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Da tat Herr Chico Fontoura einen lästerlichen Fluch, dec mit „Mil bvmbas" begann und mit einer schweren Verwünschung deS redlichen Küsters endigte.
„21a, dann lassen Sie sich von Kapitän Moreira an die Rahe hängen," erwiderte dieser gleichmütig und freundlich. „Moreira soll ja geschworen haben, seine höchste Rahe mit lauter Federfuchsern der Regierung zu garnieren; und daS wird hübsch aussehen, vermute ich Aber Sie sterben dann ja sozusagen auch auf dem Felde der Ehre, Herr Chico Fontoura."
Herr Chico Fontoura sah den Sprecher an wie ein hypnotisiertes Huhn. Dann aber raste er mit langen Schritten die Straße entlang, daß mancher stehen blieb und ihm kopfschüttelnd nachsah. Herr Chico wußte jedoch, was er wollte. Draußen vor der Stadt, wo der Kamp begann, die Ochsen und Maultiere grasen gingen pnd der farbige Janhagel sich in der Sonne rekelte, stand eine einsame Bäckerei. Das war zwar eine alte Kabache, deren Inhaber mehr vom Kartenspiel und allerlei nächtlichen Geschäften als vom Semmelbacken lebte: aber Chico Fontoura wußte, was er wollte. Reben der Bäckerei lag ein Garten, von einer hohen Hecke umgeben, und in diesem stand unter einem halbzerfallenen ZiegÄdach ein alter, geräumiger Dörrofem
Auf diesen hatte Chico seinen Plan gesetzt. Erstens würden die Granaten der „Gloria" eher bem General In die Bude fegen als dem armen Bäcker Lava res. Zweitens hatte der brave Semmelkneter feit einem Jahre keine Steuern entrichtet. Das wußte Chico. Zum dritten und wichtigsten: Der brave Tavares war leicht beim Anblick eines Zehnmilscheines begeistert, denn man konnte damit Karten spielen und beim Rennen sein Glück versuchen. Wenn der Küster hundert Mil verlangte, würde der arme Schlucker Tavares es für zehn tun. Oder Chico Fontoura hetzte ihm den Steuererheber inS Haus und ließ pfänden, was da war.
Mit diesem löblichen Vorsatz erschien Chico beim Bäcker Tavares. Dieser aber hatte einen unbegrenzten Respett vor der Obrigkeit,seitdem er einmal zitiert worden war und als Ermahnung zu einem besseren Lebenswandel in aller Verschwiegenheit wohlgezählte Filnfundzwanzig mit der Marmellen- rute heimgebracht hatte. Als er also Chico Fontoura kommen sah, blitzte es als erster Gedanke in ihm auf, den ersten besten Matungo mit dem Lasso zu fangen und auf den Kamp hinauszurasen, so weit ,er war. Aber der Schreiber machte ein so biederes Gesicht, daß der Bäcker ruhig auf der Schwelle hocken blieb, sich dann erhob und ihn mit vieler Höflichkeit willkommen hieß. Redensarten kosteten ja nichts, nicht einmal eine Semmel, ilnb tot Notfall nahm man die Chinelas^) in die Hand und entwischte auf flinken Sohlen,
Chico Fontoura tat zunächst, als sei er auf einen kleinen Plausch gekommen, nahm die Matecuha dankend an und sog seinen Chimarrav. Dann aber ging er zum Erstaunen des Bäckers zu einer Kritik des Generals über, den er einen elenden Hosentrompeter nannte tmd mit anderen despektierlichen Ausdrücken belegte.
„Ist es nicht ein Blödsinn, daß dieser Isidors tut, als wolle er eine wirkliche Schlacht mit Bomben und Granaten liefern? Sagen Sie selbst, Compadre!"
