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„Kurze Ware, Roter Tod: Kurze Rot Und kurze BahreI Wär Aumero Dreiundsiebenzig also!" Sie schritt vornehm die Stube auf und ab, dann blieb sie plötzlich vor mir stehn und klopfte mir gar freundlich kichernd auf die Backen. Mich wandelte ein unbeschreiblich Grauen an, ich wollte entspringen, wollte laut schreien, doch keins von beiden war ich imstande. Endlich, indem sie steif und strack auf die Wand losging, verschwand sie in derselben.
Kaum war sie weg, so kam Frau Lichtlein zur Ture herein die Leichenfrau nämlich, ein frommes und reinliches Weib, bas im Rufe geheimer Wissenschaft stand. Auf ihre Frage, wer soeben dagewesen, erzählte ich's ihr. Sie seufzte still und sagte, in dreien Tagen würd' ich auch front fein, doch soll' ich mich nrcht fürchten, es würde gut bei mir vorübergehn. Sie hatte mittlerweile das Mädchen untersucht, und ach, wie klopfte mir das Herz, da sie mit einigem Verwundern für sich sagte: „Ei ja! ei ja! noch warm, noch warnt! Last sehn, mein Sohn, wir machen eine Probe." Sie zog zwei kleine Aepfel aus der Tasche, weiß wie das schönste Wachs, ganz ungefärbt unö klar, daß man die schwarzen Kern' beinah' burchschimmern sah. Sie legte der Toten in jede Hand einen und steckte sie unter die Decke. Dann nahm sie ganz gelassen auf einem Stuhle Platz, befragte mich über verschieden« Dinge: ob ich auch fleißig lernte und dergleichen: sie sagte auch, ich müßte Goldschmied werden. Rach einer Weile stand sie auf: Run last r.'is nach den Aepfeln sehn, ob sie nicht Bäcklein kriegen, ob sich der Gift hineinziehn will!" — Ach, lieber Gott! weit, weit gefehlt! kein Tüpfchen Rot, kein Striemchen war daran. Frau Lichtlein schüttelte den Kopf, ich brach in lautes Weinen aus. Sie aber sprach mir zu: „Sei wacker, mein Söhnchen, und gib dich zufrieden, es kann wohl noch werden." Sie hieß mich aus der Stube geht,, nahm Abschied für heute und schärfte mir ein, keinem Menschen zu sagen, was sie getan.
Auf der Treppe kam mir meine Mutter entgegen. Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen, daß ich bei Aennchen gewesen. Sie hütete mich nun aufs strengste, und ich kam nicht mehr aus der Stube. Man wollte mir am andern Tag verschweigen, daß meine Freundin gegen Abend beerdigt werden solle: allein ich sah vom Fenster aus, wie der Tischler den Sarg ins Haus brachte. (Der Tischler aber war ein Sohn der Leichenfrau.) Jetzt erst geriet ich in Verzweiflung und war auf keine Art zu trösten. Darüber stürmte die Sattlersfrau herauf, meine Mutter ging ihr vor die Tür entgegen, und jene fing zu lamentieren an, ihr liederlicher Mann sei noch nicht heimgekommen, sie habe keinen Kreuzer Geld daheim und sei in großer Rot. Ich unterdessen, aufmerksam auf jeden Laut im untern Hause, hatte den Schemel vor ein lleines Guckfenster gerückt, welches nach hinten zu auf einen dunkeln Winkel sah, wohinaus auch das Fenster des Kämmerchens ging, in welchem Aennchen lag. Da sah ich unten einen Wann, dem jemand einen langen schweren Pack, mit einem gelben Teppiche umwickelt, zum Fenster hinaus- reichte. Ahnung durchzuckte mich, freudig und schauderhaft zugleich: ich glaubte Frau Lichtlein reden zu hören. Der Mann entfernte sich geschwind mit seinem Pack. Gleich darauf hörte ich hämmern und klopfen, ohne Zweifel wurde der Sarg zugeschlagen. Die Mutter kam herein, nahm Geld aus dem Schranke und gab es dem Weibe vor der Türe. Ich weih nicht, was mich abgehalten haben mag, etwas von dem zu sagen, was eben vor- gegangen war, im stillen aber hegte ich die wunderbarste Hoffnung: ja als der Leichenzug anging und alles so betrübt aussah, da lachte ich heimlich bei mir, denn ich war ganz gewiß, daß Aennchen nicht im Sarge sei, daß ich sie vielmehr Wb lebendig Wiedersehen würde.
