Ausgabe 
24.12.1925
 
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Stanit schwenkte sie beit Schuh unb warf ihn hinter sich. Aber sie wartete vergebens: sie hörte ihnnicht fallen. Ähr wurde fett« kant zu Mute, das kam von ihrein Darwitz! Welch unheimlich Ding hatte ihren Schuh gefangen, eh' er den Bode» erreicht hatte? Einen Augenblick noch stand sie so; dann mit dem letzten Restchen ihres Mutes wandte sie langsam den Kopf zurück. Da stand ein Mann in der dunkeln Tür, und eS war Paul; er war richtig noch einmal auf den imglüMchen Hasen ausgewesen!"

Dein, Ellen", sagte der Amtsrichter,&u weiht es wohl; das war es denn doch diesmal nicht; er hatte nur, wie btt, auch keine Ruh gefunden; aber nun hielt er den kleine» Schuh des Mädchens in der Hand; tmd Ellen hatte sich am Herd auf einen Stuhl gesetzt, mit geschlossenen Augen, die Hände gefaltet vor sich in den Schoh gestreckt. ES war kein Zweifel mehr, daß sie sich ganz verloren gab; denn sie wußte wohl, dah der Detter alles gehört und gesehen hatte. Lind weiht du auch noch die Worte, die er zu ihr sprach?"

Äa, Paul, ich weiß sie noch; urti> es war sehr grausam und wenig edel von ihm.Ellen", sagt er,ist noch immer die Börse nicht für mich gemacht? Doch Ellen tat ihm auch diesmal den Gefallen nicht; sie stand auf und öffnete das Fenster, dah von draußen die Nachtluft tmd daS ganze Sternengefunkel zu ihnen in die Küche drang."

Aber", unterbrach er sie,Paul war zu ihr getreten, und sie legte still den Kopf an seine Brust; und noch höre ich den süßen Ton ihrer Stimme, als sie so, in die Nacht hinaus nickend, sagte:Gott grüß dich, Abendsterm!"

Die Tür wurde rasch geöffnet; ein kräftiger, etwa zehn­jähriger Knabe trat mit einem brennenden Licht i»S Zimmer. Vater! Mutter!" rief er, indem er die Augen mit der Hand beschattete.Hier ist Moos und Efeu und auch noch et» Wa­cholderzweig!"

Der Amtsrichter war aufgestanden.Bist du da, mein Junge!" sagte er und nahm ihrn die Botanisiertrommel mit den heimgebrachten Schätzen ab.

Frau Ellen aber ließ sich schweigend von deut Schreibtisch herabgleiten und schüttelte sich ein wenig wie auS Träumen. Sie legte beide Hände auf ihres Mannes Schultern und blickte ihn eine Weile voll und herzlich an. Darm nahm sie die Hand des Knaben,Komm, Harro", sagte sie,wir wollen Weih- nachtSgärten bauen!"

Linker dem Tannenbaum.

Der Weihnachtsabend begann zu dämmern. Der Amts­richter war mit seinem Sohne auf der Rückkehr von einem Spa­ziergange; Frau Ellen hatte sie auf ein Stündchen fortgeschickt. Dor ihnen im Grunde lag die kleine Stadt; sie sahen deutlich, wie aus allen Schornsteinen der Rauch emporstieg; denn dahinter am Horizont stand feuerfarben das Abendrot. Sie sprachen von den Großeltern drüben in der alten Heimat; dann von den letzten Weihnachten, die sie dort erlebt hatten.

Lind am Doräbend", sagte der Vater,als Knecht Auprecht zu uns kam mit denr großen Bart und dem Quersack und der Rute in der Hand!"

Ich wußte wohl, daß es Onkel Johannes war," erwiderte der Knabeder hatte immer so etwas vor!"

Weißt du denn auch noch die Worte, die er sprach?" Harro sah den Dater cm und schüttelte den Kopf.

Wart nur", sagte der Amtsrichter,die Verse liegen zu Haus in meinem Pult; vielleicht bekomm ich's noch beisammen!" Und nach einer Weile fuhr er fort:Entsinne dich tritt, wie erst die drei Rutenhiebe von draußen auf die Tür fielen und tote dann die rauhe borstige Gestalt mit der großen Hakennase in die Stube trat! Dann Hub er langsam und mit tiefer Stimme cm:

Von drautz vom Walde komm ich her.

Ich muß euch sagen, es weihnachtet seh«. Allüberall auf den Tcmnenfpitzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen. Lind droben aus dem Himmelstor Sah mit großen Augen das Christkind hervor. Lind wie ich so strolcht' durch den dichten Tann, Da rief'« mich mit Heller Stimme an: Knecht Ruprecht," rief es,alter Gesell, Hebe die Beine und spute dich schnell! Die Kerzen fangen zu brennen an, DqZ Himmelstvr ist auf getan, Alt tmd Junge sollen nun Don der Jagd des Lebens einmal ruh»; Llnd morgen flieg ich hinab zur Erchen. Denn es soll wieder Weihnachten werdenk" Ich sprach:O lieber Herre Christ, Weine Reise fast zu Ende ist; ' Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel brave Kinder hat." .Aast denn das Säcklein auch bei dir?" Ich sprach:Das Säcklein, das ist hi«;

Denn Aepfel, Ruß und Mandelkern Fressen fromme Kinder gern!"

