Ausgabe 
24.3.1925
 
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sich die Enns in öle Donau. Bor uns steigt Schloß Wallsee auf: wieder sind die Berge an den Strom herangetreten. Immer näher rücken sie heran und formen Täler wildromantischer Schönheit. Tückische Strudel haben bei Grein manchen Schisser in die Tiefe gerissen. Die Len Lauf immer enger umarmenden Felsenmauern verursachen gefährliche Schwade, um so mehr, als hier die Donau eine jähe Biegung bildet. Doch unversehrt sind wir darüber hinweggeglitten. Und nun führen uns unsere Boote in eine Gegend, deren Schönheit uns für immer unvergeßlich sein wird. Bei dem Babenstein taucht die Insel Worth auf, em Platz, umrankt von Geschichte und Sage. Ommer mächtiger braust und donnert der Strom durch die Felsen. Wir sind am Donau- Struden. Seht schmiegt sich ein Kranz von Dörfern, von Gehöften und Ruinen an das Ufer. Wir erblicken St- Aitola, ©arnung» stein, ein altes verfallenes Schloß, dessen Gemäuer hinter dunk­lem Waldesgriin hervorlugt. Links steht Persenbeug, das auf die uralte Stadt Bobs, das römische Pons Ssidls, am rechten Ufer herüberwinkt. Pöchlarn nähert sich. Wem kommt hier nicht die Erinnerung an Rüdiger von Dechlaern? Wett reichen die Uranfänge des Ortes zurück. . _ . _

Nachdem wir Weitenegg, eine der mächtigsten Rumen oes ganzen Tales, passiert hatten, grüßt uns schon «us Wetter Fenw auf hohem Granitfelsen das alte, ehrwürdige Stift Melk, daS Medelike der Rtbelungen, die Eingangspforte zur herrlichen Wachau. Malerisch steht vor uns Schloß Schvnbrchl und weiter abwärts das Servitenklvster. Auf steiler Höhe äugt hinter dunk­lem Waldesgrün eine alte Ruine hervor: Aggstein. Ein Kueringer bildete hier vor Sahrhunderten den Schrecken seiner Umgebung bei Schmallenbach baut sich längs des

Stromes die sogenannte Teufelsmauer auf, von der der Dvlks- mund gruselige Dinge zu erzählen weiß. Zu weit würde es führen, all die vielen sich durch landschaftliche Reize, durch Ge­schichte und Sage ausgezeichneten Orte einzeln zu nennen. Aber eine Burg darf nicht unerwähnt bleiben, Dürnstein, das auf steil abschietzendem Felsengestein herabgrüßt. Wieder tauchen Erinnerungen auf: Richard Löwenherz-Blondel. Das Brausen des Stromes, die jäh abfallenden Felsen, das Grün der Wälder verschmilzt sich hier zu einem einzigartigen Bilde.

' Hat uns Melk den Anfang dieser unvergleichlichen Gegend bezeichnet, so scheint hier Dürnstein den Höhepunkt der Wachau zu bedeuten. . , ,

Ganz allmählich beginnen sich die Ufer wieder zu r^rflachen. Rechts liegt das Mutaren der Rtbelungen, das heutige Mautern, gegenüber das breit dahingelagerte Stein. Krems ist bald hinter uns. Bei Zwentendorf schlagen wir unser Zelt auf. Tags darauf landen wir bei Nußdorf. Wir sind in Wien, die erste Etappe

liegt hinter uns.

Durch Ungarn.

Wenns nicht drei Stunden ansteh'n woll'n, dann gebens mir Ihre Päss'. Sch besorg' Shnen das Visum."

Wir standen vor dem ungarischen Konsulat in Wien. Und der Dienstmann, der sich unser so liebenswürdig annahm, stand davor. ,

Was verlangens denn hiefür?

Oh, nur mei übliche Gebühr."

