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Pansch.
Gin« Geschichte aus der Diedermeterzeit.
Bon Carl Worms.
(Fortsetzung.)
Der da unten aber stand noch vor dem Spiegel und hielt «inen Zettel in der Hand, der ihm die Gemütlichkeit im grauen Flausrock zu rauben drohte. Sn den zwei kleinen Stuben ftlr ihn war alles so behaglich eingerichtet. Obst- Bucher, ern Licht schirm waren da, sogar ein Barometer Stuhle und Tische mtt Blumen bedeckt: auch, an einem Dutzend Stammbuchs fehlte es nicht, die Sean Paul wie alte Bekannte begruht hatte. Und nun der Brief, so heiß und schwül fast tme die blumeiigeschwan- gerte Luft um ihn. Und doch tat ihm das mnge Wesen leid. Er war als Kind seiner Zeit zu sehr Gefühlsmensch als daß er gleichgültig vorbeigegangen wäre. Daher las er weiter.
„Du bist da, mein Bater, ich fürchte nichts. Dmn bin ich Niemand soll über mich Gewalt haben. So wird es im Ltnv versum doch noch einen Ort geben, wo ich s«n kann, wie ich sein will. Soll ch aber nicht Dein sein, Du Einziger, so wirst Du meine Seele, an der wenig zu lieben ist, gewiß noch lieben in einer anderen Welt. Ach wirst Du mich auch' ^kennenunter den unzähligen Seelen, die Dich umfassen und lieben werdend
Langsam trat er an die Wachskerze und verbrannte das Blatt. Es fiel ihm ein, daß er nie ettoaS
hrannt hatte. Sinnend stieß er einen Fensterflügel auf. Wie friedlich der Hof dalag, rechts vom alten Schloß, links ^?'u^uvalier- hause begrenzt. Eine Fontäne plätscherte, vom Ententeich her riefen die Frösche, das Mondlicht spielte mit ten Lindenschatten an weißer Mauer. Und er dachte, wie nur ein Herz unter diesmn Dache seinem falschen Schlage lauschen mochte, und heiß stieg es hinauf zu seinem Herzen. Er warf sich aufs Sofa Ponto sprang zu ihm hinauf und schmiegte den struppigen Kopf an seines Herrn Wange:
„Wir haben eine Mission hier, alter Ponto°, nunmelt« Sean Paul. „Der Sagend müssen wir di« Tugend erklären. Haben wir's oft in Romanen getan, warum nicht auch in Löbichau? Der Daß ist eingeschmuggelt, das haben wir sehr Alt gemacht. Aber das ist nicht hübsch von uns, daß tmr uns selbst »wischen Baß und Sopran schieben. Haben demnach die aparte Aufgabe, uns allernächst vor Gott und Menschen imangEhm zu machen. Sintemal wir aber Veteranen der Liebe siud. so haben wir uns nach Bundesgenossen umzusehen. Was meinst du zur Wilhelmine? Dein, Ponto, du kennst dre Fraum nicht. Diamanten verschenken sie mit ihren Blichn, aber willst du greifen - Finger weg! Es gibt glühende Kohlern Die PrinM wM den Baron, den Tenor, wir aber denDaß, der ind^Ehe vorzuziehen ist. - Was ist denn d^? Himmel, der Tenor! Die ich rief, di« Geister... Hörst du, Ponto?
Bom Hofe herauf drang jetzt das Klimpern einer Gitarre, vorsichtig traten di« Veteranen der Liebe ans Fenster. An der Fontäne, von mildem Südwind geschaukelt, schwankte ein Schatten, wie ihn so lang in Löbichau nur einer werfen konnte. Und letzt der Tenor! „Laurentia, schönste Qaurentia m«n, wann werden wir wieder beisammen sein?" klang es sehnsüchtig durch di« Nacht.
„A — am Montag", antwortete grölend ein schauerliches Crescendo, das dem sanften Fragesteller durch Mark un6 Dem m>h7n mußte, da der Altenburger Kalender heute erst Dienstag ansagte. Lieber Sean Pauls Kopf kicherte es leise, und vor- sichttg wurde ein Fenster geschlossen. Auch der entmutigte Finger fragte nicht mehr. Sn weitem Dogen flog einer der vielen Kränze »um Hof herab und liebeiiswürdig rief Sean Paul hinunter. „Dem Verdienste sein« Kronen. Schönen Dank auch für die Lleberraschung."
