— 376
Tränen. Und Semmes-Mahte, foie gefällt lohnen Semmes- Mahtc?"
»Ditte, wer?"
„Dun, die Landesmutter. Was ein echter Kurländer ist, sagt wie jeoer lettische Vchweinejunge bei uns oben Semmes- Mahte Dicht wahr, das klingt hübsch?" — „Als ob man über Sammet hinstreichelt."
„Hören Die, ist das ein Weib! Alle Weiber in der Weltgeschichte haben nur auf Semmes-Mahte vorbereitet. Was die Frau an Harmonie leistet, unglaublich Antipoden leimt sie zusammen. Sie hat es fertiggebracht, für Dapoleon zu schwärmen, Josephine in Malmaison zu besuchen und die beste Freundin der Königin Luise zu sein. Meine Bärennatur ist einfach matsch vor ihr, sie sperrt mich in ihr Dadelbüchschen hinein. — Sind Sie J'j,ger?" fragte er abspringend, als schämte er sich seiner Schwäche
Jean Paul lächelte vor sich hin: „Ich habe einmal auf eine Krähe gezielt und eine Schwalbe getroffen. Seitdem schieße ich nicht mehr."
„Hm," machte der Graf und zog eine kurze Pfeife heraus. „Raucher?"
„Auch das nicht."
„Hm, hm, ich aber bin so frei. Ja: was haben Sie beim für eine Passion?"
Zutraulich legte der Dichter seine dicken Hände auf die Knie seines Gegenüber: „Meine Passion sind Menschen, lieber Graf, zum Beispiel Sie und andere mehr."
„Und deshalb sind Sie hier? Aufrichtig, in Heidelberg ist's interessanter. Da karessiert man die Weiber und zahnstochert auf der Mensur, hier langweile ich mich. Geben Sie mir was zu tun, Väterchen. Wie sagt doch Schiller? Dreiundzwanzig Jahre, und nichts für die Unsterblichkeit getan. Ganz mein Fall, mir einige Monate Unterschied. Sie haben schon so viel für die Unsterblichkeit getan, lassen Sie mir den Rest."
„Lind Sie wollten, wollten wirklich?" Jean Paul sah ihn forschend an. Dein, das war kein Spielverderber, der schien zu denen zu gehören, die bei gutmütigen Teufeleien für einen Freund auch zweimal zwei ungerade sein lassen. Er bedachte sich einen Augenblick und blieb nach einem kurzen Gang durchs Zimmer, die Hände auf dem Rücken, vor dem Grafen stehen.
„Was halten Sie von Baron Steinberg?"
„Schaf", sagte Vetter Peter und qualmte zum Fenster hinaus.
„Wie, Sie, sein Konunilitone..."
„Kommilitone hin, Kommilitone her. Was geht nicht alles in den Höllenbreughel Universität hinein! In Heidelberg sah ich den Flanelljungen — nun, sagen wir, mit dem Rücken an. In den Ferien nimmt man's nicht so genau. Kommt das Kerlchen da an, ausges>olstert von mütterlicher Zärtlichkeit, und Frau Mama hinterdrein, seine Reinheit zu überwachen. Zum Teufel, reine Studenten mit Engelsflügeln sind langweilig wie Milch-- suppe, worauf die Haut schwimmt. Zum Henker mit der Reinheit! Das Ewig-Männliche muh schmutzig werden, um sich waschen zu können. Und da macht Cousine Wilhelmine noch süß« Augen, anstatt dem Jungen auf die Hühneraugen zu treten, will ihm gar die kleine Rita verkuppeln."
Jean Paul horchte hoch auf.
„Und Sie wollen nicht, Herr Graf?"
„Dein, das weih Gott. Ich habe nämlich sehr viel Talent zum Pflegevater für junge Damen. Uchsasa, wie wollte ich die Pusselchen herandrillen! Wit der Rothaarigen fange ich an. Für den Durlak ist sie zu schade."
„Burlak? Wohl wieder ein iniportiertes Wort?"
„Jawohl, aber nicht so weich wie Sanimet."
„Lieber Graf!" Mit verliebten Augen sah Jean Paul auf den lustigen Kumpan. „Sie sind mein Mann, schlagen Sie ein. Im Vertrauen, die Rothaarige ist für einen andern, den ich durch einen reitenden Beten holen lasse." Und nun erzählte er die Geschichte van den Briefen und seinem Plan. Aufmerksam hörte der Graf ihn an:
„Sakra, das nehmen Sie wohl aus Ihren Romanen? Aber ich bin dabei, wenn ich Eousinchen Wilhelmine etwas auf di« Schleppe treten kann. Gefalle ich Ihnen so?"
„Das will ich meinen. Sie sind ja rechtschaffen wie das Kammerkollegium und Konsistorium zusammen. Wenn Sie den Himmel gekauft hätten, ich glaube. Sie schenkten ihn ihren Freun- den und wohnten selbst nur als Mietsmann darin."
Vetter Peter grinste geschmeichelt: „Ob St. Peter mit dem Damensvetter so zufrieden wäre wie Sie? Ihr Plan aber ist einfach gottvoll, der mutz überschlafen werden. Jetzt gefällt mir's in Löbichau. Auch Ihnen, was?"
„Ausnehmend. Dur, wissen Sie, der Pansch könnte..."
„Ihnen gestohlen werden. Ich hörte davon, haha. Dun, bereiten wir einen Pansch wonach man sich die Finger lecken soll. Wann befehlen Sie die Hochzeit? Ich komme mit einem Dudel- sack. Don morgen an sollen sich alle frommen Seelen in acht nehmen vor uns. Es lebe..."
