Verkehrsmittel. Merkwürdig ist eine gewiss« Solidität des Pa- risers. Wer sich etwa am Montmartre in einer der langdauerudeu Vorstellungen verspätet, etwa noch eine Tasse Kaffe« getrunken hat und auf Heimfahrt rechnet, kann sich bitter täuschen, Hm ein älhr nachts ist es auf der sonst gewiß nicht ruhigen Place Pigall« ganz still, und kein Wagen holt uns ab. Was aber eine FrchWanderung durch ganz Paris bedeutet, weiß nur der Kundige.
Das Straßenbild unterscheidet sich auch durch das Llebermatz von Lichtreklame stark vorn unsrigen. Was der Berliner am Potsdamer Platz davon sieht, dünkt ihm schon ungeheuerliche In Paris überschreien sich die Lichtreklamen gegenseitig so, daß ganze Straßenzüge in Feuer und Glut zu stehen scheinen. Lautes Geschrei dagegen hört man weniger. Trotz lebhaftesten Verkehrs zeigt das Publikum eine gewisse Disziplin, die selten zu Ausschreitungen führt. Das Pflaster ist jetzt fast überall gut; es besteht aus Asphalt oder Holz und bewährt sich sehr.
Ein Hauptbestandteil des Strahenbildes aber ist die Pariserin. Paris ist die Stadt der jungen Mädchen. Man sieht sie überall, und überall huschen sie mit ihren schlanken graziösen Figuren und ihren kleinen Hütchen auf dem Bubenkopf umher. Sie sind kleiner als die deutschen Mädchen, auch schmaler und haben fast alle geschminkte Lippen. Im ®afe, im Theater, überall kann man erleben, daß eine Dame ihren Spiegel hervorzieht und mit dem Schminkstist die Matur verballhornt. Denn ein derartig korallenrotes Lippenpaar kann das hübscheste Gesicht verschandeln. älnd das ist nicht auf die Jugend beschränkt. Sonst aber bietet die junge Französin allerdings in ihrer lazertenhasten Beweglichkeit und geschmackvollen Toilette ein ansprechendes Bild.
Bon seltsamer Schönheit ist die Umgebung der Stadt. Sie liegt in einem hellgrünen Kranz von Laubwäldern, zwischen denen die Seine sich malerisch hinschlängelt. Die Landschaften von Claude Monet kommen uns ins Gedächtnis. Der Wald von St. Cloud mit seinem Vogelsang und seinen lichten Schatten ist wie für Dichter geschaffen. Der Blick von der Höhe von St. Cloud auf das Panorama von Paris herab ist nur mit dem von Fiesvle über Florenz zu vergleichen. Die Kuppel des Jnvalidendorns, der Eiffelturm, Sacrg-Coeur und der Trocadero ragen in den Dunstkreis über der gewaltigen Silhouette hinein und bilden ein grandioses Panorama.
Der Schatz.
' Bon Eduard Mörike.
(Fortsetzung.)
Mein Feldmesser raunte mir zu, auf die Scheibe sei der König nie glücklich gewesen; vor zwei Jahren sei der gleiche Fall begegnet, und man Wolke wissen, es habe damals der Monarch als ihm sein Hofnarr die wahre Bewandtnis mit dem Meisterschuß ins Ohr gesagt, die edle Delikatesse des Turmhahns so Wohl vermerket, daß er desselben alleruntertänigst Gesuch, ihm feine unscheinbar gewordene Vergoldung erneuern zu lassen, nicht nur ohne weiteres bewilligt, sondern ihm überdies Titel und Rang eines geheimen Wetter- und Kirchenrats gnädigst verliehen habe.
