Gießener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925

Dienstag. Sen 24. November

Nummer 94

Das Leben draußen ist verrauschet.

Von Joseph Freiherr bon Eichendorfs.

Da« Leben draußen ist verrauschet, die Lichter löschen aus, schauernd mein Herz am Fenster lauschet Ml in die Rächt hinaus.

Da nun der laute Tag zerronnen mit seiner Rot und Lust, was hast du in dem Spiel gewonnen, was blieb der müden Brust?

Der Mond ist trostreich aufgogangen. da unterging die Welt, der Sterne heil'ge Bilder prangen so einsam hoch gestellt!

O Herr! Auf dunkelschwankem Meere fahr' ich im schwachen Boot, treu folgend deinem goldnen Heere zum ew'gen Morgenrot.

Bismarcks Gestalt.

Don Prof. Dr. Wilhelm Schußler').

Die Epoche von der französischen Revolution bis zum Aus­bruch des Weltkrieges erscheint dem rückblickenden Betrachter wie eine innere Einheit. Die europäische Welt ist noch nie so tief zerspalten, aber auch noch niemals durch die gleichen Pro­bleme so eng verbunden gewesen. Die drei führenden Kultur­völker unseres Erdteils, Engländer, Franzosen und Deutsche, haben jedes für sich dazu beigetragen, das Zeitalter des Absolu­tismus, des Merkantilismus und der Aufklärung zu überwinden. Die Engländer durch die sogenannteindustrielle" Revolution im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, durch welche Groß­britannien reißend schnell zum Industriestaat und zum Waren­lager der Welt wurde. Die Franzosen durch die politische Revo­lution, durch welche in Europa die Ideen der Ration und der Demokratie verbreitet wurden. Die Deutschen durch die klassische deutsche Kulturschöpfung und die Romantik, durch welche die Aufklärung geistig überwunden wurde, und gleichzeitig durch die militärische Revolution, wie man die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen nenne könnte. Kapitalismus, Rationa­lismus, Militarismus, olle auf der Grundlage des modernen, demokratisfierien Massendaseins, sind fast um die gleiche Zeit in den europäischen Boden gepflanzt, noch ungefährlich unbe­deutend, aber sich weiterbewegend auf der eingeschlagenen Bahn.

Don allen Dölkern der Welt hat im 19. Jahrhundert das deutsche die schwerste Aufgabe übernommen; es mutzte eine solche Fülle von Problemen gleichzeitig lösen, die andere glücklichere Völker nacheinander bewältigt haben, daß unser Vaterland dieser Aeb erfülle schließlich erlag. Das erste und wichtigste Problem, das gestellt war, hieß Schaffung des nationalen deutschen Staa­tes; und damit war aufs engste verbunden das zweite: die konstitutionelle Verfassung. Richt minder drängend war dann die groß« soziale Frage, das Problem, wie das junge, unfertige Reich, das mit furchtbarer Gewalt in die Weltwirtschaft, in die Industrialisierung, in den Hochkapitalismus hineingerissen wurde, die schweren Schäden so schnellen Wachsens überwinden, wie vor allen, die riesigen, immer zunehmenden Arbeitermassen in den neuen nationalen Staat aufgenoinmen werden und darin sozial und politisch ihre Befriedigung finden könnten. And nicht genug damit, auch die seit dem 16. Jahrhundert aufgeworfene kon­fessionelle Frage erhob sich int 19. Jahrhundert in neuer Schärfe: der katholisch« Klerus warf sich in den politischen Kampf, und es bildeteit sich katholisch-politische Parteien in dem gemischt» konfessionellen, überwiegend protestantischen preußisch-deutschen; Reiche.

Das Verhängnisvolle war, daß alle dies« Probleme so gut wie gleichzeitig auftauchten und infolge der furchtbaren Ver­wicklung deutscher Geschichte und deutschen Schicksals fast zur selben Zeit ihre Lösung verlangten. Aber die Problem« des nationalen Staates, der Verfassung, der Wirtschaft, der Gesell­schaft, der Konfession hätten nie solche katastrophale Wucht und

*) Aus der soeben erschienenen neuen Biographie des großen KanzlersBismarck", die viele fesselnde neue Aufschlüsse gibt. Verlag von Quells u. Meder in Leipzig. In Leinenband 6 Mk.