Hier brach er ab. Er hatte die Türklinke aufgedrückt und seinem neuen Kameraden die Hand geschüttelt. Jetzt besann er sich, zog die Stulpstiefel aus und schlich auf Strümpfen den Korridor hinunter. „Semmel-Mathe schläft", rief er zurück, so leise es ihm eben seine Stimmbänder gestatteten.
IV.
„Bruder meines Herzens, kaum ist mein erster Brief bet Ihnen, so zimmere ich schon an einem zweiten. Ich schreibe wieder: kommen Sie. Sie hausieren nach einer Frau, hier gibt's einen Ameisenhaufen von Frauenzimmerfeelen. Werden Sie so glücklich, als Sie glücklich machen. Aber kommen Sie als Troubadour, Sänger und Kämpe zugleich. Ich blase schon aus vollen Backen den ©tau6 von Ihrem Lebenswege. Ja, ich wünschte mir jetzt die Brille der Frau Vesperpredigerin vom Schwarzenbach, um die kleinen Kabalen zu durchschauen, die niedliche Frauenfinger knüpfen. Graf Peter meint. Sie könnten unterwegs die Liebhaberrolle in Müllners „Blitz" lernen. Schauspielern mutz man hier. Leben Sie recht wohl und recht unter einem freien Himmel.
Der tolle fröhliche I. P."
Und er kam und Jean Paul rieb sich neidlos die Hände, als er sich über dem schönen "Singer vergessen sah. Die Damen schwärmten wieder und man sah wohl die eine oder andere frühmorgens unter einer Trauerweide dick unterstrichene Stellen aus Tiedges „Urania" lesen. Sie erzählten Rita von den großen dunklen Augen mit langen Wimpern, der fein gebogenen Dase, sie priesen fein lichtbraunes Haar, die schlanke Gestalt, die weih« Hautfarbe. Dora behauptete, sein Vollbart erinnere an einen Tizian im Zimmer der Mama. Als ob Rita das nicht schon wußte. Aber sie achtete nicht darauf, sie ging umher vergnügt wie ein Kind, das in den Wald gelaufen ist, den Frühling zu suchen. Hat es auch die Richtung verfehlt, es ahnt doch schon die Dachtigallen und Schneeglöckchen. Dur wenn Jean Pauls Blick sie suchte, wich sie aus. Sie vermied es, ihn allein zu treffen und war dem jungen Doktor im stillen dankbar, wenn er wie zufällig zu ihnen trat.
Auch über den andern Löbichauern lagerte es wie Frühlingsstimmung, die nicht weiß, ob es morgen Sonnenschein oder Landregen geben wird, und doch den Humor darüber nicht verliert. Man fing an, sich unauffällig in Parteien zu sondern. Man- heineke gab vor, an der Offenbarung Johannis', Feuerbach an einer neuen Ausgabe des „Ulpian" zu arbeiten, und beide hatten doch nur den einen Gedanken: wo finden wir das Gegengewicht? Die Chassepot hatte sich erbitten lassen und war geblieben trotz schweren Standes, weil die Jugend von Löbichau immer neue Zickzacklinien durch ihre steifen Anstandskonstruktionen zog. Unbefangen erschienen nur Dora und Detter Peter, die sich fünfmal täglich ineinander verliebten und ebenso oft als Todfeind» auseinandergingen. Und doch hatte er Jean Paul zugeschworen, ohne die lleine Kröte gehe es nicht, sie müsse den Pansch kneten helfen.
Wilhelmine — verteilte Rollen, die für Müllners Dlitz und Körners Dachtwachter offen und fröhlich, andere heimlich, wenn ihr listiger Blick Jean Paul zu fragen schien: was hast du dir gedacht, als du den Datz nach Löbichau riefst? Der hatte sich ihr nämlich gleich am ersten Abend mit seinem Wartburgliede ins Herz gesungen. Sie empfand den Zauber dieser ernsten Männlichkeit voll wid ganz. Sie ritt mit ihm aus, sie schälte ihm die Orange beim Dessert, sie hatte bravo gerufen, als er de« noch etwas mißtrauischen Herzogin auseinandergefetzt, wie das Streben der akademischen Äugend, fern von Polittk, durchaus edel und lauter gewesen, wie nur servile Kriecherei den jugendlichen Schwank auf der Wartburg zum Staatsverbrechen stempeln konnte.
Ja, was hatte Jean Paul vor? Warum hatte er die Roll« des Dachtwächters Feuerbach zugeschoben, ahnte er Wilhelininens Plan? Sie hatte ihn doch so fein eingefädelt, hatte zuerst selbst spielen wollen und sich die Roll« in Müllners Dlitz von Rita überhören lassen, um erst zuletzt ihr dieselbe wie eine höhere Gnade abzutreten. Wozu aber sich den Kopf zerbrechen! Mag Jean Paul den Proben beiwohnen, die Regie wird sie nicht abtreten. Zwar ist Daron Otto seit der mißglückten Serenade phlegmatischer denn je, aber das Sviel soll ihn schon aufrütteln. Dach drei Tagen beginnen die Proben im kleinen Rokokotheater. Wilhelmine freut sich ordentlich darauf. An dieser Frau ist alles wie prickelnder Champagner, ihre Gedanken kommen wie Schaum- perlen an die Oberfläche; man verzeiht ihr gern, daß es nicht echte Perlen sind.
(Fortsetzung folgt.)
Schriftieitung: Dr. Friede. Wiih. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Giebel


