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waren
tagSmenschen:
ja vor der Krippe, von bet sie nur theatralisch geriet!---
Ängesungene Christtieder mnbrausten ihre Ohren.
Leonhard Gmsbütte! ober, liedarm, wie er war, wurde von Mück unb Merger zugleich gepackt, so daß er btoß polterte: Warum habt ihr mir von dem Kirche nichts gesagt!" Da ' Sie heiligen drei Könige ganz einfach nüchterne AlltagSme
Unter dem Tannenbaum.
Von Theodor Storm.' (Fortsetzung.;
Bon all den» ©leben und Backen des Mbenbss war es noch Warrn in dem groben dunkeln Raume. Und richtig, dort lag der Schlüssel auf dem Fensterbrett. Aber sie stand noch einen Augenblick und blickte durch die Scheiben in die Macht hinaus. — So hell tmb weit dehnte sich bas Schneefeld; dort unten zerstreut lagen die schwarzen Strohdächer des Dorfes: unweit des Haus«» zwischen den kahlen Zweigen der Silberpappeln erkannte sie deutlich die großen Krähennester; die Sterne funkelten. Ihr fiel ein alter Aeim ein, ein Zauberspruch, den sie vor Jahr und Tag von der Tochter des Schulmeisters gelernt hatte. Hinter ihr im Hause war es so still und leer; sie schauerte; aber trotz dessen wuchs in ihr das Gelüste, es mit den unheimlichen Dingen zu versuchen. Sv trat sie zögernd ein Paar Schritte zurück. Leise zog sie den einen Schuh vom Fuße, und die Augen nach den Sternen und tief aufatmend sprach sie: .Gott grüß dich, ÄDendstern!" — Aber was war das? Ging hinten nicht die Hoftür? Sie trat ans Fenster und horchte. 'Mein, eS knarrte Wohl nur die große Pappel an der Giebelseite des Hauses. Und noch ein- mol Hub sie leise an imb sprach:
Gott grüß dich Abendftevn! Du scheinst so hell von fern, Neber Osten, über Westen, Zeder alle Kräheunesten.
Ist einer zu mein Liebchen geboren, Ist einer zu mein Liebchen erkoren, Der komm, als er geht,
Als er steht, sein täglich Kleid!
finden wir etwa ein halbes Hundert Darstellungen des Marien» stoffes. Dazu kommt eine noch viel größere Anzahl von Zeich- mtngen, die zwar großenteils nur Dorarbeiten zu den Hauptwerken find, die uns aber doch einen Einblick in das unermüoliche Ringen des Künstlers um das Problematische gerade dieses Stoffes tun laffen.
Diejenigen, die in der höchstmöglichen Steigerung des Un- irdischen das Ideal sehen, sagen wohl, Dürers Madonnen seien durchschnittliche 'Nürnberger Bürgersfrauen. Das ist weder ganz falsch noch — namentlich so, wie sie es sagen — ganz richtig. Es wäre von jedem Standpunkte aus ein Mangel, wenn der Künstler es sich so bequem gemacht hätte, einfach Frauen seiner nächsten Umgebung »abzumalen". Aber dann wäre Dürer auch nicht, was er heute ist. Wohl hat er deutsche Frauen, deutsche Mütter zu Vorbildern genommen, und auf betonte „Verklärtheit", soweit sie das Maß allgemeiner Zugänglichkeit überfchritt, verzichtet. (In viele» Marien erkennen wir unschwer seine Gattin Agnes wieder.) Doch bedeutet das bei ihm keine Verflachung des Stoffes, sondern eine Vertiefung. Aicht zuletzt deshalb, weil er durch seine Art der Mariendarstellung uns die Heiligkeit jeder Mutterschaft eindringlich nahebringt. Darüber hinaus ist es Dürer aber auch gelungen, die Besonder heit dieser Geburt, die Einzigartigkeit dieser Mutterschaft durch alle Realitäten (wie die nähen und peinlich ausgearbeiteten Hintergründe) zwingend hindurchleuchten zu lassen.
