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regeln Langen auf der Straße, bie Pferde trugen Blumen am Ohr und die Hunde kleine Narrenkappen unb Hütchen. An den Höfen ist Karneval nie recht heimisch geworden, beim er verträgt keinen Zwang, keine Halseisen und keine Zeremonien, keine spanische Etikette.
Die kahlen winterlichen Bäume der Alleen in Mainz und Wiesbaden waren buntbestreut mit gefrorenem Confetti, Straßen, Bahnen, die Regenschirme, alles war von weißem Papierregen übergossen, von den Aesten wehten grüne lmd rote Papierschlangen, alle Lokale waren buntbestreut, die Köpfe der Kellner waren von Papierschlangen umzingelt, das Confetti flog wie Schnee durch die Luft, überrieselte die Köpfe der Männer und die Dusen der Damen, man tanzte im knöcheltiefem papiernemj Schnee, und in den nebligen Gassen priesen die kleinen Italiener- knaben ihre Ware singend an: „Confetti, Confetti, schön, süß und billig!"
Am grauen Morgen, wenn die Straßenkehrer eben mit ihren Besen kamen, und die weißgekleideten Bäckerjungen die Brötchen austrugen, fuhren die Schlitten mit den Masken' heim. Es gab Leute, die Karneval durchfeierten, die fünfmal am Abend ihr Kostüm wechselten, sie schliefen in ihren Dominos, lebten nur auf, um sich zu schminken, zu maskieren und weiterzutanzen. Man rechnete am Rhein: Das Kind kommt nach Fastnacht zur Schule, meine Schwester heiratet noch vor Fastnacht, wir ziehen in der Fastnachtswoche um. Mr Rorddeutschland hat der Fasching fast keine Bedeutung. Die Kostümbälle finden ohne Larven statt, man stellt sich in den Quadrillen vor, man ist korrekt, vernünftig, steif und zeremoniös. Der Rheinländer aber zieht mit seinem Fastnachtskleid einen anderen Menschen an, den lustigen Narren mit der Kirrenden Kappe, der losen Pritsche. Er feiert Karneval von Sonntagabend bis Mittwoch nach Fastnacht, dem Aschermittwoch. Mit diesem Tag erlischt die rheinische Geselligkeit. In 6er Buhzeit bis Ostern tanzt man nicht mehr und feiert man keine Feste.
Fastnacht ist volksttimlich in Italien und am Rhein. Das Herz des Karnevals ist Köln. Die Norddeutschen verstehen oft nicht mitzumachen, ober fallen aus der Rolle, obwohl es unter ihnen auch „geborene Karnevalisten" gibt und nicht jeder Rheinländer imstande wäre, eine Kappensitzung zu leiten. Der „Fastnachtsgeck" ist übermütig, lacht sich einmal satt und darf lachen, über was er will. Er tut es mit Tatt. Niemand hat ihm das gelehrt, sich fo und nicht anders Fastnacht zu betragen, er ist ein echter Narr, die Schellchen feiner Kappe klingeln, er schlägt dem Nachbar mit der Pritsche auf den Rücken, aber — er tut Hm nicht weh, er neckt nur, und verträgt selbst einen scherz.
Es gibt keinen traurigeren Anblick, als einen Hereingewehten zu sehen, der aus einem fremden, kühleren Himmelsstriche mitten in den rheinischen Karneval geraten ist und an der Wand steht wie ein Nüchterner unter Berauschten und nicht weih, ob er über das, was er sieht, lachen ober — sich ärgern soll, der alle Scherze übel nimmt und dann grob wird. And er würde wohl kaum Verständnis gehabt haben für jene rheinische Witwe, die, „weil sie noch in Trauer war", zum Maskenball, den sie unbedingt nicht versäumen zu dürfen glaubte, als „Königin der Nacht" erschien, in schwarzen Schleiern mit silbernen Sternen. —
Die Fastnacht sitzt, im Blut der Rheinländer. Fastnacht schäumt es ihnen über, das leichte Blut . . . man will sich berauschen. Der Rheinländer braucht zur Lustigkeit keinen Wern... Er trinkt ihn wohl, feinen Rheinwein und das „Böwlchen auf dem Rheinschifs", das an den Siebenbergen vorüberzieht, ist der Gipfel seines Sommervergnügens. Der Wein gehört dazu. . . aber er braucht ihn nicht, um „in Stimmung zu kommen", wie die schwerblütigeren Süd- und Norddeutschen, . . Fastnacht ist ein Volksfest, das nie höfisch wurde, weil es keinen Zwang verträgt, aber ein Volksfest ohne blutige Rauferei, ohne wüste Trinkszenen, und es geht nicht daraus zu wie auf den „Ker- messen", die uns Ostade und Deniers so kräftig malen und den Königsfesten eines Jordaens.
