereits in Erfurt". Welcher Schreck und welche Verwirrung im ersten

Augenblick! Doch bis der Zug an seinem Reiseziel war, war alles geschafft. Niemand der Ankommenden bemerkte, dah da etwaL nicht gestimmt hatte. Nudeln mit Spargel mundeten vortrefflich, und die herzliche Aufnahme lieh bald alle Strapazen der Reise vergessen.

Nur die Landleute konnten nicht alle wieder zurückgerufen Werken. Da geschah es, dah ein Rest von etwa 20 bis 30 Kindern für die Nacht kein Unterkommen hatte. Ich machte den Vorschlag, die Kinder auszuklingeln. Er fand den Beifall des Polizei» Ober-Jnspektors. Unter seiner und anderer maßgebender Per­sönlichkeiten Führung zogen wir zum Marktplatz, gaben bekannt, worum es sich handelte, und innerhalb einer guten Viertelstunde hatten wir unsere kleine Schaar an nach Hause zurückkehrends Spaziergänger abgegeben, denen wir sie ohne Sorge anvertrauen konnten.

Ein festes Band hat sich seit dem Sommer 1923 zwischen: der Provinz Sachsen und dem Rheinland geknüpft. Die späteren Transporte kamen aus dem Landkreis Solingen. Der Sommer 1924 brachte zwar eine bedeutend verminderte Zahl von Pfleg­lingen, doch kamen nun die sogenanntenWunschkinder" solche, die sich zu ihren Pflegeeltern, bei denen sie es so gut gehabt hatten, zurücksehnten, und solche, die von feiten Oer Gastgeber wieder angefordert wurden. Sie waren gegenseitig in Fühlung geblieben. Beide konnten oft die Zeit nicht erwarten, dah sie einander wiedersahen. War es anfangs für beide Teile nicht ganz leicht, sich miteinander einzuleben, so geschah es da, wo die Kinder heimisch wurden, um so inniger. Ich könnte manches Beispiel anführen, das geradezu rührende Beweise liefert, wie die Dauern die Kinder lieb gewonnen haben wie ihre eigenen, wie die Kinder, denen erst der ihnen vollständig unverständlich« Dialekt und die andere Kost das Ginleben erschwerten, Eltern und Heimat vergaßen. Nur in ganz vereinzelten Fällen sind Klagen vorgekommen, mancher Heranwachsende Junge, manches Mäd­chen ist im landwirtschaftlichen Dienst geblieben.

Dreimal hatte ich Gelegenheit, Transporte in die Heimat zurückzugeleiten. Im Spätsommer 1923 fuhr ich mit 45 Kindern und einer Begleiterin zum ersten Male los. 32 Stunden brauchten wir, um an das Ziel zu kommen. Gleich hinter Schwerte war die erste Kontrolle, und ich höre Noch den Franzosen mich anherrschen. Madame, votre pah". Ganz willkürlich blieb unser Zug auf freier Strecke stehen in Vohwinkel lieh man imS drei volle Stunden liegen, ohne Grund, ohne Licht im Zug bis abends 11 Mr. Die Faust ballte sich in der Tasche da half keine Unterredung mit dem Herrn Kommandanten, dah es sich um übermüdete Kinder handle, die um 3 Uhr nachmittags ein« treffen feilten. Seit dieser Zeit warteten die besorgten Eltern endlich, um Mitternacht konnten sie ihre Kinder in die Arme schließen. Das gab ein glückliches Wiedersehen, bei dem sich die Augen mit Freudentränen füllten.

Meine Begleiterin und ich wurden zum Landratsamt ge­führt, wo wir gastlich aufgenommen werden sollten. Niemand hatte uns hier zu so später Stunde mehr erwartet. Hinter einem einzigen Fenster des großen, schönen Gebäudes brannte Licht. Hier wurden die ganze Nacht Scheine gedruckt! Armes Deutsch­land, wie weit bist du gekommen, war unser Gedanke. 2lls wir auf der Heimreise waren, nahmen die Franzmänner an den Reisenden beinahe Leibesvisitation vor. Einer Dame, die ein Paket in der Hand hielt, dem man deutlich die Butterbrot«! ansah, wurde dasselbe unsanft aus der Hand gerissen und ge­öffnet, ein Herr wurde mitgenommen in den Pferch, In dem schon 30 Menschen standen. Nach einer Viertelstunde kam er zurück und durfte Weiterreisen. Wie empörte sich unser Inneres gegen solche Behandlung aber wir muhten schweigen.

Vier Wochen später stellte mts die Bahn einen Sonderzug für 600 Kinder, dessen Leiterin ich war. Da gab es Erlebnisse:! Mit Gepäck bis zu Zentnerschwere wurden die Kinder verfrachtet. Obst, Kartoffeln u.a. hatten die Dauern für zu Haufe mit» gegeben. Eine ganze Menagerie fand sich irn Zuge, Tauben, Kaninchen usw. Ehe wir wußten, dah der Morgen graute, krähte der Hahn irn Gepäcknetz! Je näher wir ans Ziel kamen, je lebendiger wurde die Gesellschaft. Heimatlieder verkürzten dis Zeit, und die Mädchen machten Toilette, immer wieder die Zöpfe flechtend und die schönen Haarschleifen ordnend mit be­wundernswertem Geschick. Siefen großen Transport liehen die Franzmänner unbehelligt, Gott sei Dank! Und Gott sei Dank, ein jedes Kind hatte seinen Schutzengel gehabt, und es war nichts passiert. Bei allem Gefühl der Verantwortung ist es unmöglich, die Kinder zu hüten. Wenige Tage vor unserem Eintreffen hatte ein Transport in der Nacht ein Kind verloren, das tot von den Schienen aufgehoben wurde.

Der dritte Transport bestand aus nur 30 Kindern und drei Erwachsenen. Aber, o Schreck! In Halle tarnen wir auf einen Sammeltransport, der für etwa 600 Kinder nach Essen bestimmt war. Unangemeldet tarnen 300 mit anderem Reiseziel dazu, ebenso wir. In denkenswerter Weise waren Sanitäter bemüht, das umfangreiche Gepäck zu verstauen und für alle Platz zu schaffen, fast Men es unmöglich. Aber nach einigem Durch­einander wurde auch der bewältigt. Der Transportleiter, den wir kannten, wollte uns die Regiebahn ersparen und vermittelte, daß wie kn Hagen vom weiterfahrenden v-Zug mitgenommen