Gießener zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang (925 Samstag, den 25. April Nummer SZ
Heimkehr der Schwarbe«.
Bon Ernst Toller.
Bon den Ufern des Senegal, vom See Omandaba Kommt Gr, meine Schwalben, Bon Afrika- heiliger Landschaft.
Was trieb euch zum kalten April deS kalten Deutschland? Auf den griechischen Inseln habt ihr gerastet, Sangen nicht heitere Kinder euch heiteren Brust?
Warum nicht bautet ihr Tempel in des ArchipelagoS Ehrwürdigen Locken?
Zu welchem Schicksal kämet ihr?
O unser Frühling
Ist nicht mehr Hölderlins Frühling,
Deutschlands Fröhling wird tote fein Winter, Frostig und trübe
Und bar der wärmenden Lieb'
Den Dichtern gleichet ihr, meine Schwalben.
Leidend am Menschen, lieben sie ihn mit nie erlöschender Inbrunst?
Sie, die den Sternen, den Steinen, den Stürmen tiefer verbrüdert sind als jeglicher Menschheit.
Den Dichtern gleichet ihr, meine Schwalben.
Das Winterle.
Von Elisabeth Hensel.
Wenn ich von unserm Berg herunter zur Stadt gehe, dann komme ich unten bei den Wiesen am Fluh bei einem kleinen alten Häuschen vorbei. Es steht geduckt zwischen seinen mehr städtischen Aachbarn, den Giebel nach der Straße gekehrt. An dem kleinen Fenster am Giebel bleiben dann immer meine Augen haften, ich sehe ein schmales faltiges Gesicht mit zwei rührend guten dunklen Augen herunterschauen. Und im Geiste grüße ich sie jedesmal so recht von Herzen, die Eigentümerin dieser Leben Augen und des winzigen Zimmers unterm Giebel, unser Winterle.
Es war wohl Ende des JahreS 1919, da muhte ich mich nach einer Putzfrau umsehen. Die meinige wollte wieder heiraten, doch versprach sie mir, sich nach einer neuen Hilfe für mich umzusehen. Und eines Tages schickte sie mir ihre Kusine, ob die nicht die Stelle bei mir bekommen könne. Du guter Gott, was für ein jämmerliches Stückchen Menschenleben war daS. was da vor mir stand! Don der Große eine- zehnjährigen Kindes und nicht nur mit einer schiefen Schulter, sondern mit einem regelrechten Buckel, das Händchen, daS sie mir gab. wie ein kleines welkeS Blatt. Das sollte also die „Zusprtn- gerin" sein, tote man in dieser. Gegend die Putzfrau nennt; nun, von „Springen" würde woht bei diesem Persönchen nicht die Aede sein. Ich wollte gerade eine absagende Antwort in rnöglichst schonender Form hervorbringen, da sah ich in ihre Angen. Vor diesen großen, demütigen und zugleich unendlich gütigen Augen konnte ich nicht Dein sagen, vielmehr hatte ich das Gefühl, einen besonders lieben Menschen in unser Leben mit hineinnehmen zu dürfen. Und auf ihr schüchternes Fragen: „Wollten Sie's nicht mal mit mir versuchen?" sagte ich freudig 3a.
Sie hieß Marie Winter, unsere kleine Fanny machte aber bald aus meiner Anrede „Fräulein Winter" Winterle, und bei dieser Anrede blieb es bann. Sie hatte einen rührend guten Willen, eS dauerte auch gar nicht lange, so hatte sie sich in ihre Arbeit eingewöhntz Und wenn ich manchmal Sorge hatte, daß ihr z, D. das Putzen der Fußböden zu viel werden würbe, so sagte sie immer freundlich: „Dein, gar nicht, ich tu rs ja so sehr gern." Bald sollten wir Aufklärung darüber erhalten, weshalb sie auch so mühsame und schwere Arbeit mit solch«: Freudigkeit tat
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Eines Abends war sie dabei, alS Fanny betete. Danach ging sie noch mit Lisbeth, unserm netten Mädchen, di« Fanny inS Bett gebracht hatte, in die Küche. Ganz unvermutet fragte) sie: „Lisbeth, glauben Sie an GebetSerhörungen?" Ehe dies» noch antworten konnte, sprach Winterle weiter: „Ich glaub' dran, ganz fest! 3ch hab' eS ja selbst erlebt. Sehen Sie, schon vom neunten Jahre an hab' ich müssen Handschuhe nähen — Sie kennen ja auch die großen Handschuhsabriken unten neben der Altstädter Kirche. Arg kräftig bin ich ja nie gewesen, aber doch nicht so krumm wie jetzt. Das kommt von dem vielen gebückt Sitzen. So gings durch viele, viele Jahre, jetzt bin ich 58. Da hab' ich daS Gefühl gehabt, ich haltS nimmer so aus, die Augen langten auch nicht mehr zu der feinen Näherei und der Doktor sagte, ich sollte mir mehr Bewegung machen. Ich wußte mir gar fernen Rat. Da hab' ich den lieben Gott so von Herzen gebeten, er mochte mir doch helfen. Und, sehen Sie —" hier leuchteten ihre Augen — „da hat er mich wirklich erhört, er hat mir die Stelle als Aufwartung Hier beim Herrn Professor gegeben. Und das ist Gebetserhörung, das laß ich mir nicht ausreden. Und jetzt, wo ich herumgehen darf bei der Arbeit, gehts mir so gut, wie lange nicht." Wie janrmervvll dieses arme Leben gewesen war, sah man erst aus diesem Bekenntnis: eine Stelle als Putzfrau als Gegenstand der Gebetserhörung!
