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Stttchdm« vor sich hatte; X-Strahlen nannte er sie, wir nennen sie heute mit Stotz Röntgenstrahlen.
ES W schwer, eine Vorstellung von der ungeheuren Begeiste-- rung zu geben, mit der diese Entdeckung ausgenommen wurde. Man muh das mit erlebt haben, und wer es erlebt Hal, für den gehört es zu den eindrucksvollsten Erinnerungen seines Lebens. Natürlich entsprang dieses allgemeine, man möchte fast sagen, atemlose Interesse, mit dem das Publikum im weitesten Sinne den Nachrichten über diese Entdeckung folgte, ihrer autzerordent- lichen praktischen Bedeutung, ihrer verblüffenden Anwendung in der Medizin. Wo in jenen Tagen ein Physiker das Glück hatte, mit den Apparaten, die er besah, die Röntgenschen Versuche mit Erfolg nachmachen zu können, da füllt sich sein Laboratorium mit Patienten, die nach dem neuen, unfahbaren Verfahren „durchleuchtet" werden wollten. Sn den ersten Wochen beschränkte sich diese Möglichkeit auf die Extremitäten und die Zähne. Dann lernte man die Wirkungen steigern und mit Staunen und Entzücken sah man zuni ersten Male auf dem Röntgenschirme zwischen den Hel! durchleuchteten Lungen den dunklen Schatten des pulsierenden Herzens. Ein gewaltiger Aufschwung der Industrie, die sich mit dem Dau von Snduktorien beschäftigt, war die Folge der Entdeckung. Sn allen Ländern entstanden Siemen, die Sn» duktorien von nie gekannten Abmessungen bauten, die Röntgenröhren, Röntgenschirme anfertigten, um dem Bedürfnis der Aerzte, der Kliniken und Krankenhäuser zu genügen, und mit den Apparaten und ihrer Anwendung wanderte der Name des Entdeckers über die ganze Erde.
Es hat nicht an solchen gefehlt, die Röntgen diesen Ruhm geneidet haben, die versucht haben, sein Verdienst zu schmälern durch die etwas spöttisch hingeworfene Bemerkung, er habe seine Entdeckung ja doch nur einem Zufall zu verdanken. Sa, meine Damen und Herren! Konnte diese Entdeckung denn anders als durch einen Zufall gemacht werden? Man kann doch nicht nach etwas suchen, von dem man schlechterdings nichts weih. Ohne Frage haben manche Physiker, die sich damals mit Kathoden- strahlen beschäftigten, in ihren Apparaten auch Röntgenstrahlen erzeugt, ohne etwas davon zu merken. Ob sie alle aus einer zufälligen Wahrnehmung, wenn sie sie gemacht hätten, die gleiche folgenreiche Entdeckung zu entwickeln verstanden hätten, wie es Röntgen getan hat, das müssen wir dahingestellt sein lassen. Das eine aber steht fest: Der Zufall allein hat die Gntdeckubg nicht zustande gebracht, sondern es gehörte unter allen älmständen dazu der schade Blick des gewiegten Forschers, der das llnge» lvöhnliche der Erscheinung sofort erkannte, und der geschulte Wille, der jeder neuen Wahrnehmung auf den Grund geht, Lind darin liegt das große, unsterbliche Verdienst Röntgens, das ihm keine Mißgunst der Welt jemals streitig machen kann. ~Sn den drei kleinen Abhandlungen, die Röntgen über seine Strahlen veröffentlicht hat, sind deren Eigenschaften und Wirkungen nicht bloß in mustergültiger, sondern vor allem auch in so erschöpfender Weise beschrieben und klargestellt worden, daß anderthalb Sahr- zehnte lang keiner der zahllosen Forscher, die sich aus dem neu erschlossenen Gebiete betätigten, diesen Röntgen scheu Feststellungen etwas wesentlich Neues hinzufügen konnte. Erst Laues genialer Gedanke, die Welbennatur der Röntgenstrahlen mit Hilfe der Gitterstruktur der Kristalle nachzuweisen, eröffnete der Röntgenstrahlenforschung ganz neue Wege und erschloß ihrer Anwendung, die bisher hauptsächlich der Medizin zugute gekommen war, ein zweites unabsehbares Gebiet, die Erforschung der Feinstruktur der Materie.
