Eichener ZamilieMatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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LeLeasgruh.
Ein Stammbuchblatt von Heinrich Heine Tine große Landstraß' ist unsere Erd'. Wir Menschen sind Passagiere^
Man rennt und saget, zu Fuß und zu Pferd, Wie Läufer «der Kuriere.
Man fährt sich vorüber, man nicket, man grüßt Mit dem Taschentuch aus der Karosse.
Man Hütte sich gerne geherzt und geküßt, Doch ragen von hinnen die Rosse.
Kanin trafen wir unS auf derselben Station, Herzliebster Prinz Alexander,
Da bläst schon zur Abfahrt der Postillon ^.ind bläst uns schon auseinander.
Fastnacht.
Airs Johannes Fischarts «Heiliger Aantastnacht".
Pei uns hat sich seit Jahr und Tag das FchchingStreiben aus dem Straßenleben in die Redouten und die Ballfeste zurückgezogen, so daß die Straße selbst nur noch höchstens die be- icheidene Kinderfastnacht kennt, das harmlose Getute und Gelärm der kleinen Fastnachtsbutzen. die sich wohl mit ein vaar Masken- tetzen und papiernen Larven ausstaffiertsn. Don dem ganz un- geyeuerlichen Umschwung, der in vergangenen Jahrhunderten das Straßenbild zur Fachnachtszeit grofeSf belebte, macht man sich heute kaum eine Vorstellung.
Eine der vollsaftigsten Schilderungen des Fastnachtstreiben-s emer alten, deutschen Stadt verdanken wir Johannes Fi - schart, dem Spaßkvlvß der deutschen Dichtung des 16. Jahrhunderts. Er hat den ganzen tollen Mummenschanz in ein paar kurzen Sätzen eingesangeu. in denen -es von einer wahrhaft teufelstollen Ausgelassenheit rumort. Von der „heiligen Fantastnacht schreibt Fischart:
„Es kompt ein Zeit, heißt Fasenacht, in der regiert mit gantzer Macht ein Planet, heißt der Elsässer, macht einem oft das Kopslin schwer, den Deute! leer und schmal den Schmer, wo gehn wir ump mit prassen, rasen, danhen, mummen, stummen, prummen, rennen, sechten, ringen, stechen, buhen, mutzen und larvieren, den Schnabkönig führen, teufellenhen, mönchentzen, welbenhen und türkenentzen mit toten Gespensten und Feuer- schWanzen. Fenster einwerfen, die Danke verrücken, Kirch verführen. die Glocken läuten, Schellen abschneiden, verkleiden, berußen und bekreiden. Brüten Darren ans, halten Hans Sachsens Fastnachtsspiels suchen die Fastnacht mit Fackeln, tragen die Hering an der Stangen in' Dach. Spielen die Schelmenzunft, ziehe» ein strohernem Mann Kleider an und tragen ihn auf einet Bahr daher, als ob er gestern gestorben wäre, mit eim Leilach zugedeckt, mit Wachslichtern besteckt. Schau da, dort kompt der Herr von Runkel, pringt am Arm ein Kunckel. Die Magd zeucht des Knechts Hosen an. Suchen Küchlein in der Magd Kammer, ja suchen Küchlein über dem Tisch. Da man die Schuh unter das Bett stellt, da gibts dann über ein Jahr Mehl- und Milchschreiling. Hie zum Schaurtag, der lieben Weiber Sausstag. da säufst, daß man einander davon trag. Ja in Summa: Mit solcher Zucht man Fastnacht hält. Also behält man das Feld, in der fastnachtsbuhigen Welt!"
Karneval am Rhein.
Von LiesbetDill.
Kulte, winddurchfegte Straßen, in denen man schon in der Morgenfrühe des Februarsonntags kleine Rotkäppchen aus den Türen kommen sieht, verfolgt von Bauernjungens in blauen Blusen, weißer Zipfelmütze, die Schweinsblase^ am Stock schwingend, kleine Rokvkodamen. die in ihren ausgeschnittenen geblümten Tunikas zu frieren scheinen, trippeln auf rosa Stöckelschuhen einher mir gepuderten. Locker; und Schönheitspslästerchen. Vergnügte Clowns, weißgeschminkt, mit totem Mund und schwarzen Pompons auf den weihen lustigen Anzügen fahren. Lieder singend, durch die Straßen, in den Häusern duftet es nach Pfannkuchen und Kreppeln. Rachmittags um zwei Ähr ordnet sich der Fastnachtszug. Wochenlang vorher fanden die Aatrensitzungen der Vereine statt, die alle Damen tragen, z, D. „M'r sin nit so", oder „Wir wvllen's mal riskieren" usw. und . in denen „der Redner aus die Bütt" eine große Rolle spielt. Im ersten Wagen
die Prinzessin Karneval auf ihrem Thron, lächelnd. Sick geschminkt, mit Fächer und Federhut. Natürlich steckt ein Herr unter der Maske. Dann folgt der Zug Musikkapellen, die Plakat- geschmückten Wagen. — allerlei aktuelle städtische und politische Zustände werden karikiert, die Steuerbehörde hergenommen die wtaotvüter, nebenher trottet Sie Sagend. johlend, das Heer' von Schornsternfegern, Engeln. Tirolern, Elsässer Bauernmädchen, -Leuseln und Dominos, singend, lachend, kreischend. Heut ist Fastnacht! Musik und Maskengewühl, alle Fenster sind beseht, Bunte werpentinschlangen fliegen durch die Lust. Coirfetti regnet ®“T die Kopfe der Zuschauer, Abends beginnen die Maskenbälle die Redouten, und die Köchin näht sich bis Mitternacht Karten auf das rote Kleid. Sie geht als Zigeunerin oder Polin mit Schwanpelz am Sammet kleid.