Setzt wurde es am Hostor laut. Ein Schlüsselbund klirrt«, ein verspäteter Beiter warf dem Stallmeister die Zügel zu. Sm Kavalierhause wurde eS hell, fröhliche Stimmen begrüßten den Ankömmling. Setzt ein Huschen und Schleichen dem Schlosse entlang im Schatten des Weinlaubspaliers, unter Jean Pauls Fenster hält der Zug. Auch über ihm öffnet sich das Fenster wieder. WaS wird das? Setzt schwebt ein dunkler Gegenstand an einem Faden zum erstaunten Dichter hinauf. Sa so, er schmunzelt behaglich An den Höfen von Hildburghausen, Meiningen und Koburg hat er sich oft solch kleine Lieberraschungen gefallen lassen Ei, wie artig! Ein zierliches Körbchen, sinnig mit Blumen und Beeren bedeckt, pendelt vor ihm in der Luft. Huld« vrül greift er hinein. Hm, eine etwas sonderbare Lleberraschung. Er faßt etwas Weiches, bei Mondschein besehen, ist es ein appetitliches Schinkenbrötchen. Setzt kichert es über und unter ihm. das Körbchen schwebt mit einem Ruck an seiner Rase vorüber, oben und unten verschwinden die jugendlichen Silhouetten.
Rur einer bleibt.
Das Brötchen noch in der Hand, hört Sean Paul ein Knacken und Krachen Im Spalier. Ein kräftiger Lockenkopf unter einem riesigen Kalabreser taucht am Fensterbrett auf, eine noch kräftigere sympathische Stimm« fragt spottend: «Darf man ein
treten? — „Sa so," fährt sie entschuldigend fort, als der Dichter betreten verstummt und Ponto die Zähne weist, „Shr Hundevieh ist ungehalten, bin ihm noch nicht vorgestellt. Gestatten, vierbeinige Gnaden, Reichsgras Modem für den Gothaer Almanach, für Löbichau nur Vetter Peter, Heidelberger Student. Erlauben Sie, Herr Legattonsrat, daß ich mein Beinwerk in die gute Stube trage. Hoppla!" Geschmeidig schwingt er sich hinein und verbeugt sich mit Anstand. „Falls der Herr noch neugierig fein follte: eSeteiblic^ev Qleffe bet H-rzvgin. -2U3 das Herzogtum in Kurland siel, fiel ich mit. aber sanft wie vom Kinderstühlchen. Der Onkel Peter hat sich mehr zerschlagen.
„Kommen Sie immer so herein, Herr Graf?"
„Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege, meinen Sie? Zu einem Maskulinum zum erstenmal, Hand aufs Herz. Hier meine Pfote, alter Spartaner. Das mit dem langen Baron muß unbezahlbar gewesen fein, haha. Aber die Fourag«, Herr X-e» gationsrat, die war für unsere Weibsbilder. Monsieur August schließt nämlich schon um neun Llhr seine Küche ab, manch junges Blut wird aber auch noch neun hungrig. Dann heften wir mit unseren Sagdvorräten aus. Also bitte, nächstens zollfrei passieren lassen. Haha, keine Entschuldigung. Das Brötchen verlose ich morgen zum Besten eines Jubelgreises, von dreißig Jahren, der heute die Ehre hatte, von mir verdroschen zu werden. War nämlich in Ronneburg eines Löbichauer Prozesses wegen. Will mir der Kerl beweisen, daß in seiner Feder mehr Verstand stecke, als in meinem Hirn und weist mir ine Tur. &o prügelte ich ihn vormittags und küßte am Nachmittag feine Schwester. Die Sache ist also abgetan, ganz in der^Familie. Aber heiß ist's bei Ihnen! Sch bin so frei.* Hut und Lkagdjoppe warf er aufs Sofa, trat in Hemdsärmeln ans Fenster und hinaus. „Din ich der letzte, der sich Ihnen vorstellt? Vernmtlich nicht. Daronin Steinberg migräniert seit einer Woche, t>aljer durfte Ottochen, ihr ange, heute auch fensterln, sonst —. ^<Y sage Ihnen, na, Sie werden staunen."