R ö n t g e n ist Das Glück beschieden gewesen, diese großartige Entwicklung fruchtbarster Forschungsmethoden, die durch seine Entdeckung ausgelöst wurde, 27 Sahre lang bis zu seinem am 10. Februar dieses Sahres erfolgten Tode in voller Frische und kegster Anteilnahme miterleben zu können. Mehrere Arbeiten Iber Eigenschaften der Röntgenstrahlen sind von seinen Schülern bei ihm ausgeführt worden, und einige unserer tüchtigsten Forscher auf diesem Gebiete sind Lus seinem Snstitute hervorge- zangen. Aber er selbst hat tätigen Anteil an dieser Entwicklung nicht genommen. Er überließ es anderen, das auszubauen, wozu er ben Grund gelegt hatte. Diese Art von Arbeiten lag offenbar nicht in der Richtung seiner wissenschaftlichen Neigungen. Es entstand damals, nach der Entdeckung der Strahlen, zunächst eine längere Pause in seinen Veröffentlichungen, die z. T. bedingt war durch seine Ülebersiedlung nach München, wohin er 1900 als Nachfolger Lommels berufen wurde. Dann aber kehrte er zurück zu jener Art von Studien, in denen seine Forschernatur ihre besondere Befriedigung sand, zu äußerst sorgfältigen, subtilen Messungen — über die 'Därmeausdehnung des Euprit und des Diamanten, über Piero- und Piezoelektrizität, über die Elektrizitätsleitung in Kristallen, über die er in den letzten Safjren noch lange Abhandlungen veröffentlicht hat. Das charakterisiert den Mann und fein Leben. Ich habe Ihnen von dem Ruhm gesprochen, den ihm feine Entdeckung eingetragen hat. Sch könnte Shnen von all den Ehrungen und höchsten Auszeichnungen erzählen, die ihm zuteil geworden sind. Aber Sie würden sich ein ganz falsches Bild von ihm machen, wenn Sie ihn sich nun als den großen Mann, als den von aller Welt umschwärmten und (iefeierten, großen Gelehrten vorstellen wollten. Nichts lag ihm einer, als eine solche Rolle spielen zu wollen. Shm war diese
Berühmtheit wohl mehr eine Last als eine Freude, und keiner hat es so wie er verstanden, jeder Gelegenheit, gefeiert zu werden, auf das sorgfältigste aus dem Wege zu gehen. Llmsonst lud ihn im Sahre 1896, als die Welt voll war von seinem Namen, die Dunsengesellschaft zu ihrer Stuttgarter Tagung ein; umsonst haben wir in Frankfurt uns damals bemüht, ihn als Redner für die große Naturforscher-Versammlung jenes Sahres zu gewinnen. Er sagte alles ab. Sch glaube, er hat niemals einen! öffentlichen Vortrag über seine Strahlen gehalten, auch nicht in Stockholm, als im Sahre 1901 bei der erstmaligen Verteilung der Nobelpreise ihm als Ersten der Nobelpreis für Physik zu- erkannt wurde. Er hat ihn persönlich in Empfang genommen, aber er hat keine Nobelvorlesung gehalten, wie es die anderen Preisträger, Behring und van't Hoff, taten, sondern hat sich damit begnügt, auf dem Bankett, das dem feierlichen Akte folgt, in kurzen Worten feinen Dank für die Ehrung auszusprechen mit der Versicherung, daß sie ihm nur als Ansporn dienen werde, selbstlos in seiner Wissenschaft weiter zu arbeiten und sich zu bestreben, die Menschheit Nutzen daraus ziehen zu lassen.
