Giehener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang (925 Dienstag, den 24. März Nummer 24
Feierliche Nacht.
Von Karl Bröger.
Tiefer glühen da mit einem Mal« Gründ und Gipfel, Berge, Nutz und Baum. Abend hebt die sanft gewölbte Schale Müder Landschaft zärtlich in den Baum. Macht mit einem muttermilden Reigen, Rimmt die Schale stumm au- seiner Hand. Sterne tropfen in das blaue Schweigen, Silbern überschäumt der Becherrand.
Setzt in wundersamer Traumgebärde Breitet Rächt die dunklen Arme aus And gießt opfernd über alle Krde Ihre sterngefüllte Schale aus.
Ganz in weiche Stille eingesunken Tastet meine Sehnsucht sich zu ihr. Rächt, von deiner Fülle bin ich trunken! Himmel, Götter, Sterne sind in Mir.
Röntgen.
Am 25. März jährt sich zum 80. Male der Geburtstag Wilhelm Konrad Röntgens. Herr Geheimrat Professor Dr. König überläßt uns zu diesem Tage auf unsere Bitte die Gedächtnisrede, die er bei der Röntgen- Gedenkfeier in der Kapelle des Alten Friedhofes zu Gießen am 10. Rovember 1923 gehalten hat.
Wenn ich als derzeitiger Inhaber des Lehrstuhles, auf den vor 44 Jahren Wilhelm Konrad Röntgen berufen wurde, hier vor seiner Asche über ihn und seine wissenschaftlichen Leistungen zu Ihnen sprechen soll, so erscheint es mir als meine erste Aufgabe, dessen zu gedenken, was er für uns, für unsere Aniversität, für die Vertretung seines Faches an unserer Hochschule geleistet hat. Am 24. Dezember 1878 starb Heinrich Buff, der 40 Bahre lang die Physik an unserer Aniversität in ausgezeichneter Weise vertreten hatte. Die Fakultät wandte sich an Sie ersten Physiker Deutschlands, an Helmholtz. K i r ch o f f, Kundt, Meyer u. a. mit der Bitte, um Ratschläge für die Wiederbesehung der erledigten Professur, und fast von allen Seiten wurde ihr der Rame Röntgens in erster Linie genannt. Der damals 34jährige hatte sich diese Anerkennung vor allem durch eine Reihe sorgfältiger Experimentaluntersuchungen erworben. Er war aus der Schicke des hervorragendsten Gxperimental- phhsikers, den wir damals in Deutschland hatten, hervorgegangen, aus dxr Schule von August Kundt. Bet ihm hatte er in Zürich promoviert und war als sein Assistent mit ihm nach Würzburg und dann nach Straßburg gegangen. Sch möchte nicht unterlassen, etwas zu erwähnen, was ich dem Rachrufe Gines, der ihm näher gestanden hat, entnommen habe. Röntgen hat seine Schulbildung in der holländischen Heimat seiner Mutter, auf dem Gymnasium in Atrecht, genossen, aber nur bis zur Obersekunda. Snfolge eines unglücklichen Zwischenfalles hat er fein Abiturium nicht gemacht: er hat auch niemals eine Vorlesung über Experimentalphysik gehört, und er ist doch ein so ausgezeichneter Physiker und ein so berühmter Gelehrter geworden! — Sn Straßburg konnte er sich 1874 habilitieren, was ihm in Würzburg wegen des mangelnden Abschlusses seiner Schulbildung versagt worden war. Schon nach einem Sahire wurde er als Professor an die landwirtschaftliche Akademie in Hohenheim berufen. Aber wiederum nach einem Sahre bereits wurde er von Kundt nach Straßburg zurückgeholt, um dort die außerordentliche Professur für theoretische Physik zu übernehmen. So gesellte sich zu seinen wissenschaftlichen Leistungen eine vielseitige Lehrerfahrung und lieh ihn nach jeder Richtung für ein Ordinariat an einer Aniversität geeignet erscheinen. Wenn trotzdem auf der damaligen Vorschlagsliste fein Rame erst an zweiter Stelle erschien, so entsprang dies dem Wunsche der Fakultät, die starke Betonung der technologischen Seite der Physik, die für die Lehrtätigkeit von Buff charakteristisch gewesen war, auch unter seinem Rachfolger erhalten zu sehen. Aus diesem Grunde wurde T ö p l e r in Dresden an die erste Stelle der Vorschlagsliste gesetzt. Ob dieser den Ruf nicht erhalten oder abgelehnt hat, geht aus unseren Akten nicht hervor, Jedenfalls wurde Rönt