Gefahr gezeitigt, wenn sich nicht diese ganz« drängende Ent­wicklung auf dem Antergrunde einer großen und schweren Kultur­krisis abgespielt hätte. Die Lösung aller staatlichen und gesell­schaftlichen Probleme wurde notwendig in derselben Epoche, wo die große klassische deutsche Kulturschöpfung des Idealismus und der Romantik zerbrochen war, wo nach dem Ende der wahren Kultur dieZivilisation" einströmte und wo auf diesem kultu­rellen und geisttgen Trümmerfeld di« am Ende des 18. Jahr­hunderts gerade in Deutschland überwunden« Aufklärung erneuert wurde, wo alle alten Bindungen in Gesellschaft, Staat und Kirche zerbrachen und nun das Zeitalter der Raturwissen- fchaft und Technik, der Kirchenfeindfchaft, der nüchternsten Auf­klärung, des Materialismus, der Demokratie, des Geldes, der wachsenden Großstädte, der Industrie, der Prolietariermassen und »richt zum wenigsten des modernen Imperialismus und der Weltpolitik begannt in derselben Zeit, wo das nationale, das konstitutionell«, das soziale und das konfessionelle Problem sich für Deutschland erhoben und Antwort heischten.

Daß die Aeberfüll« von Aufgaben trotz der schweren Kultur­krisis zum Teil wenigstens gelöst wurde, zum anderen Teil er­kannt und ihre Lösung wenigstens in Angriff genommen wurde, ist das Verdienst des größten staatsmännischen Genius, den das deutsche Voll hervorgebracht hat: Bismarcks.

Er steht, wenn wir die zwölf Jahrzehnte von der Franzö­sischen Revolutton bis zum Weltkrieg überschauen, in jeder Be­ziehung in der Mitte. Anberührt von der Aufklärung, auf dem zeitlosen Grunde der Religion stehend, löst er vom Boden des altpreutzischen Machtstaates auf las nationalstaatliche Problem und macht das deutsche Doll auf diese Weife fähig, di« Stufe des imperialistischen Weltstaates wenigstens eine Zeitlang zu et« klimmen. Als Anhänger der organischen, der der Aufklärung so feindlichen Staatsauffassung, findet er für das konstitutionell« Problem die Lösung durch ein Kompromiß zwischen Absolutis­mus und Demokratie im Sinne des Eigenrechtes der Krone und der Gemeinschaft vieler, statt der Gleichheit aller. Rach außen- hin sichert er fein Werk durch eine großartig« Politik, die auch hier durch das Maßhalten im eigentlichsten Sinn« ausgezeichnet ist; er will di« Feinde nicht vernichten, sondern erhalten und gewinnen; et ist gleichsam der letzte Europäer. Die soziale Frage hat er als erster Staatsmann erkannt und den titanischen Ver­such unternommen, den vierten Stand für den Staat und sein« Macht zu gewinnen; er steht hier auf der Grenzscheide zwischen einem überwiegend individualistisch und einem sozialistisch ge­färbten Zeitalter. Er hat die konfessionell« Frage von neuem gestellt und durch seinen Kampf beiden, der Kirche und dem Staate, neue Grenzen gezogen.

Dieses Bestimmen und Anerkennen der Grenze in deut Fragen der Ration, der Verfassung, der Wirtschaft, der Gesellschaft, der Kirche und der europäischen Machtpolittk, dies« faustische Beschränkung einer großen faustischen Seele, das ist unserem Ge­schlecht, das keinsowohl als auch" mehr anerkennt, welches das hemmungslose Ausrafen aller Kräfte in Weltkrieg und Welt» revolutton gesehen hat und das überall di« letzten Folgerungen zieht, ein erschütterndes Bild, eine große heroische Lehre. Denn dieses Maßhalten und Grenzefehen ist nicht Schwäch«, sondern Stärke! Aber wer von seinen Zeitgenossen und Nachfahren hat Bismarck verstanden? Wir wissen jetzt aus den eigenen furcht­baren Erlebnissen, daß der Reichsgründer eigentlich immer der mißverstandene Bismarck" blieb, daß er selbst an sich di« furcht- har« Einsamkeit des Genies hat erfahren müssen, die fein großer Zeitgenosse in ZarathustrasRachtlied" fo erschütternd besang. Weil ihn keiner verstand und deshalb keiner verteidigte, ist sein Werk wenigstens in wichtigen Stücken zerbrochen. Aber vielleicht ist das gerade das eigenllich Anvergetzliche bei Bis­marks Bild, daß wir sehen, wie er gleichsam in einem transi­torischen Moment gewnckt und gebildet hat, datz sein Werk fo wenig wie fein Leben dauern konnte. Aber gerade dadurch scheint es uns geweiht für alle kommenden Zeiten und ist auS der Sphäre des Bedingten fast in die des Anbedingten und Ewigen gerückt, wie alles Große und Echte unb Anvergängliche.

Grundsätzliches zur Farblichtmufik.

Don Professor Dr. Georg Anschütz, Universität Hantburg.

Alexander Laßlo, der in München lebende ungarische Pianist und Komponist, hat durch die Schaffung seiner Verbindung von Farbe und Ton, von Musik und Malerei einen Schritt getan, der «ine neue Kunstgattung zu begründen vermag. Selten ist