Nach diesen Worten hat er gelebt: Ein stilles Gelehrtenleben, geteilt zwischen der emsigen Arbeit im Laboratorium und der Erholung, die er stets in der freien Natur suchte und sand, auf der Sagd, in seinem Landhause am Fuß der Bayerischen Alpen, in den Ferien auf Reisen nach dem schönen Süden, in den Osterferien nach der Riviera, in den Herbstferien nach dem Engadin. Seine Entdeckung hat er der Menschheit geschenkt, ohne zu fragen, was sie ihm hätte einbringen können, mit jener Selbstverständlichkeit, wie sie nur dem echten Gelehrten eigen ist, der seine Wissenschaft um ihrer selbst willen pflegt und' nicht um des Verdienstes willen. Aber der Glanz, den seine Entdeckung auf sein Leben und in seine stille Gelehrtenstube geworfen hat, er leuchtete, wie sein Schüler Friedrich in seiner Gedächtnisrede sagt, doch auch zuweilen aus seinen Augen als ein stiller Glücksschein. So verschlossen er den Menschen gegenüber war, dem stolzen Bewußtsein, ein Wohltäter der Menschheit geworden zu fein, hat sich doch auch sein Herz wohl nicht ganz verschließen formen. Linser Stolz aber ist es in dieser Stunde, daß er einst der ilnfre war.
Die Geburt der Viertelstunde.
Von Fedor v. Zobeltitz.
Zeit ist Geld, Zeitraffung der Schrei des Tages. Was wir „Amerikanismus" im Gegensatz zu stundenverschwendender Romantik nennen, ist keineswegs ein Geschenk der Neuen Welt, sondern viel, viel älteren Datums. Wir fühlen uns gern als Söhne der Renaissance, jener üppigen, überschäumenden Periode des freien Spiels aller Kräfte. Doch auch das ist Selbsttäuschung. Llnsere merkantile und reale Gegenwart knüpft eher an die Gotik an, an die Zeit der gen Himmel weisenden Kirchtürme und der in den Deutel weisenden Zeigefinger — an die Zeit der Entstehung der Finanz als Machtfaktor.
Wir sehen die Gotik gewöhnlich in mystisch-bläulichem Dämmerschein. Die steinernen Edelmenschen ihrer Kunstdenkmäler waren auch damals Sdeale. Die lebendigen Menschen der Gotik waren eine bunte Gesellschaft, vergnügsam und genutzfreudig und dabei in hohem Maße praktisch. Nicht Notre Dame in Paris bringt sie uns nahe, sondern die van Eycks und ihresgleichen.
Die „auris facra sames", der Goldhunger, war die Furcht weithin gesäter Keime. Sm fünften, die gotische Welt behandelnden Bande feiner hochinteressanten „Geschichte der europäischen Geselligkeit" *) nennt Alexander von Gleichen-Rußwurm diese materiellste Form des menschlichen Glücksdurstes eine Folge der Spekulationswut und hochgesteigerten Genußsucht, wie sie nach den Kreuzzügen auftrat und die neue europäische Industrie und den neuen europäischen Großhandel begleitete, trotz mannigfacher verdunkelnder Schatten unverkennbar in ihrem Licht und ihren Segnungen. Mit dem Begriff vorn Wert des Kapitals stellte auch der des Zeitwerts sich ein, und da begannen die Turmuhren zum erstenmal die Biertelstuitden zu schlagen.
Der raschere Umlauf des Geldes brachte Bewegung und Behendigkeit in alle Gebiete des Lebens. Bisher ungeahnte Möglichkeiten wuchsen ins Grenzenlose und schufen eine seltsame Erregtheit in den unteren Ständen, die zuweilen zu revolutionären Ergebnissen führte, bei richtiger Lenkung dem Ganzen aber erhöhte Spannkraft verlieh. Alles begann sich nach dem neuen Tempo zu regen und lieh die alte Schwerblütigkeit fallen. Selbst die toten Einrichtungsstücke der Häuser, die in romanischer Zeit noch fest eingebauten Möbel lösten sich von den 'Wänden und gruppierten sich gefälliger, bewußter fing die Mode an, Gerät und Gewand zu beherrschen. Aber auch der Bürgermenfch löste sich von den Mauern der Ritterburgen und baute sich sein Eigenleben auf, unbekümmert um das herrische Geschlecht hinter den Zingeln und feine ewigen Fehden.
Wenn in unseren Tagen, bald gelobt, bald gescholten, die Handelswelt selbst durch den Krieg sich nur kurze Zeit in ihrem
*) Dd.I Gleganttae, Bd. Ik Ritterspiegel, Bd. III Gotisch- Welt, Dd. IV Sonne der Renaissance, Vd. V Galantes Europa, Bd. VI Geselligkeit bis 1900. Sämtlich bei Sulius Hoffmann, Stuttgart