Das bejahte auch der Bäcker, aber er entschuldigte sich zugleich, wenn er seinen Gast allein lassen müsse. Es sei Zeit, den Ofen zu Heizen. Da fiel ihm der Schreiber hastig inS Wort. Gr räusperte sich mehrmals und ging um den heißen Brei wie die Katze. Endlich rückte er heraus. Gr bot dem redlichen Tavares fünf Milveis an, fünf gute, heile Milreis, wenn dieser ihn im Falle der Rot in den alten Dörrofen schlüpfen lasse, in dem Tavares hin und wieder Tainhas und Linguadas räucherte, wenn er vom Fischmarkt kam. Der Bäcker übersah die Lage sogleich und forderte fünfzig Milreis.
„Was?!" schrie Chico empört, „für diesen verqualmten Kasten .fünfzig Mil?"
Er war tm begriff, zornig die Verhandlung abzubrechen, als ein furchtbarer Knall vom Hafen herüberdröhnte, daß Chico Mammenzuckte, als Pike ihn einer unversehens mit einer Stecknadel von hinten her.
„Run?" fragte der Bäcker und lächelte zutunlich. Da griff Chrco hastig in seine Brieftasche, nahm einen nagelneuen Fünf- zlgmtlschein heraus und reichte ihn hin. Zugleich schwor er sich Heimlich, diesen Blutegek Tavares auspfänden $u lassen bis auf die Chinelas, sobald es wieder anderes Wetter geworden fei. Der Bäcker aber holte feine alte Hornbrille und mustert« Den Schein sehr aufmerksam. Dieser sah ihm zu neu aus, ünd Tavares hatte feine Erfahrungen.
Ein zweiter Knall kam vom Hafen her, Gewehrgeknatter und Artilleriefeuer folgte.
„Jesus Maria!" sagte der Schreiber, und der Angstschweiß trat thm auf die Stirn.
. .-Die Kerle schießen sich die Seele aus dem Leibe!" sagte Der Bäcker und latschte gemächlich zum Dörrofen im Garten.
*) Lederschlappsn.
Schriftleitung: Dr. Friede. Wllb Lanas, — Druck und Verlag d<
Chico schleppte sich auf wankenden Knien hinterdrein, schlug ein Kreuz um das andere und murmelte ein Stoß gebet. Dec Bäcker öffnete die Ofentür und lud ein: „Run, wenn es ge» fällig ist, mein Herr?"
Etzicv zögerte noch einen Augenblick. „Sie werden mich nicht verraten, Compadre, nicht wage? Sobald die Lage kritisch wird, schließen Sie die Ofentür und setzen sich davor, damit ich nicht allein bleibe. Ist die Gefahr vorbei, so lassen Sie mich sofort heraus!"
Das versprach der Bäcker heilig. Chico schlüpfte in das rauchige Versteck und machte es sich darin bequem, so gut es ging. Der Bäcker aber war ein Schelm und hatte durchaus nicht Lust, stundenlang vor dem alten Ofen zu hocken. Er ging also ein bißchen aus dem Garten und spähte aus. Da lungerten sonst immer ein paar Vagabunden herum.
Also kehrte Tavares mit sorgenurnwölkter Miene zurück und meldete: „Ich sehe dahinten eine Horde Halsabschneider, denen eine Menscyengurgel nicht mehr wert ist als dem Fuchs ein Hühnerhals. Der Reger Januario ist dabei, der schneidet für fünf Patak, wenn es sein muß---“
„Hören Sie auf, Mensch, und schlagen Sie die Tür zu!" schrie der Schreiber entsetzt.
Ser_ Bäcker klappte die rostige Tür zu und war zufrieden. Seine fünfzig Milreis hatte er in der Tasche. Ersticken tonnte die Schreiberseele im Ofen auch nicht. Also konnte man sich die Schießerei in der Stadt ruhig ein bißchen ansehen, wie die übrigen es taten. Wenn man abends zurückkam, mochte der Held aus dem Ofen schlüpfen und konnte nqch obendrein feinen Ofenrauch für Pulverqualm ausgeben. Bei diesem Gedanken tat es dem biederen Tavares leid, daß er nicht hundert Mil 'gefordert hatte. Gr gab sich aber zufrieden, nähm seinen Hut, brannte einen Cigarrv an und lobte den Tag. der ihm unverhofft fünfzig Mil in die Tasche gebracht hatte. Dann pilgerte er seelenruhig über den Kamp zur Stadt.