,0, ich staune jetzt schon."
Der Gras fuhr mit dem Kopf herum, stemmte die breiten Schultern ans Fensterkreuz und maß den Dichter mit einem Blick, daß feine kugelrunden, ausdrucksvollen Augen nur so ms Rollen kamen: „Wissen Sie auch, mein Alterchen, daß Sie grob sind toi« kurisches Stroh."
Jetzt war's an Jean Paul, herzlich zu lachen. Er faßte den jungen Mann an di« Schultern, sah ihm offen m das durchaus nicht schöne, aber durchaus fidele Gesicht und zwang ihn freundlich aus einen Stuhl: „Es kam mir nur darauf an, Ihren Redestrom zu unterbrechen, Herr Sraf, um Sie zum Sitzen zu bringen. Sitzen Sie bequem?"
„Danke, aber ich glaube, Sie hoben mich da auf «inen Narzissenkranz gefetzt."
„Tut nichts, wir habens ja. Sch setze mich aus Vergißmeinnicht."
„Sehr liebenswürdig. Nur gestatten Sie, daß ich erst den Rosenkranz entferne. Der dürfte einigermaßen Peinlich berühren. Kränzen wir damit den Dritten im Bunde. Aus gute Sreuno» schäft, Köter!" Geschickt warf er den Kranz um Pontos Hals, der sich ärgerlich nur mit Mühe von diesem Ehrenschmuck befreite. Der Gras lachte bis zu Tränen und ries: „Potz Madel und Johannisfeuer, sauber wohnen Sie hier, blitzsauber. Aber schlafen dürfen Sie nicht bei der Masse von Odeur. Das machen toir so" Er langte nach den Kränzen und hängte sie außerhalb am Spalier auf. „Pikfein, was? Ditte noch den letzten da mit dem bedruckten Dande. So muh ein Dichterfenster aussehen. Apropos, Dichter. Wissen Sie, daß ich noch nichts von Ihren Gedichten gelesen habe."
»Sehr glaublich, Herr Graf, da ich noch m« eins gemacht.
„Nein, nein, ich meine Ihre Machwerke im allgemeinen. Aber die Flegeljahre will ich mir ansehen, mich interessiert! alles, was mit Flegel zusammenhängt. Sie kneifen die Augen und denken an Wahlverwandtschaft. Mag sein, ich 6m nun einmal so. An meine antidiluvianischen Ausdrücke bitte sich nicht zu stoßen Es ist eben die Llrsprache des Menschengeschlechts. Glauben Sie nicht, daß die Zimbern und Teutonen nur in Schimpfworten gesprochen haben? Nichts von Vokalen, nur Konsonanten! Riesig interessant, was? Wollen wir noch em bißchen klatschen, was? Lieber alter Schwede, Sie gefallen mir kolossal. Ob Sie sich nun zu den Jungen oder Alten halten werden? Müssen nämlich wissen, in Löbichau setzt sich der Kulturkampf fort zwischen der alten Zeit, die noch jung, uns der neuen, di« schon alt sein will. Da sind Marheineke und Feuerbach — alle Achtung vor ihrem Wissen, aber hier sind sie die Strohmann«« im Kirschbaum der Jugend. Da ist di« Chassepot, der die Kirschen noch nicht reif, di« Baronin, der sie zu sauer find. Na, das kennt man. Wir Spatzen tanzen allen auf der Nase. Kirschen sind eben für junges Blut, vielleicht auch für Sie. Machen wir die Probe. Wie gefällt Ihnen Löbichau?"
„Wie ein Lerchennest, das der Frühlingssturm von der Landstraße in ein Gärtchen hineingetragen."
Dünner sch lag, wiederhole ich das morgen beim Kasse«, wirds ohne Wonnetränen nicht abgehen. Sie zapfen ja an den Weiberaugen toi« wir an den Dirken Hier Dirkwasser, dort