Es gibt unter den Mariendarstellungen des reiferen Dürer kaum eine, die das nicht bestätigte. Einige aber seien besonders hervorgehoben: »Rast der heiligen Familie", „Anbetung Der Könige", „Madonna mit der angeschnittenen Birne", „Maria mit dem zitherspielenden Gagel", „Maria mit der Heuschrecke, »Maria mit der Meerkatze", „Maria an der Mauer", Marra auf der Rasenbank". Bemerkenswert ist, daß selbst 'Werke, wie „Thronende Maria", „Gekrönte Maria", „Maria mit den bieten Engeln", nicht vom bargelegten Typ abweichen.
Aldegrever, Altdorfer, Baldung, die Behams, Eraiiach und andere <3eitgenoßen siäd, mehr oder weniger voneinander abhängig, die Mit-Vollender der unzweideutig vorgezeichneten Ent- wicklung. Selbst Grünewald, dessen visionäre Kraft so gewaltig war, daß Jahrhunderte sie nicht verstanden, willun, Marlenantlitz nichts anderes geben als dis Genannten. Auch ferne Kunst bekennt sich zu dem Marientyp, der nicht etwa nur »deutsch in landesgrenzlichem Sinne ist. (Eher tonnte man ihn, wenigstens seinem .Ursprung nach, den germanischen neirnen.)
Ungezählten hat dieses unser Marienideal im Bilde fMllch geinacht, warum das gesprochene oder gar das geschrieben Won sich vergeblich mühten. Aber nicht mir Brucken vom Glauben zum Unglauben, vom Fragen und Zweifeln zum Begreifen vermochte und vermag es zu schlagen. Sondern es vermag auch vielleicht mähr noch als das des Raffael —, abweichende Mrs- legungei! auf den gemeinsamen Ursprung zurückzuführen. Das wird wohl einwandfrei bewiesen dadurch, daß unser Durersches Marienideal sich über politische, kulturelle und konfessionelle Grenzen hinweg zu fast unbestrittener Geltung durchsetzte, auch in dtolien. ■
Bis In unsere Zeit, ja bis in bi« Bereiche allerjungter Kunst hinein haben die weitaus meisten Künstler — auch bei sonst gegensätzlichem Tendenzen — dem von Dürer Erkannten imb Gestalteten nichts hinzuzufügen gehabt.
„Wolltest du etwas wissen?"
Leonhard schimpfte weiter: „Ihr Kerls, jetzt erkenn' ich euch erst!" Und zu den Kindern: »Das Kleid habe ich zu bezahlenl" Msebill wollte glücklich erklären. Die Freunde lachten dazwischen: -Sei froh, daß du wenigstens nicht die Lause verpaßt!" Dann schnappten die Freunde schleunigst wieder ihre Königsgewänder zu, nicht, ohne dem alten, schon wieder sträubenden Trotzkopfe noch «taen tüchtigen Knuff zu verfetzen: »Rieder, die Hirten und Könige beten am!" — Sie taten es alle gerat, als wäre es ernst. Die Stube war voller heimlichem Glockenschlag, der von Jlsebitts Herzen ausging.
Lachend und weinend stimmte schließlich knieend der 2llts als erster wirklich die selige Weise an — von der einen Röst, die uns allen einmal unverlierbar entsprungen ist. — —
Damm hastete er noch in der Rächt seelenallem an das Grab der Mutter, um eine Christblume darauf zu legen, raschelnd aus selbstgefaltetem Papier. Die erglomm dort gelb wie ein Lichtlein, das aus der Erde zu wachsen beginnt. Oder wie eine erste Blüte fe» einer neuen Frählmgsnachi.
Die Hsilemdsmutter.
Das italienische und das deutsche Marienideal.
Don Walther Appell- Plauen,
Zwei Hauptgruppen sind im weiten Gebiet der Madonnen- Möleret festzustellen: die talienische, die in Ras fa e I ihren Höhepunkt erreicht, und die deutsche, die durch Dürer und seine Zeitgenossen repräsentiert wird.