Fastnacht am Rhein, an der Saar, der Mosel, überall das gleiche Treiben, dieselbe überschäumende Lustigkeit, dieselben Masken, vieselben Scherze, derselbe Humor, der nie versiegt bei «»em der mit Rheinwasfer getauft ist. In dieser Luft find die Rheinländer ausgewachsen. Mit zwei Jahren schon wird ihnen Fastnacht die Narrenkappe ausgesetzt, den Mädchen die Rvt- kappaienhaube, den Buben die Bauernmütze oder der Mama eme Krone aus Goldpapier, und der- Flachsbart für den Vater hangt das ganze Jahr im Schrank, wie sein Pelz. . , Einmal !m ,.>ahr Narr sein! Der Rheinländer muh es. And wie er ver- gnugt ist wre sich seine Fastnacht äußert, das macht man ihm ni x J1»*® weöer •» München, wo der Humor derber, brutaler und Karneval äußerlicher verläuft, und erst recht nicht in Berlin wo der Witz schärfer, beißender ist. Der Rheinländer verletzt mcyt, er wird tn fernem Scherz nie persönlich, er macht sich riber alles gern lustig, vor allem auch gern über sich selbst. Der rheinische Fasching ist leichter, eleganter, selbstverständlicher als der Karneval im übrigen Deutschland, er ist ein natürliches Kind rheinischer Luftz wahrend er nach Süddeutschland nur künstlich verpflanzt rst. Der Süddeutsche ist steifer, zurückhaltender. schwer - blunger als der Rheinländer, der eigentlich nichts ganz ermst mmmt, rrrcht einmal sich selbst, und der deshalb so fleißig arbeitet, um sich Mittel zu einem Leben zu verschaffen, das ihm „Spaß macht".
Ob etwas „Spaß" macht ober nicht, ist ausschlaggebend. . .
In Suddeutschland spielr Fastiracht kaunr eine Rolle. Es gab m Städten wie Karlsruhe, Stuttgart wohl Maskenbälle und Maskenrmrzuge, Maskenfihungen, aber ihre Gründer und Seite f und «afMmmet Rheinländer, der Süddeutsche' sicht lächelnd dem bunten Trubel zu .. . . Münchens Karneval ist künstlerischer, die Kostüme origineller, die Ausschmückungen des Saales, das Drum uni) Dran, das äußere Bild, der Rahmen des Karnevals ist hier wichtiger, Fasching in München ist ein Erlebnis. — aber . . . zu Hause ist Fastnacht nur am Rhein
Wann entstand Karneval, wann wurde "er geboren? Genau weiß man's nicht. Er ist schon uralt. Er kommt schon im Mittel- alter vor. Auf alten Kupferstichen ficht man die Narren und Närrinnen miteinander in den engen Gassen tanzen. Vom Januar, dem Fest der heiligen drei Könige, das durch einen Ball gefeiert wurde, beginnt die vierzigtägige Fastenzeit und dauert bis zum Aschermittwoch, wo „zur Erweckung der Buße" den Katholiken Atchenkreuze auf die Stirn gezeichnet werden von Priesterhand.
Die rheinischen Damen gehen vom Ball in die Messe, das hangt eng zusammen: Karneval und Deichte. Es geschahen auch üble Dmge unter 6er Maske an Fastnacht. Morde und Tot- schlag un Gedränge. Ich erinnere mich einer großen Gerichtsverhandlung in meiner saarländischen Heimat, wo ein Neben- buhler den Mann seiner Geliebten Fastnacht-Dienstag um Mitternacht in einem schwarzen Domino an einem Kreuzweg in einer hellen Mondnacht auflauerte und ihn dort niederschlug. und eines rätselhaften Mordes an einem Offizier, geschehen zu eüeh. wo 6er Mörder im Maskentrubel unerkannt entkam.
.o»st»acht lebt in den Herzen der Rheinländer wie das Welhnachtsfest. Wie jeder Deutsche feinen Tannenbaum Haben ntuP- will der Rheinländer sich Fastnacht maskieren und amüsieren. Fastnacht in den Garnisonen wie Metz un& Trier toar berühmt. Dori waren die Deutschen zusammengestrvmt aus - ®Cl-!cv' un^ ’» die Grenzgarnisonen, die Kasernen, in irdes Kasino zog Fastnacht ein, wenn der Februar zu Ende ging. Durch die beschneiten, kalten Straßen rasselten die Kümper-- wagen mit vermummten Gestalten, die Kasinos waren erleuchtet, es regnete Conletti. es ward» mufi»iert und getankt, die Dreh-