In der folgenden Rächt erkrankte ich heftig, redete irre, und seltsame Bilder umgaukelten mich Bald zeigte mir die Leichenfrau den leeren Sarg, bald sah ich wie sie sehr geschäftig war, den roten Rock der bösen Fee samt ihren Schuhen in den Sarg zu legen, bevor man ihn verschloß. Dann war ich auf dem Kirchhof ganz allein. Ein schönes Bäumchen wuchs aus einem Grab hervor und ward zusehends immer größer, es fing hochrot zu blühen an und trieb die prächtigsten Aepfel. Frau Lichtlein trat heran: „Werkst du?" sprach sie: „das macht der rote Rock, der fault im Boden. Muh gleich dem Totengräber sagen, daß er den Baum umhaue und verbrenne: wenn Kinder von den Früchten naschen, so kommt di« Seuche wieder aus."
Dergleichen wunderliches Zeug verfolgte mich während der ganzen Krankheit, und monatelang nach meiner Genesung Der» ließ mich der Glaube nicht ganz, daß das Mädchen noch lebe, bis meine Muller, welcher ich inzwischen alles anvertraute, mich mit huiidert Gründen so schonend wie möglich eines andern belehrte. Auch wollte leider in der Folge wirklich kein Aennchen meyr zum Vorschein kommen. Mit erneuertem Schmerz vernahm ich nur spater, das gute Kind wäre vielleicht bei einer besseren Behandlung noch gerettet worden, doch beide Pflegeeltern wären $ct ™’?en ÜBaife längst gern los gewesen.
Wir kehren zum grauen Schlößchen zurück.
for 6iie Vergangenheit vertieft, daß ich
" die lebhafte Bewegung, die sich indes unten in der
Wohnung des Dorfvogts verbreitete, ganz überhörte. Run sprana ich auf, fuhr rasch in meine Kleider und ging hinab.
Schon von weitem vernahm ich die heftige Stimme der Alten im Innern der Stube. Es war ein lamenllerendes Der» wundern, Schelten und Toben, worein der.Vogt zuweilen einen derben Fluch mischte. Ich stutzte, blieb stehn. „Der Spitzbub!" hieß es innen, „der keinnützige Schuft! vierhundert Dukaten! ist das erhört? Drum hat er gleich von Anfang seine Profession verleugnet! Du meine Güte, was sind wir doch Narren ae» wesen!"
Jetzt hatte ich genug. Mein Blut schien fttll zu stehen. Am äußern Hoftor stand ein junger, gutgekleideter Mann: er kehrte mir den Rücken zu, indem er einen Buben, der draußen Ziegen hütete, mit eifrigen Gebärden zu sich winkte: er gab ihm einen Auftrag, wie es schien, sehr dringend, und rief dem Knaben £>a er schon im Laufen war, noch halblaut nach: „Sie sollen doch in's Teufels Rainen machen! und ja die Fußeisen mitbringen! hörst vu < — — Man denke sich meine Bestürzung! Besinnungslos klink ich die Tuve auf und trete in die Stube. Bloß beide'Eheleute sind zugegen. Kein rechter Gruß, kein Blick wird mir gegönnt Ein frisches Zeitungsblatt liegt auf dem Tisch, welches der Schloßvogt hurtig zu sich steckt: ich denke mir im Ru, was es enthält. Er geht hinaus, vermutlich dem jungen Manne zu melden, daß ich schon unten fei.