Wie man in München Fasching feierte.
Briefe und Erinnerungen.
Georg Jakob Wolf erzählt in seinem kultur- unb sittengeschichtlichen Werk „Die Münchne- r i n“ (bei Franz Hanfstaengl-München) von Faschingsfeiern, die der große Mäcenas Ludwig l. durch die Heranziehung eines lustigen Künstlervölkchens nach München belebt und eigentlich erst zu dem gemacht Hat, was sie waren.
Durch ihre berühmten, herrlichen Feste, die von 1835 an in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen stattfanden, trugen die Künstler ein neues, belebendes Element in das Münchner Kulturbild. Bei ihnen ging es nicht so exklusiv her wie bei den „Co- terien" des Adels. Das, was Heh s e und Dah n an der Münchner Geselligkeit als das wirklich gesellige Moment priesen, den freien Verkehr der verschiedenen Gesellschaftsklassen untereinander an öffentlichen Orten, „die demokratische Macht des Bieres", das Bewußtsein des geringsten Arbeiters, daß sich „auf dem Keller" auch der hochgeborene Herr Graf Seinen besseren Trunk verschaffen könne als er, „die Gleichheit vor dem Nativnal-
getrank, die den Druck der sozialen Gegensätze mildert", das war auch nach dem Geschmack der Künstler. Obwohl sie die Vorherrschaft des künstlerischen Elementes in ihren Zirkeln mit Nachdruck betonten, ließen sie doch auch das Bürgertum an ihren Freuden, an Kneipen, Festen, Maiausflügen, teilhaben, besonders die holde Münchner Weiblichkeit, die keine andere Legitimation, keinen anderen Wappenbrief als ihre Schönheit und Anmut mitzubringen brauchte.
Dgh die biedermeierliche Münchnerin außerhalb ihrer vier Pfähle vergnügungssüchtig fei, gern tanze, und sich als eine rechte Faschingsfreundin erweise, wird ihr von allen Zeitgenossen ausdrücklichst bestätigt. „In Bayerns Hauptstadt herrschte im Karneval die Maskerade wie in Italien. Jung und alt zog in allen möglichen Trachten, die Larve vor dem Gesicht, in den Straßen umher und machte sich einen lustigen Abend. In bunter Reihe faßen in Gasthäusern Pierrots und Kolumbinen, die beliebten Türken und Schwäbinnen, duzten sich und scherzten nachMaskew recht." So Luise von Ko bell. Das Signal zum Losbriich des allgemeinen Faschingsjubels gab der erste Maskenball im Hoftheater, Christian Müller hat eine anziehende Beschreibung eines solchen Festes um 1820 gegeben, er erkannte es als Münchener „Spezialität" und sagte, daß es etwas .ähnliches in Norddeutschland nicht geben könne. Alles erschien auf diesem Ball mit Masken; erst wenn der Hof feine Loge verlassen hatte, durfte man sich demaskieren. Getanzt wurde gut und fleißig. „Indessen scheint es weniger eigentliche Tanzlust, als der gegenseitige Wunsch, schon recht bald und so früh als möglich in irgendein angenehmes Verhältnis mit jemand zu treten, das den ganzen Abend und die ganze Nächt, ja oft selbst noch einige Tage nachher oder gar für den ganzen Karneval dauern soll. . . Wie- freut man sich über die vielen blühenden Mädchen- und 'Frauengestalten, die sich hier in herrlichem Kranze vereinigt finden; freilich ist es noch unentschieden, was das griechische Wachsprofil (die Larve) verbirgt, ob ein brennendes Feuermal, eine Zahnlücke, eine Habichtnase oder das entsprechende Gegenstück zu seiner äußeren Maskensorm, worauf immer eher zu wetten ist. Sehen wir hier die beiden Gärtnerinnen in Weih und Blau mit den schalkhaften Hütchen, die über den niedlichen Köpfchen nur zu schweben scheinen wie ein Heiligenschein. Gibt es etwas Lieblicheres in weiblicher Form? Sie tragen Orangen, Mandeln, Rosinen und Feigen in zierlichen Körbchen und bieten mir freundlich davon: Mit gutmütiger Laune antworten sie mir, und als ich forschen will, verschwinden die lieblichen Gestalten in der treibenden Menge."