Da herrschte ein Hexensabbath. Der erste Schuß der „Gloria war gegen das Gebäude des Generalkommandos gesaust. Gerade, als Exzellenz Isidore seinen Rappen besteigen wollte, um die Stellung abzureiten. Sein Adjutant saß bereits im Sattel und lüftete achtungsvoll das Käppi, als sein hoher Chef 'den Steigbügel nehmen wollte. Die schwarze Ordonnanz hielt den Zügel. Aber Exzellenz gelangte nicht bis in den Sattel. Mit entsetzlichem Krachen schlug die erste Granate in das Generalkommando, gerade in den Giebel über dem Tor, der Zement spritzte und sämtliche Fensterscheiben gingen klirrend zu Bruch.
Exzellenz machte einen sehr unfreiwilligen Sah auf das Pflaster, der Rappe stieg und sauste mit leerqm Sattel ab, die Ordonnanz stürzte ins Haus, der Adjutant galoppierte um die nächste Ecke, als sei der Gottseibeiuns ihm auf den Hacken. Was sonst noch auf dem Platz gestanden hatte, um Exzellenz tn feiner großen Uniform zu bewundern, stob auseinander tote ein Doll Rebhühner, in das ein Schrotschuß prasselt. Der Platz ward öde und leer, tote die Welt am zweiten Schöpfungstage. Exzellenz Jsidoro erhob sich stöhnend, rieb sich die Mitter-- nachtsseite, fluchte und klopfte notdürftig die Sitzfläche ab. Dann steuerte er eilig unter das heimische Dach.
Die „Gloria" feuerte den zweiten Schuß. Die Granate heulte über die Stadt weg. flog auf den Kamp, krepierte da und tötete einen alten Maulesel, der ahnungslos und unbekümmert um den Krieg der dummen Menschen sein Gras rupfte. Der Krach ließ den Kamp erzittern, dazu den Helden im Dörrofen des redlichen Bäckers Tavares. Auch der alte Ofen wackelte ein bißchen und Chico trat gegen die geschlossene Tür. Aber diese gab nicht nach. Er brüllte, aber es kam keine Antwort. Da begriff er tangfam, daß er allein auf weiter Flur sei, und fluchte gotteslästerlich. Aber die Tür gab darum doch nicht nach.
Die „Gloria" hätte auch den dritten Schuß gefeuert, doch Kommandant Moreira wußte, warum die dritte Granate nicht aus dem Rohr sauste. Er hatte schon einige Granaten an Bord: aber die Zünder fehlten. Wenn die ersten beiden Schüsse die Stadt nicht zur Ergebung zwangen, so war sein Plan der Ueberrumpelung verfehlt. Run krachte es aber aus den Rohren der Batterien am Strande, und die Gewehre knatterten, als sei die Hölle losgelassen. Die „Gloria" hätte um ein Haar einen Treffer bezogen, aber die Granate flog zu kurz und traf einen alten Gemüsekahn, der sich herrenlos da Herumtrieb.
Kommandant Moreira beobachtete durch den Kieker den Gang des Gefechtes und inachte ein verdrossenes Gesicht. Dann aber meinte er seelenruhig zu Kapitän Lührs: „Die Sache wird langweilig. Gehen wir lieber in See zurück. Ich habe nicht Lust, meine guten Rohre wegen dieses Drecknestes aus- zuleiern."
Lührs dachte sich fein Teil. Dann ging er in Gedanken an die Reeling und hätte den kleinst Sprung wohl riskiert. Aber Moreira nahm ihn beim Arm und riet ihm: „Bleiben Sie lieber bei uns, Kapitän! Wer soll uns sonst aus dem Sack herausbringen?"
(Fortsetzung folgt.)
Brübl'schen Univ.-Buch- und Steindruckere;. A. Lange, Gießer»