Seit wir dies wußten, versuchten wir noch mehr, etwas Freude in ihr Leben zu bringen. Es war ja so leicht. Ein Äpfel — sie hatte in diesem Winter noch feinen gehabt. Ein Stück Kuchen — so guten hatte sie noch nie gegessen. An Weihnachten war sie wie verklärt, denn seit Jahren hatte sie keinen Bäum mehr gehabt. Bald hatte sie noch einen anderen Namen bei uns, nämlich Hausgeistchen. Unhörbar huschte sie durchs Haus: ehe man fic&S versah, war die Arbeit fertig.
Allmählich sah ich auch, daß dies Leben nicht arm war. Sie hatte zwei Dinge, auf die sie sich immer freute. Ihr« Sonntage in der Kirche, das war daS eine. Und ihr Zusammensein mit unserer kleinen Fanny, das war das andere. Die Kleine hatte eine große Fußbank, auf der sie besonders gern saß, um ihre Bilderbücher zu besehen. Di« rückte ein bißchen beiseite, dann hatte das Winterle noch bequem Platz, und so schauten sie sich zusammen die Bilder an. Zum Dor- lesen reichten zwar die Augen nicht mehr, aber das machte nichts, das Winterle dachte sich allerhand Keine Geschichtchen zu den Bildern aus. Es war ein eigentümlicher und zugleich rührender Anblick; das blühende blonde Kind und das alte gebückte und verwachsene Weiblein. Ab und zu sahen sie sich vergnügt an, und jeder schien dem andern zu sagen: „Ich bin dir gut."
Dann kam ihr sechzigster Geburtstag und wir feierten ihn richtig, wie bei einem Familienmitglied. Natürlich Kaffee und Kuchen, Fanny sagte ein Derschen und führte sie zum Geburtstagstisch. Winterle konnte es gar nicht fassen: ein neues schwarzes Kleid! Ihre Kleider waren sicher viele Jahre alt, verschossen und geflickt, aber blitzsauber. AlS mein Mann ihr dann in herzlicher Weise Glück wünschte, meinte sie etwaS wehmütig: sechzig Jahre seien doch eben schon ein rechtes Alter, wer weiß, wie lange sie's noch schaffen würde. Auf meines Mannes Antwort: „Aber Fräulein Winter, so dürfen Sie nicht sprechen, was soll denn aus uns werden, wenn wir Sie nicht hätten —" strahlten ihre Züge und sie sagte: „Dann wünsche ich mir wirklich, noch recht lange zu leben, denn daß Sie mich brauchen können, das ist doch gar zu schön."
Wer es wurde anders, wir sollten unser Winterle nicht mehr lange behalten. In einem andern Hause ist sie kurz« Zeit darauf die dunlle Kellertreppe hinabgestürzt und war gleich tot. Fanny konnte es gar nicht begreifen, daß ihr Winterle nte mehr kommen sollte. Nur daS tröstete sie etwas, daß daS Winterle beim lieben Gott, bei den Dngelein und — wie daS sangesfreudige Mädelchen immer hinzufügte — Bet der Musik sei. Denn daß die Gngelein am liebsten schön singen und spielen, ist ihr gewiß. Wenn sie mit mir am Häuschen am Fluß vorbeigeht, sieht sie nach dem Keinen Fenster: „Geltz Mutterte, die Engele wollten eben das Winterle auch für sich! gern haben, damit eS ihnen schön« Geschichten erzählt?" Und dann nickt sie hinauf und sagt: „Mutterle, unser Winter!« pehtS doch sicher, daß ich ihm guten Tag gesagt habe?" „ ,