Raffael krönte eine Entwicklung, die das Madonnemnotiv von dem Beiwerk befreite, das es seit den frühen Fresken und Reliefs eingeengt hatte. Bis zur Jahrtausendwende stand das Dhhsiognomische — von dem wir hauptsächlich reden wolleri — sehr im Hintergrund. Erst mit der Einschränkung der Nebensächlichkeiten konnte die Heilandsmutter selbst gründlicher durch-' gebildet werden. Aber die Italiener fielen gleich ins entgegengesetzte Extrem: hatten die Primitiven das Wesentliche von Rebenfigur«! und Nebenhandlungen fast erdrücken lassen, so fchalteten die späteren mit wirklich Ueberflüssigem auch manches Zugehörige aus. Daß sie ost nur Maria und das Kind Erstellten, ist die natürliche Reaktion aus die gar zu episodenreiche Art der Vorgänger. Aber- fte gehen noch weiter: sie konzentrieren nicht nur, sondern übersteigern die Vergeistigung und Entrückung der Maria aus dem Irdischen. Sicher haben daran auch die damals herrschenden Auslegungen der Evangelientexte ihren Anteil. Falsch jedoch ist es, Raffaels Madonnenthp als den ausgesprochen „katholischen" entweder in Anspruch zu nehmen oder abzulehnen. Gründe gegen diese Trennung — die Dürer auf den „lutherischen" Typ festlegeu will — werden noch anzu- kühren sein. Will man schon nach Ursachen der Erscheinung forschen, so mag bedacht werden: die leichter beschwingbare Psyche -es Südländers verleiht zwar keine größere Vorstellungskraft (nach der: Richtung der Verklärung), wohl aber einen betonteren Borstellungswillen. Dazu komint noch die Tatsache, daß die klassischen Landstriche edler Schönheit den Künstlern ein Menschenmaterial lieferten, das gerade ihren besonderen bildnerischen! Tendenzen entgegenkam.
Jedenfalls ist eine Steigerung der Grdentrücktheit über Raffael hinaus nicht denkbar. Dessen Madonnen haben nicht das Antlitz eines Menschen, auch nicht nut' das einer Heiligen, sondern das einer Göttin. Einer Göttin, die nichts mehr mit dieser Erde gemein hat. Die nur zeitlos, rauinlos in Wollen schweben oder m gänzlich indifferenten Landschaften wandeln tarnt (Weshalb auch die später so häufig«! Beigaben realer Art, wie Früchte, Blumen, Tiere, Bücher aus dies«! Bildern meist mr- angebracht tonten, wenn nicht sogar stören.)
Gewiß hat diese Madonnenmalerei, die schon bei Correggio (mit vernünftiger Reubelebung des landschaftlichen und sonstigen Beiwerks) wieder eingeschränkt erscheint, vieles Erhabene und Erhebende. Wen hat nicht schon die SIxtina oder eine andere der Rasfaelschen Madonnen alle Unterschieds des Bekenntnisses vergessen lassen! Das Erleben dieser Werke, die uns b«t ewigen Zusammenhang unser selbst mit dem Göttlich-Schöpferischen wieder und wieder fühlbarmachen, schaltet alles Doktrinäre aus. Richt gründlicher freilich, als es auch die Gipfelwerke deutscher Madonnenbild nere! tun.
Der vorherrschende Grundzug unserer Marrenmalerei ist ernste Sachlichkeit, ruhige Nüchternheit (im besten Sinne). Maria ist immer die Erdgeborene — doch bedeutet das vielfach eine Unterstreichung der unnahbar keuschen Reinheit dieser auS» erwählten Mutter. Ihr Menfchtum bleibt in Haltung, Gebärde, Szene und - vor allem! — im Gesichtsausdruck immer und vollständig gewahrt. Doch offenbart das oft erst recht die heiligende Größe ihrer Sendung. Schon die Madonnen etwa eines Stephan Lochner deuten in ihrer naiv-schlichten Innigkeit eine Entwicklung in dieser Richtung an. Heber Schongauer, Michael Wohlgemut!; u. a. führt dann der Weg zum ragenden Höhepunkt: . Dürer. Unter dessen Gemälden, Holzschnitten und Kupferstichen


