Ausgabe 
24.11.1925
 
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etwas Fertiges über Nacht erwachsen, noch seltener wurde es gleich verstanden und anerkannt. Mm sc» mehr muh der Gesamt­erfolg der ersten Vorführungen der LLßlöschenVersuche" als solche bezeichnet er sie selbst auch die kritischen und mehr am Formalen hängenden Geister nachdenklich stimmen. Auf dem Kieler Musikfest muhte die Vorführung bei vollbesetztem Saal am 16. Juni wiederholt werden. Am 19. 3um fand im gefüllten Auditorium maximum der Hamburgischen Mniverfttät e.ne Son­dervorführung auf Einladung der psychologisch-ästhetischen Ar­beitsgemeinschaft statt. Sie wurde am 25. 3imi auf Einladung des Herrn Mniversitätsrektors vor den Mitgliedern des Lehr­körpers und Studierenden bei vollem Saal wiederholt und brachte dem Künstler reichen Beifall. Am 26. Juni erfolgte in engerem Kreise der psychologisch-äschcti'chrn Arbeitsgemeinschaft in Ham­burg im Beisein des Herrn L-ihlä eine vierstündige Aussprache statt in der einzelne Grundfragen behandelt wurden: Theo­retische und technische Elemeirte bedürfen bei Anerkennung des Grundprinzips noch des ArisbaueS. Doch wurde in bezug selbst auf das Technische von einen: Fachmann wie Herrn Intendant Sachse vom Hamburger Staatstheater betont, dah bereitsMn» rrhörtes" geleistet wurde.

Diese Aufnahme der ersten Vorführungen in engeren Kreisen legt es nahe, das Grundsätzliche der Farblichtmusi?' zu er­örtern. Rein äußerlich fällt es auf, dah von den ersten Ver­suchten an (Pater Eastel) die Idee des Farblichtklaviers nicht mehr verschwunden ist und dah sich über Scriabine bis zur Gegenwart in den verschiedensten Kreisen der Künstler, Ge­lehrten, Schriftsteller, Instrumentenbauer u. a. vielfach «nab» hängig voneinander analoge Ideen und Versuche finden. Das deutet auf innere Zusammenhänge in unserer Kulturentwicklung, wie schon die Wagnerische Idee des Gesamtkunstwerks als Schop- sung seiner Zeit anzusehen ist. Der fortschreitenden Differen- zierrmg aller Zweige des Geisteslebens und dem sich ent­wickelnden Spezialiste ntu : geht gemäß dem Grade ferner Aus­bildung überall die Neigung zu neuer Synthese parallel: doch eignet ihr im Gegensatz zu einer ursprünglich bestehenden un­differenzierten Einheit (Kunst Philosophie Rel gion) rn den Anfängen unserer Kultur der Charakter des organrsch Gebunde­nen. Oper, Musikdrama, Pantomime und Film haben bi8 heute dieses Ideal einer inneren Verschmelzung nur zum Terl zu verwirklichen gewußt. Der Versuch, Musik und Malerei inner­lich und in reinen, von der Erfahrungswelt abstrahierenden Formen zu verbinden, bedeutet also lediglich das konsequente Weiterschreiten in einer noch im Fluß befindlichen Entwicklung.