Gottfried Kellers klastische Schilderung des Albrecht- Dürer-Festes der Münchner Künstlerschaft im Jahre 1840 hebt die schönen Münchnerinnen in den Himmel der Poesie empor, und gelegentlich des Münchener Faschings von 1842 hat auch Ludwig Steub in seiner witzigen Weise einiges in das große Stammbuch der Münchnerin geschrieben. Er preist besonders die Maskenbälle im Odeon, bei denen der populäre Musikmeister Streck seinen befeuernden Stab schwingt; diesem Streck, meint Steub, sei es vor allem zu danken, daß wieder richttg getanzt werde, daß Jungen und Mädchen wieder selig über das Parkett walzen, statt auf den Bällen nur zu prominieren, herumzusitzen und sich in Ecken herumzustellen. Besonders der „Altvatertanz", den Streck propagiert, ist Steub aufgefallen. „Ach, was war das für eine Wonne unter den schönen Jungfrauen von München, als die seltsamen Feierlichkeiten dieses angesehenen Tanzes begannen, als sie auf die Stühle geladen wurden, und die langen Reihen getragen herabschwebten, als die anderen Zeremonien folgten, die nur nach Mitternacht aufgeführt werden können, wenn den wachhabenden Müttern schon die Augen zugefallen sind! And als der Danz in schöner Aufregung geendet hatte, als lauter Jubel und Bravoruf an die Decke schlug, da nahm der Meister den Vorteil wahr, seine Zaubermacht neuerdings zu zeigen. Er ließ als herrliche Dreingabe seine wildesten Geigen los und den titanischen Donner seiner Pauken, und seine Trompeten schmetterten in den reinsten Blocksbergtönen in den Saal hinab, und, ein umgekehrter Orpheus, machte er seine Hörer alle wütend und jagte sie mit Walzer, Polka und Galopp nacheinander und unausgesetzt in immer rascherem Takt als vielhundertpaarigen Hexenwirbel durch die Halle... Als der Strudel vorüber war, sah man sich lächelnd an. Die Paladine schienen etwas erschöpft, die Damen gar nicht. Das schwache Geschlecht hat eigentlich die stärksten Nerven."
Im Jahre 1830 veröffentlichte der Humorist Moritz Saphir, wahrscheinlich durch die Schönheiten-Galerie des Königs angeregt, einen Schönheitskanon, der auch für die Münchnerin zu gelten hatte, in seiner Zeitschrift „Flora": Danach soll der Kopf oval sein und die Stirne in einer sanft gesenkten Linie mit der Nase verbunden. Die Augen sollen in einem harmonischen 'Verhältnis stehen, die Augenbrauen hoch gewölbt und die Augenlider fanff gebogen fein. Vom Ohr wird verlangt, daß es eirund fei. Die Nase muß einfach sein und mit ihrer Grundfläche einen leicht bemerkbaren, deutlich ausgedrückten Winkel machen. Der Mund darf nicht viel breiter als die Nase fein, das Kinn muß rund, der Hals nicht zu kurz, hinreichend voll und durch schöne Schultern „wohlwollend" gestützt sein. Unter den Münchnerinnen der