Aber,"

Aast den« die Rute auch bei dir?" \ Ich sprach:Die Rute, die ist Hier! Doch für die Kinder nur. die schlechten. Die trifft sie auf den Teil, den rechten!" Christkindlein sprach:Do ist es recht. So geh mit Gott, mein treu« Knecht!" Von drautz vorn Walde komm ich her. Ich muß euch sagen, «S weihnachtet sehr! Nun sprecht, wie ich's hierinnen find? Srnd's gute Kind, sind's böse Kind?

., f^r&et Anitsricht« mit veränderter Stimme fort, ich sagte dem Knecht Ruprecht:

D« Junge ist von Herze» gut, Hat nur mitunter was trotzigen Mut!" .*?**%' ich weiß!" rief Harro triumphierend; ietb bat <SW« emporhebend, und mit listigem Ausdruck fetzte er hinzu: sann kam so etwas!"

dich in großes Geschrei brachte; heim Knecht Ruprecht schwang die Rute und sprach:

Heißt eS bei euch denn nicht mitunter;

Med« den Kopf und die Hofen herunter?

r»i<H hechtete mich nicht; ich war E -ovmg auf dem OnVel!

, Jte* die sie jetzt fast erreicht hatten, stand nur

noch ein fahl« Schein am Himmel. ES dunkelte schon; ab« es begann au schneien; leise und emsig fielen die Flocken, imd der Weg schimmerte schon weih zu ihren Füßen.

Vater und Sohn waren eine Weile schweigend nebenetnaitbec hergegangen. -Am Abend darauf," Hub der Amtsrichter toteber an,brannte der letzte WeihnachtSbaum, den du gehabt vast Es war damals eine bewegte Zeit; sogar das Zuckerwerk zwischen den Tannenzweigen toar kriegerisch geworden; unsere ganze Armee, Soldaten zu Pferde tmd zu Fuß! Don alledem ift nun nichts mehr übrig!" setzte er leis« und wie mit sich selb« redend hinzu.

Der Knabe schien etwas daraus ertoibern zu wollen, alter ei» anderes hatte plötzlich seine Gedanken in Anspruch genommen Es war ein groß« bärtiger Mann, Zter vor ihnen aus einem Seitenwege auf die Landstraße h«auskam. Auf der Schulter belanzcerte er ein langes stangenartiges Gepäck, während er mit einem Tcmnenzweig, den er in der Hand hielt, bei jedem Schritt m die Lust peitschte. Wie er vorüberging, hatte Harro in der d^srohe rote Hakennase erfarait, die unter dmznmtze hlnausragte. Auch euren Qusrsack trug der Mann, &« anscheinend mit allerhand eckigen Dingen m-geMt war Er ging rasch vor ihnen auf.

Knecht Ruprecht!" flüsterte der Knabe,hebe die Beine und spute dich schnell!"

Das Gewimmel der Schneeflocken wurde dichter, sie sahen ihn noch in die Stadt Hinabgehen; dann entschwand er ihren -stUgen; denn ihre Wohnimg lag eine Strecke weiter außerhalb des Tlwes.

Freilich," sagte ber Amtsrichter, indem sie rüstig zuschrillen der Alte kommt zu spät; dort unten in der Gaste leuchteten schon alle Fenster in den Schnee hinaus."

Endlich war das Haus «reicht. Nachdem sie auf dem Flur öte beschneiten Lleberkleider abgetan, traten sie in das Arbetts- zimm« des Amtsrichters. Hi« war heute d« Tee ferotert- die große Kugellampe brannte, alles war hell und aufgeräumt. Auf der sauberen Damastserviette stand das feinlackierte Deebrell mit den Geburtstagstassen und dem rubinroten Zuckerglase' daneben auf dem Fußboden in dem Komfort von Mahagoni- stäbchen mit blankem Messingeinsatz kochte der Kessel tote es fein muß, auf gehörig durchgeglühten Torfkdhlen; tote daheim einst in der großen Stube des alten Familtenhanscs, so dufteten auch hi« in dem kleinen Stübchen die braunen WeihnachtskuchNi nach dem Rezept d« -Urgroßmutter. Ab« während die Mutt« nebenan im Wohnzimm« noch das Fest ttereltete, blieben Vater und Sohn allein; fein Onkel Erich kam, ihnen feiern zu helfen. Es war doch anders als daheim.

Gin paarmal hatte Harro mit bescheidenem Finger an die Tür gepocht, und ein leisesGeduld!" d« Mutt« war die Antwort gewesen. Endlich trat Frau Ellen selbst herein. Lächelnd ab« ein leis« Zug von Weh toar doch dabei streckte sie Ihre Hände aus und zog ihren Mann imd ihren Knaben, jeden bei ein« Hand, in die Helle Weihnachtsstube.

Es sah freundlich genug aus. Auf dem Tische in der Mitte, zwischen zwei Reihen brennend« Wachskerzen, stand das kleine Kunstwerk, das Mutt« und Sohn in den Tagen vorher sich selbst geschaffen hatten, ein Garten Im Geschmack des vorigen Jahrhunderts mit glattgeschorenen Hecken und dunkeln Gauben; alles von Moos und verschiedenem Wintergrün zierlich zu­sammengestellt. Auf dem Reiche von Spiegelglos schwammen zwei weiße Schwäne; daneben vor dem chinesischen Pavillon standen kleine Herren und Damen von Papiermache in Puder und Kontuschen.

(Fortsetzung folgt.)

vchristleilung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. Druck und Verlag 6« Brühlfchen Llniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Meßen.