Nun, das konnte unserer Meinung nach nicht so schlimm sein. Mr den Nachmittag hatte uns der biedere Mann in ein nahes Cafü bestellt, um uns dort unsere Papiere wieder aus­zuhändigen. Sch hatte mir zuvor seine Dienstmarke geben lassen. Wir gingen also zur verabredeten Zeit in das Ccrfb und fanden erst nach einigem Suchen den Herrn Dienstmann beimSchwar­zen" sitzen mit einer dicken Zigarre in den Fingern. Beinahe hätten wir ihn nicht mehr erkannt. Ein Gentleman stand vor uns.

Aha, Sie wollen Ähre Pässe haben! Sa, ganz richtig. Geben Sie mir zuvor 160000 Kronen."

Wie, nochmals? Wir haben Shnen doch heute vormittag die Visagebühren mit je 100000 Kronen bereits übergeben."

Sa, das stimmt schon, die Visagebühren, aber meine Gebühren!"

Was, Ihre Gebühren 160000 Kronen!?"

Jawohl! Was glauben Sie denn, wieviel Leut' ich hab da oben am Konsulat anstellen müssen, die einander ablösen und die alle zahlt werd'n woll'n!"

Wenn jemand uns in diesem Augenblicke photographiert hätte, dann hätte er Gelegenheit gehabt, die dümmsten Gesichter, die je geschnitten wurden, auf die Platte zu bringen. Was half's, wir mußten weiter und die Papiere wollten wir doch haben. Sch handelte wenigstens auf 100 000 KronenGebühr" herunter.

Am frühen Morgen stiegen wir wieder in unsere Boote und hatten bald die Dienstmanngebühr verschmerzt. Es hieß tüchtig achtgeben, um. nicht unter die zahlreichen Dampfer uns Schlepper zu geraten. Bisher war ja alles gut gegangen. Die Boote hatten sich tapfer gehalten. Nicht die geringste Beschä­digung hatten sie erlitten. Die Gegend bot nunmehr keine beson­deren landschaftlichen Reize, wenigstens hätte sie keinen Ver­gleich mit der Wachau aushalten können. Auen, Wiesen, links Weiden, rechts Weiden. Steif standen Fischreiher an den Usern,

ein

auf KieEnken, an de« vielen Inseln, unbeweglich tote au» Holz geschnitzt. Der Strom zeigte viele Verzweigungen, Arme und Verästelungen, so daß Vorsicht am Platze war.

Nachmittags fuhren wir an Preßburg vorüber. Gin Motor­boot kam uns nachgejagt. Ach so, die Kontrolle! DieFriedens­verträge" und die neuen Grenzen. Ueber uns zog ein Flieger, Richtung Budapest. Wir schwimmen bei Asvanh mitten im Strom. Ein lautesHalloh!" von rechts. Auf einer Insel steht

Mann in Pfadfinderausrüstung. Wir fuhren darauf zu.

Seid Ihr Deutsche?" tönt es uns entgegen.

Jawohl, was gibts?"

Kommt näher!" Wir landen am Ufer.

Welche politische Einstellung habt Ihr? u

Hm, gar keine, wir kümmern uns nicht um Politik. Kennt Ihr das?" Ein Hakenkreuz blitzt un» entgegen. Ja, was soll damit?" _

Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle. Mein Name ist Oberleutnant.... Ich bin Ihnen, wenigstens dem Namen nach, sicherlich bekannt, wenn Sie sich an den letzten Hitler- Putsch erinnern."

Na. wie kommen Sie denn hierher?"

Ich bin auf der Flucht. Auf einer Zille bin ich von Uttn her die Donau herabgefchwommen, ohne Paß, ohne Ausweis. In Komorn haben sie mich sechs Tage zurückgehalten, mußten mich aber wieder frei lassen. Nun bin ich mit meinem Boot hier gestrandet. Dort steckt es, mitten im Strudel."

Was blieb übrig, wir konnten den Mann hier nicht sitzen lassen. Wir waren mitten in einem Gewirr von Inseln, Sümpfen, weit und breit keine Ortschaft. Also zu uns herein ins Boot.