Psychologisch knüpft die Farblichtmusik an eine natürliche Erscheinung an, die man ehemals als pathologisch anzusehen ge­neigt war, heute aber wissenschaftlich eher als em Spezifikum mindestens einer Klasse geistig hochstehender Pionen anerkennen muh. Schon die Arbeiten des französischen Gelehrten Alfred Dinet über dasFarbenhören" (audition coloree ) vor gut zwanzig Jahren, ebenso meine eigenen Mntersuchungen an bisher rund 120 ausgeprägtenSynoptikern" sprechen in diesem Sinne Allerdings muh heute noch zugegeben werden, daß rmrerhalv dieser Gruppe von besonders veranlagten Personen mcht zwei Fälle zu finden sind, die sich bezüglich der Farbenerfchemungen beim Hören der Musik gleichen. Synoptiker mitabsolutem Ge­hör "verbinden in der Regel auch alle einzelnen Tone unserer musikalischen Skala mit bestimmten Farben, andere dagegen (so' auch Scriabine) nur die zwölf Tonarten. Bei anderen P^- sonen sind dagegen bestimmte Akkorde, Intervalle, harmonische Modulationen, die Klangfarben der Instrumente, der musika­lische Rhythmus, ja ganze Motive, Themen, Melodien, Linien und deren Erweiterungen, endlich sogar derStil" eines Kom­ponisten Anlaß für subjektive Farbengebilde. Bei manchen Leuten steht die besondere Farbqualität im Vordergründe, wobei sich wieder das Vorherrschen einer Gruppe oder des Bunt bzw. Mnbunt überhaupt finden läßt. Bei anderen überwl^t die Form, das Figurenhafte. Hier scheiden sich wieder die Gebilde in flächenhafte und räumliche, in bewegte, sich auflösende, und in relativ starre bzw. beim Hören Stück für Stück sich auf­bauende. Teils wieder lassen die Erscheiirungen bei näherer Ana­lyse unbemerkte Grkennungsmomente des Musikalischen hervor­treten, teils erscheint derGefühlseindruck" auch in den Bildern als vorherrschend. Daneben finden sich auch wesentliche Mnter» schiede in der Deutlichkeit der subjektiven Erscheinungen. Bald drängen sie sichzwangsmäßig" und beim ersten Hören un­mittelbar visuell auf, bald bilden sie sich erst beim Vertiefen! in die Musik langsam und weniger bestimmt heraus, bald end­lich haben sie nur einen leichten Anflug des visuell-Vorstellungs- mäßigen und können lediglich in Mmrissen beschrieben werden. Meberall herrscht Individualität, so weit, daß das subjektir^ Visuelle sogar als ein Abbild der einzelnen Persönlichkeit und ihrer charakteristischen Art, Musik zu hören und zu erleben, er­scheint. Trotz dieser vielen Variationen lassen sich Typen fest- stellen, deren Beschreibung und Erklärung Sache eingehender wissenschaftlicher Darstellung ist. Das alles spricht keineswegs dagegen, daß das in greifbarer Form nur selten hervortretende, latent aber in jedem Menschen schlummerndeFarbenhören' und Farberlebnis" zur psychologischen Basis einer neuen Kunst­gattung gemacht wird. Auch die Meisterwerke unserer Kompo­nisten sind Typen, auf die nicht jeder Mensch auf gleicher Werfe

abgestimmt ist, und ihr absoluter Wert wird auch erst dann richtig erfaßt, wenn man ihn durch die Relativität menschlich- typischer Aufsassungsweisen hindurch sucht.

Läßlü hat sich vom richtigen künstlerischen Instinkt leiten lassen, wenn er den alten SatzGin Ton oder eine Tonart gleich einer Farbe" aufgab und vielmehr einer Farbe viele Töne gegenüberstellte. Durchschnittlich ist beim Hörenden, wie sich wissenschaftlich nachweisen läßt, jene alte Parallelisierung der bei weitem seltenere Fall. Mnd wo er auftritt, ändern sich schon in unmittelbaren Eindruck (ohne Reflexion und Konstruktion) die sonst stabilen subjektiven Farben und Töne, je nachdem, in welchem harmonischen, melodischen, rhythmischen, dynamischen Zu­sammenhang sie stehen. Ob es dabei noch absolute und beständige Farbqualitäten aller einzelner Töne gibt, ist für dis Kunstpraxis zunächst belanglos. Wissenschaftlich ist es wahrscheinkich daß sie irgendwo tief im Bewußtsein stehen. Schwieriger dagegen ge­staltet sich die Frage, welche Tonverbindungen mit welchen Farben und mit welchen Formen zu verbinden sind. Auch hier kann die Forschung empirische Zusammenhänge feststellen, die heute schon hypothetisch im Abriß einer besonderen Lehre er­faßbar erscheinen. Aber die Eroberung von Neuland darf auch da mcht über Nacht erwartet werden. Die Geschichte der Musik zeigt uns ein beständiges Ineinanderarbeiten von praktischem Kunstschaften und theoretischer Forschung. Es wäre müßig, sich über die primäre Bedeutung eines dieser Elemente zu streiten. Künstlerischer Instinkt und Wissenschaft werden zusammen ar­beiten müssen, um mit ihren spezifischen Mitteln an der Ver­schmelzung zu einem neuen Kulturgut zu arbeiten.