gen berufen. Sein Dekret stammt vom 10. April 1879. Aber Röntgen fand hier nicht, was er für sein« Arbeit brauchte. Buff hatte sich Hörfaal und Laboratorium in seinem Privathause in der Frankfurter Straße eingerichtet, wofür der Staat ihm Miete zahlte. Mit diesen Räumen mußte sich Röntgen anfangs behelfen. Aber er hatte offenbar schon bet seiner Berufung die Forderung auf Errichtung eines selbständigen staatlichen physikalischen Instituts gestellt. Denn schon in den Kammerverhandlungen im Laufe des Jahres 1879 kam der Plan zur Erörterung, das physikalische Kabinett, wie man es damals nannte, aus dem Buff scheu Hause in das Kollegiengebäude zu verlegen, dessen Bau zwei Jahre vorher begonnen worden war und sich jetzt gerade seinem Abschluß näherte, und der wettere Plan, diesem Gebäude auf der Rückseite «neu Anbau für den physikalischen Hörsaal anzufügen. Am 8. März 1880 wurde die Ausführung dieses Anbaues verfügt, und zum Wintersemester 1880/81 konnte Röntgen die neuen Räume beziehen. So haben wir also Röntgen in erster Linie alS den Begründer unseres physikalischen Institutes in seiner modernen Form zu feiern. Sn der Gestalt, die er ihm gegeben hat, und in den Räumen, die ec eingerichtet hat, ist es zwanzig Sahre lang geblieben bis zur Errichtung des Reubaues, in dem es sich jetzt seit dreiundzwanzig Jahren befindet. Roch acht Jahre lang hat Röntge» in den neuen Räumen seinen sorgfältigen experimentellen Arbeiten obgelegen. Die bewegen sich auf einem Gebiete, das man als das der Präzisionsphysik bezeichnen kann. Es sind mit größter Sorgfalt und Genauigkeit durchgeführte, mustergültige Messungen physikalischer Erscheinungen aus sehr verschiedenen Gebieten der Physik, meistens Aufgaben besonders schwieriger Art, Messungen über die optisch-elektrischen Eigenschaften des Quarzes, über die Zu- sammendriickbarkeit von Flüssigkeiten und von festen Körpern, über den Einfluß des Druckes auf den Brechungsexponsnten u. a. m„ Arbeiten, die er teils allein, teils zusammen mit seiner! Schülern und Assistenten, Schneider und Zehnder, aus- führte, und von denen er einige auch in den Berichten unserer Oberhessischen Gesellschaft veröffentlicht hat. Hier" in Gießen und das muh ich besonders hervorheben — hat Röntgen auch diejenigen Antersuchungen ausgeführt, die man als seine originellste Leistung bezeichnen kann, die Antersuchungen über die elektromagnetische Wirkung der dielektrischen Polarisation und über die elektrodynamischen Wirkungen, die ein in einem elektrischen Felde bewegter Isolator hervorbringt, Arbeiten von außerordentlicher Bedeutung für die Theorie der Elektrizität. Helmholtz hat sie der preußischen Akademie der Wissenschaften vorgelegt, und mit ihren Ergebnissen wird der Rame Röntgen ebenso unsterblich in der Wissenschaft verknüpft sein, wie mit feinen Strahlen; denn man bezeichnet die von ihm beobachtete elektrodynamische Wirkung als Röntgenstrom.
Zweimal hat Röntgen Berufungen, die ihn unserer Universität entziehen wollten, abgelehnt, 1836 einen Ruf nach Jena, 1888 einen Ruf nach Atrecht. A'er dann kam unmittelbar danach ein Ruf, dem er nicht widerstehen konnte, die Berufung zum Rachfolger ton Friedrich Kohlrausch in Würzburg; in der Tat, dieser Meister der physikalischen Meßtechnik konnte sich schlechterdings keinen besseren und geeigneteren Nachfolger wünschen als Röntgen. Es ist nicht ohne Interesse zu bemerken und hat gewiß Röntgen mit besonderer Genugtuung erfüllt, als Beweis für die innere Gerechtigkeit alles Weltgeschehens, daß die beiden Städte Atrecht und Würzburg das Anrecht, da» sie ihm einst in feiner Jugend zugefügt hatten — Atrecht, indem es ihm den Abschluß feiner Schulbildung, und Würzburg, indem es ihm die Habilitation versagte an dem Mann wieder gut zu machen bemüht gewesen sind. So siedelte Röntgen zum Winter 1888 nach Würzburg über. Hier war es nun, wo er 1895 jene Entdeckung machte, die wie mit einem Zauberschlage den Namen des einfachen Gelehrten in den Glanz eines Ruhmes und einer Volkstümlichkeit tauchte, wie sie in solchem Maße und solcher Plötzlichkeit wohl selten einem Manne aus unseren Kreisen be- fchieden worden sind. Röntgen beschäftigte sich, wie es damals an der Tagesordnung war, mit Kathodenstrahlen und mit der Wiederholung der berühmten Versuche von Lenard über den Austritt dieser Strahlen aus einer Röhre, die ein dünne» Äluminiumfenster hat, und dabei bemerkte er außerhalb der Röhre Erscheinungen, die nicht von den Kathodenstrahlen unmittelbar herrühren konnten. Die genauere Arckersuchung ergab, daß er Wirkungen einer ganz neuen und höchst merkwürdiq«l