r habt Besuch bekommen?" fragte ich, um nur etwas zu reöen, mit erzwungenem Gleichmut die Alte. „Meiner Richte Bräutigam! ‘ versetzte sie kalt und fing mit recht absichtlichem Geräusch, um jedes weitere Gespräch zu hindern, Hanfkörner zu zerquetschen an, dem Distelfinken zum Frühstück. Ich hatte in meiner Verwirrung nach einem Buch gegriffen (ein Kochbuch imxr’«, wenn ich nicht irre): dahinter wühlten meine Blicke sich schnell durch ein Rudel von tausend Gedanken hindurch. Reiß ich aus? Halt' ich stand? Vielleicht wäre ersteres möglich gewesen, der beiden Männer hüll' ich mich zur Rot erwehrt: allein was half mir eine kurze Flucht? Lind in der Tat, ich fiihfte mich bereits durch die Rotwendigkeit erleichtert, endlich ein offenes Geständnis abzulegen. Dessenungeachtet war mein Zustand fürchterlich. Richt die Rähe meiner schmachvollen Verhaftung, nicht die Sorge, wie ich mich in einem so äußerst verwickelten Falle von allem Verdacht würde reinigen können — nein, einzig der Gedanke an Josephe war's, an Aennchen, was mich in diesen Augenblicken fast wahnsinnig machte, der unerträgliche Schmerz, dieses Mädchen, sie sei nun, wer sie wolle, als die Verlobte eines andern zu denken, und eines Menschen zwar, welcher das schadenfrohe Werkzeug meiner Schmach, meines Verderbens werden sollte! Wußte s i e etwa selbst um den verfluchten Plan? Unmöglich! Doch für mein Gefühl, für meine Leidenschaft, indem ich sie mit dem verhaßten Kerl in eins zusammenwarf, war sie die schändlichste Verräterin. Liebe, Verachtung, Eifersucht goren im Aufruhr aller meiner Sinne dermaßen durcheinander, daß ich mich wirklich aufgelegt fühlte, das Mädchen mit eigener Hand aufzuopfern, den Kerker, welchem ich ent- gegenging, durch ein Verbrechen zu verdienen und so mein Leben zu verwirken, an welchem mir nichts mehr gelegen war.
Die Alte war inzwischen in die Kammer nebenan gegangen; soeben kam sie wieder heraus, zog die Türe still hinter sich zu und ging nach der Küche. Schnell, wie durch Eingebung getrieben, spring' ich keck auf die Kammer zu und öffne ganz leise. Niemand ist da. Ich sehe eine zweite Tür, ich trete unhörbar Über die Schwelle und bin durch einen Anblick überrascht, vor dem mein ganzes Herz wie Wachs zerschmilzt. Denn in dem engen, äußerst reinlichen Gemach, das ich mit einmal Überblickten, lag die Schöne an ihrem Bett halbkniend hin- gesunken, die Arme auf den Stuhl gelegt, die Stirn auf beide •Sjän&e gedrückt, wie schlafend, ohne Bewußtsein; Gewand und Haare ungeordnet, so daß es schien, sie hatte kaum das Dell verlassen, als jene Nachricht sie betäubend überfiel.
Ich wagte nicht, die Unglückliche anzusprechen, ich fürchtete mich, ihr ins Gesicht zu sehn. Aber Sehnsucht und Jammer durchglühten mir innen die Brust, von selber streckte mein. Arm sich aus, von selbst bewegten sich die Lippen — „Aennchen!" sagt' ich — es war kein Rufen, es war nur ein Flüstern gewesen; dennoch im nämlichen Moment richtet die Schlummernde den Kops empor; sie schaut, noch halb im Traum, nach mir herüber, der ich bewegungslos dastehe; nun aber, wie durch Engelshand im Innersten erweckt, steht sie auf ihren Füßen, schwankt — und — liegt an meinem Halse.
So standen wir noch immer fest umschlungen, als es im Hofe laut und lauter zu werden begann. Tosende Stimmen durcheinander, ein Eilen und ein Rennen hin und her — das alles hörte ich und hörte nichts von altem. Jeth kommt man heran durch die Zimmer, jetzt reißen sie die letzte Tür auf — ein allgemeiner Ausruf des Erstaunens! Das Mädchen, wie in Todesangst, drückt mich gewaltsamer an sich, dann sinkt sie er» schaudernd plötzlich! zusammen, und fremde Hände fassen die Ohnmächtige auf. Dor meinen Augen wird es Nacht; ich fühle mich unsanft hüben und drüben beim Arme ergriffen und 'tote un Sturm hinweggeführt nach einem finstern Gange, dann abwärts einige Stufen, wo eine Tür sich öffnet und alsbald donnernd hinter mir zuschlägt. (Fortsetzung folgt)
Verantwortlich: 3. 03.: Ehrhard Evers. - Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- 7md Steindruck^ei. R. Lange, Gießern