. Mnter den grundsätzlichen Bedenken, welche gegen die Farb- lichtmusik vorzubringen sind, scheint nur ein einziger näheres Eingehen zu verdienen, obwohl auch er schon durch die Dühnen- kunst erledigt ist. Geraten nicht bei gleichzeitiger Darbietung! musikalischer und farblichtmäßiger Eindrücke zwei Hauptgebiete des Bewußtseins derart in Konkurrenz, dah weder auf der einen noch auf der andern Seite ein Kunsterlebnis zustande kommt. Hier sei in Kürze auf folgendes verwiesen: Man befrage die ehrlichen Vertreter einerabsoluten" Musik eingehend nach ihren Erlebnissen im Konzertsaal, und man wird erstaunt sein, wie der Prozentsatz der wirllichAbsoluten" zusammenschrumpft, entweder wirken schon Mmgebung, Orchester, Dirigent, Beleuchtung im Verein mit den Tönen als eine unbeabsichtigte und sehr wenig adäquateFarblichtmusik". Oder der Hörende wird selbst bei geschlossenen Augen und völliger Vertiefung außer von der Musik noch gar zu häufig von Erinnerungen, Phantasiebildern, Wünschen, Entschlüssen und dergleichen erfüllt, was alles der bargebotenen Kunst in keiner Weise entspricht. Könnte nicht der ernsthaste Versuch durchgeführt werden, die sich hier offen­barenden sekundären Funktionen des Bewußtseins auf an­gemessenere Inhalte abzuleiten, die dann, geeignet sind, nicht mehr störend, sondern unterstützend zu wirken? Dabei ist es wichtig, eines der beiden Momente, Musik ober Farbe, als das dominierende zu betonen und dem anderen auch in der äußeren Form eine deutlich sekundäre Rolle zuzuweisen. Außerdem ist darauf hinzuweisen, daß gerade in der Kunst erste Eindrücke nur selten maßgebend sind. Jeder Musikstil, der uns heute wertvoll ist, verlangte einmal Gewöhnung, Einpassung und Erziehung des ausnehmenden Subjektes. Gr konnte daher erst langsam die natürlichen Hemmungen überwinden, die sich aus Gewohnheit und Meberlieferung ergaben. Schließlich soll keine Kunst nivellieren. Es mag zu allen Zeitenabsolute" Musiker geben und es wird sie geben. Auch die Anlage hierfür steckt latent in jedem Menschen und aktualisiert sich nur in besonderen Fällen deutlich. Sie werden für sich und in ihrer Art genau so ihr Da­seinsrecht behalten, wie wahrhaft Begeisterte des klassischen, romantischen, des impressionistischen oder etwa desatonalen" Sttles, welche in diesen ein Kunstideal erblicken.

Der Ethiker und Wertphilosoph wird angesichts der Farb­lichtmusik noch Über empirische Ginzelfragen hinaus zu entscheiden suchen, ob diese neue Kunstgattung in sich Voraussetzurmen für eine innere Vervollkommnung und Verbesserung des Menschen bietet. Apriorisch wird sich auch hier nichts mit absoluter Ge­wißheit Voraussagen lassen. Doch gibt es Momente, die für das Prinzip sprechen. Auge und Ohr sind die beiden Hauptpforten des menschlichen Geistes. Sie sind es vor allem in der Kunst. Sehen Und Hören sind die beiden Hauptfunktionen, die dem Geist Kultur­güter der Menschheit übermitteln. Gelingt es, sie zu einer wirk­lichen inneren Verschmelzung zu bringen, so kann dadurch eine Stabilisierung und Vervollkommnung das ganzen Menschen auf dem Wege über das Krmstwerk erhofft werden.

Das sind kurz die Präliminarien, welche heute für die Farb­lichtmusik bestehen. Das Technische ist eine davon zu trennende! Sonderfrage. Man mag im einzelnen über die ProiMwn der farblichen Formen, über ihren Charakter ihre Stabilctat und Veränderlichkeit verschieden denken. Mngezählte Moglichkritsn der Ausgestaltung hat Laßlä selbst im Auge Das Prrnzch aE solchL verdient es, daß sich die gebildete Welt mit ,hm befaßt und an seiner Verfolgung mitarbeitet.