Nun zogen wir zu driti dahin. Hatten wir schon zuvor Grund, den Aussagen unseres neuen Begleiters zu mißtrauen wer hätte die Unvorsichtigkeit begangen, In solcher Situation feinen Namen zu nennen so wurde es uns in weiteren Ge­sprächen bald klar, daß er uns anlog. . Trotzdem wollen wir ihn zu seinem nächsten Reiseziel, Budapest, bringen.

Die Sonne stach, die Strömung war flau. Es hieß tüchtig arbeiten, um vorwärts zu kommen. Mein Freund hatte den HerrnOberleutnant" im Doot. Bei mir war das gesamte Gepäck verstaut. Wir waren ungefähr drei Stunden gepaddelt, als ich mitten im Strome einen dunklen Punkt erblickte. Ich steuere darauf zu. Einige Haarbüschel ragten aus dem Wasser. Ein Leichnam? Meine Gefährten, die ich nun anrief, kamen ebenfalls herbei. Unsere Paddel stießen auf einen Körper. Langsam kam er an die Oberfläche. Ein Weib im Badeanzug. Allmählich trieben wir die Tote an das Ufer hin und zogen sie auf eine Sandbank. Die Augen waren offen, die Geslchts- züge verschwommen, allem Anschein nach eine Slavin. Nirgends ein Dors. Was half alle Sentimentalität. Wir mußten weiter, In Gönyü, wo wir wegen plötzlich auftretender Gewitter eine Notlandung vornehmen mußten, setzten wir den Herrn Oberleutnant" an Land. Später trafen wir ihn nochmals in Budapest und verloren ihn dann ganz aus den Augen. Sn Konstantinopel erfuhren wir, daß wir es mit einem Schwindler zu tun gehabt hatten, denn die Beschreibung stimmte so gar nicht mit der Person des von diesem angegebenen Namens überein.

Sn Budapest.

Eine strahlende Augustsonne lag über der Stadt. Wir standen oben auf der sog. Fischerbastei. Weit hinaus schweifte der Blick. Glitt bis über Neupest hinaus und verlor sich in dunstigen Fernen.

Unter uns spannten sich die herrlichen Brücken übet den Strom. Sie trugen ein Gewimmel von Menschen und Fuhr­werken. Mel Landvolk war hereingeströmt. Wir waren am Vorabend des größten ungarischen Feiertags, dem St. Stefan»» tag, in der ungarischen Hauptstadt angekommen.

Ein Beispiel für die ungarische Gastfreundschaft war unsere Aufnahme im Mueghelemi Evezös Club, dem Ruderclub der Technischen Hochschule. Mancher deutsche Verein könnte sich daran ein Beispiel nehmen. Wir dachten hier an das Ver­halten eines bayerischen Vereins an der Grenze gegenüber zwei norddeutschen Wander Paddlern, die dort abgewiesen wur­den, als sie um Aufnahme int Bootshaufe nachsuchten. Sie waren gezwungen, bei Dunkelheit weiterzufahren. Der eine da­von geriet unter einen Schlepper und fand dabei den Tod.

Wir standen also oben auf der Fischerbastei. Die Feierlich­keiten begannen morgens mit einer Prozession der Heiligen Rechten. Massen drängten sich auf dem Weg zur Matthias- Ktönungskirche. Hier mußte der Zug vorüber. An der Spitze ritt ungarische Polizei in prächtigen Uniformen. Auf rassigen Tieren. Es folgten verschiedene Vereinigungen, Schulen, De­putationen, eine Ehrenkompagnie, Musikkapellen. Sonnenstrah­len umspielten den heiligen Schrein, in dem die heilige Rechte, die unverdorrte Hand Stefans des Heiligen ruhte. Ihn flan­kierten in malerischer Tracht die Kronwache und Leibgarde, nebenher schritten Mitglieder der weltlichen und Ordensgeist­lichkeit. Es kamen der Reichsverweser, die Erzherzoge, Würden­träger, Spitzen der Zivil- und Militärbehörden, die Abgesandten der Komitate. (Fortsetzung folgt.)

Schristleitvng: D-. Friede. Wilh. Lana«. Druck und Verlag der Vrühi'lchen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«.