Mun aber setzte sich der Hof zu Tische, und da war ich es leider selbst, welcher die ganze Herrlichkeit verstörte. Ich konnte nämlich bei andauerndem, entsetzlichem Durste unmöglich der Versuchung widerstehn, den Arm ins Tal hinab zu strecken und mir eine der größten, mit rotem Most gefüllten Kufen herauf- zulatkgen, die ich auch, unbekümmert um das rasende Zetergeschrei, das in der Tiefe losbrach, geschwinde ausgetrunken! hatte, nur eben wie man einen Becher leert. „Wir sind verloren!“ rief der Feldmesser aus, rutschte vom Baum und war nicht mehr zu sehen. „Heidoh!! Heidoh!" scholl's aus dem Tal, „ein Men- schenungeheuer auf der Höhe! Weh, weh! bei der heiligen Eiche! bei Havelocks Baum!" — „Auf, zu den Waffen, tapfre Recken!" rief eine stärkere Stimme: „Rettet! rettet! dort ist mein Schahgewölbe! des Königs heiliger Schatz!" Gin wütendes Getrappel kam jetzt über Stock und Stein den Berg herauf. Ich dachte an ein großes Hornisheer, lieh schnell den Decher fallen und entfiel).
Wie ich auf meine Stube, wie ich ins Bett gelangte, weiß ich nicht. Das weiß ich, daß ich mir die Augen rieb wnd nur geträumt zu haben glaubte.
Es war erst eben Heller Tag geworden. Das sonderbare Machtgesicht beschäftigte mich sehr. Der Leuchter stand auf meinem Tisch, die Tür war ordentlich verriegelt, hingegen fehlte der Wasserkrug richtig, und meinen Durst schien ich gestillt zu haben, denn wirklich, er war ganz verschwunden. Auf jeden Fall hat mir in meinem Leben kein Traum einen so heitern Eindruck hinterlassen ■ ich konnte nicht umhin, die glücklichste Vorbedeutung darin zu erblicken.
Mein Frohnurt trieb mich aus dem Bette, so früh es auch noch war. Ich zog mich an und pfiff dabei vergnüglich in Gedanken. Von ungefähr kam mir mein leerer Beutel in die Hand, und in der Tat, ich konnte ihn diesmal mit größter Seelenruhe betrachten. An seinem ledernen Zugbande hing ein alter, schlichter, oben und unten offener Fingerhut, den ich als ehrwürdigen Zeugen einer kindlichen Erinnerung seit vielen Jahren aus Gewohnheit, um nicht zu sagen aus Aberglauben, immer bei mir trug. Indem ich ihn so ansäh, war's, als fiel es
mir wie Schuppen von den Augen; ich glaubte mit einmal zu wissen, warum mir Josephe so äußerst bekannt vorgekommen, ja was noch sonderbarer — ich wußte, wer sie fei! „Bei allen Heiligen und Wundern!" rief ich aus, und meine Knie zitterten vor Schrecken und Entzücken, „es ist Aennchen! mein Aennchen und keine Josephe!"
Es drang mich fort, hinunter: unwissend, was ich wollte oder sollte, schoß ich, barfüßig, wie von Sinnen, den kalten Gang vor meinem Zimmer auf und nieder; ich preßte, mich zu fassen, öie Hand auf meine Augen — „Sie kann's nicht sein!" rief ich, „du bist verrückt! ein Zufall hat fein Spiel mit dir — und doch...“ Ich hatte weder Ruhe noch Besinnung, alle die Wenn und Aber, Für und Wider bedächtig auszuklauben, nein, auf der Stelle, jetzt im Augenblick, durchs Mädchen selbst wollt ich Gewißheit haben; mein Innerstes lechzte und brannte nach ihr, nach ihrem lebendigen Anblick! Ich war die Treppe hinabgeschlichen und hatte im Vorbeigehen einen Blick in das Gemach geworfen, wo die Landkarte hing — allein was kümmerte mich jetzt das Teufelszeug! Ich spürte nach! des Mädchens Kammer: umsonst, noch rührte sich kein Laut im ganzen Hause. Ich konnte doch wahrhaftig nicht, als wäre Feuer im Dach, die Leute aus den Betten schreien, um nachher, wenn ich mich betrogen hätte, als ein Wahnsinniger vor ihnen dazustehn. Ich ging zurück nach meinem Zimmer, warf mich in voller Desperation aufs Bett und begrub mein Gesicht in die Kissen.
Doch es ist Zeit, zu sagen, was mir so plötzlich eingekommen war.
In meiner Vaterstadt, zu Egloffsbronn, als meine Mutter sich sehr knapp, nach Witwenart, mit mir in ein Oberstübchen hintenn Krahne n zusamrnengezogen (ich war damals zehn Jahre alt), wohnte mit uns im gleichen Haus ein Sattler- meister, ein liederlicher Kerl, der nichts zu schaffen hatte und, weil er etwas Klarinett verstand, jahraus, jahrein auf Dorfhochzeiten und Märtten herumzvg. Sein junges Weib war ebenfalls der Leichtsinn selber. Sie hatten aber eine Pflegetochter, ein gar zu schönes Kind, mit welchem ich ausschließlich Kameradschaft hielt. An einem fchönen Sonntag nachmittag — wir kamen eben aus der Kirche von einer Trauung her — ward von dem Pärchen ernsttich ausgemacht, daß man sich dermaleinst heiraten wolle. Ich gab ihr zum Gedächtnis dieser Stunde ein kleines Kreuz von Glas, sie hatte nichts so Kostbares in ihrem Vermögen, und heute noch kann ich es spüren, wie sie mich dauerte, als sie mir einen alten Fingerhut von ihrem Pfleger, an einem gelben Schnürchen hängend, übermachte. — Allein «s foflte dieses Glück sehr bald aufs grausamste vernichtet werden. Im folgenden Winter nach unferer Verlobung brach in der Stadt eine Kinderkrankheit aus, die man in dieser Gegend zum ersten Male sah. Es war jedoch nicht mehr noch weniger als das bekannte Scharlachfieber. Die Seuche räumte greulich auf in der unmündigen Welt. Auch meine Aime wurde krank Mir war der Zuttitt in die untere Kammer, wo sie lag, bei Leib und Leben untersagt. Run ging es eben in die dritte Woche, da kam ich eines Morgens von der Schule. Weil meine Mutter nicht daheim, der Stubenschlüsfel abgezogen war, erwartete ich sie, Büchlein und Federrohr im Arm, unter der Haustür und hauchte in die Finger, denn es fror. Auf einmal stürmt die Sattlersfrau mit lautem Heulen aus der Stube: soeben hab' ihr Aennchen den letzten Zug getan! — Sie rannte fort, wahrscheinlich ihren Wann zu suchen. Ich wußte gar nicht, wie mir war. Es wimmelte just so dicke Flocken vom Himmel; ein Kind sprang lustig über die Gasie und rief wie im Triumph: „'s schneit Müllersknecht! schneit Müllersknecht! schneit Müllersknecht!" Es kam mir vor, die Welt fei närrisch geworden und müsse alles auf den Köpfen gehn. Je länger ich aber der Sache nachdachte, je weniger konnte ich glauben, daß Aennchen gestorben fein könne. Es trieb mich, sie zu sehn, ich faßte mir ein Herz und stand in wenig Augenblicken am ärmlichen Bette der Toten, ganz unten, weil ich mich nicht Näher traute. Keine Seele war in der Mähe. Ich weinte stift und ließ kein Äug' von ähr und nagte hastig an meinem Schulbüchlein.
„Schmeckt's, Kleiner?" fagte plötzlich eine widrige Stimme hinter mir; ich fuhr zusammen, wie trorm Tod, und da ich mich umsehe, steht eine Frau vor mir in einem roten Rock, ein schwarzes Häubchen auf dem Kopf und an den Füßen rote Schuhe. Sie war nicht fehr alt, aber leichenblaß, nur daß von Zeit zu Zeit eine fliegende Röte ihr ganzes Gesicht überzog. „Was sieht man mich denn so verwundert an? Ich bin die Frau von Scharlach oder, wie der liebwerteste Herr Doktor sagen, die Fee Driscarlatina*)!" Sie ging nun auf mein armes Aennchen zu, beugte sich murmelnd über sie, wie segnend, mit den Worten:
*) Viele Jahre nachher, als ich diese Geschichte gelegentlich vor einer Gesellschaft erzählte, tat sich ein junger Arzt nicht wenig auf die Entdeckung zugut, daß jene Worte weiter nichts als eine sonderbare Verstümmelung des lateinischen Mamens Febris scarlatina seien. Der nämliche Gelbschnabel setzte mir dabei sehr gründlich auseinander, die ganze Erscheinung sei ein bloßes Phantasma gewesen, der fieberhafte Vorbote meiner bereits erfolgten Ansteckung; auf gleiche Weise pflege sich in ■Ungarn das gelbe Fieber anzuttindigen. Anmerkung des Hvfrats.


